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Titel
Hans Speidel und Ernst Jünger. Freundschaft und Geschichtspolitik im Zeichen der Weltkriege. Herausgegeben vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr


Autor(en)
Krüger, Dieter
Erschienen
Paderborn 2016: Ferdinand Schöningh
Umfang
VIII, 377 S., 29 SW-Abb.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Erik Lommatzsch, Leipzig

Dieter Krüger schickt Hans Speidel und Ernst Jünger auf den langen Weg nach Westen. In dem von Heinrich August Winkler – zumindest noch vor wenigen Jahren – als sturmfest ausgemachten Hafen der deutschen Geschichte kommen die beiden sicher an, wenn auch nicht immer ganz absichtlich. Zudem sind sie sich ihres Ziels wohl selbst nicht immer ganz bewusst. Aber um dies zu klären, gibt es die Profession des Historiographen, im vorliegenden Fall kombiniert mit der Perspektive des Doppelbiographen, der vor allem auf die geschichtspolitisch relevanten Aspekte im Wirken seiner Protagonisten fokussiert.

Den Komplex der „Geschichtspolitik“ versteht Krüger als „Teil der Geschichtskultur“ mit „mehr oder minder großen Schnittmengen zu ‚Vergangenheitspolitik‘, Erinnerungskultur und dergleichen“. Geschichtskultur sei dabei „das historiographische Wissen und das Bild, das sich die Öffentlichkeit von der Vergangenheit macht […]. Der Kampf um die Geschichte, um Erinnern und Vergessen ist Bestandteil der Auseinandersetzung um Herrschaft“ (alle Zitate S. 10). „Geschichtspolitiker“ hätten in Zeiten „öffentlicher Debatten über die Vergangenheit […] Hochkonjunktur“. Voraussetzungen für deren Wirken seien „Zugang zu den Medien“ und „eine gewisse Prominenz“. Der entsprechende Akteur, der seine Wirksamkeit mittels „Selbstinszenierung“ festigen könne, bedürfe aber auch der unterstützenden Rezipienten. Und je größer deren Zahl, „desto erfolgreicher das Bestreben […], die Meinungsführerschaft zu erringen“ (alle Zitate S. 11).

Hans Speidel (1897–1984) und Ernst Jünger (1895–1998) haben vor allem in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik entsprechend gewirkt. Beider Lebensweg ließ bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges nicht vermuten, dass sie später die von Krüger herausgearbeitete (oder herausinterpretierte) wichtige Funktion in puncto Integration in die westliche Demokratie einnehmen würden. Nach 1945 waren sie durch direktes organisatorisches respektive politisches Wirken – Speidel als General beim Aufbau der Bundeswehr und als Historiker mit Einfluss auf die Anfänge des Instituts für Zeitgeschichte, später als Präsident der Stiftung Wissenschaft und Politik – oder eher literarisch-essayistisch – Jünger als Schriftsteller – wichtige Bindeglieder zwischen Skeptikern des spätestens mit Gründung der Bundesrepublik beschrittenen, scheinbar unumkehrbaren Weges in Richtung Westen und den Repräsentanten des neuen Staates. Speidel und Jünger waren einerseits in der Öffentlichkeit wahrgenommene und diskutierte Ausnahmepersönlichkeiten, andererseits boten sie mit ihren biographischen Stationen und den entsprechenden Zäsuren Identifikationsmöglichkeiten. Dem Soldatischen konnten Speidel und Jünger viel abgewinnen, dem Nationalsozialismus und dessen Gebaren weniger. Zum Widerstand durchzuringen vermochten sie sich hingegen nicht, auch wenn Speidel von einer persönlichen Nähe zum Widerstand später zu profitieren wusste.

Wiesen die Lebenswege beider durch vergleichbare – bürgerliche – Herkunft, die Zugehörigkeit zur Generation der Weltkriegsleutnants und das problematische bzw. im Falle Jüngers klar negative Verhältnis zur Weimarer Demokratie erhebliche Parallelen auf, so waren sie seit ihrer
Begegnung als Offiziere im besetzten Paris im Mai 1941 durch
Freundschaft eng verbunden, wenn auch nicht kontinuierlich in gleichem Maße. Dokumentiert ist dies, neben Äußerungen Dritter, in einer umfangreichen, von Krüger ausgewerteten Korrespondenz. Im Fall Jüngers ist diese im Deutschen Literaturarchiv Marbach überliefert, im Fall Speidels privat im „Familienarchiv“. Die Voraussetzungen, die am Beginn der Arbeit standen, waren für beide Protagonisten höchst unterschiedlich. Ist das mono- und biographische Material, welches über Jünger vorliegt, nahezu unüberschaubar und dessen eigenes Werk zudem sehr umfangreich, so stand die Forschung im Hinblick auf Speidel fast noch am Anfang. Krüger konnte erstmals dessen Nachlass „umfassend auswerten“. Er schließt allerdings nicht aus, dass Speidels älteste Tochter „im Interesse eines positiven Bildes des Vaters und der Familie in die Überlieferung eingegriffen“ haben könnte (S. 3). Die Lebenswege und die Freundschaft von Speidel und Jünger lassen sich klassisch als Beispiel der komplementären Pole der vita activa und der vita contemplativa verstehen, welche vom Ansatz her entgegengesetzt sind und sich doch (zeitweise nahezu symbiotisch) ergänzen.

Jünger war der mehr als kampferprobte, schon in jungen Jahren mittels „Pour le Mérite“ (1918) sowie durch sein frühes Werk „In Stahlgewittern“ (1920) zu Ruhm gekommene Schriftsteller, der sich auch später immer wieder vorhalten lassen musste, zur Gewalt ein ästhetisierendes Verhältnis zu pflegen. Von seinem Standpunkt aus entzog er sich zeitlebens Vereinnahmungen, was nicht heißt, dass sein Name nicht erfolgreich politisch in Anspruch genommen wurde bzw. (retrospektiv) eine solche Funktion erfüllte. Letzteres aufzuzeigen ist Krügers besonderes Anliegen.

Speidel war seit 1936 im Generalstab des Heeres tätig, Rommel wurde auf ihn aufmerksam und machte ihn 1944 schließlich zum Stabschef der Heeresgruppe B. Krüger korrigiert die von ihm in einer früheren Arbeit selbst vertretene Wahrnehmung, Speidel sei lediglich ein „Bürogeneral“ gewesen. In den 1920er-Jahren war Speidel mit einer historischen Studie promoviert worden. Er war weltläufig, intellektuell und immer mit Wirkungsdrang, er versammelte Eliten um sich (genannt sei etwa die „Georgsrunde“ im besetzten Paris, benannt nach einem dortigen Hotel) und verfügte zeitlebens über beträchtliche Netzwerke. Bezüglich intensiv gepflegter Kontakte zu herausgehobenen Persönlichkeiten stand Jünger dem nicht nach. Wenig überraschend ist, dass Speidel und Jünger eine Reihe gemeinsamer Freunde hatten. Krüger sagt aber klar, dass sich der „denkerische Tiefgang Speidels dann doch in Grenzen“ gehalten habe. Ernst Jünger und sein Bruder Friedrich Georg (1898–1977) hätten Speidel nach dem Zweiten Weltkrieg „wesentliche Versatzstücke seiner Weltanschauung“ vermittelt (S. 331).

Ernst Jünger habe sich, so Krüger – auch unter dem Eindruck der Wertschätzung „hoher Repräsentanten der Republik“ und „schon nach der Währungsreform guter Einnahmen“ – in der Nachkriegszeit zum „gediegenen Konservativen“ gewandelt (S. 331). Dem neuen Staat habe er wesentlich nähergestanden, als viele seiner Adepten anfangs wahrhaben wollten: „Seine nationalkonservative Selbstinszenierung verdeckte das faktische Arrangement mit der Republik und ihrer Option für den Westen“ (S. 332). Einen „Dritten Weg“ habe Jünger, entgegen nicht nur damals verbreiteter Annahmen, nicht vertreten. Angegriffen wurde er trotzdem reichlich. Die Verleihung eines Ehrendoktortitels etwa, worum sich Freund Speidel für ihn bemühte, war nicht möglich.

Speidel, der „fachlich ausgewiesene, gebildete, politisch stramm konservative, aber kluge und wendige Charakter“ (S. 5), der seine militärische Karriere in der Bundesrepublik fortsetzen konnte, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, und es 1957 schließlich zum NATO-Oberbefehlshaber brachte, bemühte sich intensiv um die (frühe) Ausprägung des Bildes von der Wehrmacht und damit des Bildes der ehemaligen Soldaten und Offiziere. Möglichst sauber gedachte Speidel die Wehrmacht von den Verbrechen des NS-Regimes zu trennen, womit ihm lange Erfolg beschieden war. Er selbst setzte sich für verurteilte Kriegsverbrecher ein. Für sich persönlich konnte er in Anspruch nehmen, den Machthabern des „Dritten Reiches“ mehr oder weniger eindeutig ablehnend gegenübergestanden zu haben. Unumstritten war jedoch auch er nicht.

Die Biographien beider Hauptakteure bereichert die vorliegende Arbeit mit einer Fülle von Aspekten. Facettenreich aufgezeigt werden Diskussionen zwischen, um und über Speidel und Jünger. Über den bislang „unerforschten“ Speidel ist naturgemäß mehr Neues oder Detaillierteres zu erfahren, etwa über das höchst schwierige Verhältnis zu Charles de Gaulle, der 1963 auf NATO-Ebene für Speidels Ablösung sorgte. In geschichtspolitischer Hinsicht stellt Krüger als verbindend fest, dass die Reflexion über – indirekte – eigene Schuld am Zustandekommen des NS-Regimes bzw. Schuld durch funktionelle Mitwirkung weder bei Speidel noch bei Jünger eine Rolle spielte; bei ersterem gar nicht, bei Jünger lediglich zu Anfang marginal.

Beide schildert Dieter Krüger als Erbauer „narrative[r] Brücken“ (S. 120), die Vergangenes und Erlebtes erklärten, einordneten, eine Identifikation ermöglichten und – nach vollzogener eigener Wandlung – die jeweilige Gegenwart respektive den eingeschlagenen Weg als heilbringend vermitteln oder zumindest dessen Akzeptanz bewirken konnten (der Epilog ist überschrieben mit „Konservative Integration“, S. 327). Beherrscht wird das Buch allerdings von einem teleologischen Duktus: Das „Böse“ (die republikskeptischen bzw. -feindlichen Weltkriegsleutnants) wandelt sich quasi naturgesetzlich und vernünftig zum „Guten“ (den Verteidigern der amerikageführten freien Welt, wenn auch mit opportunistischen Einsprengseln und vielleicht nicht immer hundertprozentig überzeugt). Dieses „Gute“ zieht anderes „Gutes“ nach sich (die integrative Breitenwirkung), und die deutsche Geschichte hat ihr Ziel, den Anschluss an den Westen, erreicht. Sind historische Linien wirklich so gerade und so zwangsläufig? Krügers eigene Darstellung liefert – wohl eher ungewollt – auch manche Anhaltspunkte für alternative Lesarten.

Zitation
Erik Lommatzsch: Rezension zu: : Hans Speidel und Ernst Jünger. Freundschaft und Geschichtspolitik im Zeichen der Weltkriege. Herausgegeben vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Paderborn  2016 , in: H-Soz-Kult, 10.10.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27865>.