Hachschara und Jugend-Alija in Deutschland und Palästina

Ort
Steinhorst
Veranstalter
Prof. Dr. Ulrike Pilarczyk, TU Braunschweig; Prof. Dr. Ofer Ashkenazi, Hebräische Universität, Jerusalem
Datum
26.04.2019
Von
Marco Kißling, TU Braunschweig

Die Tagung stellte erste Forschungsergebnisse des DFG-Projekts „Nationaljüdische Jugendkultur und zionistische Erziehung in Deutschland und Palästina zwischen den Weltkriegen“ – ergänzt durch zwei Gastvorträge – zur Diskussion. Im Rahmen der Tagung wurde am Vorabend die Ausstellung „… unter normalen Umständen wäre ich kein 'Bauer' geworden“ (Max Barta) eröffnet, in der zwei bislang getrennte Ausstellungen zum Thema Hachschara und Jugend-Alija zusammengeführt wurden. Dabei handelte es sich zum einen um die von Studierenden der TU Braunschweig unter Leitung von Ulrike Pilarczyk entwickelte Ausstellung „Schützende Inseln. Jüdische Lehrgüter im Nationalsozialismus“ und zum anderen um das von Arnold Bischinger entworfene Projekt „zwischen/raum“ über das jüdische Lehrgut im brandenburgischen Neuendorf im Sande.

In ihrem Eröffnungsvortrag stellte dessen Leiterin, ULRIKE PILARCZYK (Braunschweig), das seit Juli 2018 an der TU Braunschweig in Kooperation mit Ofer Ashkenazi und dem Koebner-Minerva Center for German History der Hebräischen Universität arbeitende Projekt vor. Ausgehend von der Tatsache, dass die Themen Hachschara und Jugend-Alija immer noch zu den Desideraten historischer Forschung gehören, markierte Pilarczyk das Tagungsthema als Schnittstelle der drei Teilprojekte des Forschungsprojektes. Zugleich stellte sie die Themen in die historisch weitere Perspektive von „Nationaljüdischer Jugendkultur“ und theoretisch-methodologisch in den übergreifenden projektleitenden Zusammenhang Intergenerationalität, Transnationalismus und Gender. In diesen Begriffen spiegele sich auch die grundlegende Annahme des Forschungsprojektes wider: die Existenz, Kontinuität und Dynamik pädagogisch relevanter Netzwerke, in denen mehrere Generationen jugendkulturell und nationaljüdisch inspirierter Frauen und Männer zusammenwirkten und die pädagogischen Entwicklungen in Deutschland und Palästina gestalteten.

OFER ASHKENAZI (Jerusalem) betonte in seinem Grußwort die Relevanz dieses deutsch-israelischen Projektes. Denn, so Ashkenazi, die zu analysierenden Phänomene und Transformationen aus deutsch-jüdischen Diskursen der Jugendbewegung in das Mandatsgebiet Palästina seien einerseits ohne die Wurzeln in der jüdischen Jungendbewegung selbst und andererseits ohne den fortwährenden Kontakt und Dialog mit der zionistischen Bewegung in Palästina nicht verstehbar. Daraus ergibt sich für das Projekt ein Archivkonvolut, das es inhaltlich an den Schnittstellen von Jugendbewegung und der internationalen zionistischen Bewegung zu fassen gilt. Dies und die Mehrsprachigkeit dieser Quellen machen die Zusammenarbeit von israelischen und deutschen WissenschaftlerInnen notwendig und fruchtbar. Nur so sei eine systematische Archivarbeit und Aufbereitung der Quellen machbar.

KNUT BERGBAUER (Braunschweig) konzentrierte sich im ersten Beitrag auf die frühen Versuche der chaluzischen, das heißt die auf die Auswanderung nach Palästina orientierte Hachschara seit dem Ende des Ersten Weltkrieges in Abgrenzung zu den schon länger bestehenden Umschichtungs- und Auswanderungsvereinen. Bergbauer konnte zeigten, dass die Idee und Umsetzung der Hachscharagüter, also landwirtschaftliche und handwerkliche Ausbildungs- und Vorbereitungsstätten, im Wesentlichen von einer kleinen Minderheit in der jüdischen Jugendbewegung getragen wurde. Er problematisierte dabei sowohl die Diskrepanz zwischen dem vermittelten Bild der Möglichkeiten in Palästina und der Realität vor Ort, die nicht selten zu Enttäuschung und Abbruch der Auswanderung führte. Er ging aber ebenso auf die besondere Rolle der Mädchen und Frauen in der Bewegung ein, deren Beteiligung durchaus zum Erfolg der Projekte beigetragen hat. Bergbauer schloss damit, dass die geringe Anzahl aus Deutschland stammender Chaluzim nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass es vor allem diese Gruppe von jungen Menschen war, die nach 1933 die Einwanderung und Rettung der jüdischen Jugend aus dem nationalsozialistischen Deutschland in Palästina realisierte.

Eine besondere Entwicklung innerhalb der Hachscharagruppierungen präsentierte MARCO KISSLING (Braunschweig) in seinem Vortrag. Er stellte heraus, dass Religion und jüdische Tradition in der zionistischen Jugendbewegung in Deutschland eine nur sehr untergeordnete Rolle spielte und es für religiös-zionistische Jugendliche keine Möglichkeit der Hachschara gegeben habe, bis 1924 ein erstes religiöses Lehrgut eröffnete und über die kommenden Jahre erfolgreich die Grundlage einer gleichermaßen religiösen und zionistischen Jugendbewegung bilden sollte. Kissling konzentrierte sich dabei insbesondere auf die damit verbundene ideengeschichtliche Entwicklung einer Synthese von Religion und Sozialismus, die darin ihren praktischen Ausdruck fand. Wie bereits von Knut Bergbauer resümiert, markierte Marco Kissling im Fazit seines Vortrags die Relevanz des jugendlichen Projektes der Hachschara für die strukturelle und personelle Umsetzung der Einwanderung nach 1933 und insbesondere der Jugend-Alija.

Diesem grundlegenden Fazit schloss sich auch BERNHARD GELDERBLOM (Hameln) in seinem Vortrag an. Die Gruppe Cherut (Hebr. „Freiheit“) verstand sich bereits in Deutschland als Kibbuz, lebte und arbeitete allerdings nicht zusammen, sondern einzeln an verschiedenen Orten um Hameln. Gelderblom betonte, dass die Gründung des Kibbuz Cherut als bewusster Schritt des Protestes verstanden werden könne, der einerseits in eine Zeit fiel, in der durch Einwanderungsperre und Wirtschaftskrise die Auswanderung nach Palästina im Grunde unmöglich wurde, andererseits die gesellschaftlichen Zustände der Weimarer Republik ihre liberale Hochzeit erreichte und der Weg der jüdischen Assimilation als ein Erfolgsweg erschien. Die Jugendlichen der zu gleichen Teilen aus west- und osteuropäischen Juden bestehenden Gruppe orientierte sich offen an der palästinensischen Arbeiterschaft und sah im Zionismus den Weg zu einer neuen jüdischen Identität. Mit der gemeinschaftlichen Auswanderung und erfolgreichen Gründung des Kibbuz Givat Brenner in Palästina 1928 schuf Cherut retrospektiv eines der wichtigsten Zentren der Jugend-Alija.

Ein weiteres Zentrum für die Jugend-Alija stellte nach 1933 das Kinder- und Jugenddorf Ben Schemen dar, dem sich BEATE LEHMANN (Braunschweig) in ihrem Beitrag widmete. 1927 durch Siegfried Lehmann gegründet, sollten dort vor allem jüdische Kinder aus Osteuropa eine land- und hauswirtschaftliche Ausbildung erhalten und in die Lage versetzt werden für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen. Bereits 1932 wurde eine Kooperation mit Berliner Vereinen der jüdischen Kinder- und Jugendhilfe geschlossen, um auch für Kinder aus Deutschland eine berufliche Ausbildung außerhalb des Rahmens zionistischer Hachscharagüter zu finden. Nach 1933 intensivierte sich diese Kooperation und konnte – nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten – umgesetzt und für die Auswanderung und Unterbringung hunderte jüdischer Kinder aus Deutschland gefestigt werden. In ihrem Vortrag verwies Lehmann auch auf die zentrale Bedeutung der generationellen Netzwerke in der Organisation, wie etwa zwischen Siegfried Lehmann und Werner Senator, die auf die Zeit des Ersten Weltkriegs zurückgingen.

Aus theoretischer und historischer Perspektive betrachtete MIRIAM SZAMET (Jerusalem / Braunschweig) in ihrem Vortrag die in den Kibbuzim dieser Zeit wirkenden pädagogischen Grundsätze. Ursprünglich als ein Rettungsprojekt für deutsch-jüdische Jugendliche während des Nationalsozialismus begonnen, entwickelte sich die Jugend-Alija innerhalb weniger Jahre zu einer Bildungsinstitution, die in Israel bis in die 1980er-Jahre hinein wirksam war. Szamets Vortrag konzentrierte sich auf die pädagogischen Merkmale der frühen Jugend-Alija, als die Jugendlichen aus Deutschland zur Ausbildung und Arbeit in die neuen Kibbuzim geschickt wurden. Dort wurden sie in einer intimen und geschlossenen Gemeinschaft mit einer klaren zionistischen Orientierung und getrennt von ihren Eltern an das landwirtschaftliche Leben mit seinem spezifischen Verständnis von „Arbeit“ herangeführt. Im Vortrag wurde dabei insbesondere die Übertragung und Transformation des pädagogischen Wissens analysiert, wie es in diesem Projekt sichtbar wurde.

Mit dem abschließenden Vortrag über das Landwerk Neuendorf führte HARALD LORDICK (Essen) die Tagung zurück zu dem in der Ausstellung präsentierten jüdischen Lehrgut. Lordick konzentrierte sich dabei vor allem auf Entwicklung des Landwerks in den 1930er-Jahren, da es selbst bereits 1932 aus allgemeinen Wohlfahrtsbestrebungen heraus gegründet wurde und erst im Laufe des Nationalsozialismus den Charakter einer Hachscharastätte bekam. Mit dem Landwerk, die größte Einrichtung dieser Art, wurde ein Rahmen geschaffen, indem nicht nur sehr unterschiedlichen Ausbildungen absolviert werden konnten, sondern vor allem Jugendgruppen mit unterschiedlichsten politischen und religiösen Anschauungen parallel ihre Alija vorbereiteten. Nach 1938 wurde das Lehrgut in ein Arbeitseinsatzlager für ZwangsarbeiterInnen umgewandelt und diente nach 1943 als Sammellager für Deportationen nach Auschwitz. Vielen Jugendlichen, die in den 1930er-Jahren dort ihre Hachschara absolvierten, gelang die Flucht nach Palästina und in andere Länder. Aufgrund der historischen Bedeutung stellen das Areal und die Bauten seit 2018 unter Denkmalschutz.

Da bereits nach den einzelnen Beiträgen genügend Raum für angeregte Diskussionen und Nachfragen geboten wurde, schlossen Ulrike Pilarczyk und Ofer Ashkenazi die Tagung mit jeweils einer kurzen Zusammenfassung ab, in der noch einmal die wichtigsten Aspekte der weiteren Forschungsarbeiten des DFG-Projektes betont wurden.

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Ulrike Pilarczyk / Ofer Ashkenazi

Knut Bergbauer: „Auf eigener Scholle.“ Jüdische Jugendbewegung und frühe Hachschara in Deutschland

Marco Kissling: „Über den Schabbat.“ Die Anfänge der religiösen Hachschara in der Weimarer Republik

Bernhard Gelderblom: Der Kibbuz Cheruth in den Dörfern um Hameln 1926–1930

Beate Lehmann: Die Jugendalija als Herausforderung für das Kinder- und Jugenddorf Ben Schemen in Britisch-Palästina

Miriam Szamet: From a Rescue Project to Experimental Education: The ‘Jugend-Alija’ in Palestine during the 1930s

Harald Lordick: Hachschara und Alija im Landwerk Neuendorf

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Hachschara und Jugend-Alija in Deutschland und Palästina, 26.04.2019 Steinhorst, in: H-Soz-Kult, 29.06.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8342>.
Redaktion
Veröffentlicht am
29.06.2019
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