Cover
Titel
Soviet Space Mythologies. Public Images, Private Memories, and the Making of a Cultural Identity


Autor(en)
Gerovitch, Slava
Erschienen
Umfang
XVIII, 232 S.
Preis
€ 26,21
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Schwartz, Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin

Nicht zuletzt die runden Jahrestage ein halbes Jahrhundert nach Beginn der „kosmischen Ära“ – im Jahr 1957 der erste Sputnikflug und 1961 mit Juri Gagarin der erste Mensch im Weltraum – haben im letzten Jahrzehnt auch die englisch- und deutschsprachige Anzahl kultur- und geschichtswissenschaftlicher Publikationen zu dem Thema merklich steigen lassen. Die Öffnung vieler sowjetischer Archive hatte hieran genauso einen Anteil wie der Umstand, dass zumindest die euphorische, mit der Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Fortschritt und eine kosmische Zukunft der Menschheit verbundene Periode der bemannten Raumfahrt seit dem Ende des Ost-West-Konflikts vorbei ist – zwar werden rituell immer wieder Marsmissionen ins Spiel gebracht, doch „Weltraum-Mythologien“ und „kulturelle Identitäten“ werden daran kaum noch geknüpft. Der distanzierte Blick auf eine bereits historische Epoche konzentrierte sich hierbei vor allem auf drei Aspekte: Wissenschaftsgeschichtlich ging es zuvorderst um eine Rekonstruktion des sowjetischen Raumfahrtprogramms und seiner zentralen Protagonisten jenseits der offiziellen, propagandistischen Selbstdarstellungen und inoffiziellen Legendenbildungen.[1] Dies führte zu auch von neuen wissenschaftstheoretischen Ansätzen inspirierten Studien zur spezifisch sowjetischen „Wissenschaftskultur“ zwischen Staatskontrolle, Geheimhaltung und post-stalinistischem Berufsethos, die immer auch um die Frage nach den Gründen und Ursachen kreisten, die für den anfänglichen großen Erfolg und das spätere Zurückbleiben im „Space Race“ mit den Vereinigten Staaten verantwortlich waren. Vor allem aber waren es kulturhistorisch ausgerichtete Forschungen, die der sowjetischen „Weltraumbegeisterung“[2] sowie ihrer identitätspolitischen, kulturstiftenden und transnationalen Bedeutung in vergleichender Perspektive nachgingen.[3]

Einen bedeutenden Anteil hieran hatte Slava Gerovitch, Lecturer und Wissenschaftshistoriker am Massachusetts Institute of Technology, der bereits mit seinem Grundlagenwerk zur Geschichte der sowjetischen Kybernetik einen wissenschafts- und kulturhistorischen Meilenstein vorgelegt hat.[4] Da aufgrund der involvierten Militär- und Geheimdienstapparate weiterhin wichtige Archivbestände unter Verschluss gehalten werden, bleiben Erinnerungen der Beteiligten und Zeitzeugeninterviews häufig die einzig zugängliche Quelle für Raumfahrthistoriker. Gerovitch war nicht nur einer der ersten, der diesen Fundus intensiv genutzt und durch seine Interviews Personen ein Gehör verschafft hat, die bislang zu Unrecht vergessen oder unbeachtet geblieben sind.[5] In einem halben Dutzend Aufsätzen hat er auch seit 2006 wesentliche Forschungsimpulse gegeben, die er nun in überarbeiteter Form, ergänzt um eine Einleitung und eine kommentierte Zusammenstellung ausgewählter Quellenzitate zu Gagarins Weltraumflug (Kap. 4), in Buchform vereint hat.

Wissenschaftshistorisch liegt Gerovitchs großes Verdienst darin, dass er sich erstmals eingehend mit dem Verhältnis von Mensch und Maschine auseinandergesetzt hat, was vielfache Implikationen für die Steuerung der Raumschiffe, die Rolle der Kosmonauten und die Konzeptualisierung der Fortentwicklung der bemannten Raumfahrt hatte. War das sowjetische Raumfahrtprogramm doch seitens der entscheidenden Ingenieure und Konstrukteure noch stark von einem spät-stalinistischen Berufsethos geprägt. Diese politisch absolut loyale „technische Intelligenz“ wusste um ihre Unverzichtbarkeit für die sowjetische Rüstungsindustrie und konnte gerade daher ihre ehrgeizigen Weltraumpläne teils gegen die Intentionen der Politiker und die Schwerfälligkeit des Apparats durchsetzen, indem sie effektiv ihre vorhandenen Netzwerke und ihr auf Eigenverantwortlichkeit und Zuverlässigkeit basierendes Wissenschaftsverständnis zur Geltung brachte (Kap. 2). Ein solches Wissenschaftsverständnis setzte aber auch auf eine weitgehende Automatisierung und absolute Kontrolle aller mit dem Raumflug verbundenen Aspekte, was bedeutete, dass der „menschliche Faktor“ der Kosmonauten eher als Gefahr denn als Chance begriffen wurde, deren Körper und Gedanken sich physisch und mental vollkommen den technischen Systemen an Bord unterordnen sollten (Kap. 5).

Dieser Reduktion des Raumfahrers zu einer „fliegenden Mumie“ (Günther Anders) stand jedoch das öffentliche Bild der Kosmonauten als sozialistische „Neue Menschen“ und ihr professionelles Selbstverständnis als Militärpiloten entgegen, die furchtlos und eigenverantwortlich die Raumschiffe durch die Gefahren des Weltraums in eine neue Ära steuerten, was zu zahlreichen Konflikten zwischen Ingenieuren, Planern und Kosmonauten führte (Kap. 3). Doch nicht nur während ihrer Heldentaten, auch bei den öffentlichen Auftritten waren die Kosmonauten permanenter Kontrolle ausgesetzt, hatten sie doch bei jedem Schritt den strengen Sprachregelungen und Verhaltensvorschriften der sowjetischen „Propagandamaschine“ zu folgen (Kap. 6). So entstand eine sowjetische Raumfahrtmythologie heroischer Erfolge im All, die von Anfang an kaum etwas mit dem unter strengster Geheimhaltung stehenden Berufsalltag und Wissenschaftsbetrieb der Ingenieure, Konstrukteure, Kosmonauten und Militärs zu tun hatte, die hinter den Kulissen der offiziellen „Lügen“ ihre privaten Kommunikationswege und inoffiziellen „Gegen-Erinnerungen“ ausbildeten (Kap. 1). Doch die staatlich geförderten Mythen prägten von der Kindheit an in unzähligen Geschichten, Bildern, Filmen und Witzen die kulturelle Identität der späten Sowjetunion, sodass nach dem Zusammenbruch ihrer offiziell propagierten „Meistererzählung“ zwar auch die düsteren Seiten der Raumfahrt, die gescheiterten Missionen und verschwiegenen Katastrophen ungeschönt an die Öffentlichkeit kamen, doch diese Enthüllungen das kollektive Gedächtnis nicht wesentlich erschütterten. Vielmehr bildete sich schon bald ein nostalgischer Erinnerungsdiskurs heraus, in dem die einst ungehörten und unterdrückten Stimmen der Beteiligten sich häufig sogar mit staatlicher Geschichtspolitik verbanden (Kap. 7).

In der Einleitung zu dem Buch gibt Gerovitch seinen Studien entsprechend eine erinnerungstheoretische Rahmung, wobei ihm insbesondere die Assmannsche Unterscheidung zwischen einem eher offiziellen „kulturellen“ und einem eher privaten „kommunikativen Gedächtnis“ als ein einleuchtendes Konzept dient, die „dynamische kulturelle Kraft“ der Erinnerung mit ihren vielfachen Rekonstruktionen und Modifizierungen kultureller Zugehörigkeiten und Mythologisierungen zu beschreiben. Wer allerdings eine theoretische Bezugnahme von Gerovitchs „Space Mythologies“ auf Roland Barthes’ „Mythologies“ (1957, dt. Mythen des Alltags) oder eine breitere kulturgeschichtliche Einbettung in die sowjetischen „Mythologien des Alltags“[6] erwartet, wird enttäuscht. Auch der eigentliche Bereich der populären Raumfahrtmythen – die filmischen und literarischen Fiktionen der Raumfahrt und insbesondere die Science Fiction – bleiben unberücksichtigt bzw. interessieren ihn nur, wenn es um die „Mythologisierung“ historischer Personen und Fakten geht.

Slava Gerovitch hat vielmehr in einer beeindruckenden archäologischen Arbeit die diskursiven Regeln und Normen der offiziellen Mythologisierung der Raumfahrt und zugleich die „inoffiziellen“ wissenschaftlichen Interessen, professionellen Praktiken und kulturellen Zugehörigkeiten der hinter diesen stehenden Akteure und Beteiligten differenziert und zugleich verständlich geschrieben herausgearbeitet, wobei er immer auch die vergleichende Perspektive auf die Ähnlichkeiten und Unterschiede zum amerikanischen Raumfahrtprogramm miteinbezieht. „Soviet Space Mythologies“ wird daher zweifelsohne eine unverzichtbare Lektüre für die Beschäftigung mit der sowjetischen Raumfahrtgeschichte werden.

Anmerkungen:
[1] Im englischsprachigen Raum leistete vor allem Asif A. Siddiqi Pionierarbeit, vgl. Ders., Challenge to Apollo. The Soviet Union and the Space Race, 1945–1974, Washington, DC 2000; Ders., The Red Rockets’ Glare. Space Flight and the Soviet Imagination, 1857–1957, New York 2010; Andrew L. Jenks, The Cosmonaut Who Couldn't Stop Smiling. The Life and Legend of Yuri Gagarin, DeKalb 2012; Gerhard Kowalski, „Heute 6:07 UT“ – Vor 50 Jahren. Juri Gagarin als erster Mensch im Weltraum, Halle 2011; Ders., Der unbekannte Gagarin. Die letzten Geheimnisse von Juri Gagarin, Dessau 2015. Die unzähligen russischsprachigen Veröffentlichungen können hier nicht alle genannt werden, finden sich aber unschwer in den einschlägigen Bibliographien.
[2] Vgl. Monica Rüthers/ Carmen Scheide/ Julia Richers/ Eva Maurer (Hrsg.), Soviet Space Culture. Cosmic Enthusiasm in Socialist Societies, New York 2011.
[3] Vgl. bspw. Igor J. Polianski / Matthias Schwartz (Hrsg.), Die Spur des Sputnik. Kulturhistorische Expeditionen ins kosmische Zeitalter, Frankfurt am Main 2009; James T. Andrews / Asif A. Siddiqi (Hrsg.), Into the Cosmos. Space Exploration and Soviet Culture, Pittsburgh 2011; Adam Bartos / Svetlana Boym, Kosmos. A Portrait of the Russian Space Age, New York 2011; Philipp Meuser, Architektur für die russische Raumfahrt. Vom Konstruktivismus zur Kosmonautik. Pläne, Projekte und Bauten, Berlin 2013; Matthias Schwartz / Kevin Anding/ Holt Meyer (Hrsg.), Gagarin als Archivkörper und Erinnerungsfigur, Berlin 2014.
[4] Slava Gerovitch, From Newspeak to Cyberspeak. A History of Soviet Cybernetics, Cambridge, Mass. 2002.
[5] Eine Auswahl dieser seit 2002 geführten Gespräche hat er als mustergültig aufbereitete und akribisch kommentierte Quellensammlung der „Oral history“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Vgl. Ders., Voices of the Soviet Space Program. Cosmonauts, Soldiers, and Engineers Who Took the USSR into Space, New York 2014.
[6] Vgl. Svetlana Boym, Common Places. Mythologies of Everyday Life in Russia, Cambridge, Mass. 1994.

Zitation
Matthias Schwartz: Rezension zu: : Soviet Space Mythologies. Public Images, Private Memories, and the Making of a Cultural Identity. Pittsburgh  2015 , in: H-Soz-Kult, 29.04.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24737>.
Redaktion
Veröffentlicht am
29.04.2016
Redaktionell betreut durch