D. Krempin: Die sibirische Wucht

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Titel
Die sibirische Wucht. Der Aufstieg der Sowjetunion zur globalen Gasmacht, 1964–1982


Autor(en)
Krempin, Dunja
Reihe
Osteuropa in Geschichte und Gegenwart 7
Erschienen
Köln 2020: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
447 S.
Preis
€ 65,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Susanne Schattenberg, Forschungsstelle Osteuropa, Universität Bremen

Die Gaspipeline „North Stream 2“ durch die Ostsee dominiert immer wieder die Nachrichten und genauso verhält es sich gerade mit der Forschung zu Energiebeziehungen zwischen der Sowjetunion und dem Westen: Sie boomt.[1] Dunja Krempin hat nun eine Dissertation vorgelegt, in der sie nicht nur die Öl- und Gasgeschäfte, sondern auch den Aufbau der entsprechenden Produktionsanlagen und Pipelinesysteme in Sibirien beleuchtet. Mit ihrem Untertitel „Der Aufstieg der Sowjetunion zur globalen Gasmacht“ gibt sie den Tenor ihrer Untersuchung vor: Ausdrücklich schreibt sie eine Erfolgsgeschichte und distanziert sich damit von jenen, die auch die sowjetische Energiewirtschaft als Geschichte des Scheiterns erzählen (S. 22).

Auch wenn sich Krempin auf Sibirien konzentriert und nicht die Entwicklung der zahlreichen anderen Fördergebiete schildert, ist ihr Unterfangen sehr ambitioniert: Sie beginnt bei Chruschtschows großen Plänen zur Entwicklung der Chemie-Industrie 1959 und endet mit dem Zusammenbruch der UdSSR und der Gründung von Gasprom im Jahre 1989. In zehn chronologischen Kapiteln erzählt sie meist getrennt die wechselvolle Geschichte von Erdöl einerseits und Erdgas andererseits, die sehr unterschiedliche Startbedingungen hatten: Beide mussten sich anfangs gegen die favorisierte Kohle und Wasserkraft durchsetzen. Aber während bereits Stalin Öl als wertvolles Exportgut entdeckte, fristete Erdgas lange Zeit ein Schattendasein, verwaltet vom Erdölministerium, bis es 1965 unter Parteichef Breschnew und Regierungschef Kosygin endlich ein eigenes Ressort bekam. So schreibt Krempin die durchaus nicht geradlinige Geschichte, wie das sowjetische Gas das Öl als wichtigste Energie- und Devisenquelle ein- und überholte.

Krempin fragt, warum die UdSSR zur Gasmacht aufstieg (S. 29), und untersucht dafür drei Aspekte: (1) das Ziel der Energieversorgungssicherheit, (2) die beteiligten Akteur:innen in der UdSSR und (3) die internationalen Großprojekte. Dabei ist es ihr wichtig zu unterstreichen, dass Energie Herrschaftsräume und Machtbeziehungen schuf (S. 33) und durch entsprechende Verträge, Lieferungen und Pipelines sowohl die Bindungen im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) stabilisiert als auch mit kapitalistischen Ländern etabliert wurden.

Nun ist bereits einiges sowohl zu den Energiebeziehungen innerhalb des RGW[2] als auch zu der Entdeckung der großen Gasfelder um 1960 herum sowie zur Energiediplomatie und hier besonders zu den Tauschgeschäften Röhren gegen Gas mit Westeuropa publiziert worden: wie die UdSSR den ersten Gasvertrag 1968 mit Österreich unter Dach und Fach brachte und in enger Folge mit Italien, West-Deutschland und Frankreich eine Einigung erzielte.[3] Auch über die beiden von den Vereinigten Staaten verhängten Röhrenembargos 1963 und 1982 gibt es zahlreiche Publikationen.[4] Gleichzeitig sind die Politbüro-Akten immer noch schwer zugänglich und diejenigen des sowjetischen Außenamts ohnehin. All dies ist Krempin bewusst. Ihr Ansatz ist, Außenhandels- und Entspannungspolitik mit dem Machtgerangel zwischen Breschnew und Kosygin im Politbüro und den lokalen Akteuren in Sibirien miteinander in Beziehung zu setzen und als komplexe Geschichte zu erzählen. Dafür greift sie auch auf Archivquellen aus der Oblast Tjumen zurück und widmet ihr ein Kapitel der Sozialgeschichte: der gescheiterten Ansiedlung von Arbeitskräften in der Polarregion, die dort oft ohne Licht, Wärme und jedwede Infrastruktur in Baracken hausten und bei der ersten Gelegenheit verschwanden.

Mit ihrem akteurszentrierten Ansatz geht es Krempin darum zu zeigen, welche Personen für welche Politik standen: Den Parteivorsitzenden Tjumens Boris Ščerbina kostete es zähe Überzeugungsarbeit, um den Ende der 1950er-Jahre beschlossenen Bau eines gigantischen Wasserkraftwerks am mittleren Ob zu verhindern, bei dem große Teil der potentiellen Erdölfelder überflutet worden wären (S. 65). Trotz der vielen Geologen und Akademie-Mitglieder, die sich ab 1960 für die Erschließung von Erdöl und -gas in West-Sibirien aussprachen, blieben die Moskauer Ministerien und Planungsbehörden skeptisch: Sibirien galt immer noch als „Königreich aus Eis und Schnee“ und die Erschließung der Öl- und Gasfelder sowie deren Anbindung an das europäische Pipelinenetz als unmöglich (S. 59). Wenn dort Energie gefördert wurde, dann nur für die Versorgung der Region. Für den europäischen Teil der UdSSR, die „Bruderstaaten“ und die ersten kapitalistischen Vertragspartner sollten weiter die Vorkommen im Ural-Wolga-Becken, in der Autonomen Republik Komi und in Zentralasien herhalten (S. 167).

Dass Sibirien endlich als größter Energielieferant erkannt und entwickelt wurde, war Breschnews Verdienst, so Krempin. Nicht nur schreibt sie gegen die These von der Breschnew’schen Stagnation an. Auch zeigt sie ihn als Politiker, der im Westen nicht nur für Entspannung, sondern vor allem für die Entwicklung der Energieressourcen in Sibirien warb. Der 23. Parteitag 1966, der sonst für die Restrukturierung der Parteigremien, eine neue Vertrauenskultur oder gar die Restalinisierung steht, ist bei Krempin der Startschuss für die Entwicklung Sibiriens (S. 122), den damals Premier Kosygin und Parteichef Breschnew noch gemeinsam trugen. Ihr späteres Zerwürfnis habe sich auch anhand ihrer Energiepolitik gezeigt: Während Kosygin 1976 wieder Atomkraft und Kohle favorisiert habe, sei Breschnew beim sibirischen Gas geblieben. Um das zu demonstrieren, reisten sie 1978 getrennt durch Sibirien, wo sie jeweils „ihre“ Energiestandorte besuchten (S. 354ff.). Krempin unterstreicht, dass auch der Bau der Baikal-Amur-Magistrale (BAM) ab 1974 in diesem Kontext betrachtet werden muss: Es ging nicht nur um das Anknüpfen an die „großen Zeiten“ der Großbaustellen, sondern um die Flankierung der Erschließung Sibiriens (S. 287).

Krempin macht die Ölkrise 1973 und das Lavieren der sowjetischen Führung zwischen arabischen Verbündeten einerseits und westlichen Partnern andererseits dafür verantwortlich, dass die Kooperationsprojekte mit den USA und Japan nicht zustande kamen. Beide Staaten zweifelten an der Wirtschaftlichkeit dieser Projekte und beerdigten sie, als sich das politische Klima abkühlte. Dafür ließ sich die Bundesregierung auf ein drittes Gas-Röhren-Geschäft ein, mit deren Hilfe endlich auch Anfang der 1980er-Jahre die Pipeline von West-Sibirien nach Europa gebaut wurde. Entsprechend erklärte der 26. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) 1981 Erdgas zum wichtigsten Rohstoff des Landes und damit West-Sibirien zur international bedeutenden Wirtschaftsregion (S. 391) – die Grundlage für Russlands Status als Gasmacht bis heute.

Ohne es so zu nennen oder zu thematisieren, schreibt Krempin eine Geschichte des „Handels durch Wandel“: Danach erscheint die Erschließung Sibiriens als vorrangiges Ziel und die Annäherung an den Westen als Mittel zum Zweck. Es ist wichtig, die sibirische Geschichte mit den regionalen Akteur:innen einmal derart in den Mittelpunkt zu rücken. Die Frage, ob „Wandel“ oder „Handel“ vorrangig war, lässt sich bei der derzeitigen Quellenlage nur schwer beantworten und ist vielleicht auch müßig.

Angesichts der großen Zeitspanne von drei Jahrzehnten, die Krempin untersucht, und der „Dreiecksgeschichte“ zwischen Innen-, Außen- und Regionalpolitik ist es nicht erstaunlich, dass sie trotz ihres akteursbezogenen Ansatzes meist aus der Vogelperspektive erzählt, die Entscheidungen und Ereignisse in den Vordergrund rückt und nicht die Motive, Erfahrungshorizonte oder Diskurse, wie man es eigentlich bei einem akteurszentrierten Ansatz erwarten würde. Schade ist, dass sie keine weitergehenden Überlegungen zur Funktionsweise der sowjetischen Ministerien, Hauptverwaltungen oder Parteiorgane anstellt, obwohl sie diese bzw. deren Entscheidungen ausführlich beschreibt. Sie verwendet den Begriff „Lobby-Gruppen“, ohne ihn mit einem entsprechenden theoretisch-methodischen Konzept zu unterfüttern. Auch der allseits bekannte Konflikt zwischen Breschnew und Kosygin wird hier in seiner Auswirkung auf ein Politikfeld gezeigt, aber nicht analysiert. Unerklärlich ist, dass es im ganzen Buch keine einzige Landkarte gibt.

Zuzustimmen ist Krempin bei der These, dass die Entwicklung der Gasförderung in der UdSSR eine Erfolgsgeschichte ist, auf der Russland bis heute aufbaut. Erstaunlich bleibt aber die Frage, warum alle sowjetischen Beteiligten davon ausgingen, dass Sibirien nur mit westlicher Hilfe erschlossen werden könnte. Im Grunde war dies eine Bankrotterklärung der eigenen Modernisierungsfähigkeit. Und so lässt sich die Geschichte wie folgt zusammenfassen: die 1960er-Jahre als Jahrzehnt, in dem in der UdSSR für die Erschließung Sibiriens gekämpft wurde; die 1970er als Jahrzehnt, in dem Breschnew im Westen für das Sibirienprojekt warb, und schließlich die 1980er-Jahre, in denen die große Sibirien-Pipeline mithilfe westeuropäischer Firmen gebaut wurde.

Anmerkungen:
[1] Jonathan P. Stern, The future of Russian gas and Gazprom, Oxford 2005; Jeronim Perović (Hrsg.), Cold War energy. A transnational history of Soviet oil and gas, Cham 2017; Thane Gustafson, The Bridge. Natural Gas in a Redivided Europe, New Haven 2020.
[2] Falk Flade, Energy Infrastructures in the Eastern Bloc. Poland and the Construction of Transnational Electricity, Oil, and Gas Systems, Wiesbaden 2018.
[3] Jonathan P. Stern, Soviet natural gas development to 1990. The implications for the CMEA and the West, Lexington 1980; Angela Stent, Wandel durch Handel? Die politisch-wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion, Köln 1983; Per Högselius, Red Gas. Russia and the Origins of European Energy Dependence, Basingstoke 2013; Thane Gustafson, Crisis amid Plenty. The Politics of Soviet Energy under Brezhnev and Gorbachev, Princeton 2014.
[4] Peter Schweizer, Victory. The Reagan administration's secret strategy that hastened the collapse of the Soviet Union, New York 1994; David S. Painter, From Linkage to Economic Warfare. Energy, Soviet-American Relations, and the End of the Cold War, in: Perović (Hrsg.), Cold War energy, S. 283–318; Roger W. Robinson Jr., Reagan’s Soviet Economic Take-Down Strategy. Financial and Energy Elements, in: Douglas E. Streusand u. a. (Hrsg.), The grand strategy that won the Cold War. Architecture of triumph, Lanham 2016, S. 159–174.

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Veröffentlicht am
20.05.2021
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