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Titel
Italy's Economic Revolution. Integration and Economy in Republican Italy


Autor(en)
Roselaar, Saskia T.
Erschienen
Anzahl Seiten
XIV, 297 S.
Preis
£ 70.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Moritz Hinsch, Institut für Geschichtswissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin

Das Thema dieses Buchs ist im Untertitel versteckt: Integration and Economy in Republican Italy. Es geht nicht nur um Produktion, Distribution und Konsumtion im Italien vom 3. bis zum 1. Jh. v.Chr. Es geht darum, die Wirtschaft als wichtigen Motor der Integration Italiens zu verstehen. Roselaar verbindet also zwei rege erforschte Themengebiete der letzten 15 Jahre[1]. Die Integration Italiens war, so Roselaars These, ein ungesteuerter Prozess regional unterschiedlicher Geschwindigkeiten. Hauptakteur dieses Prozesses waren nicht die Römer. Hauptakteur waren die italischen Eliten, die eifrig die wirtschaftlichen Chancen nutzten, die die römische Expansion ihnen bescherte.

Das erste von sechs Kapiteln ist eine programmatische Einführung. Roselaar wählt die Neue Institutionenökonomik als Ausgangspunkt. Dieses Paradigma darf getrost als „neues Dogma“ der althistorischen Wirtschaftsgeschichtsforschung bezeichnet werden. Roselaar fasst die Grundidee so zusammen: „the creation of institutions is the best solution to lower transaction costs to the lowest possible level for most individuals.“ (S. 7). Mit Bezug auf den Reizbegriff Romanisierung empfiehlt Roselaar, mehr auf konkrete Interaktionen römischer und italischer Eliten zu schauen als abstrakte, holistische Konzepte zu diskutieren.

Im zweiten Kapitel identifiziert Roselaar verschiedene „points of contact“ der italischen Vernetzung. Dazu gehören römische Koloniestädte, große Heiligtümer und überregionale Märkte, aber auch individuelle Mobilität, Patronage und Militärdienst. Die Kolonien dienten, so Roselaar, zwar nicht der Romanisierung, aber einige von ihnen wurden Zentren wirtschaftlichen Austauschs (S. 31–36). Das Unterkapitel zu Messen und Märkten ist interessant und zugleich beispielhaft für eine methodische Schwäche des Buchs. Immer wieder wird großzügig „rückwärts extrapoliert“, ohne die methodische Rechtfertigung für eine solche Operation darzulegen. Roselaar adaptiert de Ligts Modell lokaler, regionaler und überregionaler Märkte während der Kaiserzeit[2]. Es gibt keinen theoretischen Einwand, warum ein ähnliches System nicht bereits früher existiert haben könnte. Es gibt aber, wie Roselaar selbst eingesteht (S. 47 f.), auch keinen Beleg, dass es existierte. Die Indizien für die republikanische Zeit beschränken sich darauf, dass einige wirtschaftlich bedeutende Städte der spätrepublikanischen Zeit auch in den kaiserzeitlichen Marktkalendern genannt werden, während andere Städte zur gleichen Zeit Markthallen (macella) erhielten. Reicht das für das Fazit, „weekly markets and seasonal fairs played an in important role in the economic distribution networks of Italy” (S. 48)?

Das dritte Kapitel ist am meisten „klassische“ Wirtschaftsgeschichte. Im ersten Teil sammelt Roselaar Belege für die Beteiligung von Italikern am überseeischen Fernhandel. Die Belege reichen von literarischen Notizen über griechische Ehrendekrete bis hin zum archäologischen Material, besonders Transportamphoren und Schwarzfirnis-Keramik. Zu den literarischen Notizen heißt es, „in most references to Italians overseas, they seem to be traders“ (S. 64). Das ist naheliegend. Aber wiederum wird in vielen Fällen rückwärts extrapoliert. Zwei Inschriften aus dem 1. Jh. v.Chr. sind eine schmale Basis für die Aussage inschriftliche Nennungen römischer Geschäftsleute „occur in many Greek and Asian cities, already from the third century onwards“ (S. 69). Besser steht es um die Villenwirtschaft, wenngleich auch hier das archäologische Material selten früher als in das vorgerückte 2. Jh. datiert wird (S. 85–89).

Der zweite Teil des Kapitels widmet sich in Fallstudien der regionalen Entwicklung in Latium, Kampanien, Apulien sowie Lukanien und Bruttium. Widerlegt werden soll die ältere Forschungsthese, laut der die römische Eroberung der Prosperität Italiens schadete. Die meisten Ackerflächen, die zu öffentlichem Land Roms (ager publicus) geworden waren, wurden weiterhin von Italikern bewirtschaftet. Landwirtschaft und Fernhandel griffen ineinander: Agrarprodukte wurden exportiert, die Handelsgewinne in die intensive Produktion von Wein und Öl reinvestiert. Roselaar hebt hervor, dass nicht alle Regionen und Städte gleichermaßen am wirtschaftlichen Aufschwung teilhatten. Gegen Moses Finley gerichtet betont sie, dass der politische Status der Akteure irrelevant war. Manche römische Kolonie blieb wirtschaftlich schwach, wenige Italiker strebten das römische Bürgerrecht an. Entscheidend waren die neu erschlossenen Märkte innerhalb und außerhalb Italiens.

Das vierte Kapitel beschreibt die institutionellen Folgen dieser wirtschaftlichen Entwicklung. Im 3. Jh. war Italien ein Fleckenteppich inkongruenter Privatrechtsformen, Maß-, und Gewichtseinheiten und Münzprägungen. Diese Hindernisse wurden sukzessive abgeräumt, bis in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts weitgehende Einheit herrschte. Roselaar unterstreicht den pragmatischen Charakter dieser Maßnahmen. Man übernahm von Rom nur, was dem Geschäft diente. Ansonsten hielten sich lokale Traditionen mit Stolz. Kulturelle Anpassung war kein Selbstzweck.

Warum ergriffen die Bundesgenossen dann im Jahr 91 v.Chr. die Waffen, um die Zugehörigkeit zur römischen Bürgerschaft zu erkämpfen (Kap. 5)? Roselaar gewichtet auch in dieser Frage wirtschaftliche Faktoren stärker als frühere Erklärungsansätze. Im Verlauf des 2. Jhs. mehrten sich die Nachteile des Nicht-Römerseins. Nach dem Dritten Makedonischen Krieg (170–167 v.Chr.) brachten die Kriege weniger Beute, die Italiker mussten sie jedoch weiter mitfinanzieren, im Gegensatz zu den Römern, die seit 167 von direkten Steuern befreit waren. Nicht-Römer blieben von der Steuerpacht ausgeschlossen, was insbesondere nach der Einrichtung der reichen Provinz Asia 129 schwer wog. Schließlich waren die Bundesgenossen besonders von der nach 133 einsetzenden Umverteilung öffentlichen Lands bedroht (vgl. bes. S. 205–208). Die Italiker wollten das römische Bürgerrecht also erst, als es die Bedingung dafür geworden war, die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte des 3. und 2. Jahrhunderts fortzuschreiben (S. 242).

Roselaars Erklärung der Integration Italiens als „ökonomische Revolution“ ist durchweg plausibel und ihr Insistieren auf der pragmatischen Dimension überzeugend. Nicht jede der präsentierten Thesen und Befunden ist neu, aber ihr Buch bietet einen profunden Überblick über eine Forschung, die in den letzten Jahrzehnten vielfältiger und damit unübersichtlicher geworden ist. Das Buch wirft aber auch grundsätzliche Fragen zur Methode der althistorischen Wirtschaftsgeschichte auf.

Die Fußnoten zeigen, dass Roselaars Darstellung über weite Strecken auf Belegen beruht, die uneindeutig sind oder erst am Ende oder sogar jenseits des Untersuchungszeitraums (70 v.Chr.) liegen. Es mag berechtigt sein, isolierte Funde als zufällig überlieferte Zeugnisse weitverbreiteter Praktiken zu deuten oder von der Kontinuität bestimmter Praktiken auszugehen. Es müssten dann aber die methodischen Grundlagen solcher Interpretation angegeben werden. Auch dann bliebe ein chronologisches Problem bestehen: Die besten Quellen für die wirtschaftlichen Chancen der Italiker, etwa die Ehrendekrete von Delos, fallen in jenen Zeitraum zwischen ca. 133 bis 91 v.Chr., in dem Roselaar eine zunehmende Unzufriedenheit über schwindende wirtschaftliche Chancen vermutet.

Der Verzicht auf die Diskussion methodischer Grundlagen belastet auch die Verwendung des archäologischen Materials. Kann ein einzelnes Webgewicht aus Teanum Apulum Beleg für ein Handelsnetzwerk sein, weil es dieselben Initialen trägt wie Dachpfannen in Luceria und Matrizen in Tarent (S. 45)? Die Keramikfunde werden durchgehend im Modus „relativer Quantifizierung“ präsentiert. So liest man über die Produktion von Schwarzfirniskeramik auf S. 80, dass es zwischen 325 und 275 einen „rapid rise“ gab, dann einen „sharp decline“ zwischen 275 und 150, gefolgt von einem „smaller rise“ von 150 und 125 und schließlich einem „slow decline“ nach 125. Diese Entwicklung wird mit Schwankungen in der Bevölkerungsgröße, dem Import außeritalischer Keramik und dem Aufkommen anderer italischer Keramiktypen erklärt (S. 80). Es fehlen aber sowohl absolute Zahlen der jeweiligen Fundmengen als auch relative Zahlen zum Proporz verschiedener Keramiktypen, um diese Erklärungen nachvollziehbar zu machen. Das ist jene Art von vager Beschreibung, die Moses Finley bereits vor beinahe 50 Jahren als methodisches Problem der althistorischen Wirtschaftsgeschichte kritisierte[3].

Wie verhalten sich schließlich die Ergebnisse von Roselaars Untersuchung zu ihrer Prämisse, dass Institutionen der wichtigste Faktor wirtschaftlicher Prosperität seien? Das überzeugende vierte Kapitel ließe sich gerade umgekehrt lesen. Nicht neue Institutionen führten zu einer Entwicklung des Wirtschaftens, sondern neue Formen des Wirtschaftens zu einer Weiterentwicklung der Institutionen. Nicht Institutionen, sondern Märkte sind also das eigentliche Explanans. Auch im Kampf um das römische Bürgerrecht, der Klimax von Roselaars Darstellung, figuriert eine Institution nicht als Bedingung für effizientes Wirtschaften, sondern als dessen Hemmnis. Es wäre müßig, die Kosten aller bewaffneten Konflikte um Privilegien im spätrepublikanischen Italien gegen die Gewinne aus der friedlichen Anpassung einzelner Institutionen aufzurechnen[4]. Klar scheint zu sein, dass Institutionen keineswegs immer oder nur überwiegend Ursachen von Wohlstand und Fortschritt sind. In diesem Sinn ist es ein womöglich nicht intendiertes Verdienst von Roselaars Studie, dass sie über das Paradigma hinausweist, von dem sie ihren Ausgang nimmt.

Anmerkungen:
[1] Roselaars Perspektive ähnelt derjenigen von Nicola Terrenato, The Early Roman Expansion into Italy. Elite Negotiation and Family Agendas, Cambridge 2019; Leider nicht in die Bibliographie geschafft hat es Filippo Carlà-Uhink, The ‚Birth‘ of Italy. The Institutionalisation of Italy as a Region, 3rd–1st Century BCE, Berlin / Boston 2017. Für die Wirtschaft Roms s. zuletzt Philip Kay, Rome’s Economic Revolution, Oxford 2014.
[2] Luuk de Ligt, Fairs and Markets in the Roman Empire. Economic and Social Aspects of Periodic Trade in a Pre-Industrial Society, Amsterdam 1993.
[3] Moses I. Finley, The Ancient Economy. 3. Auf., Berkeley 1999 (1., engl. Aufl. 1973), S. 32–34.
[4] Die paradox anmutende Gleichzeitigkeit von Prosperität und Gewalt und Zerstörung herausgearbeitet bei Dominik Maschek, Die römischen Bürgerkriege. Archäologie und Geschichte einer Krisenzeit, Darmstadt 2018.

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Veröffentlicht am
28.10.2021
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