A. Kahane: Ich sehe was, was du nicht siehst

Titel
Ich sehe was, was du nicht siehst. Meine deutschen Geschichten


Autor(en)
Kahane, Anetta
Erschienen
Umfang
351 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Jander, Berlin

Die Forschungszugänge zur Analyse der DDR sind vielfältig. Ist die DDR vor allem als „moderne Diktatur“ oder gar „totalitäre Diktatur“ zu kennzeichnen? Welche Rolle spielt die Teilung des Landes für den ersten deutschen kommunistischen Staat? Wie „sowjetisiert“ war die DDR? Dies sind nur einige der zu Recht diskutierten Themen. Dabei fällt ein wesentlicher Gegenstand nicht selten unter den Tisch: die Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der deutschen marxistisch-leninistischen Diktatur. Auf dieses Thema und seine sträfliche Vernachlässigung durch die Wissenschaft macht jetzt das gerade erschienene Buch von Anetta Kahane aufmerksam.

Das Buch scheint zunächst lediglich eine Sammlung autobiografischer Geschichten zu sein. Kahane schildert größere Teile ihres bewegten Lebens seit ihrer Geburt 1954 in Ostberlin bis hin zu ihrer Mitarbeit am Zentralen Runden Tisch und ihrem Engagement im Kampf gegen Rechtsradikalismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in der neuen Bundesrepublik. Die Anlage des Buches geht jedoch weit über eine Sammlung von Geschichten aus dem Alltag der DDR hinaus.

Die Autorin wuchs in einer jüdischen kommunistischen Familie in Berlin-Pankow auf; ihre Eltern hatten den Nationalsozialismus im Exil überlebt und waren nach Deutschland zurückgekehrt. Bereits im Alter von drei Jahren lebte sie - ihr Vater arbeitete als Auslandskorrespondent für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften der DDR - für mehrere Jahre in Neu-Delhi. In die DDR zurückgekehrt erschienen ihr Kindergarten und Schule so vollkommen ungenießbar, dass sie sich an ihnen rieb oder sich ihnen entzog.

Zur Folie all ihrer späteren Wünsche für ein anderes, menschliches und anregendes Leben wurde ihr ein längerer Aufenthalt in Rio des Janeiro. Das wilde, bunte, herzliche, aber auch von großer Armut geprägte Leben in der brasilianischen Metropole ließen sie nach ihrer Rückkehr in die DDR den steifen, rassistischen und verklemmten Alltag nur noch mühsam ertragen. Die Kultur Brasiliens beeindruckte sie so sehr, dass sie später Lateinamerikanistik studierte.

Gegen den Willen ihrer Eltern begann sie sich - was heftige Konflikte mit ihrer Umwelt hervorrief - noch während ihrer Schulzeit öffentlich als Jüdin zu bekennen. So trug sie eine Halskette mit Davidstern. Bis sie mit dem antifaschistischen Staat am Anfang der 1980er-Jahre endgültig brach, dauerte es jedoch noch eine Weile. Sie bewunderte den unpathetischen, antifaschistischen Heroismus ihrer Eltern und eiferte ihm nach. Sie wollte sich bewähren, den Idealen ihrer Eltern und des antifaschistischen Staates gleichermaßen gerecht werden. Auch auf eine erpresste Verpflichtung zur Spitzeltätigkeit für das MfS - eine Freundin war bei dem Versuch ertappt worden, die DDR zu verlassen - ließ sie sich zunächst ein.

Sie betäubte ihre Einwände, Kritiken und Widersprüche zum SED-Sozialismus, bis sie bei zwei Auftragsarbeiten als Übersetzerin in Sao Tomé und Mosambik mit so gnadenlos zynischen, rassistischen und hinterhältigen DDR-Funktionären konfrontiert wurde, dass sie, um nicht selbst verrückt zu werden, Konsequenzen ziehen musste: „Als ich zurückkam aus Mosambik“ - schreibt Kahane - „wusste ich, dass es für mich keine politische Identifikation mit der realen DDR mehr geben könnte. Ich hatte erlebt, wie mit Freunden umgegangen wurde, wie tief der Rassismus in den Menschen und in der DDR als Staat verwurzelt war“ (S. 119). Sie begann, ihre eigenen Erlebnisse mit dem kalten, rassistischen und teilweise auch antisemitischen DDR-Alltag ernst zu nehmen, beendete ihre Verbindung mit dem MfS und arbeitete freiberuflich als Übersetzerin.

Es ist dieser zunächst nur zögernd und dann radikaler vollzogene Ausbruch Kahanes aus der „Antifaschismusfalle“ (S. 131), der das Buch zu einer ungewöhnlichen Dokumentation des Alltags in der nachnationalsozialistischen DDR macht. „Der Abschied“ - schreibt sie über ihren Bruch mit dem antifaschistischen Staat - „vollzog sich langsam, nicht immer bewusst und nicht auf einmal. Es waren Momente, die aneinander gereiht langsam eine Kette bildeten und mir den Hals zuschnürten“ (S. 131).

Der Leser wird in oft sehr bewegenden und plastischen Skizzen in eine DDR-Gesellschaft versetzt, die sich qua „Antifaschismus“ weitgehend von Schuld, Verantwortung und Haftung für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus selbst exkulpierte und gleichzeitig von einer hohen Kontinuität völkisch-nationaler Kultur gekennzeichnet war, Fremde ausgrenzte, deren Kultur missachtete und sie, wie z.B. die so genannten „Vertragsarbeiter“, ausbeutete und schikanierte. Kahane erzählt Geschichten aus ihrer Biografie, um eben über diese Zustände in der untergegangenen DDR zu berichten. Sie will die vielen Geschichten ans Licht befördern, die sie zwar wahrnahm, aber zunächst - um sich selbst nicht in Konflikte zu stürzen - lediglich als untypische Widrigkeiten des DDR-Sozialismus deutete. Erst mit ihrem Ausbruch aus der „Antifaschismusfalle“ fügten sich die Mosaiksteine für sie zu einem Muster zusammen. Der Leser ihres Buches nimmt nachträglich an dieser Selbstaufklärung teil.

Die DDR hat für Kahane mehrere Ursprünge: (1.) die Befreiung und Besetzung durch die Sowjetunion, (2.) der Umstand, dass die Deutschen den Nationalsozialismus nicht selbst beseitigt haben, und (3.) der Kalte Krieg. In der marxistisch-leninistischen Diktatur versuchte nicht nur die DDR-Elite, sondern auch ein großer Teil der Bevölkerung die Nachwirkungen des Nationalsozialismus vor sich selbst und der Welt zu verbergen. In den Autobiografien überlebender jüdischer Opfer des Nationalsozialismus - z. B. Rudolf Schottlaender[1] oder Helmut Eschwege[2] - bzw. ihrer Kinder - wie z. B. Kahane - kehren diese Kernprobleme der DDR in die Wahrnehmung (und damit hoffentlich auch in die Geschichtsschreibung) zurück. Wer sich mit ihren Erfahrungen nicht auseinander setzt, wird nicht hinlänglich verstehen können, wo die DDR-internen Ursachen des nach 1989 massiven Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus lagen.

Anetta Kahane gehört zu den äußerst produktiven Menschen, die seit dem Ende der DDR an der Gestaltung und Neuorientierung der Auseinandersetzung mit dem Rechtsradikalismus in der nun vereinigten Bundesrepublik maßgeblich beteiligt sind. Sie hat sich ganz der Förderung demokratischer Kultur und einer „Kultur des Respekts“ (S. 161) verschrieben. Ihr politisches Engagement wie ihre bewegend und eindringlich erzählten Geschichten machen darüber hinaus auf ein wesentliches Manko der neueren DDR-Forschung aufmerksam: Es fehlt ihr zwar nicht an Ansätzen für eine Forschung zum Alltag, jedoch an einer genaueren Recherche zur politischen Kultur. Die weitgehende Nichtbearbeitung der geistigen Folgen des Nationalsozialismus in der DDR und die Kontinuität der im Kern völkischen Vorstellung einer kulturell homogenen Gesellschaft, in der Fremde und Fremdsein nicht vorkommen, verachtet, diskriminiert und ausgeschlossen werden, sind eindringliche Belege eines solchen Mangels.

Anmerkungen:
[1] Schottlaender, Rudolf, Trotz allem ein Deutscher, Freiburg 1988.
[2] Eschwege, Helmut, Fremd unter meinesgleichen, Berlin 1993.

Zitation
Martin Jander: Rezension zu: : Ich sehe was, was du nicht siehst. Meine deutschen Geschichten. Berlin  2004 , in: H-Soz-Kult, 03.11.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5109>.
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03.11.2004
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