Liminalisierung: Konfigurationen des Übergangs in antiken Gesellschaften

Ort
Erfurt
Veranstalter
Forschungsprojekt "Liminalisierung - Konfigurationen des Übergangs in antiken Gesellschaften", Universität Erfurt
Datum
12.10.2018 - 13.10.2018
Von
Katharina Waldner, Vergleichende Religionswissenschaft, Universität Erfurt; Lucas Rischkau / Otto Ritter, Antike Kultur, Universität Erfurt

„Alles in der Welt hat seine Grenzen“, so schreibt der russische Erzähler und Dramatiker Alexei Maximowitsch Peschkow, besser bekannt als Maxim Gorki, in seiner 1895 publizierten Erzählung Die alte Isergil. Er weist damit auf eine interessante Problematik hin: Grenzen sind in der Welt allgegenwärtig und treten in vielfältiger Weise in Erscheinung, ohne dass man diese auch gleich als solche wahrnimmt. Denn Grenzen sind nicht nur als eine territoriale oder zeitliche Kennzeichnung (Landes- oder Epochengrenzen) zu verstehen, sondern stehen nach Georg Simmels theoretischen Überlegungen in erster Linie für eine sozialräumliche Markierung des Verhältnisses eines Subjekts zu einem anderen. Grenzen sind soziologische Tatsachen, die erst im Nachhinein ihre räumlichen Ausformungen erleben. Natürlich wäre hier dennoch zu fragen, wie sehr vorgegebene Erscheinungen wie Flüsse, Berge oder Meere als zunächst natürliche Grenzgebilde auf die Konstruktion von sozialen Räumen ihrerseits Einfluss ausüben können.

Grenzen können manifestiert aber auch rein metaphorisch und imaginiert auftreten. In beiden Fällen jedoch haben sie letztlich immer ganz reale Konsequenzen für das Denken und Handeln einer Gesellschaft, indem eine Grenze trennende und verbindendende Elemente in gleicher Weise bedient und so zu vielfältigen Strukturierungen beiträgt. Dabei sollte stets im Auge behalten werden, dass Grenzen keine räumlichen oder sozialen Tatsachen darstellen, sondern etwas gesellschaftlich Geschaffenes sind und dass ihre Überschreitung mit ganz speziellen Praktiken, Ritualen, Vorstellungen und Wahrnehmungen verbunden ist, die in ihren jeweiligen historischen Kontexten bestimmt werden können.

Das Projekt „Liminalisierung“, dessen Auftakt der Workshop bildete, fragt danach, wie Übergänge von territorialen und sozialräumlichen Grenzen in den antiken Gesellschaften wahrgenommen, konstruiert und bewältigt wurden. Der Begriff „Liminalisierung“ steht dabei in der kulturwissenschaftlichen Tradition theoretischer Überlegungen zu Übergangsriten, beziehungsweise rites de passage durch Arnold van Gennep und vor allem zum Begriff der „Liminalität“ von Victor Turner, dessen Zustandsbeschreibung „liminaler“ Charaktere als zwischen zwei Zuständen, dem vorherigen und dem zukünftigen – also betwixt and between – stehenden Individuen, wichtige Impulse für die aktuelle Kulturtheorie bei der Untersuchung von Identität und damit verbundenen Transformationserfahrungen gegeben hat. „Liminalisierung“ selbst möchte darauf verweisen, dass auch solche liminalen Übergänge keine naturgegebenen Tatsachen sind, sondern selbst dynamischen Prozessen und Wechselwirkungen unterliegen, die durch spezifische soziale sowie kulturelle Praktiken und Medien konfiguriert werden.

Doch wie werden solche Übergänge konstruiert? Wer konstruiert sie? Auf welche Art und Weise werden sie in unseren Quellen dargestellt? Und welche Arten von Medien finden dabei Verwendung? Der Workshop näherte sich diesen Fragen und hatte dabei das Ziel, mittels themenübergreifender Beiträge verschiedene Perspektiven von Liminalisierungspraktiken und -vorstellungen in antiken Gesellschaften aufzuzeigen, die in vier Sessions aufgeteilt wurden: „De-finitionen“, „Anderwelten“, „Praktiken“ und „Figuren“.

Die erste Sektion des Workshops, „De-finitionen“, wandte sich der Problematisierung der häufig als gegeben hingenommenen Grenzziehungen in Raum und Zeit zu und fragte nach den Grenzen dieser notwendigen Ordnungsinstrumente für den historischen Erkenntnisgewinn. Im ersten Vortrag sprach JOHANNA LEITHOFF (Erfurt) über das antike Konzept des porthmós/fretum und zeigte anhand einer eingehenden Lektüre von Strab. 2, 5 sowie 17-26 auf, dass die „Meerenge“ in augusteischer Zeit weniger der Beschreibung natürlicher Relationsverhältnisse zwischen Land und Wasser gedient habe, als vielmehr ein vorzügliches Ordnungsinstrument zur Erfassung von Raum dargestellt habe. NADINE VIERMANN (Konstanz) stellte anhand der Herrschaft des Kaisers Heraklios (614-641) die Frage, wie Schwellenzeiträume adäquat historiographisch dargestellt werden könnten. Zur Beantwortung dieser Frage präsentierte sie, ausgehend von Reinhart Koselleck, ein Drei-Ebenen-Modell: Die Darstellung der Ereignisse, der Strukturen sowie der zeitgenössischen Bewältigungsdiskurse.

Die zweite Sektion widmete sich in drei Vorträgen den „Anderwelten“ des Traumes, des Bürgerkriegs und der israelitischen Väter und fragte nach dem Übersetzen der anderweltlichen Ereignisse über die Schwelle zur lebensweltlichen Realität der Betroffenen. So zeigte CHRISTOPHER SCHLIEPHAKE (Augsburg) an einer Reihe von Beispielen aus dem Traumdeutungsbuch (Oneirokritika) des Artemidor von Daldis auf, wie die jeweiligen Übertragungsstrategien der potentiell die Zukunft präfigurierenden Traumereignisse stets an soziokulturelle Realien der träumenden Person, wie Alter, Geschlecht oder kulturelle Identität rückgebunden seien: Wenn zwei das Gleiche träumten, bedeute dies längst nicht dasselbe. Der Vortrag von DORIS FLEISCHER (Erfurt / Berlin) thematisierte die „Politik“ der Bezeichnung kriegerischer Auseinandersetzungen als stásis oder pólemos in Platons Staat. Die Wortwahl gleiche hier dem Einziehen eines kulturräumlichen limen: Während der Begriff pólemos auf Beteiligung von ‚Barbaren‘ und damit auf einen Außenraum verweise, kann es stásis nur unter Hellenen und innerhalb von Hellas geben. Somit reflektiere die Wortwahl auch kulturelle Zugehörigkeitskonzepte. Im Fokus des Vortrages von MARTINA KEPPER (Marburg) stand schließlich der Gründungsmythos des Volkes Israel um die Väter im Buch Genesis. Kepper arbeitete anhand der alttestamentlichen Vätererzählungen heraus, dass zu deren Entstehungszeit während des Babylonischen Exils das Moment räumlicher Liminalität als wesentlich für die Auffassung des „Landes“ des jüdischen Volkes verstanden werden könne.

Sektion drei behandelte Praktiken der Liminalisierung in Form der Monetarisierung des Mittelmeerraums in archaischer Zeit sowie am Beispiel des Initiationsrituals der ersten Bartschur im kaiserzeitlichen Rom. Ersteres behandelte JOHANNES EBERHARDT (Berlin) und stellte die These auf, dass durch die sukzessive Ausbreitung des Münzgeldes fortwährend limina zwischen monetarisierten und (noch) nicht monetarisierten Regionen verlegt wurden. Die Überschreitung dieser Schwelle wurde schließlich zum Auslöser vielschichtiger Transformationsprozesse. Anhand der barbatoria, machte CHRISTOPHER DEGELMANN (Berlin) dann deutlich, wie das bewusste Hinauszögern oder Vorziehen dieses letzten in der Reihe römischer Mannwerdungsrituale gerade im iulisch-claudischen Kaiserhaus als Instrument der Nachfolgepolitik gebraucht werden konnte.

In der vierten und letzten Sektion des Workshops traten schließlich liminale Figuren in den Mittelpunkt. Leitende Fragestellung dieser Runde war, durch welche Strategien und Medien solche Figuren, die sich den zu ihrer Zeit jeweils dominierenden sozialen Ordnungsschemata zunächst entzögen, für sich selbst eine Identität und einen Ort im Sozialen schufen. OTTO RITTER (Erfurt) konnte anhand der poetologischen Äußerungen des Ennius und Plautus aufzeigen, dass im Falle der frühen römischen Dichter die Rede über das eigene Tun zugleich auch das Einfordern eines individuellen Platzes im Gefüge der Gesellschaft darstellte, und dieser Platz in je verschiedener Weise stets an den Wertkodex der römischen Nobilität rückgekoppelt blieb. Im letzten Vortrag schließlich zeichnete MAIK PATZELT (Osnabrück) die christlichen Witwen der Spätantike als Grenzfiguren, die für sich eine hybride Identität verfertigten: In ihrem Alltagshandeln hätten sie sonst strikt männlich, weiblich oder geschlechtslos konnotierte Elemente aufgenommen und daraus eine Art "drittes Geschlecht" – eben die "Sozialfigur der Witwe“ – erschaffen.

In der Abschlussdiskussion wurde feststellt, dass der Begriff der Liminalisierung insofern hilfreich sei, als er den Blick auf dynamische Prozesse lenkt, die so als soziale Praktiken beschreibbar werden. Dabei seien verschiedene Ebenen zu unterscheiden: 1) Als Historiker/innen führen wir selbst Operationen der Grenzziehung, Grenzüberschreitung und Grenzauflösung durch, indem wir Epochengrenzen festlegen (oder kritisieren) sowie naturräumliche Grenzen als gegebenen annehmen und als solche bezeichnen. Dies gilt auch für soziale und politische Grenzen, etwa zwischen verschiedenen Altersstufen von Individuen und Kollektiven, zwischen den Geschlechtern, zwischen gesellschaftlichen Gruppen oder auch „Zuständen“, wie etwa „wachen“, „schlafen“ und „träumen“ oder „Krieg“ und „Frieden“. Indem wir uns der Tatsache bewusst werden, dass wir bei solchen Prozessen oft nach den Mustern und Gewohnheiten unserer eigenen Gegenwart verfahren, wird der Blick frei auf die entsprechenden Verfahren in antiken Gesellschaften. Als besonders einschlägiges Beispiel ist hier der Beitrag zu Epochengrenzen von Nadine Viermann zu nennen. 2) In antiken Gesellschaften lassen sich Grenzziehungen und -überschreitungen als Ordnungspraktiken untersuchen, deren Rationalität sich von unseren modernen Auffassungen deutlich unterscheidet; dies zeigte sich deutlich am Beispiel der Meerengen (Beitrag von Johanna Leithoff), lässt sich aber auch für die Abgrenzung der gleichzeitig politischen wie topographischen Räume „Polis“ und „Hellas“ (Beitrag von Doris Fleischer) oder bestimmter Altersstufen (Beitrag von Christopher Degelmann) feststellen. 3) Individuen und Gruppen können ihre Identität als „liminal“ definieren und reflektieren. So wird eine paradoxe Operation erkennbar, die in der Diskussion und im Beitrag von Otto Ritter als „Selbstliminalisierung“ bezeichnet wurde. Dabei wird gerade der liminale Zustand zum Signum einer möglicherweise immer prekären Identität – Beispiele hierfür waren die Position altlateinischer Dichter in der römischen Literatur des 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. (Otto Ritter), aber auch die Figur der „Witwe“ im spätantiken christlichen Diskurs (Beitrag von Maik Patzelt) und schließlich das Konzept des „Landes“ als Übergangszustandes im antiken Israel (Beitrag von Martina Kepper). 4) Als letztes ist die Beobachtung zu nennen, dass nicht nur moderne Theoretiker, wie der eingangs genannte Georg Simmel, die zentrale Funktion sozialer Grenzziehungen feststellten, sondern auch antike „Spezialisten“ wie beispielsweise der Traumdeuter Artemidor (Beitrag von Christopher Schliephake) auf soziale Ordnungssysteme rekurrierten, die als sicherer Referenzpunkt die unsichere Grenzüberschreibung des Tagesbewusstseins durch den Zustand des Träumens deutbar machen.

Am Ende des Workshops zeigte sich, dass der Begriff der Liminalisierung seinerseits einer noch deutlicheren Abgrenzung gegenüber verwandten Begriffen bedarf, insbesondere gegenüber „Schwelle“, „Übergang“, „Transformation“ und „Marginalisierung“. Gleichzeitig wurde die Frage gestellt, ob der Begriff für alle Themen, die im Workshop betrachtet wurden, gleichermaßen geeignet sei, oder ob Forschungsfelder, die mithilfe dieses Begriffs analysiert werden sollen, auch inhaltlich enger zu definieren seien. Es wurde aber deutlich, dass dem Konzept der Liminalisierung das Potential innewohnt, durch das ihm eigene dynamische Moment gewohnte Sichtweisen auf verschiedene soziokulturelle Praktiken zu verändern.

Konferenzübersicht:

Session 1: De-finitionen
Moderation: Cordula Bachmann (Erfurt)

Johanna Leithoff (Erfurt): "Am meisten aber wird das Land vom Meer gestaltet..." Meerengen als Grenzen in der Geographie

Nadine Viermann (Konstanz): Transformation erzählen – Oströmische Monarchie im frühen 7. Jahrhundert und das Problem der Epochengrenze

Session 2: Anderwelten
Moderation: Annette Weissenrieder (Halle an der Saale)

Christopher Schliephake (Augsburg): Träume und ihre Deutung als Phänomene der Liminalisierung in der griechisch-römischen Antike

Doris Fleischer (Erfurt / Berlin): Die stasis als liminaler Raum? Definitionen des ‚Krieges‘ in Platons Politeia und Nomoi

Martina Kepper (Marburg): „Geh ins Land…“ Konfigurationen des Übergangs im antiken Israel am Beispiel der Vätererzählungen der Genesis

Session 3: Praktiken
Moderation: Lucas Rischkau (Erfurt)

Johannes Eberhardt (Berlin): Ist Monetarisierung Liminalisierung?

Christopher Degelmann (Berlin): Übergehen und übergangen werden – oder: Das Spiel mit
der Liminalität. Die römische barbatoria als Initiationsritual

Session 4: Figuren
Moderation: Kai Brodersen (Erfurt)

Otto Ritter (Erfurt): Dreimal betwixt und zugenäht. Selbst-, Fremd- und Entliminalisierungen altlateinischer Dichter

Maik Patzelt (Osnabrück): Die christlichen Witwen der Spätantike als Grenzfiguren

Abschlussdiskussion
Leitung: Katharina Waldner (Erfurt)

Zitation
Tagungsbericht: Liminalisierung: Konfigurationen des Übergangs in antiken Gesellschaften, 12.10.2018 – 13.10.2018 Erfurt, in: H-Soz-Kult, 14.02.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8107>.