H. Flachenecker (Hrsg.): Der Deutsche Orden auf dem Konstanzer Konzil

Cover
Titel
Der Deutsche Orden auf dem Konstanzer Konzil. Pläne – Strategien – Erwartungen


Herausgeber
Flachenecker, Helmut
Reihe
Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens 84
Anzahl Seiten
192 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ansgar Frenken, Ulm

Der Deutsche Orden und das Konstanzer Konzil – dieses Thema ist kein weißer Fleck in der einschlägigen Forschung, obwohl es in den letzten Jahrzehnten sichtlich ruhig um das Forschungsfeld geworden ist.[1] Für diese den Fachmann kaum überraschende Entwicklung lassen sich denn auch mehrere Gründe benennen: eine vergleichsweise gute Aufarbeitung des Quellenbestandes[2], eine erschöpfend geführte Diskussion zum „Traktatenstreit“ zwischen dem Deutschen Orden und dem Königreich Polen-Litauen, insbesondere eine grundlegende Auseinandersetzung mit der „Satira“ Johannes Falkenbergs[3], die das Klima zwischen den Akteuren nachhaltig vergiftete und vom Konzil verurteilt wurde. Überdies waren die ideologisch konnotierten Streitigkeiten um die Bewertung der Rolle des Ordens im östlichen Europa längst beendet worden.[4] So kann man sich diesem Thema heute wieder relativ unbefangen zuwenden.

Ein bleibendes Verdienst der hier zu besprechenden Publikation ist es, dass durch die Einladung mittelosteuropäischer Autoren die oft vernachlässigte Forschung dieser Region ein größeres Gewicht bekommt. Die Beiträge gehen auf eine am 11. und 12. Juli 2018 in Würzburg stattgefundene Tagung der „Forschungsstelle Deutscher Orden“ zurück, die ihrerseits das 600-jährige Jubiläum des Endes des Konstanzer Konzils zum Anlass nahm, „Möglichkeiten und Chancen, aber auch Grenzen der Politik des Deutschen Ordens auf diesem europäischen Zusammentreffen aus[zu]loten“ (S. IX). Da diese ganz wesentlich vom Verhältnis zum polnisch-litauischen Königreich abhingen, war es eine kluge Entscheidung des Herausgebers, den Auftritt dieser Gesandtschaft in Konstanz gleichfalls in den Blick nehmen zu lassen. Genau genommen beschäftigt sich allerdings lediglich die Hälfte der acht abgedruckten Beiträge direkt mit dem Deutschen Orden „auf dem Konstanzer Konzil“, wie der Titel es ankündigt. Zwei weitere ordnen das ordensrelevante Geschehen auf dem Konzil in einen breiteren historischen Kontext ein. Die beiden übrigen Beiträge des Bands mögen ordensgeschichtlich von Belang sein, mit dem durch die Überschrift auf das Konzil gelegten Fokus haben sie aber nichts zu tun (S. 127–155 und S. 157–175). Insofern verspricht der Titel der Publikation mehr, als er letztlich einhalten kann.

In seinem knappen Vorwort (S. IX–XII) geht der Herausgeber Helmut Flachenecker auf die tiefe Krise des Ordens zu Beginn des 15. Jahrhunderts nach der verlorenen Schlacht von Tannenberg / Grunwald (1409) und dem Abschluss des ersten Thorner Friedens (1411) ein. Die “Aufgabe des Ordens, bester schilt der ganczen cristenheyt zu sein, wurde zunehmend in Frage gestellt“ (S. IX). Der Orden musste reagieren. Mit welchem Erfolg dies in Konstanz gelang, darauf geben die Autoren der einzelnen Beiträge unterschiedliche Antworten.

Zunächst stellt Andrzej Razimiński (S. 1–13) in einer tour d’horizon die Ausgangssituation sowie die Probleme dar, mit denen der Deutsche Orden zum Konzil kam. Zentral, wenn auch nicht neu, ist die Darstellung der militärisch, politisch und wirtschaftlich schwierigen Situation des in seinem Selbstverständnis angekratzten Ordens nach dem Thorner Frieden (1411). Das Bemühen der Ordensleitung, zu einem Ausgleich mit Polen-Litauen zu kommen, ließ nach fairen Mittlern suchen, als die sich der römische König Sigmund und Papst Johannes XXIII. anboten, die aber aus unterschiedlichen Gründen letztlich nicht im Sinne und zur Zufriedenheit des Ordens agierten. So bot denn das anstehende Konzil eine weitere Chance, einen günstigen Schiedsspruch zu erreichen. Unklar bleibt allerdings, wieso „die Selbständigkeit des livländischen Zweiges für das Interesse Preußens geopfert wurde“ (S. 11); die Begründung – soweit gegeben – wirkt nicht schlüssig.

Paul Srodecki (S. 15–33) beschäftigt sich vorrangig mit der Rolle König Sigmunds als Unterstützer des Deutschen Ordens, als Schiedsrichter und Friedensvermittler. Zugleich zeigt er den König in seinem ambivalenten Verhältnis zu Polen-Litauen, immer eingedenk der Verfolgung eigener Interessen und Notwendigkeiten. Daher bezeichnet er den König abschließend zurecht als „ambivalent and thoroughly interesting person, who revealed many of the characteristics of a flexible, almost real-political, modern ruler” (S. 33). Diese Bewertung ist insofern überraschend, als Sigmund ansonsten in der modernen Literatur eher den Ruf eines Vertreters eines traditionellen, wenn nicht gar eher veralteten Politik- und Herrschaftsstils hat.[5]

Přemysl Bars Beitrag zur polnisch-litauischen Union und dem Deutschen Orden (S. 35–54) ist in doppelter Hinsicht gelungen – konzis und klar in der Darstellung, überzeugend in der Sache. Nach Vorstellung der beiden Gesandtschaften und einer Analyse des Schiedsgerichtsverfahrens sowie der damit verbundenen Problematik beschäftigt er sich intensiv mit dem propagandistischen Einsatz beider Seiten, um ihrer jeweiligen Sache zum Sieg zu verhelfen. Sein Fazit zeigt, in welchem Maß beiden Delegationen „das Konzil [Potenzial] bot, politisches und gesellschaftliches Kapital herauszuschlagen“ (S. 53).

In gewisser Weise korrespondiert der anschließende, von Mats Homann verfasste Aufsatz (S. 55–88) mit Bars Beitrag. Ausgehend von der Frage, wie der Orden seine Positionen auf dem Konzil vertrat und mit welchen Überzeugungsstrategien er arbeitete, untersucht Homann die interne Kommunikation am Beispiel des Briefverkehrs zwischen der Zentrale im preußischen Marienburg und dem Konzilsort. Im Fokus des Schriftverkehrs stand insbesondere die weltliche Seite des Konflikts mit Polen-Litauen hinsichtlich der Missionstätigkeit des Ordens. Durch die Analyse der Berichte gelingt es Homann, ein Bild des Generalprokurators Peter von Wormditt und seiner Arbeit in Konstanz zu zeichnen. Letzterem ging es vor allem darum, Freunde und Unterstützer für den Orden zu gewinnen und zu halten. Immer wieder kreisten die Briefe auch darum, wie die im Raum stehende Schlichtung mit dem Königreich Polen-Litauen ohne größeren Schaden für den Orden bewältigt werden könne. Dabei werden die Kommunikationsschwierigkeiten in der notwendigen Abstimmung des Prokurators vor Ort mit seinem Vorgesetzten deutlich, ebenso wie die dabei aufbrechenden Interessenunterschiede zwischen Wormditt und dem Hochmeister Michael Küchenmeister – für letzteren hatte das Konzil keinerlei Priorität – und die unterschiedlichen Handlungsstrategien. Homanns Beitrag vermittelt damit ein gutes Bild der schwierigen Position des Ordens und seiner Vertreter auf dem Konzil.

László Pósán (S. 89–105) kann zeigen, dass die polnische Diplomatie in Konstanz ganz andere Wege ging als der Orden. An „Grenzfragen, Gebietswünschen oder wirtschaftlichen Konflikten“ (S. 93) war sie weniger interessiert. Ihr Hauptaugenmerk lag auf der Delegitimierung des Anspruchs des Deutschen Ordens auf Heidenmission: Sollte „der Orden gemäß seiner Regel gegen die Heiden kämpfen wolle(n)“ (S. 97), solle er doch, so die polnische Argumentation, vom Baltikum in das Gebiet ziehen, wo das Christentum tatsächlich bedroht sei, sprich in das von den Türken bedrohte Ungarn. Sein Verbleib im Baltikum sei dagegen kontraproduktiv. Einen Sieg konnte die polnische Seite letztlich nicht erreichen. Nach der Wahl Martins V. fand der Orden in diesem einen Fürsprecher. Eine Lösung der politischen Streitigkeiten mit Polen-Litauen konnte aber auch er nicht erzielen.

Bernhart Jähnig, der vor einem halben Jahrhundert eine fundierte Biographie des Rigaer Erzbischofs Johannes von Wallenrode vorgelegt hatte[6], befasst sich in seinem Beitrag (S. 107–125) einmal mehr mit dessen Rolle und Wirken auf dem Konzil, ohne dabei neue Erkenntnisse vorzulegen. Beeinträchtigend sind einzelne Ungenauigkeiten (auch Schottland unterstützte Benedikt XIII. noch 1415, S. 115) sowie flapsige und wenig sachadäquate Formulierungen wie „als Johannes XXIII. alles etwas unheimlich wurde …“ (S. 119f.) oder: „Am 29. Mai erfolgte dann das endgültige Ende der Amtszeit dieses Papstes“ (S. 120).

Abgeschlossen wird die Publikation mit einem sorgfältig erstellten Orts- und Personenverzeichnis (S. 176–180). Insgesamt werfen die Beiträge des vorliegenden Bandes eine Reihe neuer Fragen auf und belegen, wie wichtig veränderte Blickrichtungen auf ein scheinbar bekanntes Geschehen für den Erkenntnisfortschritt sein können. Zu wünschen wäre, dass dieser Anstoß, die politischen Entwicklungen im östlichen Europa des frühen 15. Jahrhunderts intensiver in den Blick zu nehmen und die nach Osten orientierte Dimension der Politik König Sigmunds und des Konzils stärker zu erforschen, in der Forschung weiter aufgenommen würde.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zuletzt den schmalen Beitrag von Jürgen Miethke, Die Polen auf dem Konstanzer Konzil. Der Konflikt um den Dominikaner Johannes Falkenberg, in: Karl-Heinz Braun u.a. (Hrsg.), Das Konstanzer Konzil 1414–1418. Weltereignis des Mittelalters. Essays, Darmstadt 2013, S. 106–110, der sich mit dem Thema näher beschäftigt.
[2] Die Berichte der Generalprokuratoren des Deutschen Ordens an der Kurie II: Peter von Wormditt (1403–1419), bearb. von Hans Koeppen, Göttingen 1960.
[3] Hartmut Boockmann, Johannes Falkenberg, der Deutsche Orden und die polnische Politik. Untersuchungen zur politischen Theorie des späteren Mittelalters. Mit einem Anhang: Die Satira des Johannes Falkenberg, Göttingen 1975; zum Traktatenstreit zuletzt: Paul Sroodecki, Murus et antemurale pollens et propugnaculum tocius christianitas. Der Traktatenstreit zwischen dem Deutschen Orden und dem Königreich Polen auf dem Konstanzer Konzil, in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte 109 (2015) S. 47–65.
[4] Vgl. Ansgar Frenken, Die Erforschung des Konstanzer Konzils (1414–1418) in den letzten 100 Jahren, Paderborn 1995, S. 212–224.
[5] Vgl. Ansgar Frenken, Das Konstanzer Konzil, Stuttgart 2015, S. 258f.
[6] Bernhart Jähnig, Johann von Wallenrode O.T. Erzbischof von Riga, Königlicher Rat, Deutschordensdiplomat und Bischof von Lüttich im Zeitalter des Schismas und des Konstanzer Konzils (um 1370–1419), Bonn-Bad Godesberg 1970.

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Veröffentlicht am
19.05.2021
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