Rezensiert für H-Soz-Kult von
Astrid Meier, Historisches Seminar, Universität Zürich

Damaskus gehört zu den ältesten andauernd besiedelten städtischen Zentren der Welt. Es ist berühmt für seine scheinbar fast intakte mittelalterliche Altstadt, die 1979 als „the ancient city of Damascus“ in die Unesco-Liste des schützenswerten Welterbes aufgenommen worden ist. Trotzdem stammt das, was heute in der Altstadt zu sehen und zu erkunden ist, in der Hauptsache aus spätosmanischer Zeit. Und trotz des Status als Welterbe ist die Altstadt heute akut gefährdet. Die Stadtentwicklung von Damaskus hat in den letzten Jahren mit der Publikation mehrerer Spezialstudien einige Beachtung gefunden. Die meisten von ihnen konzentrieren sich auf das lange 19. Jahrhundert, in dem administrative Reformen, demografisches Wachstum und neue Verkehrsmittel die Stadtlandschaft grundlegend umgestalteten. [1]

Ross Burns’ Studie versucht hingegen, die gesamte Geschichte der Stadt von den Anfängen bis zum Ersten Weltkrieg in den Blick zu nehmen. Der ehemalige australische Botschafter in Damaskus, bekannt auch für einen beliebten und weitum geschätzten Reiseführer zu Syrien[2], will Leserinnen und Lesern einen informierten Überblick über die wichtigsten Etappen der Stadtentwicklung von Damaskus geben. Dabei stützt er sich in erster Linie auf archäologische Befunde und weniger auf die Vielzahl von mündlichen und schriftlichen Überlieferungen aus verschiedenen Bereichen (S. xx), ohne sie jedoch ganz zu vernachlässigen. Erzählungen und Legenden bringen denn auch einiges an Farbe in die chronologisch geordnete Abfolge von Epochen und Dynastien. Weiter spielen die Beziehungen zur nahen und weiteren geographischen Umwelt gerade in den frühen Kapiteln eine wichtige Rolle. Obwohl sie im Zentrum des Interesses stehen, werden so die Monumente und die Cityscape als wichtige Zeugnisse politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen begriffen.

Burns teilt sein Buch in zwei Teile. Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit dem antiken Damaskus, zieht sich aber bis zum Ende der Omayyadenzeit um 750 n. Chr., als Damaskus die Hauptstadt des noch jungen islamischen Kalifates war. Ross skizziert in einigen Strichen die ganz frühe Geschichte und widmet sich dann ausführlicher der aramäischen (1000-532 v. Chr.), der persisch-assyrischen (732-572), der hellenistischen (300-364) und der römischen Periode (64 v. Chr-268 n. Chr.). Dabei betont er die zentrale Bedeutung der Wasserversorgung der Stadt, deren Grundstruktur von natürlichen wie auch künstlichen Kanälen bereits aus der aramäischen Zeit stammt, unter den Römern und später bedeutend erweitert wurde und an manchen Orten bis heute Bestand hat. Daneben gelingt es ihm auch, anhand von gut eingesetztem Kartenmaterial anschaulich zu verorten, welche Spuren die verschiedenen urbanistischen Konzepte im heutigen Stadtbild hinterlassen haben. Der folgende Abschnitt (S. 80-95) fasst die komplizierte Geschichte der umliegenden Region im Spannungsfeld zwischen Byzanz und den persischen Sassaniden in den nächsten Jahrhunderten zusammen. Dabei betont Burns die Entwicklung eines christlichen Damaskus; zu dessen berühmtesten lieux de mémoire gehören das Grab von Johannes dem Täufer in der darum gebauten Basilika (heute in der Omayyadenmoschee), das Haus von Judas an der im Neuen Testament genannten „Geraden Straße“, in dem Ananias den gewandelten und geblendeten Paulus wieder sehend gemacht haben soll (S. 69), und das historisch nicht zu lokalisierende Tor, an dem der Apostel angeblich bei seinem zweiten Aufenthalt, zur Flucht bereit, in einem Korb heruntergelassen wurde. Die letzten beiden Kapitel dieses ersten Teils sind der Eroberung durch die Muslime und der Herrschaft der Omayyaden bis 750 gewidmet. Dadurch betont Burns eher die Kontinuitäten denn einen grundlegenden Bruch mit der byzantinisch und christlich geprägten Vergangenheit. Dem Bau der Omayyadenmoschee an der Stelle der alten Johannes-Basilika kurz nach 700 und dem politisch-gesellschaftlichen Umfeld, in dem diese Konstruktion anzusiedeln ist, wird dann aber ausführlich Platz eingeräumt.

Der zweite Teil des Buches beginnt mit der Machtübernahme der Abbasidendynastie im Jahr 750 und der Verlagerung der Hauptstadt des Kalifates in den heutigen Irak. Ross verortet im „revolutionären Programm“ der Abbasiden das Ende der antiken Welt (S. 129), wenigstens in Bezug auf Damaskus. Man weiß wenig von den folgenden Jahrhunderten, in denen sich die Stadt zu einem relativ unwichtigen Provinzzentrum degradiert sah. Erst mit der Eroberung von Jerusalem durch die Kreuzritter trat Damaskus wieder stärker in den Vordergrund. Dies zeigt sich auch am mehr oder minder umfangreichen Bauprogramm verschiedener Herrscherdynastien und an den heute noch existierenden Steinmonumenten aus jener Zeit, entlang deren Ross seine Stadtgeschichte erzählt. Übersichtliche Kapitel mit vielen Karten und Illustrationen zeigen die Entwicklungen von den Ayyubiden (reg. 1174-1250) über die Mamluken (1260-1516) bis zu den Osmanen (1516-1918). Auch Burns widmet der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein eigenes Kapitel, in dem er auf die Massaker von 1860 im Christenviertel und die enormen städtebaulichen Veränderungen eingeht. Schade ist nur, dass er seine Betrachtungen mit dem Ersten Weltkrieg unvermittelt abbrechen lässt, ohne wenigstens noch in großen Zügen die Weiterentwicklung der Stadt zu schildern. Zugegebenermaßen verändern sich die Rahmenbedingungen im 20. Jahrhundert sehr stark, doch hätte es ein solcher Ausblick gerade einem generell interessierten Publikum erleichtert, sich in der heutigen Stadtlandschaft zurechtzufinden und die hier betrachteten Stadtteile genauer zu situieren.

Ross bietet mit dieser kompakten und klar formulierten Übersicht einen guten Einstieg in die Stadtgeschichte von Damaskus, die nicht nur Reisenden oder allgemein Interessierten, sondern durchaus auch Historikerinnen und Historikern viel Nützliches und Interessantes zugänglich macht. Er zeigt sich normalerweise wohl informiert über neue Ansätze in der Stadtforschung, so zum Beispiel in der Diskussion über die Entwicklung der bis heute das Stadtbild stark prägenden Bazarstrassen (arabisch Suq) aus den römischen Durchgangsstraßen. [3] Das schlägt sich auch in der fast 25seitigen Bibliographie nieder, die den Forschungsstand in vielen Bereichen adäquat widerspiegelt. Zahlreiche Karten, Pläne und Illustrationen und ein umfangreicher Index sowie ein Glossar erschließen auch Detailinformationen zu einzelnen Begriffen und Bauten und rechtfertigen bis zu einem gewissen Grad den stolzen Preis des Buches. Kleinere Unstimmigkeiten in Interpretationen und Terminologie schmälern den positiven Eindruck nur unwesentlich. Auch wenn Spezialisten für einzelne Perioden sicher das eine oder das andere vermissen werden, so ist das Buch doch eine lohnende Lektüre für alle, die vertiefte Informationen zu einer über Jahrtausende entstandenen Stadtlandschaft suchen. Oft angewandte starre Konzepte wie die „römische“ oder gar die „islamische Stadt“ zeigen sich so im Zusammenspiel der gestaltenden Kräfte wie nebenher als unbrauchbar.

Anmerkungen:
[1] Weber, Stefan, Zeugnisse kulturellen Wandels. Stadt, Architektur und Gesellschaft des osmanischen Damaskus im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Berlin 2006; Arnaud, Jean-Luc, Damas. Urbanisme et architecture, 1860-1925, Paris 2006. Auch Dorothée Sacks Studie "Damaskus. Entwicklung und Struktur einer orientalisch-islamischen Stadt" (Mainz 1989) ist 2005 vom Institut Français du Proche-Orient (Damaskus) ins Arabische übersetzt worden.
[2] Monuments of Syria. A historical guide, London 1999.
[3] Siehe dazu auch: Meier, Astrid; Weber, Stefan, Suq al-Qutn and Suq al-Suf. Development, organization and patterns of everyday life of a Damascene neighbourhood, in: Mortensen, Peder (ed.), Bayt al-‘Aqqad. The history and restoration of a house in Old Damascus, Aarhus 2005, 385-390.

Zitation
Astrid Meier: Rezension zu: in: , 08.01.2007, </publicationreview/id/reb-7246>.
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08.01.2007
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