P. Scholz: Der Hellenismus

Titel
Der Hellenismus. Der Hof und die Welt


Autor(en)
Scholz, Peter
Erschienen
München 2015: C.H. Beck Verlag
Umfang
352 S.
Preis
€ 16,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lukas Kainz, Alte Geschichte, Universität Mannheim

Bücher, welche den Leser in eine Epoche einführen, ihm einen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen und Forschungsthemen geben wollen, haben es auf dem Markt nicht einfach, denn es gibt viele von ihnen. Das gilt auch für den Hellenismus: Jene, die sich zum ersten Mal mit diesem Zeitalter vertraut machen, werden wohl zuerst zu Heinens „Geschichte des Hellenismus“ und zu Meißners „Hellenismus“ greifen.[1] Wer hingegen schon etwas mit der Materie vertraut ist, bei dem steht Gehrkes „Geschichte des Hellenismus“ hoch im Kurs, und das nicht nur, weil es Forschungsprobleme und -debatten in gründlicher Tiefe vorstellt und den Leser mit einem Literaturüberblick von beachtlichem Umfang versorgt.[2] Aus dem englischsprachigen Raum treten neben diese Titel Schriften wie Erringtons „A History of the Hellenistic World“ und der von Erskine herausgegebene „Blackwell Companion“[3]. Peter Scholz hat es sich also damit, eine weitere Einführung in den Hellenismus zu schreiben, sicher nicht leicht gemacht.

Für Scholz beginnt der Hellenismus nicht mit dem Tod Alexanders, sondern in gewisser Hinsicht schon mit Philipp II., „denn erst die angemessene Berücksichtigung desselben lassen die Grundprobleme Alexanders und seiner Nachfolger, insbesondere das ambivalente Verhältnis der Herrscher zu den griechischen Städten, verständlich werden“ (S. 9). Einen besonderen Stellenwert nehmen bei ihm die Höfe der hellenistischen Könige als „neue Zentren der politischen und kulturellen Macht“ (S. 9) ein. Sie stehen laut Scholz einer Welt gegenüber, die „durch große Ungleichzeitigkeiten zwischen den dynamischen Entwicklungen in den politischen Zentren und lokalen Stillständen in ländlichen Gebieten, durch eine Unzahl von Schauplätzen, von kriegerischen und politischen Auseinandersetzungen, durch eine ungeheure Vielfalt an religiösen, kulturellen, literarischen, wissenschaftlichen und technologischen Neuerungen und Besonderheiten, durch Tausende von Einzelepisoden und Entdeckungen, durch eine riesige Entfaltung und Verschwendung von Kräften und Talenten, durch eine ungeheure Relativierung von Traditionen und Gewissheiten“ (S. 9f.) gekennzeichnet ist. In diesem allgemeinen Urteil über den besonderen Facettenreichtum der Epoche ist Scholz sicherlich zuzustimmen. Allerdings ist es bedauerlich, dass er die „traditionelle Dynastie- und Kriegsgeschichte“ (S. 10) als roten Faden seines Buches gewählt hat, selbst wenn dies nachvollziehbar ist. Scholz hat zwar Recht damit, dass „die Selbstdarstellung der Herrscher die Überlieferung stark geprägt und gewissermaßen die Proportionen verzerrt“ (S. 10) hat, sprich: dass es einfacher ist, eine Geschichte des Hellenismus mit Schwerpunkt auf die Könige zu schreiben. Führt man sich aber das Ringen der Herrscher um die Akzeptanz der griechischen Städte, das selbstbewusste Auftreten beispielsweise des Achaiischen und des Aitolischen Bundes sowie die Energie, mit der Rhodos in dieser Zeit als wichtiger Akteur zwischen den Großmächten auftrat, vor Augen, dann kann Scholz' Behauptung, dass „selbst die großen unabhängigen griechischen Städte […] wie Spielbälle in der Hand der Monarchen“ (S. 10) gewirkt hätten, nur bedingt gefolgt werden. Denn die Poleis und Bundessysteme besaßen doch nach wie vor eine hohe Eigendynamik und verfügten über einen großen Spielraum. Eine stärkere Abgrenzung zu bereits vorhandenen Einführungswerken wäre durch eine intensivere Betonung dieses Phänomens sicher möglich gewesen. Selbiges gilt für eine stärkere Berücksichtigung der Wechselbeziehungen zwischen Indigenen und griechischer Oberschicht in den hellenistischen Reichen. Natürlich behandelt Scholz diese Themen auch, aber es wäre interessant gewesen, sie deutlich stärker zu akzentuieren – im Laufe des hier zu besprechenden Buches gehen sie manchmal etwas unter[4]. Dieser Komplexität des Hellenismus in dem Rahmen, der einem in einem Überblickswerk zur Verfügung steht, angemessen Rechnung zu tragen und zugleich ein gut lesbares Buch für ein möglichst breites, an Grundlagen wie auch an Detailfragen interessiertes Publikum zu schreiben, wäre aber sicher nur schwer möglich gewesen.

Das zweite Kapitel geht zunächst auf allgemeine Strukturen des makedonischen Königtums und die makedonischen Könige seit Alexander I. ein. Anschließend widmet es sich Philipp II. und dem Aufstieg Makedoniens zur Hegemonialmacht in Griechenland (S. 19–41). Den Großteil des Kapitels (S. 41–89) nimmt das Leben Alexanders des Großen ein.

Zu Beginn des dritten Kapitels unterstreicht Scholz das Kernproblem des Hellenismus, insbesondere der Diadochenzeit: „Die Fortführung der dynastischen Herrschaft der makedonischen Königsfamilie […] war ungewiss; fortan trugen mehrere Generäle den machtpolitischen Streit um die Vorherrschaft aus. Sie betrieben ihre eigene Sache (idiopgrageîn), die Durchsetzung ihrer persönlichen Einzelinteressen im Kampf um eine Vormachtstellung gegenüber den Konkurrenten.“ (S. 91f.) Scholz zeichnet in diesem Kapitel zunächst die Ereignisse vom Tod Alexanders 323 bis zum Vorabend des Dritten Diadochenkriegs 315 nach (S. 90–108), geht dann auf die Entstehung der Diadochenreiche ein (S. 108–123) und endet mit der weiteren Aufsplitterung des einstigen Alexanderreiches sowie der Etablierung der hellenistischen Dynastien in den Jahren 301–276 v.Chr. (S. 124–179).

Im vierten Kapitel (S. 180–195) verdeutlicht Scholz zunächst die verschiedenen Möglichkeiten (Münzprägung, Beinamen, ostentative Prachtentfaltung), mittels derer die hellenistischen Könige ihre Macht nach außen hin demonstrierten. Wie schon im vorangegangenen Kapitel, betont Scholz hier die enorme Bedeutung, welche die Bewährung der Herrscher im Kampf für ihre Legitimierung hatte. Darauf folgen Überlegungen zum Verhältnis der Könige zu den griechischen Städten. Anschließend gibt Scholz einen Überblick über die Zusammensetzung der Gruppe der Höflinge in den hellenistischen Reichen und schließt mit Ausführungen zur Führungsschicht in den griechischen Städten.

Das fünfte Kapitel (S. 196–278) stellt dann die weitere Geschichte des Hellenismus bis zur Eroberung Ägyptens 30 v.Chr. dar. Scholz attestiert den Römern, während ihrer Auseinandersetzungen mit den hellenistischen Königen, kein wirkliches Interesse an einer direkten Kontrolle im östlichen Mittelmeerraum. Vielmehr habe sich Rom im Laufe der Zeit als Großmacht verstanden, welche darum bemüht gewesen sei, ein Gleichgewicht zwischen den Mächten herzustellen. Die Etablierung direkter römischer Herrschaft in Form von Provinzen sei mehr den individuellen Umständen als imperialistischen Bestrebungen geschuldet gewesen.

Das sechste Kapitel (S. 279–301) beginnt Scholz mit einigen Überlegungen zum hellenistischen Herrscherkult. Es folgen Ausführungen zum Umgang mit indigenen Kulten und zur Entstehung neuer Götter im Hellenismus. Anschließend skizziert er die Ausbreitung der griechischen Kultur und Bildung, wobei er näher auf den besonderen Stellenwert des Gymnasions in diesem Zusammenhang eingeht. Das Kapitel schließt mit Beobachtungen zur Kolonisation und die Erschließung der unterworfenen Gebiete durch Handels- und Erkundungsreisen.

Der Hauptteil des Buches schließt mit einem Epilog, in dem Scholz die Charakteristika des Hellenismus zusammenfasst (S. 302–308). Es folgen vier Seiten Anmerkungen zum vorherigen Text, eine Zeittafel von sechs Seiten Umfang, weitere sechs Seiten mit Herrscherlisten sowie 21 Seiten mit Hinweisen zu weiterführender Literatur. Zum Schluss liefert Scholz noch ein Personenregister, auf ein zusätzliches Verzeichnis wichtiger Begriffe wurde verzichtet.

Selbstanspruch der Reihe „Geschichte der Antike“ ist es, in eine Epoche einzuführen sowie „einen fundierten Überblick über die wichtigsten Ereignisse der jeweiligen Epoche, ihre Protagonisten sowie die prägenden kulturellen, religiösen, intellektuellen und wirtschaftlichen Entwicklungen“[5] zu bieten. An diesen Maßstäben muss man das vorliegende Buch letztlich messen und es bleibt am Ende dieser Rezension nur noch, festzustellen, dass Scholz diesen Kriterien gerecht wird. Das Buch eignet sich daher für Einsteiger, die durch die Lektüre einen ersten Einblick in den Hellenismus erhalten und durch das thematisch aufgebaute Literaturverzeichnis rasch auf Forschungsbeiträge zu Einzelaspekten hingewiesen werden.

Anmerkungen:
[1] Heinz Heinen, Geschichte des Hellenismus. Von Alexander bis Kleopatra, 2. durchgesehene Auflage, München 2007 (1. Aufl. 2003); Burckhard Meißner, Hellenismus, Darmstadt 2007.
[2] Hans-Joachim Gehrke, Geschichte des Hellenismus, 4. durchgesehen Auflage, München 2008 (1. Aufl. 1990).
[3] Robert M. Errington, A History of the Hellenistic World 323–30 BC, Malden, MA 2008; Andrew Erskine (Hrsg.), A Companion to the Hellenistic World, Malden, MA 2005.
[4] Ähnlich die Kritik von Glenn R. Burgh: Rezension zu: Peter Scholz, Der Hellenismus. Der Hof und die Welt, München 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 7/8, 15.07.2016, <http:// http://www.sehepunkte.de/2016/07/27759.html> (01.08.2016): „It is quite a legitimate methodology to impose some order on this complex world, but upon closer inspection […] Scholz’s work reads like a traditional diachronic political and military survey of the Hellenistic world […].“
[5] C.H.Beck Geschichte der Antike, <http:// https://www.chbeck.de/C-H-Beck-Geschichte-der-Antike/trefferliste.aspx?toc=10232&page=0ge=0> (01.08.2016).

Zitation
Lukas Kainz: Rezension zu: : Der Hellenismus. Der Hof und die Welt. München  2015 , in: H-Soz-Kult, 29.08.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25073>.
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29.08.2016
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