B. Perabo: Russian Orthodoxy and the Russo-Japanese War

Cover
Titel
Russian Orthodoxy and the Russo-Japanese War.


Autor(en)
Perabo, Betsy C.
Erschienen
London 2017: Bloomsbury
Anzahl Seiten
VIII, 219 S.
Preis
£ 28.99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eva-Maria Stolberg, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen

Untersuchungen zum Russisch-Japanischen Krieg von 1905 gibt es mittlerweile sehr viele. Der Fokus liegt dabei mehrheitlich auf militärischen, geopolitischen oder kulturgeschichtlichen Aspekten.[1] Der japanische Historiker Naoko Shimazu leistete mit seiner Studie über Kriegsopfer und Erinnerungskultur eine wertvolle Ergänzung zur Forschungslandschaft, während David Schimmelpenninck van der Oye die imperiale Herrschaftsideologie des Zarenreiches beleuchtete, dabei jedoch die orthodoxe Kirche als wichtigen Akteur ausblendete.[2] Das Buch von Betsy Perabo, Associate Professor of Religious Studies an der Western Illinois University, bietet mit ihrem religionsgeschichtlichen Ansatz nun eine neue, interessante Perspektive.

Die Autorin untersucht die identitätsstiftende Funktion der orthodoxen Religion im Zusammenhang mit der Frage nach dem „gerechten Krieg“. Berabo beleuchtet am Beispiel des Russisch-Japanischen Krieges den grundsätzlichen Standpunkt der russisch-orthodoxen Kirche zum Krieg. Während für die westliche römisch-katholische Kirche seit der Epoche der Kreuzzüge ein missionarisches Streben kennzeichnend war, das auch eine militärische Unterwerfung einschloss, ist dies im Fall der russisch-orthodoxen Kirche umstritten.

Als Quellengrundlage ihrer Studie nutzt Perabo den reichhaltigen Fundus theologischer Zeitschriften wie die Tserkovnaja Vedomosti (Kirchenanzeiger), das offizielle Organ des Heiligen Synod, die Missionerskoe Obozrenie (Missionsumschau) sowie veröffentlichte Tagebücher und Briefe klerikaler Vertreter, insbesondere von Nikolai von Japan. Ergänzend kommen Artikel der englischsprachigen Japan Mail hinzu, die die verschiedenen Religionsgemeinschaften in Japan, darunter auch die russisch-orthodoxe Mission zum Thema hatten.

Das Buch ist in zehn Kapitel untergliedert, die in einen theoretischen und einen empirischen Teil gruppiert sind. Kapitel 1 gibt eine Gesamtschau über die Entwicklung einer „politischen Theologie“ im Christentum. Perabo definiert diese als eine Theologie, die sich in den Dienst einer staatlichen, nationalen oder imperialen Einheit stellt. Es geht der Autorin damit um die Teilhabe der Institution Kirche an der politischen Sphäre. Hier stellt sich zu Recht die Frage, wie die Kirche selbst politisch aktiv wurde und wie Staat und Gesellschaft dies wahrnahmen (S. 5). Zunächst widmet sich die Autorin dem Konzept des „gerechten Krieges“ und vergleicht dabei die Perspektiven von Römischem Katholizismus, Protestantismus und Orthodoxie. In der Orthodoxie waren die Schriften Eusebius prägend, der von einer Harmonie zwischen Kirche und Staat ausging.

Die folgenden Kapitel 2 bis 4 untersuchen die Tradition des „gerechten Krieges“ in der russisch-orthodoxen Kirche. In der Spätphase des Zarenreiches stilisierte die Kirche Zar Nikolai II. zum Verteidiger der Orthodoxie und stellte den Autokraten in die Tradition Konstantin des Großen. Davon ließ sich ein Anspruch ableiten, der den Zaren autorisierte, mit dem Segen Gottes Krieg gegen Japan zu führen. Perabo definiert den Russisch-Japanischen Krieg als einen interreligiösen Krieg, in dem sich christlich-orthodoxe und buddhistische bzw. shintoistische Wertvorstellungen gegenüberstanden. In diesem Kontext arbeitet die Verfasserin überzeugend heraus, wie die jeweilige Religion den Krieg rechtfertigte. Hier stellt Perabo den Begriff „heiliger“ Krieg in den Mittelpunkt der Diskussion. Zu Recht weist die Autorin daraufhin, dass im Laufe des 19. Jahrhunderts der russische Nationalismus und der russisch-orthodoxe Glaube eine Symbiose eingingen, die zu imperialen Kriegen motivierten. Zugleich verstärkte die Russisch-Orthodoxe Kirche die Missionierung Andersgläubiger sowohl innerhalb des Imperiums als auch darüber hinaus.

In Kapitel 3 beschreibt Perabo den Beginn und die Entwicklung der 1861 von Nikolai (Kasatkin) von Japan (1836–1912) gegründeten Japanischen Orthodoxen Mission. Die Autorin weist seinen Tagebüchern eine Schlüsselrolle zu. In diesen hielt Nikolai nicht nur die Erfolge der vierzigjährigen Missionsarbeit fest, sondern reflektierte auch das Für und Wider einer Symbiose von Religion und Politik, was Perabo als „politische Theologie“ definiert. Nikolai betonte, dass die zur russischen Orthodoxie konvertierten Japaner ungeachtet ihres Glaubens zur Loyalität gegenüber dem japanischen Kaiser und ihrem Land verpflichtet seien. Beides schloss sich nach Nikolais Ansicht keineswegs aus. Anders als der Klerus in Russland, der den russischen Imperialismus mittrug, brachte Nikolai Verständnis für die nationalen Eigenheiten der japanischen Kultur auf. Im Laufe seiner Missionsarbeit hatte er sich mit der japanischen Sprache und Literatur vertraut gemacht und zählte zu den besten Kennern Japans. In seiner 1869 veröffentlichten Geschichte Japans betrachtete er die Meiji-Restauration als entscheidenden Schritt in die Moderne. Nikolai setzte auf Akzeptanz und Toleranz kultureller Unterschiede und vertrat diesen Standpunkt auch während des Russisch-Japanischen Krieges, um die orthodoxe Missionsarbeit nicht zu gefährden. Um seine Gemeinde nicht als Fremdkörper erscheinen zu lassen, plädierte er für ihre Anpassung an die kulturellen Gegebenheiten der japanischen Gesellschaft. In Kapitel 4 stellt die Autorin fest, dass es in der russisch-orthodoxen Kirche kein präzises theoretisches Konzept des „gerechten Krieges“ gab, die Auffassung davon jedoch durchaus in liturgischen Texten, in der Ikonographie und Hagiographie anklingt. Aufgrund einer Analyse dieser Quellengattungen kommt Perabo zu der Schlussfolgerung, dass die christliche Orthodoxie für das russische Militär identitätsstiftend wirkte. Bereits am Vorabend des Russisch-Japanischen Krieges stilisierte die russisch-orthodoxe Kirche den „Christus liebenden Soldaten“ zum Helden gegen einen fremdartigen, andersgläubigen Feind. In diesem Deutungskontext erscheint das Militär als christliche Institution.

Ab Kapitel 5 beginnt der auf den Russisch-Japanischen Krieg bezogene empirische Teil der Studie. Hier widmet sich Perabo der orthodoxen Prophetie, die einen Krieg mit Japan voraussah – kulminierend in der Erscheinung der Jungfrau Maria. Im Anschluss daran folgt Kapitel 6 mit der Fragestellung, wie der Zar, der Heilige Synod und prominente Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche den Krieg in einem religiösen Kontext instrumentalisierten. Hier ging es um die Rechtfertigung des Krieges durch die christliche Zivilisation („Heiliges Russland“) gegen einen „gottlosen“ Feind. Aus diesem Kanon fiel Nikolai von Japan mit seiner alternativen Interpretation des Russisch-Japanischen Krieges heraus. In Kapitel 7 skizziert Perabo die religiösen Zeremonien, die den Russisch-Japanischen Krieg begleiten, als Stilmittel, um das Bild eines „religiösen Schlachtfeldes“ zu kreieren. Pilgerfahrten, Präsentationen von Ikonen und Militärgottesdienste waren Bestandteil dieser Rituale. Die folgenden Kapitel widmen sich der Kontroverse des „gerechten Krieges“, die unter den Vertretern des Klerus und dem Pazifisten Lev Tolstoi geführt wurde. Aufgrund seines Bekenntnisses zur Gewaltlosigkeit lehnte Tolstoi den Krieg als unzivilisiert ab.

Russian Orthodoxy and the Russo-Japanese War ist eine lesenswerte und äußerst inspirierende Studie, die mit ihrem Blick auf die bislang zu wenig erforschten religionsgeschichtlichen Aspekte des Russisch-Japanischen Krieges für Russlandhistoriker, Japanologen und Religionswissenschaftler gleichermaßen von Interesse ist. Die Studie zeigt auf der Grundlage kirchlicher Quellen, dass die russisch-orthodoxe Amtskirche und die orthodoxe Mission in Japan zu unterschiedlichen Interpretationen des Krieges kamen. Während die Amtskirche den Imperialismus trug, nahm der Missionsgründer Nikolai in seinen Tagebücher und Veröffentlichungen eine Gegenstimme ein. Gleichzeitig vermied er Verstrickungen mit dem russischen Imperialismus, um die orthodoxe Mission in der japanischen Gesellschaft nicht zu kompromittieren und die Eigenständigkeit seiner Gemeinde zu bewahren.

Anmerkungen:
[1] David Wells (Hrsg.), The Russo-Japanese War in Cultural Perspective, Basingstoke 1999, John W. Steinberg / David Wolff, The Russo-Japanese War in Global Perspective. World War Zero, Leiden 2005; Josef Kreiner (Hrsg.), Der Russisch-Japanische Krieg 1904/1905, Göttingen 2005; Rotem Kowner (Hrsg.), Rethinking the Russo-Japanese War, Folkestone 2007; Nicholas Papastratigakis, Russian Imperialism and Naval Power. Military Strategy and the Build-up to the Russo-Japanese War, London 2011; Frank Jacob, The Russo-Japanese War and its shaping of the Twentieth Century, London/New York 2018.
[2] Shimazu Naoko, Japanese Society at War. Death, Memory and the Russo-Japanese War, Cambridge 2011; David Schimmelpenninck van der Oye, Toward the Rising Sun. Russian Ideologies of Empire and the Path to War with Japan, DeKalb, Ill. 2001.

Redaktion
Veröffentlicht am
16.06.2021
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