S. Forner: German Intellectuals and the Challenge of Democratic Renewal

Titel
German Intellectuals and the Challenge of Democratic Renewal. Culture and Politics after 1945


Autor(en)
Forner, Sean A.
Erschienen
Umfang
XII, 383 S.
Preis
€ 87,63
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Friedrich Kießling, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Die intellektuelle Geschichte Westdeutschlands ist lange vor allem als Ablösungs- und grundlegende Transformationsgeschichte geschrieben worden. Der Übergang zu Demokratie und Pluralismus gelang, so das entsprechende Narrativ, weil eigene, autoritäre, illiberale oder auch nur unpolitische Traditionen verlassen bzw. marginalisiert wurden und die Deutschen zunehmend Anschluss an westliche, bürgerlich-republikanische oder in einem weiten Sinne liberale Denkrichtungen fanden. Zur Konsequenz dieser Sichtweise einer zunehmenden Liberalisierung und Verwestlichung der westdeutschen intellektuellen Geschichte gehört es, dass diese Entwicklung als längerfristiger Abkehrprozess gedeutet wird, dessen Kernzeitraum erst Jahre oder gar Jahrzehnte nach der Staatsgründung begann. Die westdeutsche Ideengeschichte ist entsprechend vor allem von 1968 oder von den „langen 60er Jahren“ aus geschrieben worden, als einem Zeitraum entscheidenden Wandels, der in den späten 1950er-Jahren begann und bis Anfang der 1970er-Jahre reichte.

Der an der Michigan State University lehrende Sean A. Forner geht in seiner Studie über "German Intellectuals and the Challenge of Democratic Renewal“ einen anderen Weg. Er liest die westdeutsche Ideengeschichte konsequent von 1945 sowie den Jahren unmittelbar danach aus. Bereits direkt nach Ende des Zweiten Weltkriegs und noch vor der Gründung der beiden deutschen Staaten, so das Argument, entwickelte eine Gruppe von Intellektuellen Ideen zu einer politischen Neuordnung Deutschlands, die keineswegs wirkungslos blieben. Sie gewannen gerade mittel- und langfristig in West- wie Ostdeutschland erhebliche Relevanz und avancierten insbesondere im Bonner Staat zu einer dauerhaften Grundlage der neuen politischen Ordnung. Damit wird eine Periode ins Zentrum der deutschen intellektuellen Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gerückt, die in vielen bisherigen Darstellungen bestenfalls als Übergangsepoche, wenn nicht als Phase des gescheiterten Neuanfangs galt.

Forner verfolgt sein Anliegen in vier größeren Schritten. Zunächst zeigt er, wie Intellektuelle nach Ende des Krieges wieder zusammenfanden und unter den Bedingungen von Zusammenbruch, Zerstörung und alliierter Kontrolle damit begannen, neue Gruppen und Netzwerke zu bilden. Daran schließt eine Darstellung der ideengeschichtlichen Konzepte an, wobei die spezifischen Demokratievorstellungen sowie der Umgang mit der deutschen Vergangenheit im Zentrum stehen. Es folgt eine Analyse der Organisationsformen, mit denen Intellektuelle versuchten, Einfluss auf die politisch-gesellschaftliche Neugestaltung zu erhalten, bevor im letzten Schritt die Spuren der Bemühungen über die Gründung der beiden deutschen Staaten hinaus untersucht werden. Im Mittelpunkt dieser Wirkungsgeschichte steht das Jahrzehnt nach den Staatsgründungen. In einem abschließenden Ausblick werden aber auch Verbindungen zu 1968 bzw. 1989 in groben Zügen skizziert.

Im Ergebnis arbeitet Forner als seinen zentralen Untersuchungsbereich eine recht heterogene Gruppe von Intellektuellen heraus, die von kommunistischen Wissenschaftlern und Literaten bis zu liberalen Autoren reicht und die er „engaged democrats“ nennt. Zu ihnen gehörten Ernst Bloch, Wolfgang Harich, Alfred Kantorowicz und Hans Mayer ebenso wie Walter Dirks und Eugen Kogon, die Heidelberger Gruppe um Karl Jaspers, Alexander Mitscherlich, Dolf Sternberger und Alfred Weber, am Rande auch Intellektuelle wie Hans Werner Richter, Alfred Andersch oder der Radiomann Axel Eggebrecht. Sie alle hätten, bei allen zugestandenen Unterschieden, ein Demokratieprojekt verfolgt, das von der Partizipation möglichst aller, der Verbindung von Freiheit und politischer Ordnung oder einem emphatischen Bildungs- und Erziehungsbegriff seinen Ausgang genommen habe.

In ihrem „Traditionsverhalten“ (den Begriff selbst kennt Forner offenbar nicht) hätten die meisten von ihnen eine mittlere Position zwischen der vollständigen Verdammung der deutschen Geschichte und Haltungen eingenommen, die Hilfe und „nationale Reinigung“ im Rückgriff auf eine eigentliche, vermeintlich unversehrte geistige Tradition Deutschlands erhofften. Entsprechend waren die engagierten Demokraten von einer Verwestlichung weit entfernt. Ihre Konzepte entnahmen sie vor allem einer erneuerten eigenen Tradition. Zu dieser gehörte auch eine Neujustierung der Verbindung von „Geist und Macht“, wobei die meisten der in Frage stehenden Autoren nach ersten parteipolitischen Bemühungen informelleren Kreisen, Vereinigungen oder Gesprächszirkeln den Vorzug gaben. Von diesen untersucht Forner zum Beispiel die „Aktionsgruppe Heidelberg“ sowie die ebenfalls von Heidelberg ihren Ausgang nehmende „Deutsche Wählergesellschaft“ genauer.

Nach 1948/49 waren die „engagierten Demokraten“ zunächst verständlicherweise erst einmal enttäuscht und zumindest teilweise desillusioniert. Die Wirklichkeit der Staatsgründungen und des beginnenden Kalten Krieges hatte sich nicht an ihre Rezepte gehalten. Doch gerade im Westen entfalteten sie trotz allem eine erhebliche, längerfristige Wirkung. Forner zeigt dies an den Beispielen der Debatten um die Wiederbewaffnung, die frühe Friedensbewegung und bis hin zur entstehenden APO sowie der Auseinandersetzung um die Notstandsgesetze. In der DDR fallen die Spuren spärlicher aus. Doch zumindest kann Forner in den Biographien seiner Protagonisten von Bloch bis Harich zeigen, dass bestimmte Konzepte auch unter den Bedingungen der Diktatur weiter verfolgt wurden, auch wenn dies am Ende zu staatlicher Repression und Vertreibung in den Westen führte.

Als Fazit sei festgehalten, dass Forners Versuch, die deutsche intellektuelle Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg konsequent von 1945 aus zu lesen, grundlegend überzeugt. In Zukunft wird es endgültig nicht mehr möglich sein, die Ideen- und Intellektuellengeschichte einseitig als Verwestlichungs- oder Liberalisierungsprozess zu deuten, der auf einer fast vollständigen Abkehr von eigenen Traditionen beruhte (falls das überhaupt noch möglich gewesen sein sollte).[1] Allein die Namen von Forners Protagonisten zeigen, dass es sich dabei keineswegs um marginale Intellektuelle handelte. Ganz im Gegenteil, die „engagierten Demokraten“ führen ins Zentrum der deutschen Intellektuellengeschichte nach 1945. Ihre Verbindungen reichten bekanntlich etwa auch zur Frankfurter Schule, wie Forner insbesondere an den partizipatorischen Elementen im Denken von Jürgen Habermas andeutet. Alle diese Intellektuellen standen in einem internationalen Kontext. Aber insgesamt war ihre Geschichte nach 1945 weit mehr als ein externer Lernprozess. Viele gingen den Weg in Demokratie und Pluralismus mit Hilfe eigener, 1945 bereits vorhandener Konzepte und stießen vermutlich nicht zuletzt deswegen am Ende auf erhebliche Resonanz.

Sean A. Forner unterlässt es (darin liegt einer der wenigen Einwände gegen seine Studie), die möglichen Weiterungen einer solchen Interpretation zu skizzieren, aber gerade diese sind erheblich. So stellt sich die Frage, inwieweit west- wie ostdeutsche Ideengeschichte auch in weiteren Aspekten sinnvoll zusammengedacht werden können. Zudem erscheint es erforderlich, die Konsequenzen in den Blick zu nehmen, die die beschriebene Konzeptionalisierung der Intellektuellengeschichte für unsere Sicht auf die deutsche Geschichte nach 1945 insgesamt haben kann. Ausgehend von Ergebnissen wie denen von Forner spricht einiges dafür, noch einmal neu über Kontinuität und Diskontinuität gerade der alten Bundesrepublik im Kontext der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert nachzudenken. Schließlich drängt sich die Frage auf, inwieweit die nun auch von Forner ausgemachte partizipatorische Prägung von Demokratie in Nachkriegsdeutschland noch heute relevant ist und vielleicht bis zu „Wutbürgern“ und anderen gegenwärtigen Kritikern einer parlamentarisch-repräsentativen Demokratie reicht. Auch wer an solchen aktuellen Fragen nach dem spezifischen bundesdeutschen Demokratieverständnis interessiert ist, wird die Arbeit von Sean A. Forner mit Gewinn zur Hand nehmen.

Anmerkung:
[1] Vgl. z.B. verschiedene neuere Sammelbände zum Thema: Arnd Bauerkämper u.a. (Hrsg.), Demokratiewunder. Transatlantische Mittler und die kulturelle Öffnung Westdeutschlands 1945–1970, Göttingen 2005; Alexander Gallus/Axel Schildt (Hrsg.), Rückblickend in die Zukunft. Politische Öffentlichkeit und intellektuelle Positionen um 1950 und um 1930, Göttingen 2011, oder auch meine eigenen Bemühungen um eine Deutung der westdeutschen intellektuellen Geschichte von 1945 aus und der darin enthaltenen Beschreibung spezifischer partizipatorischer Demokratiekonzepte: Friedrich Kießling, Die undeutschen Deutschen. Eine ideengeschichtliche Archäologie der alten Bundesrepublik 1945–1972, Paderborn 2012.

Zitation
Friedrich Kießling: Rezension zu: : German Intellectuals and the Challenge of Democratic Renewal. Culture and Politics after 1945. Cambridge  2014 , in: H-Soz-Kult, 28.04.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23494>.
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28.04.2015
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