Ort
Bern
Veranstalter
Archiv für Agrargeschichte (AfA)
Datum
23.11.2007
Von
Roger Sidler, Bern

Das Archiv für Agrargeschichte (AfA) feierte am 23.11.2007 sein 5-jähriges Bestehen mit einer Tagung im Berner Käfigturm, auf der auch der Band 2 seiner Reihe Studien und Quellen zur Agrargeschichte/Etudes et sources de l’histoire rurale[1] vorgestellt wurde.

Wer Ende der 1980er-Jahre agrarhistorische Forschungen zum 20. Jahrhundert betreiben wollte, der musste sich auf intensive Quellensuche begeben. In den Archiven gab es nur wenige Unterlagen, viele Verwaltungsstellen hatten ihr Material nicht oder noch nie an die zuständigen Staatsarchive abgeliefert und bei den privaten Aktenbildnern erwies sich die Lage als noch desolater. Die erfolgreiche Suche einzelner Historiker nach relevanten Dokumenten warf rasch ein noch weit dringlicheres Problem auf: Die Erschließung und langfristige Sicherstellung der Quellen. Aus diesem Kontext heraus entwickelte sich die Idee eines Archivs für Agrargeschichte, aber es sollte bis zum Herbst 2002 dauern, bis das virtuelle Archiv für Agrargeschichte (AfA) gegründet werden und mit seiner Arbeit der Eruierung und Erschließung von Archivbeständen aus dem Agrarsektor beginnen konnte. Die einmal erschlossenen, d.h. mit einem Findmittel (bestehend aus einem Inhaltsverzeichnis und einer Bestandsanalyse) versehenen Archivbestände deponiert das AfA dann in bestehenden Archiven oder bei den Aktenbildnern selbst. Die vom AfA betriebene Datenbank Quellen zur Agrargeschichte[2] gibt Auskunft darüber, welche Quellenbestände zur ländlichen Gesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts, wo vorhanden und benutzbar sind. Bisher hat das AfA rund hundert Bestände erschlossen.

Vor diesem Hintergrund erwies sich das Tagungsthema „Archivieren und Forschen“ als eigentliches Bekenntnis der jungen Institution: Ohne Archivalien kein überprüfbares Wissen, ohne Forschung keinen Sachverstand beim Ordnen. Die interessantesten Fragen, die größte Neugierde oder der Wunsch nach Aufklärung können nicht eingelöst werden, wenn sie sich nicht am Material bearbeiten lassen. Diese wissenschaftliche Selbstverständlichkeit stößt nirgends auf Widerspruch. Dass Forschung seinerseits die Archivierung historischer Dokumente inspiriert, ihr womöglich Wege weist, anerkennt man gerne, doch verliert diese Einsicht bald an Überzeugungskraft. Zwar ärgert man sich in der konkreten Forschungsarbeit vor Ort über Findmittel, deren enormer Umfang und hoher Detaillierungsgrad nur deren analytisch dünnen Gehalt verbergen, über Zeit ersparende und das eigene Denken anregende Findmittel denkt man hingegen selten nach. Forscher halten sich an das, was sie vorgesetzt bekommen.

Das Archiv für Agrargeschichte beschreitet hier andere Wege. Es legt bei seiner Erschließung der Bestände großen Wert auf historischen Sachverstand, d.h. auf Kontextwissen über den Aktenbildner. BEAT BRODBECK und MARTINA INEICHEN illustrierten anhand von Findmitteln, wie das AfA Grundsätze und Herangehensweisen bei der Erschließung von Archivgut entwickelt und so Findmittel mit analytischem Gehalt bildet. Das notwendige Wissen dazu gewinnt das AfA durch die Forschung und den engen Kontakt mit den Aktenbildnern, die in vielen Fällen einen Zugang zum Entstehungskontext der Archivalien ermöglichen. Eigene Erkenntnisinteressen und daraus resultierende Forschungsprojekte ermöglichen dem AfA weitere, im Entstehen begriffene Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen. Zum einen soll eine interaktive Bibliografie zur ländlichen Gesellschaft der Schweiz entstehen. Darüber berichteten SANDRO GUZZI-HEEB und MARTIN STUBER. Zur Zeit umfasst die Bibliografie rund 1.600 Titel. Sie soll auf der Home Page des Archivs für Agrargeschichte aufgeschaltet werden. Mittels eines Passworts, das jedermann beim AfA beantragen kann, können Forschende die Bibliografie laufend ergänzen, wobei den Beteiligten durchaus klar ist, dass die Bibliografie von ihrer Seite her betreut und bearbeitet werden muss. Zum anderen hat das AfA die interaktive Datenbank Personen der ländlichen Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert aufgebaut. Im Gegensatz zu bestehenden Lexika und Nachschlagewerken wie etwa dem Historischen Lexikon der Schweiz (HLS), die ihr Augenmerk im Agrarsektor auf Agrarpolitiker und Verbandsfunktionäre richten, sammelt die Personendatenbank vorab Informationen über Akteure der ländlichen Gesellschaft, die selten in der Literatur auftauchen. Im Vordergrund stehen bspw. markante Bäuerinnen, Agronomen oder Dienstboten. DANIEL FLÜCKIGER und PETER MOSER, die selber über eine Wissensgeschichte der Landwirtschaft forschen und sich insbesondere mit der Berufsgruppe der Agronomen beschäftigen, berichteten, dass die Datenbank im Moment gut 2.500 Personen umfasst. Die entsprechenden Informationen stammen aus der Erschließungstätigkeit und eigenen Forschungsarbeiten. Von nun an ist diese interaktive Datenbank öffentlich zugänglich - auch um an weitere Informationen zu gelangen. Auch hier kontrolliert das AfA allerdings die Einträge mittels Vergabe von Passwörtern, um den Qualitätsstandard zu garantieren.

Wie anregend und insbesondere motivierend eine enge Zusammenführung von Forschen und Archivieren sein kann, dokumentieren nicht nur die erwähnten Aktivitäten, sondern auch die vielen Forschungsprojekte und Fragestellungen, die im Lauf der Tagung vorgestellt wurden. Am Abend versuchte dann eine Gesprächsrunde das Tagungsthema zu vertiefen. Trotz eines engagierten Plädoyers für mehr Sachverstand der Archive beim Erschließen und eine intensivere Auseinandersetzung der Forschenden mit der Quellenbildung von PETER MOSER, der das Selbstverständnis des Archivs für Agrargeschichte als Archivierungs- und Forschungsstelle noch einmal herausstrich, übten sich die angesprochenen Andreas KELLERHALS als Direktor des Schweizerischen Bundesarchivs, ERNST LANGTHALER als stellvertretender Vorsteher des Instituts für Geschichte des ländlichen Raums in St. Pölten, die Historikerin BEATRIX MESMER und JAKOB TANNER in seiner Funktion als Präsident des Schweizerischen Sozialarchivs in mehr oder weniger engagierten Voten für ihre jeweilige Institution. Alle waren sie sich einig, dass professionell geführte und weniger professionell geführte, virtuelle und wirkliche Archive sich wunderbar ergänzen würden und zwischen Archivaren und Forschern kein Gegensatz bestehe. Die Frage, ob der Wandel von Fragestellungen, auf den JAKOB TANNER kurz einging, das Anliegen des AfA, Forschung und Archivierung zu verknüpfen, unterlaufe, wurde leider nicht vertieft. Auch ANDREAS KELLERHALS‘ Andeutung, dass Archivare über spezialisiertes Wissen verfügen, das es ihnen erlaube, sich von der Forschung abzukoppeln, löste keinen Widerspruch aus. Nach einer intensiven Tagung wollte man endlich auf den Jubilar anstossen. Und so dominierte am Ende der Eindruck, dass das noch junge Archiv für Agrargeschichte vorzügliche Arbeit leistet und überaus anregend auf die Forschung wirkt.

Konferenzübersicht:

1. Workshop zur Geschichte der ländlichen Gesellschaft im 19./20. Jahrhundert

Teil I: Quellen, Metaquellen und Literatur
Brodbeck Beat; Ineichen, Martina: Neue Quellen aus dem Agrarbereich: Ein Beitrag des Archivs für Agrargeschichte zur künftigen Geschichtsschreibung der ländlichen Gesellschaft im 19./20. Jahrhundert.
Guzzi-Heeb, Sandro; Stuber, Martin: Überlegungen zu einer interaktiven Bibliographie der ländlichen Gesellschaft in der Schweiz.Mathieu, Jon: Der Nutzen von Datensammlungen zur ländlichen Welt: ein Beispiel aus den 1920er-Jahren.
Flückiger, Daniel; Moser, Peter: Interaktive Datenbanken: Neue Möglichkeiten für die Geschichtsschreibung der ländlichen Gesellschaft? Das Beispiel Personen der ländlichen Gesellschaft im 19./20. Jahrhundert des Archivs für Agrargeschichte.
Bürgi, Mathias: Oral History in der Historischen Ökologie – den Landnutzungsgeschichten auf der Spur.
Moser, Peter; Stucki, Brigitte: Leben und Arbeiten in der Landwirtschaft von 1930 bis 1970 – Erfahrungen aus dem Alltag. Ein Oral History Projekt des Archivs für Agrargeschichte.

Teil II: Erkenntnisinteressen und laufende Forschungsprojekte
Head, Anne-Lise: Les familles paysannes en Suisse: Perpétuation, transmission des biens, reproduction démographique et reproduction sociale.
Schaffner, Martin: Menschen und Institutionen im Urserntal.
Salzmann, Daniel: Agrarmodernisierung und Kulturlandschaftswandel im Kanton Bern 1750-1914.
Tissot, Laurent: La société rurale dans la nouvelle histoire économique du 20ème siècle.
Flückiger, Daniel: Ansätze zu einer Wissensgeschichte der Landwirtschaft und das Forschungsprojekt „Agronomen: Vermittler zwischen Industriegesellschaft und bäuerlicher Landwirtschaft?“ des Archivs für Agrargeschichte.
Mooser, Josef: Landwirtschaftliche Arbeit in der Perspektive der "Arbeitsgesellschaft".

2. Kolloquium: Quellen als Grundlage der historischen Forschung und Forschung als Inspiration zur Archivierung historischer Quellen

Einführung ins Thema
Peter Moser, Leiter Archiv für Agrargeschichte

TeilnehmerInnen:
Andreas Kellerhals, Direktor Schweizerisches Bundesarchiv
Ernst Langthaler, Institut für Geschichte des ländlichen Raumes, St. Pölten/Wien
Beatrix Mesmer, Universität Bern
Jakob Tanner, Universität Zürich, Präsident des Schweizerischen Sozialarchivs
Moderation: Sacha Zala, Universität Bern

Anmerkungen:
[1] Brodbeck, Beat; Flückiger, Daniel; Moser, Peter (Hrsg.), Quellen zur ländlichen Gesellschaft. Ein Wegweiser zu Archiven und Quellenbeständen der Agrargeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, Baden 2007 (208 S.).
[2] Vgl. <http://www.agrararchiv.ch> (25.01.2008)

Zitation
Tagungsbericht: Archivieren und Forschen, 23.11.2007 Bern, in: H-Soz-Kult, 16.02.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1886>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.02.2008
Beiträger
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung