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Titel
Das Monster und die Schöne. Vater- und Mutterbilder in der katholischen Erziehung der Gefühle


Autor(en)
Accati, Luisa
Erschienen
Berlin 2006: Trafo Verlag
Anzahl Seiten
355 S.
Preis
€ 39,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gisela Engel, Zentrum zur Erforschung der Frühen Neuzeit, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

Die vorliegende Studie (in einer vorzüglichen Übersetzung aus dem Italienischen von Klaus Neundlinger) stellt einen Versuch dar, psychoanalytische Modelle für das Verständnis historischer und sozialer Prozesse fruchtbar zu machen. Damit steht Accati in einer wissenschaftlichen Tradition, die eine Wurzel unter anderem in der Frankfurter Schule (Horkheimer, Adorno u.a., Autorität und Familie) hat und z. B. von Lyndal Roper (Oedipus und der Teufel) zur Erklärung von Hexenprozessen in Augsburg oder von dem österreichischen Sozialwissenschafter Thanos Lipowatz (Politik der Psyche) zur Erklärung von Nationalismus weiterentwickelt worden ist. Accati geht es in der vorliegenden Untersuchung um eine Darstellung und Erklärung der sozialen und ideologischen Voraussetzungen und Folgen der Idealisierung der Madonna/Mutter, die sich im Katholizismus seit Beginn des 15. Jahrhunderts beobachten lässt.

Accati zufolge spiegelt diese Idealisierung im Bilde der jungfräulichen Madonna (Madonna der Unbefleckten Empfängnis) entscheidende Veränderungen im Verhältnis zwischen Müttern und Söhnen, zwischen der Mutter Kirche und den Geistlichen so gut wie zwischen den Müttern und Söhnen in Familienverhältnissen und in der Verteilung von Machtverhältnissen in der Gesellschaft. Die dem Dogma implizite Elimination des Vaters und die daraus resultierende privilegierte Beziehung zwischen Mutter und Sohn führen zu einem Widerspruch: nämlich einerseits zur Furcht der Söhne vor dem dominierenden und alles verschlingenden Wesen der Mutter, die vom Vater, nämlich dem Vater ohne Autorität, nicht mehr gebändigt werden kann (Ursprung der Misogynie), andererseits aber auch zur unbeherrschbaren Furcht vor dem fernen, von den Söhnen nicht mehr erfahrbaren Vater (Ursprung des Antisemitismus).

Aus einer anthropologischen und psychoanalytischen Perspektive untersucht Accati im ersten Kapitel zunächst das Ritual der posttridentinischen Eheschließung, wie sie es im Oratorio della Purità zu Udine beobachtet. Das Eheschließungsritual inszeniert die Opferung der Braut: Die Braut, wie für eine Opferung weiß gekleidet, wird vom Vater zum Altar geführt und dort dem Priester übergeben, der sie seinerseits dem Bräutigam übergibt. Der Bräutigam wird außerhalb der Kirche – blutig – der Jungfräulichkeit der Braut ein Ende machen, während der Priester innerhalb der Kirche die Braut der Jungfrau Maria anheim gibt und Gottvater sein Opfer darbringt. Im Eheschließungsritual der posttridentinischen katholischen Kirche erscheint der Bräutigam, der zukünftige Vater, als ein Henker, die Braut um des zu gebärenden Sohnes willen wie sein williges Opfer.

Dieses kirchliche Ritual wird geprägt von der Vorstellungswelt der katholischen Geistlichen, die als Männer Söhne bleiben, zölibatär und unverheiratet leben und weder Ehemänner noch Väter sind, die jedoch als Söhne das Bild der Mutter entwerfen und es als Geistliche verkünden. Dieser Perspektive entspricht das Bild, das die Söhne von der Rolle des Ehemannes/des Vaters haben, nämlich eine Vorstellung vom Vater als Sünder und brutalem Sexualtäter. Dagegen wird die unschuldige/jungfräuliche Mutter mit dem bräutlichen Opferlamm identifiziert; die jungfräuliche Mutter und die Mutter Kirche sind ein Fantasma der Söhne, die die Mutter-Sohn-Beziehung als Grundbaustein der Gesellschaft betrachten.

Ein Gegenbild zu diesem Fantasma entwirft die Fabel La bella e il mostro, die im 17. Jahrhundert aufgezeichnet wurde. Sie stellt den Bräutigam, den zukünftigen Vater, nicht als Bösewicht dar, sondern es geht in der Fabel um den Versuch, zu zeigen, dass die affektiven elementaren Beziehungen trotz der geltenden Normen in ein Gleichgewicht gebracht werden können. Die Fabel zeigt nicht nur, dass die Eheschließung nicht die Opferung der Braut bedeutet, sondern dass sie einen individuellen und sozialen Reifungsprozess der Braut besiegelt, die nach einem langen und komplizierten Hin und Her zwischen dem Vater und dem mostro die Kraft findet, das mostro in einen schönen Bräutigam und künftigen Vater zu verwandeln, der ihren Bedürfnissen entspricht. So erscheint der Bräutigam als mostro nur in der schwierigen Zeit der adoleszenten Ängste. Die Eheschließung ist in der Fabel ein rite de passage auf dem Weg zum erwachsenen Leben, zu Vaterschaft und Mutterschaft. Als gesellschaftliches Grundelement erscheint in der Fabel die Beziehung zwischen Vater und Mutter.

Im 15. und 16. Jahrhundert können wir das starke politische Konfliktpotential beobachten, das in der Widersprüchlichkeit dieser beiden Hypothesen über die Fundamente der Gesellschaft steckt. Diese Debatten dienen als Legitimationsfolie für gesellschaftliche und politische Praktiken. So können wir beispielsweise in der jesuitischen Mission in Lateinamerika sehen, dass die Ausschließung des Vater/der Väter bedeutet, dass man den Akt der Taufe (der Reinigung) als Verabschiedung von der Tradition der Väter, der indigenen Kultur und ihren Gesetzen, versteht. Man setzt auf die in diesem Sinne vaterlos gewordenen Söhne, und man erwartet von den Müttern ebenfalls die Lösung von der Kultur der Männer und Väter. Wie Maria zum unbefleckten Behälter für Jesus wird, so werden die indigenen Frauen zu bloßen Reproduktionsbehältnissen, aus denen Söhne kommen, denen der Zugang zur Kultur des Vaters verwehrt ist. Es wird deutlich, dass die Jungfräulichkeit Mariens neben der Ausschließung des Vaters (des Gesetzes, der Kultur usw.) auch die Reduktion des weiblichen Körpers auf die Behälterfunktion bedeutet.

Dies betrifft unter den genannten theologischen Perspektiven alle Frauen. So lässt sich z.B. beobachten, dass im europäischen katholischen Adel Frauen zunehmend aus der Erbfolge ausgeschlossen werden. Komplementäre Ideologien nichttheologischen Ursprungs über die Naturhaftigkeit von Frauen ergänzen dieses Bild. Es lassen sich auch Phänomene in der frühneuzeitlichen Nationalstaatsbildung beobachten, die mit diesen Zusammenhängen zu tun haben. Shakespeares "happy band of brothers" (Heinrich V.), die Brüderhorde als Träger des beginnenden Nationalstaates, deutet das Selbstverständnis dieser Brüderhorde in einer Zeit an, in der eine Königin nur deshalb Königin, d.h. lebendiges Symbol nationaler Einheit, sein kann, weil sie wie Maria jungfräulich bleibt und weil sie ihren lebendigen Frauenkörper als bloßen Behälter für ein metaphysisches Prinzip im Dienste der Brüderhorde versteht.

Durch das Konzil von Trient wird die mit Reformation und Gegenreformation begonnene Spaltung der europäischen Christenheit besiegelt. Im katholischen Europa wird die Mutter-Sohn-Beziehung gegenüber der Vater-Mutter-Beziehung dominant: Es ist die Kirche, die den katholischen Koenig autorisiert. Im protestantischen Europa hingegen wird die Mutter-Vater-Beziehung dominant, und dort ist es der König, der die Kirche autorisiert. Accati diskutiert diese Entwicklung auf der Ebene der Familienstrukturen sowie im sozialen und politischen Bereich.

Accati zeigt schließlich, wie sich die dargestellten Entwicklungen in den bildlichen Darstellungen der Unbefleckten Empfängnis von Giotto bis Tiepolo über Leonardo, Bellini, Tizian und bei vielen spanischen Künstlern beobachten lassen, und zwar von der Darstellung der Empfängnis Mariens mit Joachim und Anna, den Eltern, die sich unter dem Goldenen Tor Jerusalems umarmen, über Darstellungen der Jungfrau mit dem Kind bis zur Darstellung der einsamen Jungfrau in der idealisierten Darstellung der passiven Empfängnis bei Tiepolo, die im Oratorio della Purità in Udine zu sehen ist. Im 15. und 16. Jahrhundert wird Joachim, der Vater Mariens, aus den Darstellungen verbannt, und gleichzeitig verstärkt sich die Ausschließung von Josef, dem Putativvater Mariens. Maria wird immer häufiger allein dargestellt, schwanger von der Ewigkeit und für die Ewigkeit. Auf der psychologischen Ebene entspricht dies dem wachsenden Ausschluss des Vaters aus einer zunehmend symbiotischer werdenden Beziehung des Sohnes mit der Mutter.
Im katholischen 17. Jahrhundert wird die unter anderem von Velasquez und Murillo idealisierte Unbefleckte Empfängnis zur Ikone der Gegenreformation, zum Emblem für die Vorherrschaft Spaniens und für die andauernde Unterstützung der Franziskaner und Jesuiten durch die katholischen Könige im Streit um die Unbefleckte Empfängnis und deren schließliche Dogmatisierung.

Im Ganzen eröffnet Accatis Buch eine Fülle historischer Einsichten auf der Basis der Zusammenführung anthrologischer, kunsthistorischer und psychoanalytischer mit historischen Herangehensweisen. Es stellt Anforderungen, indem keine leichte Kost geboten wird, sondern komplexe Argumentationszusammenhänge entfaltet werden, denen zu folgen einen seltenen intellektuellen Genuss bedeutet.

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Veröffentlicht am
19.10.2006
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