H. Ehlert (Hg.): Armee ohne Zukunft

Titel
Armee ohne Zukunft. Das Ende der NVA und die deutsche Einheit. Zeitzeugenberichte und Dokumente


Hrsg. v.
Ehlert, Hans
Erschienen
Umfang
590 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Th. Müller, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Die Rolle der NVA im Zuge von friedlicher Revolution und deutscher Einheit war bisher vor allem Gegenstand einer seit Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts rasch anschwellenden Memoirenliteratur. Demgegenüber blieben historiographisch angelegte und quellenbasierte Untersuchungen bei der publizistischen Auseinandersetzung mit diesem Kapitel deutscher Militärgeschichte nur von randständiger Bedeutung. Einen wesentlichen Beitrag zur Umkehrung dieses Missverhältnisses leistet nun der von Hans Ehlert im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes herausgegebene Band. Dieser geht auf das vom MGFA in Zusammenarbeit mit der Karl-Theodor-Molinari-Stiftung vom 11. - 13.09.2000 in Potsdam anlässlich des zehnten Jahrestages der deutschen Einheit veranstaltete Zeitzeugenforum „Deutsche Einheit und europäische Sicherheit - Das Ende der NVA und die ‘Armee der Einheit’“ zurück.

Hans Ehlert gibt zunächst einen knappen Überblick über das letzte Jahr der Geschichte der Nationalen Volksarmee. In einer ausgewogenen Darstellung zeichnet er die einzelnen Phasen dieses nicht nur organisatorisch, sondern auch psychologisch vielleicht kompliziertesten Kapitels des deutsch-deutschen Einigungsprozesses nach. Dabei kontrastiert er nicht nur die zum Teil divergierenden Vorstellungen im Bundesministerium der Verteidigung und im Ministerium für Abrüstung und Verteidigung hinsichtlich Bündniszugehörigkeit und Perspektiven der NVA als Territorialstreitkraft Ost bzw. des Anteils der in die Bundeswehr zu übernehmenden NVA-Soldaten, sondern benennt auch westliche Berührungsängste gegenüber der stereotyp als „kommunistische Parteiarmee“ gesehenen NVA.

So kam es erst mit der zum 1. Juni 1990 in Kraft getretenen „Rahmenrichtlinie über dienstliche und außerdienstliche Kontakte zwischen Soldaten der Bundeswehr und der Nationalen Volksarmee“ (27) zu offiziellen Kontakten zwischen beiden Armeen. Patenschaften und informelle Kontakte auf unterer Ebene, wie sie bereits im Herbst 1989 von Wehrpflichtigen und Zeitsoldaten aus der 8. Mot.-Schützen-Division (Schwerin) zum bis dato potentiellen Gegner in der 6. Panzergrenadierdivision (Neumünster) angestrebt wurden, blieben aber weiterhin verboten.

Für die Berufssoldaten der NVA war der Sommer 1990 hinsichtlich ihrer weiteren Perspektive durch ein „Wechselbad zwischen Hoffen und Bangen“ (34) gekennzeichnet, das für die Mehrheit mit Enttäuschungen, Frustrationen bis hin zu persönlichen Verletzungen endete. Diese wirken bis heute fort, wie das dokumentierte Zeitzeugenforum verdeutlicht, bei den gezahlten Renten und der Einstufung ehemaliger NVA-Soldaten als „Gediente in fremden Streitkräften“, die ihren letzten Dienstgrad nicht mit „a.D.“ führen dürfen. Abgerundet wird Ehlerts Aufsatz durch einen detaillierten Überblick des Forschungsstandes zu dieser Problematik.

Im zweiten Teil des Bandes kommen dann damalige Entscheidungsträger und Beteiligte als Zeitzeugen mit ihren subjektiven Wahrnehmungen zu Wort. Dabei gelang es den Veranstaltern 40 zum Teil hochkarätige Persönlichkeiten wie Egon Bahr (West), Werner E. Ablaß (Ost), die Admirale Dieter Wellershoff (West) und Theodor Hoffmann (Ost), die Generale Ekkehard Richter (West), Werner von Scheven (West) und Manfred Grätz (Ost) sowie die Botschafter Gerhard König (für die DDR in Moskau) und Jürgen Ruhfus (für die BRD in Washington) an einen Tisch zu bringen. Damit wurde nicht nur ein Podium zum Gespräch, sondern auch eine Gelegenheit zur Überwindung etwaiger Vorurteile in den Köpfen geboten.

In insgesamt vier Sektionen berichteten die Zeitzeugen über ihre Erfahrungen und Erkenntnisse in den Jahren 1989/90. In den ersten beiden Sektionen wurden in diesem Zusammenhang die internationalen und nationalen politischen Rahmenbedingungen herausgearbeitet. Besonders plastisch gelang das Egon Bahr hinsichtlich der beinahe schon randständigen Rolle der beiden Parlamente im Einigungsprozess. Er berichtete unter anderem, „daß die Abgeordneten des Deutschen Bundestages den Einigungsvertrag von annähernd 1000 Seiten an einem Donnerstagabend bekamen mit der Aufgabe, am Freitag früh zuzustimmen.“ Folglich sah er hier nicht nur die „Stunde der Exekutive“, sondern eine regelrechte „Orgie der Exekutive“ (154).

Nicht minder aufschlussreich sind die verschiedenen Überlegungen zur Integration von NVA-Offizieren in die Bundeswehr. Diese reichten von der Übernahme auch von NVA-Generälen bis hin zu dem von Willy Wimmer aus dem Führungsstab der Streitkräfte berichteten Ansinnen, „daß die NVA-Offiziere in ihren alten Uniformen ohne jedwede Abzeichen herumlaufen sollten mit einem Aufkleber ‘Bundeswehr’“. Wimmer fragte darauf seine Gegenüber, „ob wir wieder Judensterne ausgeben sollten“ (137f). Damit war der Vorschlag vom Tisch.

Die dritte und vierte Sektion diente der Erörterung der Probleme, die sich für die militärische Führung auf nationaler und mit Gründung des Bundeswehrkommandos Ost auch auf regionaler Ebene ergaben. Für die Verantwortlichen in der Bundeswehr war dies die Stunde der „Auftragstaktik“ (170). Oft kurzfristig ausgewählt, „ins Ungewisse handelnd“, nur mit der Maßgabe ausgestattet, „auf Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit“ (225) zu verzichten, traten Offiziere wie Werner von Scheven Menschen gegenüber, „die bisher auf der Feindseite gestanden hatten“ (223), um das materielle und personelle Potential der NVA geordnet in die Bundeswehr bzw. die Konversion zu überführen.

Wesentliche Voraussetzung für die letztlich erfolgreiche Lösung dieser Aufgabe war das Pflichtbewusstsein weiter Teile der Generalität der NVA. Obschon ohne persönliche Perspektive im militärischen Beruf, stahlen sich Spitzenmilitärs wie Theodor Hoffmann und Manfred Grätz auch unter dem neuen Minister für Abrüstung und Verteidigung Rainer Eppelmann nicht nach dem Motto „Nach uns die Sintflut“ (178) aus der Verantwortung, sondern wirkten zum Teil sogar über das Ende der NVA hinaus entscheidend an der geordneten Überführung von Waffen, Munition, Liegenschaften und Personal in das geeinte Deutschland mit.

Bis heute ist den meisten von ihnen jedoch ihre Verbitterung anzumerken. Am deutlichsten wird dies beim ehemaligen Chef Pionierwesen der NVA Waldemar Seifert, der wegen seiner Mitverantwortung am Grenzregime vorbestraft ist, seinen Dienstgrad nicht führen darf, neun Jahre nach der Wende mit seiner Firma gescheitert ist und sich nun nicht nur als ehemaliger NVA-General gedemütigt sieht, sondern obendrein vor dem finanziellen Ruin steht (249).

Ist es vor dem Hintergrund der Rolle der NVA und ihres Offizierskorps im SED-Regime nachvollziehbar, dass der Übernahme von NVA-Berufssoldaten in der Bundeswehr skeptisch bis ablehnend gegenübergestanden wurde, so wirkt Werner von Schevens Darstellung ihrer nur höchst selektiven Weiterbeschäftigung als vertrauensbildende Maßnahme gegenüber der DDR-Bevölkerung, den Wehrpflichtigen und ihren Familien sowie den NATO-Verbündeten wenig überzeugend. Seine Bemühungen, die Inkompatibilität von NVA und Bundeswehr, wo „eigentlich überhaupt nichts zusammenpaßte, nichts, nur daß wir die Berufsbezeichnung Soldat hatten“, zu illustrieren, gehen wohl mehr vom offiziellen Anspruch beider Armeen und weniger von den Phänomenen und Problemen der alltäglichen Truppenpraxis aus. Die von ihm erhobene Behauptung, dass die NVA „eine andere Welt“ gewesen sei, mutet daher beinahe kurios an.

Er berichtet, dass die Ehefrauen der ihm unterstellten ehemaligen NVA-Berufssoldaten, die sich primär über ihren eigenen und nicht den Beruf ihres Mannes definierten, befremdet reagiert hätten, als sie seine Ehefrau - „wie sie das als Kommandeursfrau gewöhnt war“ - zum Kaffeklatsch einlud: „Sie hätten nicht den Beruf ihres Mannes, er hätte seinen eigenen Beruf und sie hätten ihren eigenen und ihr Mann begleitet sie ja auch nicht dahin, wo sie werktätig sind.“ (276)

Derartige Berichte belegen zwar nur eingeschränkt die Inkompatibilität beider Armeen, geben aber über die Diskussions- und Entscheidungsprozesse hinaus Aufschluss über damalige und bis heute fortwirkende Sichtweisen und Mentalitäten der Akteure. Bedauerlich ist dabei nur, dass das Zeitzeugenforum ausschließlich auf die politische bzw. militärische Führungsebene ausgerichtet war, während die Vorgänge in den Truppenteilen und die Perspektive der Wehrpflichtigen, Zeitsoldaten und unteren Offiziersränge - also der Masse der NVA - gänzlich ausgeblendet blieb. Das ist aber auch schon das einzige Manko dieses rundum gelungenen Bandes, der neben zwei Vorträgen von Egon Bahr und Hans-Peter von Kirchbach sowie einem Interview mit Rainer Eppelmann durch nicht weniger als 96 bisher meist unveröffentlichte Dokumente vervollkommnet wird.

Hans Ehlert und die Kollegen vom MGFA haben damit ein anregendes Nachschlagewerk zu den militärpolitischen Aspekten der deutschen Einheit vorgelegt.

Zitation
Christian Th. Müller: Rezension zu: Ehlert, Hans (Hrsg.): Armee ohne Zukunft. Das Ende der NVA und die deutsche Einheit. Zeitzeugenberichte und Dokumente. Berlin  2002 , in: H-Soz-Kult, 03.09.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1419>.
Redaktion
Veröffentlicht am
03.09.2002
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation