Die Geschichte des Erfolgsmodells BRD im internationalen Vergleich

Ort
Loccum
Veranstalter
Evangelische Akademie Loccum, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg
Datum
24.06.2005 - 26.06.2005
Von
Dominik Rigoll, Berlin

Wenige Tage nachdem das ZDF mit dem Doku-Dreiteiler „Fall Deutschland“ zu vermitteln versucht hatte, dass die Geschichte Westdeutschlands ungeschönt und der Zukunft zugewandt als „Abstieg eines Superstars“ geschrieben werden müsse[1], fand in der Abgeschiedenheit der Evangelischen Akademie Loccum eine Tagung statt, auf der ungeniert und ganz ohne Anführungszeichen an der „Geschichte des Erfolgsmodells BRD“ gearbeitet wurde.[2] Hatten sich in den Mainzer Studios noch Zeitzeugen die Klinke in die Hand gedrückt, um vor dunklem Hintergrund die Verfehlungen, die sie und andere sich hatten zuschulden kommen lassen, öffentlich zu bereuen (Helmut Schmidt: „Das war, wie ich heute weiß, ein schwerer Fehler“), und die politisch Verantwortlichen der Gegenwart zur Umkehr zu mahnen („Wenn wir auf Jahrzehnte so weiterfahren wie gegenwärtig, dann muss ich für unser Vaterland schwarz sehen“), herrschte auf der Loccumer Tagung eine vergleichsweise entspannte Atmosphäre. Dies mag zum einen daran gelegen haben, dass die Frage „Erfolgsgeschichte oder Vorgeschichte der Krise?“ erst für die Schlussdiskussion vorgesehen war. Entscheidender dürfte jedoch gewesen sein, dass die Mehrzahl der Anwesenden wenig Lust verspürte, ihr Interesse an der Lösung historiografischer Probleme gegen politikberatende Tätigkeiten zum Wohle des Standorts einzutauschen. Man blieb bei seinen Leisten, auch wenn man sich bewusst war, dass man so „die Geschichtspolitik anderen überlassen“ würde (Daniela Münkel). Paul Nolte hatte übrigens abgesagt.

Diese Zurückhaltung war implizit schon in den einleitenden Bemerkungen des Gastgebers zu spüren. Wenn Jörg Calließ (Loccum) hier von einer „Provokation“ sprach, die der Begriff „Erfolgsmodell“ darstelle, so tat er dies in erster Linie mit Blick auf fachinterne Debatten: Um den Begriff hätten sich in den Jahren zuvor so „viele Diskussionen gerankt“, dass es nur folgerichtig sei, dass man nun international vergleiche. Dabei sei zunächst die Frage nach dem Erkenntnisgewinn zu klären, den vergleichendes und transfergeschichtliches Arbeiten für die deutsche oder europäische Zeitgeschichtsforschung mit sich bringe.[3] Zum anderen gehe es schlicht und einfach darum, einen ersten Eindruck davon zu gewinnen, wie heute in der Praxis transnationale Fragestellungen bearbeitet werden. Die Organisatoren hätten weniger Anmeldungen erhalten als erwartet, was nicht gerade dafür spreche, dass transnational operierende Zeitgeschichtsforschung „in unseren Universitäten zu Hause ist“. Calließ machte die Not jedoch zur Tugend und sprach augenzwinkernd davon, dass man hier eben einen „Avantgarde-Diskurs“ führe, dem die Zukunft gehöre. Axel Schildt (Hamburg) konstatierte vorsichtig eine „leicht gestiegene Innovationsfreudigkeit“ der Zeitgeschichtsforschung und eine „Irritation des fraglos germanozentrischen Blicks“.

1. Theorie

Das Tagungsprogramm umfasste neben Vorträgen zu laufenden Forschungsprojekten auch Beiträge und Podien zu theoretisch-konzeptionellen Problemen. Aus der Perspektive eines vergleichend arbeitenden Historikers legte Heinz-Gerhard Haupt (Florenz) dar, wie „eine Europäisierung der Zeitgeschichte aussehen müsste“. Daniela Münkel (Hannover), Winfried Süß (München) und Gabriele Metzler (Tübingen) kam die Aufgabe zu, sich an einer Bilanz deutscher Zeitgeschichtsforschung zu versuchen, unter besonderer Berücksichtigung transnationaler Fragestellungen. Eine Besonderheit stellte das Podium „Wie europäisch ist die deutsche Zeitgeschichte?“ dar: Während Corinne Defrance (Paris) einen Überblick über die Kooperationsformen zwischen deutschen und französischen HistorikerInnen nach 1945 gab, führte Thomas E. Joergensen (Kopenhagen) dem Plenum das ambivalente Verhältnis vor Augen, das man „in kleinen Ländern“ zu Deutschland im Allgemeinen und zur deutschen Zeitgeschichtsforschung im Speziellen habe; eine Ambivalenz, die nicht zuletzt daraus resultiere, dass man sich in Dänemark für den „großen Nachbarn“ interessieren müsse, die dänische Zeitgeschichte jedoch südlich von Schleswig so gut wie niemanden interessiere.

Hinsichtlich der Europäisierungsfrage herrschte recht große Einigkeit, zumal wenn darüber diskutiert wurde, wie eine europäische Zeitgeschichte nicht auszusehen habe. So stimmte man mit Haupt darin überein, dass die Beschäftigung mit europäischer Geschichte nicht dazu verleiten solle, an einem nunmehr auf die EU gemünzten nation building mitzuwirken. Mehrfach wurde in diesem Zusammenhang auf einen kurz zuvor erschienenen Artikel hingewiesen, in dem Ute Frevert dargelegt hatte, wie „Historiker mithelfen könnten, ein gemeinsames europäisches Bewusstsein zu schaffen“.[4] In methodischer Hinsicht plädierte Haupt dafür, Anregungen bei der Empire-Forschung zu suchen, auch um dem „Zwang zur Kohärenz“ zu entgehen. Für künftige Studien schlug er die „Entwicklung von aspektbezogenen Schneisen“ vor, die man „methodisch kontrollieren“ könne, und die im Ergebnis eine zwar „fragmentarische, aber vertiefte“ Sicht der Dinge böten. Mit Nachdruck betonte er die Vorteile des Vergleichs, namentlich dessen „verfremdende Funktion“.

Auch in der Diskussion um die Frage, was deutsche Zeitgeschichte heute leiste, wurde ihre Rolle als „Identitätsstifterin“ und/oder „Erklärungsmuster für heutige Probleme“ erörtert (Münkel). Dies geschah nicht zuletzt mit Blick auf das eigene Verhältnis zu den Medien, denen ein Großteil der Teilnehmenden misstrauisch gegenüberstand. Christoph Kleßmann (Potsdam) wies mit Blick auf das aktuelle Ludwig-Erhard-Revival darauf hin, dass der „politische Nutzwert“ zeitgeschichtlicher Forschungen gerade darin bestehe, die Unwiederholbarkeit des so genannten Wirtschaftswunders begreiflich zu machen. Einig war man sich ferner darin, dass die Bilanz der deutschen Zeitgeschichtsforschung auch Lücken aufweise. So wurde daran erinnert, dass das Interesse an gesellschaftlichen Liberalisierungsprozessen nicht dazu verleiten dürfe, „weniger liberalisierte Teilbereiche oder Bereiche intensiver Disziplinierung“ zu übersehen. Auch der Vorschlag, „die Perspektive zu weiten und ‚Modernisierung’ künftig nicht nur als Problembewältiger, sondern auch als Problemerzeuger in den Blick zu nehmen“ (Süß), fand allgemeine Zustimmung.

Gleiches galt erwartungsgemäß für die Forderung, die Perspektive im transnationalen Sinne zu weiten. Wie erklärungsmächtig diese Öffnung sein kann, belegte Metzler, die nochmals das Konzept der „Westernisierung“ vorstellte, aus dessen Perspektive „die Stabilisierung einer pluralistischen und liberaldemokratischen Gesellschaftsordnung […] in allererster Linie auf die Integration der westdeutschen Gesellschaft in die westliche Wertegemeinschaft“ zurückzuführen sei. In methodischer Hinsicht liege der „Reiz“ des Ansatzes darin, „Vergleich, Verflechtung und Transfer zu verbinden“. Überhaupt war in Loccum von einer Rivalität zwischen vergleichend und transfergeschichtlich arbeitenden HistorikerInnen wenig zu spüren. Diskutiert wurde höchstens, inwiefern sich beide Perspektiven gewinnbringend ergänzen lassen.

2. Praxis

Weil von den ursprünglich geplanten vierzehn Projektpräsentationen nur zehn gehalten werden konnten, sahen die Organisatoren davon ab, getrennte Arbeitsgruppen zu bilden. So konnten zwar die Beiträge aller sechs Sektionen[5] im Plenum diskutiert werden, doch war eine tiefergehende Erörterung von forschungstechnischen und/oder historischen Einzelfragen nur sehr eingeschränkt möglich.

Vergleicht man die vorgestellten Ansätze, lassen sich drei Herangehensweisen unterscheiden. Die Arbeiten von Stephan A. Glienke (Hannover) und Michael Sturm (Leipzig) behandeln beide ein auf den ersten Blick sehr „deutsch“ anmutendes Thema. Glienkes Dissertationsvorhaben analysiert die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“, die seit Ende der 1950er-Jahre etwas Schwung in die damals noch sehr schleppend verlaufende „Vergangenheitsbewältigung“ brachte. Glienke verdeutlichte nun, dass die Breitenwirkung der Ausstellung ohne das Echo, das ihr in Großbritannien und anderen Staaten des „befreundeten Auslands“ beschieden war, ungleich geringer ausgefallen wäre. Auch der Umstand, dass „die DDR das Thema am Kochen“ hielt (Kleßmann), spielte eine nicht unbedeutende Rolle. Sturm wiederum lieferte ein prägnantes Beispiel für den pragmatischen Umgang mit dem Appell, transnationale Dimensionen überall dort herauszuarbeiten, wo es lohnend erscheint. Sturm, der die Entwicklung der Münchner Stadtpolizei in den Jahren 1962 bis 1972 untersucht, hob den „Transfer amerikanischer Polizeikonzepte“ hervor und konnte dadurch erklären, „weshalb innovative Polizeikonzepte sich hier schneller etablieren konnten als anderswo“.

Hinzu kamen von vornherein transfergeschichtlich angelegte Beiträge. Während Christian Haase (Nottingham) die Geschichte der deutsch-britischen Treffen in Königswinter als ein „Zusammenspiel zwischen Privatpersonen, Alliierten und westdeutschen Behörden“ skizzierte, das im Laufe seiner Existenz zu einer Art „Transferagentur für Westminster Debating Culture“ geworden sei, erläuterte Ulrich Pfeil (Paris), wie Franzosen und Deutsche nach 1945 „durch die Verflechtung von politischer und gesellschaftlicher Aktion […] Kommunikationskanäle vermehrt[en] und verbreitert[en]“, die dann gleichsam den notwendigen zivilgesellschaftlichen Unterbau der „von oben“ betriebenen Versöhnungspolitik bildeten. Der Vortrag von Patrick Bernhard (München) schließlich löste ein, was in den Diskussionen immer wieder gefordert wurde: Transfergeschichte dürfe sich nicht in Elitengeschichte erschöpfen. Bernhard ging den Bedingungsfaktoren nach, die der „Italienisierung der deutschen Küche“ nach 1945 zugrunde lagen, problematisierte aber auch negative Transfers („Spaghettifresser“), Aneignungen („Mirácoli“) sowie Rückwirkungen in das Ursprungsland (Dr. Oetker in italienischen Tiefkühlfächern).

Einen vergleichenden Ansatz, wenn auch teilweise mit transfergeschichtlichen Einsprengseln, verfolgte neben Till Kössler (München), der die betrieblichen Arbeitsbeziehungen in Westdeutschland einem asymmetrisch-kontrastiven Vergleich mit Italien unterzog, vor allem Thomas Etzemüller (Oldenburg), dessen Forschungsprojekt mit dem social engeneering einem „Ordnungsdispositiv“ gewidmet ist, das nicht nur im Deutschland der Zwischen- und Nachkriegszeit „eine erhebliche politisch-gesellschaftliche Wirkkraft entwickelte“, sondern „in weiten Teilen der westlichen Welt anzutreffen“ war. Daniela Münkel, Frank Renken (Berlin), Matthias Kirchner (Heidelberg) und Carola Dietze (Göttingen) schließlich stellten ein breit angelegtes Forschungsprojekt vor, das die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Hochschulreformen in Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden untersucht.

3. Schlagt Schneisen!

Auffällig war insgesamt der forschungsstrategische Pragmatismus, der einem Großteil der Rede- und Diskussionsbeträge zugrunde lag. Nicht Theorien oder tagespolitische Zeitfragen sollten am Beginn der Erkenntnisprozesse stehen, sondern der Blick auf das Untersuchungsobjekt – ganz gleich, ob man Zeitgeschichte eher vergleichend oder unter transfergeschichtlichen Gesichtspunkten betrachtete. Etwas zugespitzt formuliert:
a. Wer vergleichend arbeitet, schlage „aspektbezogene Schneisen“ (Haupt), statt sich an methodisch problematischen und politisch fragwürdigen Synthesen zu versuchen.
b. Wer der Zeitgeschichte eine transfergeschichtliche Perspektive geben möchte, tue dies „überall dort, wo nationale Zeitgeschichten an die Grenzen“ ihrer Erklärungskraft stoßen (Lutz Raphael, Trier).
c. Damit dabei „kein Gemischtwarenladen“ entsteht (Schildt), ist das entscheidende Kriterium der Themenwahl in beiden Fällen die historiografische Relevanz, wobei die Entwicklung transnational anwendbarer Relevanzkriterien noch zu den Desideraten gehört.

Eine Folge dieser forschungsstrategischen „Bescheidenheit“ (Schildt) war, dass theoretische Fragen eine eher untergeordnete Rolle spielten. Auf die ausgebliebene Auseinandersetzung „Vergleich vs. Transfer“ wurde schon hingewiesen. Auch die Frage beispielsweise, welcher Begriff von „Moderne“ den Untersuchungen zugrunde liegen sollte, wurde nur am Rande aufgeworfen und – für meine Begriffe etwas voreilig – ad acta gelegt. Wenn grundlegende, über die Einzelbeiträge hinausgehende Forschungsprobleme diskutiert wurden, dann geschah dies häufig mit Verweis auf Forschungslücken (mehr Begrifflichkeiten, Machtverhältnisse, Milieus, weniger Eliten) und generelle Problemlagen (Spannungsverhältnisse zwischen Ost und West, Nord und Süd, kleinen und großen Staaten etc.). In diesem Zusammenhang wäre denn auch die einzige wirkliche Schwäche der Tagung zu nennen: Gerade weil man sich sehr an den vorgestellten Forschungsprojekten orientierte, pragmatisch und „bescheiden“ vorging, fiel manches von dem, was die Beiträge nicht enthielten und ob ihrer Ansätze auch nicht enthalten konnten – osteuropäische und globalgeschichtliche Bezüge etwa – unter den Tisch. Die im ursprünglichen Programm vorgesehene, wegen der Absage des Referenten aber nicht geführte Diskussion „Genügt uns Europa?“ hätte der Tagung einen zusätzlichen Impuls geben können.

Anmerkungen:
[1] Aust, Stefan; Richter, Claus; Steingart, Gabor, Der Fall Deutschland. Abstieg eines Superstars, München 2005. Das Buch zur Serie belegte in der ersten August-Woche Platz 10 der Sachbuch-Bestsellerliste des „Spiegel“.
[2] Das Programm, das kurz vor der Tagung noch etwas modifiziert wurde, kann im Internet unter <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=3835> eingesehen werden. Die Konferenz knüpfte an zwei ähnliche Veranstaltungen an, die die Evangelische Akademie und die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in den Vorjahren organisiert hatten. Vgl. Calließ, Jörg (Hg.), Die frühen Jahre des Erfolgsmodells BRD. Oder: Die Dekonstruktion der Bilder von der formativen Phase unserer Gesellschaft durch die Nachgeborenen, Rehburg-Loccum 2003 (Loccumer Protokolle 25/02); ders. (Hg.), Die Reformzeit des Erfolgsmodells BRD. Die Nachgeborenen erforschen die Jahre, die ihre Eltern und Lehrer geprägt haben, Rehburg-Loccum 2004 (Loccumer Protokolle 19/03).
[3] Im Folgenden ist der Einfachheit halber von „deutscher Zeitgeschichte“ die Rede, um die Häufung von Adjektiven wie „deutsch-deutsch“, „(west)deutsch“ o.ä. zu vermeiden.
[4] Frevert, Ute, Was ist das bloß – ein Europäer?, in: Die Zeit, 23.6.2005, S.12, online unter URL: <http://hermes.zeit.de/pdf/archiv/2005/26/Essay_Frevert.pdf>.
[5] „Vergangenheitspolitik“, „Wertewandel, Sozialkultur und Alltag“, „Politische Kultur und Öffentlichkeit“, „Demokratieentwicklung und Reform von Staat und Gesellschaft“, „Bildungsoffensive, Hochschulreform und Studentenbewegung“, „Sozialer Wandel, Wirtschaftsordnung und Sozialpolitik“.

Kontakt

Prof. Dr. Jörg Calließ
Evangelische Akademie Loccum
Postfach 2158
D-31545 Rehburg-Loccum
Tel. 05766/81-0
Fax 05766/81-900
E-Mail: Joerg.Calliess@evlka.de

Zitation
Tagungsbericht: Die Geschichte des Erfolgsmodells BRD im internationalen Vergleich, 24.06.2005 – 26.06.2005 Loccum, in: H-Soz-Kult, 12.08.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-847>.
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Veröffentlicht am
12.08.2005
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