T. Dietrich; R. Wenzke: Die getarnte Armee

Titel
Die getarnte Armee. Geschichte der kasernierten Volkspolizei der DDR 1952-1956


Autor(en)
Dietrich, Torsten; Wenzke, Rüdiger
Erschienen
Umfang
950 S.
Preis
DM 68,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Herbert Reinke

Der Untertitel des hier zu besprechenden Buches suggeriert – ob beabsichtigt oder nicht sei dahingestellt – eher unbestimmt "Geschichte", in diesem Fall "Geschichte der Kasernierten Volkspolizei". Irgendwie paßt diese Unbestimmtheit in einem positiven Sinne zu diesem Buch, denn es geht in diesem Band nicht um d-i-e Geschichte der Kasernierten Volkspolizei (KVP) der DDR, stattdessen werden mehrere Geschichten entfaltet bzw. lassen sich aus dem umfangreichen Text herauslesen: Zum einen die Geschichte der als Aufbau einer Polizeiformation getarnten Wiederaufrüstung des kleineren der beiden Nachfolgestaaten des 'Dritten Reiches'. Die Autoren, vor der Wende wissenschaftliche Mitarbeiter des Militärgeschichtlichen Instituts der DDR und seit 1990/91 Historiker am Militärgeschichtlichen Forschungsamt, in dessen Reihe "Militärgeschichte der DDR" das vorliegende Buch als erster Band erschienen ist, befassen sich mit der KVP vor allem als getarnter Wiederaufrüstung.

Da sich die neuere Militärgeschichte allerdings nicht länger nur mehr mit der Beschreibung militärischer Institutionen begnügt, sondern die Verknüpfungen von Militär und Gesellschaft in den Blick nimmt, soll auch das vorliegende Buch nicht nur eine Geschichte der KVP, sondern auch eine Geschichte der (Re-) Militarisierung der frühen DDR sein. Aber noch eine weitere Geschichte läßt sich aus diesem Buch 'herauslesen': Die Geschichte eines neuen Staates, dessen Regime aus Gründen der Machtsicherung nach innen und nach außen eigene staatliche Apparate aufzubauen versucht. Damit werden natürlich auch Fragen nach den Kontinuitäts- und Diskontinuitätslinien der SBZ bzw. der frühen DDR angeschnitten. Diese vielschichtige Fragestellung wird von den Autoren aufgegriffen, wird aber zugunsten einer Unmenge militärtechnischen Details, die vor den LeserInnen ausgebreitet wird, nicht immer konsistent weiterverfolgt.

Platz für diese Geschichten ist in dem Buch über die Kasernierte Volkspolizei allemal, denn den Autoren stehen 922 Seiten (inklusive einem mehr als hundertseitigen Dokumentenanhang, einem Bilderteil und einem als Zusammenstellung von Kurzbiographien gestalteten Personenregister) zur Verfügung, um die Entwicklung dieser Polizeiformation von ihren Anfängen bis zur Umwandlung als Kerntruppe der Nationalen Volksarmee der DDR darzustellen.

Dass die Kasernierte Volkspolizei die Vorhut der militärischen Aufrüstung der DDR gewesen ist, ist nicht unbedingt neu, aber die detail- und kenntnisreiche Schilderung der Hindernisse und Schwierigkeiten, die den Aufbau der Kasernierten Volkspolizei begleiteten, gibt zugleich den Blick frei für denjenigen Teil der Geschichte der KVP, die deren Rolle als „bewaffnetes Organ der Arbeiterklasse“ im ersten sozialistischen deutschen Staat beleuchtet: Der SBZ bzw. der jungen DDR fehlten die Mittel und die Infrastruktur, um einen Polizeiapparat aufzubauen, wie er denn im Verhältnis zur Größe und den wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes zu groß entstand. Die Defizite, die sich aus dieser Situation ergaben waren in jeder Beziehung desaströs, nicht allein im Hinblick auf die Unterbringung und die Ausrüstung der jungen Männer, die in die KVP eingetreten waren. Aber in den Planspielen und in den Vorstellungen der SED und linientreuer KVP-Offiziere sollten diese Mängel durch revolutionären Elan wett gemacht werden. Aber wo hätte dieser Elan herkommen sollen?

Torsten Diedrich und Rüdiger Wenzke weisen zu recht darauf hin, dass junge Männer sich nicht unbedingt in die Kasernierte Volkspolizei drängten, und dass auch die Werbeaktionen großen Stils, die die Freie Deutsche Jugend (FDJ) für die SED organisierte, nicht zu den erwünschten Ergebnissen führten. Um dennoch den Personalgrundstock der KVP sicherzustellen, wurden der neuen Polizeiformation Ende der vierziger Jahre schließlich 5.000 Kriegsgefangene aus Sowjetischen Kriegsgefangenenlagern zugeführt. Die dabei zu leistende Überzeugungsarbeit war vermutlich nicht allzu aufwendig, verfügte die KPV doch über Arbeitsplätze für diese Männer, die auf dem Arbeitsmarkt der DDR (noch) nicht Fuß gefaßt hatten. Vor dem Hintergrund dieser detailreich beschriebenen Defizite und Mängel bleibt die Darstellung der Autoren über die Zusammenhänge zwischen der Militarisierung und der frühen DDR-Gesellschaft allerdings eher blaß. Der Aufbau der militärisch ausgerichteten KVP und die Entstehung einer Rüstungsindustrie lassen sich zweifelsohne als Indikatoren einer Militarisierung der DDR verstehen, aber wie tief diese Militarisierung in die gesellschaftlichen Strukturen der DDR hineinreichten wird, nicht recht deutlich.

Wie stand es nun um den Anspruch, die „Macht der Arbeiterklasse“ durch Angehörige der Arbeiterklasse schützen zu lassen? Um den ersten Staat in der deutschen Geschichte, in der vermeintlich die Arbeiterklasse das Sagen hatte, auch durch Angehörige der Arbeiterklasse schützen zu lassen, sollte sich das Personal der Kasernierten Volkspolizei - sowohl die Mannschafts-Dienstränge der KVP wie auch deren Offiziere – vor allem aus Arbeitern zusammensetzen. Diese Strategie konnte beim Aufbau der Kasernierten Volkspolizei nicht durchgehalten werden: Ehemalige Wehrmachtsoffiziere bildeten bald einen nicht unwesentlichen Teil der Kader der Kasernierten Volkspolizei – was allerdings im Hinblick auf die langfristigen militärpolitischen Perspektiven und Professionalisierungen der KVP durchaus 'vernünftig' war.

Das Scheitern dieser verschiedenen Ansätze ist bekannt: Am 17. Juni 1953 versagte die Kasernierte Volkspolizei beim ersten ernsthaften Test ihrer Fähigkeiten völlig; das SED-Regime konnte bei diesem Aufstand nur durch das Eingreifen sowjetischer Besatzungstruppen gerettet werden. Weniger bekannt ist bis dato gewesen, dass die SED sich selbst keine Illusionen über die Brauchbarkeit der KVP im Hinblick auf die Verteidigung des SED-Regimes machte: Die Autoren weisen darauf hin, dass 1954 gerade einmal 25 Prozent der KVP-Angehörigen als linientreu eingestuft wurden, während bei weiteren 40 Prozent des Personals deutliche Zweifel an deren Zuverlässigkeit bestand und das restliche Drittel gar als (aktive oder passive) Gegner des SED-Regimes einzustufen war.

Die Frage, wie ein mit derartigen Mängeln behaftetes
vormilitärisches Organ als Vorstufe eines regulären militärischen Apparates fungieren konnte, wird von den Autoren in einem längeren abschließenden Ausblick auf die bis 1956 reichende Übergangsphase zur Nationalen Volksarmee der DDR angeschnitten, aber nicht weitergehend beantwortet. Damit bleibt auch die Frage offen, wie sicher sich die SED nach ihren Erfahrungen mit der KVP der frühen NVA sein konnte. Zu klären wäre, ob sich die NVA – im Vergleich zur KVP – durch eine erfolgreichere Professionalisierung des Personals, verbunden mit einer intensiveren Kaderarbeit für die SED tatsächlich zuverlässiger war. Mit einer Antwort auf diese Frage ist die SED bezüglich der NVA, anders als bei der KVP 1953, bis zum Ende der DDR erfreulicherweise nie konfrontiert worden.

Zitation
Herbert Reinke: Rezension zu: : Die getarnte Armee. Geschichte der kasernierten Volkspolizei der DDR 1952-1956. Berlin  2001 , in: H-Soz-Kult, 22.01.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-900>.
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Veröffentlicht am
22.01.2002
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