C. Mielzarek: Albrecht der Bär und Konrad von Wettin

Cover
Titel
Albrecht der Bär und Konrad von Wettin. Fürstliche Herrschaft in den ostsächsischen Marken im 12. Jahrhundert


Autor(en)
Mielzarek, Christoph
Reihe
Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa 56
Erschienen
Köln 2020: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
368 S.
Preis
€ 55,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Pätzold, Stadtarchiv / Haus der Stadtgeschichte, Stadt Mülheim an der Ruhr

Mielzareks Buch beruht auf seiner Dissertation, die von Michael Menzel betreut und im Wintersemester 2018/19 von der Philosophischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin angenommen wurde. Zweitgutachter war Matthias Hardt vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europas in Leipzig. Es ist zwei der bedeutendsten Fürsten im östlichen Sachsen des 12. Jahrhunderts gewidmet: den Markgrafen Albrecht der Bär (1123–1170) und Konrad von Wettin (1123–1157). Verfolgt werden im Wesentlichen zwei Ziele: erstens „die schärfere Erfassung und Einordnung“ der beiden hochadligen Männer sowie zweitens die „Charakterisierung von Markgrafschaft und fürstlicher Herrschaft in der Mitte des 12. Jahrhunderts im östlichen Sachsen“ (S. 313). Mielzarek kombiniert mithin einen biografischen mit einem strukturgeschichtlichen Ansatz. „In biografischer Hinsicht“, so schreibt er, „ist den schon vorhandenen Studien zu Albrecht und Konrad nur im Detail Neues hinzuzufügen. Gleichwohl ermöglicht der hier durchgeführte Vergleich beider überhaupt erst eine Einordnung ihrer Personen und geht so weit über bisherige Untersuchungen hinaus. Der Vergleich gestattet auch ein Hinterfragen geschichtswissenschaftlicher Selbstverständlichkeiten, die für beide Protagonisten die Form von Meistererzählungen angenommen haben“ (S. 9). In strukturgeschichtlicher Hinsicht sollen die Markgrafschaften und deren Beherrschung untersucht werden. „Die Leitfrage lautet dabei: Was macht fürstliche Herrschaft in dieser Zeit und in dieser Region aus?“ (S. 10).

Christoph Mielzarek orientiert sich in seiner Untersuchung vornehmlich an den Ansätzen der klassischen Mediävistik, ohne freilich die neueren Theorien, die durch die mannigfaltigen „cultural turns“ der letzten Jahrzehnte geprägt wurden, auszublenden; allerdings sind sie „für die Fragestellungen der Arbeit […] nicht von herausragender Bedeutung“ (S. 19). Sowohl Albrecht der Bär als auch Konrad von Wettin sind bereits von zahlreichen Historikern in den Blick genommen worden. Das aktuelle Standardwerk zum Askanier ist bisher das 2001 erschienene Werk von Lutz Partenheimer, Albrecht der Bär. Gründer der Mark Brandenburg und des Fürstentums Anhalt (dazu S. 29–31). Ein entsprechendes Pendant zum Wettiner fehlt bisher; man muss je nach zu untersuchendem Aspekt auf Arbeiten von Stefan Pätzold (1997), Michael Lindner (2002) oder Harald Winkel (2010) zurückgreifen (S. 34f.).[1]

Die Arbeit ist „nicht chronologisch, sondern systematisch vergleichend angelegt“ (S. 16). Sie ist im Anschluss an die instruktive Einleitung (I, S. 9–40) in drei Hauptabschnitte gegliedert: „II. Materielle Grundlage der Herrschaft“ (S. 41-109); „III. Beziehungen“ (S. 111–312) und „IV. Albrecht der Bär, Konrad von Wettin und die fürstliche Herrschaft im östlichen Sachsen – ein Resümee“ (S. 313–319). Im umfangreichsten Abschnitt III werden die Beziehungen der Markgrafen zu König bzw. Kaiser und Reich (S. 111–249) sowie die Rolle der weltlichen wie geistlichen „Kinder der Markgrafen“ ausführlich untersucht (S. 250–312). Angefügt sind genealogische Tafeln, ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis,[2] Personen- und Ortsregister (S. 320–368) sowie zwei Übersichtskarten auf den Innenseiten der Buchdeckel. Abbildungen sind dem Werk nicht beigegeben. Die Gliederung ist nachvollziehbar und klar. Das Buch ist auch in seinen komplexen Partien sehr gut lesbar, der Stil ist angenehm unprätentiös, die Sprache luzide.

Systematisch mustert Christoph Mielzarek die Aspekte, die zu untersuchen er sich vorgenommen hat. Dabei widmet er dem vierzehn Jahre länger herrschenden Askanier naturgemäß etwas mehr Aufmerksamkeit als dem Wettiner (so insbesondere auf den S. 116–248). Aus vielen denkbaren Perspektiven betrachtet und diskutiert er die anstehenden Fragen und schildert auch komplexe Sachverhalte einleuchtend (etwa S. 156–159). Manche der in den eingestreuten Zusammenfassungen vorgetragenen Ergebnisse erscheinen allerdings in ihrer resümierenden Kürze – venia sit verbo – etwas banal (z.B. S. 248–250). Referate des Forschungsstandes und damit die Zusammenfassung von Bekanntem könnten hier und da knapper ausfallen (so S. 51–53 oder 112–116). Mielzareks Detaildiskussionen sind durchgängig anregend, führen jedoch – wie schon die Einlassungen früherer Historiker – nicht immer zu zwingenden Resultaten, sondern bewegen sich gelegentlich im Spekulativen (S. 144–146). Das kann freilich nicht überraschen, denn der Quellenmangel lässt eindeutige Antworten auf gestellte Fragen oftmals nicht zu. Dieses Grundproblem bei der Beschäftigung mit der Geschichte des frühen und hohen Mittelalters thematisiert Mielzarek wissenschaftlich redlich an mehreren Stellen selbst, wie die folgenden Sätze zeigen: „Die lückenhafte Überlieferung bietet, wie so oft, Raum für unterschiedliche Interpretationen“ (S. 162). […] „Die Diskussion um die konkreten Zusammenhänge, wer wann was wusste oder plante, bleibt also mangels aussagekräftiger Quellen in weiten Teilen spekulativ“ (S. 170). […] „Es soll an dieser Stelle nicht eine Spekulation durch eine andere ersetzt werden. Dennoch müssen einige Annahmen getroffen werden, um den bekannten Quellenaussagen einen Sinn zu geben“ (S. 233).

Es liegt in der Natur der in der Geschichtswissenschaft bereits mehrfach traktierten Themen der Dissertation, dass Christoph Mielzarek, wie er hier andeutet, Bekanntes behandelt. Wollte man nun einwenden, dass er dabei lediglich alten Wein in neuen Schläuchen anböte, dann muss man ihm jedenfalls zugutehalten, dass die neuen Schläuche sehr systematisch und ausgesprochen solide gefertigt wurden. Auch kredenzt Mielzarek den Wein durch seine gekonnte Darstellung durchaus appetitanregend. Der vergleichende Ansatz schärft tatsächlich den Blick auf die Viten und Handlungsspielräume der beiden Markgrafen ebenso wie auf ihre Gebotsbereiche und die ihnen dort zur Verfügung stehenden Herrschaftsstrukturen. Markante Einschätzungen bieten etwa die Aussagen, dass die Ausübung der Herrschaft „in starkem Maße von den allodialen und anderen außermarkgräflichen Machtmitteln Albrechts und Konrads abhängig“ waren (S. 313), beide offenbar keine „wie auch immer gearteten königlichen Stellvertretertätigkeiten und / oder grenzsichernden Tätigkeiten“ ausübten (S. 313), gleichwohl aber „eine kritische Machtfülle“ erreichten, „die es ihnen erlaubte, weitere Herrschaftsrechte zu akkumulieren“ (S. 315). Es gelingt Mielzarek darüber hinaus überzeugend, neue Perspektiven zu bieten und altvertraute Meistererzählungen als Deutungsparadigmen zu dekonstruieren. Das zeigt sich besonders deutlich, wenn er darauf hinweist, dass sich Albrechts Handeln besser erschließt, sobald man ihn nicht vornehmlich als den „Schöpfer der Mark“ Brandenburg, sondern als „verhinderten Herzog von Sachsen“ zu verstehen versucht (S. 317). Es waren wohl – zumindest anteilig – diese Ambition(en), die den Askanier im Vergleich zum Wettiner als den aktiveren und machtbewussteren Fürsten erscheinen ließen (S. 318f.).

Christoph Mielzareks Inauguraldissertation, so bleibt schließlich festzuhalten, erweist sich als ein geradezu reifes Werk und ist ohne Zweifel ein höchst lesenswertes Buch.

Anmerkungen:
[1] Stefan Pätzold, Die frühen Wettiner. Adelsfamilie und Hausüberlieferung bis 1221, Köln/Weimar/Wien 1997; Michael Lindner, Eine Frage der Ehre. Markgraf Konrad von Wettin und Kaiser Friedrich Barbarossa, in: Rainer Aurig u.a. (Hrsg.), Im Dienste der Landeskunde. Beiträge zu Archäologie, Mittelalterforschung, Namenkunde und Museumsarbeit vornehmlich in Sachsen. Festgabe für Gerhard Billig, Beucha 2002, S. 105–121; Harald Winkel, Herrschaft und Memoria: die Wettiner und ihre Hausklöster im Mittelalter, Leipzig 2010. – Die folgenden, hier ebenfalls relevanten Arbeiten berücksichtigt Mielzarek eigenartigerweise nicht: Stefan Pätzold, Herrschaft zwischen Saale und Elbe. Markgraf Konrad von Meißen und der Nordmark, in: Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e.V. (Hrsg.), Konrad von Wettin und seine Zeit, Halle an der Saale 1999, S. 14–34 sowie ders., Adel – Stift – Chronik. Die Hausüberlieferung der frühen Wettiner, in: Nathalie Kruppa (Hrsg.), Adlige – Stifter – Mönche. Zum Verhältnis zwischen Klöstern und mittelalterlichem Adel, Göttingen 2007, S. 135–182.
[2] Hin und wieder vermisst man allerdings Hinweise auf einschlägige Literatur – insbesondere zu wettinischen Themen. So etwa: Lutz Fenske, Zum Vorgang der Lehnsübertragung der Mark Meißen an den Wettiner Heinrich I. von Eilenburg im Jahre 1089, in: Hans Assa von Polenz und Gabriele von Seydewitz (Hrsg.), 900-Jahr-Feier des Hauses Wettin. Festschrift, Bamberg o.J.; Stefan Pätzold, Das Lauterberger Erbe. Zu den mittelalterlichen Ursachen des neuzeitlichen Interesses am Augustinerchorherrenstift St. Peter bei Halle an der Saale, in: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands 48 (2002), S. 1–28; ders., Richenza, in: Amalie Fößel (Hrsg.), Die Kaiserinnen des Mittelalters, Regensburg 2011, S. 181–196 oder Gerhard Lubich (Hrsg.), Heinrich V. in seiner Zeit. Herrschen in einem europäischen Reich des Hochmittelalters, Wien/Köln/Weimar 2013.

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Veröffentlicht am
31.03.2021
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