I. Haltermann u.a. (Hrsg.): Environmental Change and African Societies

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Titel
Environmental Change and African Societies.


Herausgeber
Haltermann, Ingo; Tischler, Julia
Reihe
Climate and Culture 5
Erschienen
Anzahl Seiten
347 S.
Preis
€ 127,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nicole Wiederroth, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen

In der Reihe "Climate and Culture" rückt der Sammelband von Ingo Haltermann und Julia Tischler den afrikanischen Kontinent und dortige Gesellschaften ins Zentrum einer vorwiegend sozial- und geisteswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Umwelt- und Klimawandel. Ausgehend von einer flexiblen Konzeption historisch gewachsener „climate cultures“ betonen Tischler und Haltermann die notwendige Einbeziehung bestehender lokaler Vorstellungen von Natur und Umwelt sowie gesellschaftlich tradierter Praktiken hinsichtlich umweltspezifischer Transformationsprozesse. Ein Ziel des Sammelbands ist, alternative Interpretationen zur bisweilen einseitigen Darstellung über Afrika und afrikanische Gesellschaften als passive Opfer oder Verlierer des Klimawandels aufzuzeigen. Dies unterstützt nicht zuletzt ein multi-disziplinäres Gesamtkonzept, das unterschiedliche Perspektiven aufgreift. Damit wird sowohl der gesellschaftlichen Pluralität und landschaftlichen Diversität des Kontinents Rechnung getragen als auch die Vielschichtigkeit im Umgang mit den Themen Klima- und Umweltwandel transparent.

Gegliedert ist der Sammelband wie auch die Reihe in vier Teile. Im ersten finden unter „ideas“ lokale Perspektiven Beachtung, darunter Vorstellungen von Natur und Umweltwandel. Chronologisch folgen anschließend Beiträge unter den Rubriken „Past“, „Present“ und „Prospects“. Neben Analysen staatlichen Handelns und tradierten Wissens finden sich ebenso Diskussionen zu einzelnen Aspekten wie bestimmten Anpassungsstrategien oder geschlechtsspezifische Unterschiede. Nicht nur thematisch und geographisch, sondern auch zeitlich ist der Umfang des Sammelbands breit angelegt. Beginnend mit Programmen zur kolonialwirtschaftlichen Erschließung im 19. Jahrhundert reicht die Spanne bis zu aktuellen Nachhaltigkeitskonzepten. Dass die hier aufgeworfenen Fragen kaum in einer Publikation erschöpfend diskutiert werden können, überrascht wenig, ist aber von Tischler und Haltermann auch nicht vorgesehen. Vielmehr wollen sie die Studien als „Schnappschüsse“ zu ausgewählten Regionen (Kenia, Tansania, Simbabwe, Burkina Faso oder Gambia) und einzelnen Aspekten verstanden wissen.

Eine gewisse Übertragbarkeit der Ergebnisse ist aber durchaus möglich oder angedacht, wie die Untersuchung von Vimbai Kwashirai zum Makonde District im heutigen Simbabwe zeigt. Kwashirai verdeutlicht hier, wie politische Gestaltungsmöglichkeiten und Zugänge zu tradiertem und wissenschaftlichem Wissen ineinandergreifen; auch in Bezug auf umweltspezifische Belange. Kwashirais Fokus liegt zunächst auf den Veränderungen gesellschaftlicher Diskurse zu Klimawandel während der letzten beiden Jahrzehnte, in denen tradiertes Wissen mit aktuellen wissenschaftlichen Informationen zum Klimawandel verschmolzen. In der vormaligen Siedlerkolonie hatte sich durch die gesetzlich regulierte Landverteilung gerade der Zugang zur Ressource Land für die schwarze Bevölkerungsmehrheit drastisch verschlechtert. Ebenso veränderte sich das Wissen um bestimmte landwirtschaftliche Praktiken. Auch nach der Unabhängigkeit war es in erster Linie eine weiße Elite kommerzieller Farmer, die wissenschaftliche Informationen zur Landwirtschaft für sich zu nutzen wusste. Die Mehrheit der schwarzen Farmer konnte bestenfalls auf tradiertes Wissen zurückzugreifen, so vormalige koloniale Verdrängungsprozesse dies nicht bereits vereitelt hatten.

Dem Zusammengehen zwischen Wissen, politischer und wirtschaftlicher Macht und Umwelt widmet sich ebenso Ben Fanstone. Fanstones Untersuchung reicht bis in das koloniale Kenia der 1920er-Jahre zurück, als das Kenya Forest Department ein sogenanntes shamba-System einführte. Für die britische Kolonialregierung bedeutete dies ein rentables Forstmanagement und eine günstige Nutzung der verfügbaren Ressourcen. Für die dort lebenden „residential labourers“ (die damalige Betitelung) bot der Landzugang eine Überlebenschance und einen eventuell begrenzten sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg. Von Beginn an diente das shamba-System aber den Interessen der kolonialen Elite. Damit einhergehende Konflikte verstärkten sich nach der Unabhängigkeit, auch weil das System auf gesellschaftlicher Ungleichheit basierte. Zwar fand es Mitte der 1980er-Jahre ein vorläufiges Ende, wurde jedoch 2005 als Plantation Establishment and Livelihood Improvement Scheme (PELIS) wiedereingeführt. Durch die Einbeziehung des sogenannten „community-based forest scheme“ sieht Fanstone in PELIS durchaus Potential, etwaigen Folgen einer globalen Erwärmung zu begegnen, vorausgesetzt Fehler würden nicht wiederholt und Farmer verfügten zur Krisenbewältigung über deutlich mehr Rechte.

Wie Anspruch und Wirklichkeit auseinanderdriften können, analysiert Laura Jeffrey am Beispiel von Mauritius. Hier hatte die Regierung 2008 unter dem Schlagwort Maurice Ile Durable (MID) ein Konzept zur Förderung nachhaltiger Energiegewinnung, Umwelt- und Naturschutz, Bildung und Gleichheit initiiert. Aufgrund des wachsenden Energiebedarfs wurde allerdings bald deutlich, dass das Ziel für 2028 verfehlt würde. Während die Regierung auf der einen Seite MID als neue politische Linie propagierte, genehmigte sie zugleich Projekte, die konträr zu den Zielen von MID standen, wie den Bau eines einzig auf Kohle ausgerichteten Kraftwerks zur Energieversorgung. Anhand von unterschiedlichen Positionen zu Nachhaltigkeit und politischen oder wirtschaftlichen Interessen verdeutlicht Jeffrey nicht nur Widersprüchlichkeiten von Regierungsentscheidungen. Interne Kritik an MID zeigte die fehlende Kommunikation und verdeutlichte eine unzureichende Vermittlung der eigentlichen Ziele selbst unter den Ministerien. Dazu kamen Unklarheiten bei den Zuständigkeiten und eine mangelnde Koordination, die MID letztlich als Projekt scheitern ließen. Externe Kritik übten sowohl Experten als auch Teile der Bevölkerung, die das Programm eher als Behelf der Regierung sahen, ihre wirtschaftlichen und energiepolitischen Interessen durchzusetzen.

Um politische Entscheidungen und Umweltwandel bzw. konkret um historische Entwicklungen von Wassermanagement in Afrika und Folgen des Klimawandels geht es auch in dem Beitrag von James C. McCann. Sein Fokus liegt auf Staudammprojekten zur Energiegewinnung und Bewässerung und damit zugleich auf künftigen Formen des Wassermanagements nicht zuletzt im Zusammenhang mit (bevorstehenden) klimatischen Veränderungen. In einer Verknüpfung geistes- und naturwissenschaftlicher Ansätze wechselt McCann zwischen historischen Erläuterungen und aktuellen Wassernutzungskonzepten. Dabei wirft er auch die Frage auf, inwiefern historische Analysen künftig in diesbezügliche Planungen einbezogen werden könnten. Am Beispiel der Wassereinzugsgebiete des Zambesi und des Blauen Nils zeigt McCann, dass mögliche Folgen des Klimawandels bislang in den infrastrukturellen Maßnahmen zur Wassernutzung kaum Beachtung fanden. Dabei wären künftige wie vergangene Szenarien beispielsweise anhand von Modellkalkulationen wie MIMES (Multi-Scale Integrated Model of Ecosystem Services) (re-)konstruierbar. Auf Basis gesammelter Daten über einen bestimmten Zeitraum zeigt MIMES Beziehungen und Transformationen von physischen Gegebenheiten, also einzelnen Ökosystemen, und bestimmten Dynamiken menschlichen Handelns in diesen Ökosystemen auf, so im Hinblick auf Motive zur Ressourcennutzung und damit einhergehenden Veränderungen. McCann begreift die Verbindung von historischer Forschung und gegenwärtigen Modellkalkulationen zu Umweltwandel als eine Chance, nicht nur Archivmaterial für retrospektive Modellrechnungen heranzuziehen, sondern auch indem historische Quellen für nicht-historische Forschung zugänglich und verwendbar werden.

Insgesamt zeichnen sich die Beiträge des Sammelbands durch ein äußerst heterogenes Quellenmaterial aus. Dies beinhaltet orale Daten in Form von Interviews, schriftliches Archivmaterial, graue Literatur oder aber eben Kalkulationen nach ausgewählten Modellen. Durch diese Vielfalt wird nicht zuletzt auch die enorme Bandbreite an Möglichkeiten veranschaulicht, Umwelt- und dabei ebenso Klimawandel zu analysieren. Deutlich wird in den Beiträgen mehrfach, wie Menschen in Krisenzeiten auf bewährtes Wissen und erprobte Bewältigungsstrategien zurückgreifen. Bisherige Ungleichheiten, so bezüglich Geschlecht, Alter oder ethnischer Zugehörigkeit, aber ebenso einem ungleichen Zugang zu Ressourcen, können, so ein mögliches gemeinsames Fazit, durch Folgen der globalen Erwärmung verschärft werden oder münden in unterschiedliche Rezeptionen (Kwashirai, De Wit, Clancy, Eguavoen und Tambo). Generell veränderten und verändern sich Wahrnehmungen und Umgangsweisen fortwährend und erfahren mitunter, so sie als etablierte Überlebensstrategien nicht mehr ausreichen, eine Erweiterung oder Modifizierung (Østergaard Nielsen, Kwashirai). Wie mit Umweltwandel und den Herausforderungen durch die globale Erwärmung umgegangen oder wie diese interpretiert oder bewertet werden, fällt in den Analysen recht unterschiedlich aus (McCann, Nero, Callo-Concha und Denich) und mag zuweilen noch fehlenden Untersuchungen sowie einer grundsätzlichen Schwierigkeit von Vorhersagungen klimatischer Veränderungen geschuldet sein (Kreike, Dietz).

Die Autor/innen betonen die notwendige differenzierte Betrachtung von Umweltveränderungen als komplexe Prozesse. Ein Verdienst des Sammelbands ist sicherlich, dass die einzelnen Analysen verschiedenste Interessen, Prioritäten oder aber Partizipationsmöglichkeiten und Herausforderungen auf lokaler, regionaler sowie überregionaler Ebene aufzeigen. Zudem wird deutlich, dass eine multi-, wenn nicht interdisziplinäre Betrachtungsweise eine Bereicherung bedeutet, genauso wie die Einbeziehung von Kenntnissen und Erfahrungen jenseits eines akademischen Horizonts.

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05.02.2021
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