Widerstand im Konzentrationslager. Formen, Voraussetzungen, Möglichkeiten und Verarbeitung aus literaturwissenschaftlicher und sozialpsychologischer Perspektive

Ort
Regensburg
Veranstalter
Hartmut Duppel / David Urschler, Universität Regensburg
Datum
07.07.2015 - 08.07.2015
Von
Tanja Schönborn, Institut für Romanistik, Universität Regensburg

Die nationalsozialistischen Konzentrationslager waren bestimmt durch ein System der Unterdrückung, Überwachung und körperlichen Schwächung, in welchem Auflehnung und gemeinsame Opposition der Inhaftierten unmöglich schienen. Trotz der extrem repressiven Bedingungen fanden sie Wege, Widerstand zu leisten. Hartmut Duppel (Romanistik) und David Urschler (Psychologie), beide Nachwuchswissenschaftler der Universität Regensburg, organisierten zum 70-jährigen Jubiläum der Befreiung der Konzentrationslager eine interdisziplinäre Tagung, deren besonderes Augenmerk auf der geistigen Auflehnung durch künstlerische bzw. kulturelle Ausdrucksformen lag. An die Tagung schloss sich eine Podiumsdiskussion an, die zu aktuellen Erinnerungsformen kritisch Bilanz zog und Herausforderungen auf sozialem und kulturellem Gebiet benannte. Tagung und Podiumsdiskussion standen unter der Schirmherrschaft von Isabella Von Treskow (Universität Regensburg, Institut für Romanistik) und Jörg Skriebeleit (Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg).

Nach einer gemeinsamen Exkursion zur KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und einer Begrüßungsansprache von Isabella von Treskow (Regensburg) eröffnete Hartmut Duppel die Veranstaltung. Er machte auf den Mehrwert der interdisziplinär angelegten Tagung aufmerksam, da man nur in diesem Rahmen fragen könne, ob in künstlerischen Aufarbeitungen von Widerstandserfahrungen auch Verhaltensweisen reflektiert würden, die in das Forschungsfeld der Sozialpsychologie fallen. Ausgehend von einer differenzierten Definition des Widerstandsbegriffs nach Detlef Garbe, der vier aufeinander aufbauende Kategorien des Widerstandes – Selbsthilfe, Solidarität, Verweigerungen und Widerstand – annimmt, machte er auf die Vielschichtigkeit des Konzepts aufmerksam. Er verwies dabei auch auf die Problematik des Widerstandsbegriffs und betonte, dass Widerstand selbst in minimaler Form nicht allen Inhaftierten möglich war. Entscheidende Faktoren seien z. B. die Struktur des jeweiligen Konzentrationslagers und die Position des einzelnen Häftlings innerhalb der Hierarchie der Lagergesellschaft gewesen.

BARBARA HEINDL (Frankfurt/Oder) nahm in ihrem Vortrag die Darstellung des Widerstandspotenzials religiöser Praxis in autobiographischen Texten jüdischer Überlebender der Shoah in den Blick. Zu nennen seien hier Primo Levi, Elie Wiesel, Ruth Klüger, Max Mannheimer oder auch Imre Kertész. Anhand der Analyse (auto-)fiktionaler Texte erläuterte Heindl, dass religiöse Handlungen zwar per se keinen Widerstandscharakter hätten, jedoch eine Modifizierung der Realität auf symbolischer Ebene ermöglichten, da sich der Betende den im Lager herrschenden Regeln strukturell und psychologisch entziehen konnte. Die aus freiem Willen betriebene Ausübung jüdischer Rituale habe folglich die individuelle Handlungsfähigkeit erweitert und könne damit als emanzipatorischer Akt verstanden werden, welcher den SS-Strategien der Degradierung und Dehumanisierung entgegenstand.

REGINA SCHUHBAUER (Regensburg) sprach über den Widerstandsbegriff der französischen Nachkriegsgesellschaft. Sie verwies auf die große Heterogenität der Strömungen, die relativ unkritisch unter dem Kollektivbegriff Résistance subsumiert würden. Während sich in der gaullistischen Politik (1958–1969) der Mythos einer brüderlichen Befreiung Frankreichs festigte und die Kollaboration völlig ausgespart wurde, vollzog sich von 1969–1981 ein Paradigmenwechsel vom Helden zum Opfer, um in der Ära Mitterand (1981–1995) in eine Fokussierung auf Kollaboration und Shoah zu münden. In den Amtszeiten von Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy habe sich das Interesse auf den zivilen Widerstand verlagert, der Widerstand im Konzentrationslager spiele in der französischen Forschung dagegen keine größere Rolle.

BERNHARD DOTZLER (Regensburg) präsentierte in seiner Keylecture Alain Renais’ Dokumentarfilm Nacht und Nebel (1955). Als prägend hob Dotzler in seiner filmästhetischen Analyse die Kombination aus schwarz-weißen Archivaufnahmen und farbigen Filmsequenzen der verlassenen Konzentrationslager Auschwitz und Birkenau hervor, was als künstlerisches Mittel gegen den üblichen Trauerflorblick fungiere. Die „subjektlosen Kamerafahrten“ zeigten die ehemaligen Folterstätten in prächtigen, fröhlichen Farben, um den Betrachter zu einer neuen Sicht der Dinge anzuhalten. Der Film verzichte auf Zeitzeugenberichte und zeige stattdessen die stummen Relikte des Lagergeländes, die an die Bedeutung des Erinnerns gemahnen, nicht zuletzt vor dem Hintergrund weiterer Gewaltereignisse wie den Algerienkriegen.

David Urschler (Regensburg) erklärte in seinem Vortrag das Phänomen des Bystander-Effekts auf der Grundlage sozialpsychologischer Forschungen. Mithilfe des Prozessmodells nach Latané und Darley (1970) lasse sich nachvollziehen, weshalb Menschen beim Beobachten von Unfällen oder Gewaltakten tatenlos zusehen, anstatt Hilfe zu leisten. Im Sinne einer Verantwortungsdiffusion verringere sich die Bereitschaft zum persönlichen Einschreiten, je mehr Zeugen eine Situation beobachten, da dadurch die individuell wahrgenommene Verantwortung sinke. In der Diskussion wurde die Spezifik des Zusammenhangs zwischen sozialpsychologischer Bystander-Forschung und Lagerthematik deutlich: Ein Einschreiten bei Misshandlungen hätte zusätzliche Bestrafungen des Opfers bzw. Kollektivstrafen zur Folge gehabt. Auf diese Weise generierte die SS passive Verhaltensmuster der Inhaftierten.

Nach dieser sozialpsychologischen Einführung ging FRANK WIEDEMANN (Hamburg) der Frage nach, ob in Konzentrationslagern inhaftierte Psychologen durch ihre psychische Stabilität und ihr geübtes Interaktionsverhalten bessere Überlebenschancen hatten. Wiedemann gab einen Überblick über psychologische Strategien der Bewältigung, darunter der Rückzug auf das eigene Selbst, die Einnahme einer Feldforschungsperspektive, Ästhetisierung oder Distanzierung durch Humor, aber auch die Akzeptanz der Zufälligkeit der Situation oder Kategorisierungen von Häftlingen und Wärtern. Als Ergebnis seiner Untersuchungen hielt Wiedemann fest, dass Häftlinge mit Kenntnissen in Psychoanalyse oder Nervenheilkunde zwar keinen nachweislichen Überlebensvorteil hatten, jedoch auf einen größeren Fundus an Strategien zurückgreifen konnten.

REBECCA SCHERF (München) nahm in ihrem Vortrag Formen des religiösen Widerstands in den Blick, indem sie die Ergebnisse ihrer Analyse von 29 evangelischen Lagerpredigten aus dem KZ Dachau vorstellte. Sie bezog sich auch auf die Tagebuchaufzeichnungen des dort inhaftierten Theologen Karl Adolf Gross (1892–1955). Durch Isolation des Pfarrerblocks seien die regelmäßig abgehaltenen Andachten dem Laienpublikum kaum zugänglich gewesen und hätten sich daher nur an eine geistliche, männliche Zuhörerschaft gerichtet. Die Predigten hätten einen unbemerkten Austausch durch die theologische Deutung von Bibelstellen ermöglicht, was durchaus als Widerstand zu verstehen sei. Laut Rebecca Scherf empfanden die Geistlichen die im KZ erfahrenen Strapazen und die allgegenwärtige Todesbedrohung als bewussten Nachgang der Passion Christi und irdisches Warten auf die endzeitliche Rettung.

Im Anschluss daran widmete sich NICOLE WARMBOLD (Berlin) den Charakteristika der Lagersprache, wobei „Nicht-Auffallen“ als die oberste Überlebensregel gegolten habe. Warmbolds zentraler These zufolge wurde die Lagersprache den Häftlingen durch die Bedingungen des KZ aufgezwungen, man habe jedoch versucht, der Sprache etwas Gutes abzugewinnen, indem man sie für sich funktionalisierte. Die Übernahme bereits bestehender Bezeichnungen der SS hatte demnach einerseits pragmatische Gründe, andererseits fand jedoch bei Euphemismen wie schleifen, erledigen, aufarbeiten, fertigmachen für ‚töten‘ oder Sport machen als Umschreibung für das Strafexerzieren auch immer eine Ironisierung statt. Eigene Bedeutungszuschreibungen erlaubten eine kognitive Verarbeitung der fremden Begriffe und dienten dem Selbstschutz. Warmbold legte 2006 eine Dissertation zum Thema Lagersprache. Zur Sprache der Opfer in den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Dachau, Buchenwald vor.

SABINE KÜNTZEL (Berlin) befasste sich unter dem Titel „Das Schöne in der Welt des Hässlichen“ mit Kunsthandwerk im KZ Ravensbrück. Heimlich angefertigte Spiele oder Schmuckstücke standen in Kontrast zum Lager als Gewaltraum, der von Entmenschlichung und permanenter Angst geprägt war. Doch statt nur den Dokumentationscharakter der Objekte festzustellen, müsse deren Bedeutung als künstlerische Form des Widerstands anerkannt werden. Es handelt sich bei den Objekten um Miniaturen, nützliche Utensilien, aber auch geistig wertvolle Gegenstände, wie es z. B. ein Rosenkranz aus Brotkrumen sein konnte. Dies verdeutlicht, dass der ideelle Wert der Gegenstände über der Stillung der Grundbedürfnisse stand. Sie dienten als Geschenk dem Knüpfen sozialer Bindungen oder als Eigenbesitz dem Ausdruck unzerstörbarer Identität.

Den Festvortrag der Tagung hielt LEON WEINTRAUB (Stockholm). Er war 13 Jahre alt, als die Wehrmacht in Polen einmarschierte, und lebte über vier Jahre zusammen mit seiner Familie im Ghetto Łódź, ehe er und seine Mutter ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurden. Eindrücklich berichtete er von der harten Arbeit im Ghetto, wo er als Elektriker tätig war, und den schrecklichen Erlebnissen im KZ. Seine Mutter wurde bereits bei der Ankunft ermordet, weitere Familienmitglieder hatte er aus den Augen verloren. Von Auschwitz-Birkenau kam er über Groß-Rosen nach Flossenbürg und schließlich nach Offenburg, einem Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof. Bei einem Weitertransort Richtung Schwarzwald wurden die Häftlinge schließlich von der französischen Armee befreit. Trotz der traumatischen Erlebnisse erklärte Weintraub, er habe „Hass“ und „Rache“ aus seinem Wortschatz gestrichen und lasse sich lieber enttäuschen, als Menschen mit Misstrauen zu begegnen.

Ähnlich wie das Kunsthandwerk hatte auch die Musik eine besondere Funktion als Widerstandsform, wobei zwischen Musik für die SS und Funktionäre und Musik für Häftlinge zu unterscheiden ist. Im Konzentrationslager Mauthausen, auf das sich PHILIPP MITTNIKS (Wien) Vortrag bezog, spielten sogenannte „Zigeunerkapellen“ zur Unterhaltung oder bei Geburtstagen von Lager-Kapos. Bis 1942 bestand die vorrangige Aufgabe der Lagerorchester nicht in musikalischer Erhebung, sondern im Terror, da das Ausrücken der Häftlinge durch paukenlastige, schmetternde Märsche begleitet wurde. Ab 1942 ist das zunehmende Singen von „Trotzliedern“ belegt, das im Gegensatz zum musikalischen SS-Terror dazu diente, im trostlosen Lageralltag Hoffnung zu spenden. Dem Singen und Austauschen von Volksliedern bei „Schallerabenden“ kam auch eine identitätsstiftende Funktion zu, besonders für die Arbeiterklasse. Schließlich betrachtete Philipp Mittnik die Thematik der Musik in nationalsozialistischen Konzentrationslagern unter geschichtsdidaktischen Gesichtspunkten.

Abschließend präsentierte ALEXANDER PRENNINGER (Salzburg) seine Überlegungen zur Frage „Was ist Widerstand in einem Konzentrationslager?“. Das KZ sei als Raum außerhalb jeden Rechts anzusehen und der Initiationsschock als schlimmste Folter des Häftlings. Eine Möglichkeit, klassisch verstandenen Widerstand zu leisten, d.h. offen zu rebellieren, habe nur für Funktionshäftlinge bestanden, aber nicht für die breite Masse der Insassen. Abgesehen von konkreten Widerstandshandlungen wie z.B. der kollektiven Appellverweigerung einer Häftlingsgruppe in Ebensee seien Auflehnungsversuche eher als ein Ausdruck des Selbsterhaltungstriebes als als Widerstand im eigentlichen Sinne anzusehen.

In der ABSCHLUSSDISKUSSION wurde auf Forschungsdesiderata verwiesen: Es steht noch aus, die Kategorie der Funktionshäftlinge daraufhin zu untersuchen, wann ihre Handlungen als Widerstand oder als Kollaboration einzustufen seien, des Weiteren, ob auch das Verhalten der „Muselmänner“ als Widerstand im Sinne eines Sabotageaktes durch (Arbeits-)verweigerung gelten könne. Auch das „Wogegen“ des Widerstandes sei nicht eindeutig geklärt. In Bezug auf die didaktische Vermittlung der Thematik wurden ebenfalls Desiderata genannt: Vor allem Philipp Mitnik kritisierte die derzeit im Aufschwung befindliche Holocaust Education und plädierte stattdessen für neue didaktische Zugänge: Man müsse die Häftlingsgesellschaft und den Alltag der Insassen in den Fokus nehmen, Kunst und Kultur im Dritten Reich nicht nur aus NS-, sondern auch aus Opferperspektive darstellen, um so neue Aspekte des Themas zu beleuchten. Einen Anstoß in diese Richtung soll ein Lehrwerk zum Konzentrationslager Flossenbürg für den Französisch- und Geschichtsunterricht bieten, das am Lehrstuhl von Isabella von Treskow in Planung ist.

Der in der Tagung verwendete Widerstandsbegriff umfasst jede Form von Eigeninitiative, die gegen die Zerstörung der Individualität gerichtet war. Widerstand im Konzentrationslager äußere sich nicht nur in den seltenen rebellischen Akten – man denke an Sobibór – durch physische Gewalt oder verbale Kritik, sondern in subtilen Formen der Individualisierung, Selbstbehauptung und Aufwertung des eigenen Ichs. Insofern fungierten das Schaffen von kulturellen Produkten, religiöse Handlungen oder performative Akte (Kritik, Bibelkommentare etc.) als indirekte Form des Widerstands, die dem intellektuellen Überleben, auch der psychischen Stärkung diene und der vollkommenen Entmenschlichung entgegenstrebe. Zeitzeugnisse sollten nicht nur unter dokumentarischem Aspekt betrachtet werden, sondern auch unter ästhetischen Gesichtspunkten, wobei die unterschiedlichen zeitlichen und lokalen Bedingungen der Lager zu berücksichtigen sind.

Isabella von Treskow (Universität Regensburg, Institut für Romanistik) eröffnete die Podiumsdiskussion und präsentierte die Leitfragen des Abends. Im Zentrum sollten Fragen nach Ritualen des Gedenkens, nach der geschichtlichen Sinngebung sowie nach unterschiedlichen Erinnerungsformen in Frankreich und Deutschland stehen. UDO HEBEL (Präsident der Universität Regensburg) betonte in seinem Grußwort die hohe Bedeutung der Verschränkung universitärer Lehre und öffentlicher Debatten.

An der von Franziska Brüning (Süddeutsche Zeitung) moderierten Veranstaltung nahmen JOACHIM WOLBERGS, Oberbürgermeister der Stadt Regensburg, Jochen Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, JEAN-CLAUDE BRUNET, Generalkonsul der französischen Republik in München, sowie Leon Weintraub teil, der die Diskussion als Zeitzeuge bereicherte.

Im Jahre 2015 stehen steigende Besucherzahlen in Gedenkstätten des Zweiten Weltkrieges und hohe Einschaltquoten bei Historienfilmen im Kontrast zu einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung, wonach 70 Prozent der Deutschen sich einen Schlussstrich wünschen. Da von ritualisiertem Gedenken Abstand zu nehmen sei, stellte die Moderatorin die Frage, was die Politik darüber hinaus tun könne. Oberbürgermeister Wolbergs zufolge müsse die Stadt Regensburg ihre Geschichte sichtbar machen (z. B. durch Stolpersteine), internationale Austauschmöglichkeiten für junge Menschen schaffen und den Bau eines neuen jüdischen Gemeindezentrums fördern.

Das Stichwort der Jugendbewegungen und deren Bezug zur Shoah aufgreifend erläuterte Leon Weintraub, er wolle bei seinen Interventionen in Schulen vor allem eine „Savetaste“ der Erinnerung sein und die Schüler gegen menschenverachtende Ideologien „impfen“, da er die Notwendigkeit des Bezeugens im Fortbestehen von Holocaustleugnern und Terrorbewegungen wie IS bestätigt sehe. Er könne allerdings junge Deutsche nicht von der Belastung durch die Schuld ihrer Vorfahren befreien, auch wenn sie selbst unschuldig seien.

Der französische Generalkonsul Jean-Claude Brunet legte die Situation in Frankreich dar, wo trotz einer Staatsbürgererziehung, der Éducation à la citoyenneté, Radikalisierungen unter Jugendlichen der französischen Vororte zu konstatieren seien. Diese Form der Erziehung, die den Geschichtsunterricht mit den Prinzipien der liberté, égalité, fraternité und laicité verbinde, reiche nicht aus, um die Tradition der Republik zu garantieren. Er betonte die Bedeutung von Erinnerungsorten und internationalem Austausch bei der Aufklärung heutiger Jugendlicher angesichts von Pegida und ähnlichen Bewegungen in Europa.

Franziska Brüning warf die Frage auf, welche Gedenkformen den Problemen der Gegenwart angemessen seien und ob man überhaupt aus der Geschichte lernen könne. Jörg Skriebeleit schlug eine Umstrukturierung von Erinnerungsorten als Rahmen einer nicht moralisierenden Auseinandersetzung vor. Gedenkstätten müssten vielmehr als Labore fungieren, in denen Menschen sich mit ihren Identitäten begegnen könnten, etwa im internationalen Jugendaustausch. In Flossenbürg sei z. B. der Austausch der jüdisch-arabischen-israelischen Gruppe äußerst fruchtbar gewesen, sodass sich „Moral“ von selbst eingestellt habe.

Auf die Frage, was Deutsche und Franzosen voneinander lernen könnten, nannte Brunet den 8. Mai als Nationalfeiertag in Frankreich. Dieser habe einen Bedeutungszuwachs erfahren, sodass er heute nicht nur dem Sieg über das Deutsche Reich, sondern genauso der Erinnerung an das Ende des Krieges und an die Vichy-Kollaboration gewidmet sei. Auch das Gedenken des Ersten Weltkrieges sei wichtig, spiele jedoch in Deutschland eine untergeordnete Rolle. Skriebeleit betonte die Aufgabe einer Differenzierung und Anerkennung von Täterschaft. In diesem Kontext wurde das in Regensburg geplante Museum für Bayerische Geschichte angesprochen, das als „Haus des Nachdenkens“ konzipiert sei, da es hier nicht nur um Holocaust und Nationalsozialismus gehe, sondern vor allem auch um Aktualitätsbezug und Zivilcourage als zentraler Aufgabe der Kommunalpolitik, wie der Oberbürgermeister präzisierte. Als oberstes Ziel für die Zukunft nannte Weintraub die Begegnung zwischen Schülern unterschiedlicher Herkunft, damit Fremdheit nicht als etwas absolut Anderes verstanden würde und um Vorurteile zu bekämpfen bzw. zu verhindern.

Konferenzübersicht:

Isabella von Treskow (Regensburg), Begrüßung

Hartmut Duppel (Regensburg), Eröffnung

Barbara Heindl (Frankfurt/Oder), Funktionen von religiöser Praxis in autobiographischen Texten jüdischer Überlebender der Shoah

Regina Schuhbauer (Regensburg), Zum Widerstandsbegriff der französischen Nachkriegsgesellschaft

Bernhard Dotzler (Regensburg), Keylecture: „Nacht und Nebel“ trotz allem oder „die prächtigen, fröhlichen Farben dieser Folterstätten“

David Urschler (Regensburg), Bystander und Lager – Sozialpsychologische Betrachtungen

Frank Wiedemann (Hamburg), Psychologen im Konzentrationslager – Methoden und Strategien des Überlebens

Rebecca Scherf (München), Evangelische Lagerpredigten und deren Widerstandscharakter

Nicole Warmbold (Berlin), Lagersprache – zwischen Unterwerfung und Selbstbehauptung, Anpassung und Gegenwehr

Sabine Küntzel (Berlin), „Das Schöne in der Welt des Hässlichen“ – Kunsthandwerk als Widerstand im Konzentrationslager

Leon Weintraub (Zeitzeuge, Stockholm), Festvortrag

Philipp Mittnik (Wien), Musik als Form des Widerstands im KZ Mauthausen (1939-1945)

Alexander Prenninger (Salzburg), Überlegungen zur Frage „Was ist Widerstand in einem Konzentrationslager?“ am Beispiel des KZ Mauthausen

Abschlussdiskussion der Tagung

Podiumsdiskussion „70-Jahr-Feiern zur Befreiung – Kritische Bilanz und offene Fragen“

Isabella von Treskow (Universität Regensburg, Institut für Romanistik), Eröffnung

Udo Hebel (Präsident der Universität Regensburg), Grußwort

Podiumsgäste:
Joachim Wolbergs (Oberbürgermeister Regensburg)
Jörg Skriebeleit (Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg)
Jean-Claude Brunet (Generalkonsul der Französischen Republik in München)
Leon Weintraub (Zeitzeuge, Schweden)

Moderation:
Franziska Brüning (Süddeutsche Zeitung, München, Journalistin)

Zitation
Tagungsbericht: Widerstand im Konzentrationslager. Formen, Voraussetzungen, Möglichkeiten und Verarbeitung aus literaturwissenschaftlicher und sozialpsychologischer Perspektive, 07.07.2015 – 08.07.2015 Regensburg, in: H-Soz-Kult, 05.11.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6231>.