Wissenschaft - Digital - Kommunizieren. Von den Grundlagen zur Praxis digitaler Wissenschaftskommunikation

Ort
Gotha
Veranstalter
Forschungsbibliothek Gotha; Netzwerk für digitale Geisteswissenschaften und Citizen Science, Universität Erfurt; Sammlungs- und Forschungsverbund Gotha
Datum
18.11.2019
Von
Timo Bonengel, Forschungszentrum Gotha, Universität Erfurt

Zu Beginn ein kurzes Experiment: Sucht man mit dem Google Ngram Viewer nach "Digital Humanities" (in "loads of books", wie Google erklärt – also ironischerweise im analogen Material), blickt man auf eine Kurve, die seit etwa dem Jahr 2000 steil nach oben verläuft. Ergebnisse gibt es nur bis 2008, aber es dürfte keine kontroverse Behauptung sein, dass die Kurve in den letzten zehn Jahren wohl weiter steil gestiegen ist und das auch in den nächsten Jahren tun wird. Sucht man nicht in Büchern, sondern, besser zum Thema passend, im Web nach "digitale Wissenschaftskommunikation", verliert man schnell den Überblick: Allerorten haben in den letzten Jahren wissenschaftliche Einrichtungen und Medien Leitfäden, Handreichungen und Positionspapiere dazu verfasst, wie man Forschung im 21. Jahrhundert angemessen in die Öffentlichkeit vermittelt.

Zeit also für eine Bestandsaufnahme. Dazu kamen in der Forschungsbibliothek Gotha Wissenschaftler/innen und Mitarbeiter/innen aus der Wissenschaftskommunikation zusammen, um – selbstverständlich mit eigenem Hashtag (#dhwisskomm19) – über Formate, Möglichkeiten und Schwierigkeiten der digitalen Wissenschaftskommunikation zu sprechen. Der Veranstaltungsort war passend gewählt: Die Forschungsbibliothek Gotha, eine der bedeutendsten deutschen Bibliotheken zur Frühen Neuzeit, ist selbst laufend in Projekte unter den Labels "Digital Humanities" und "digitale Wissenschaftskommunikation" eingebunden; zuletzt bereitete man die Bestände aus dem Archiv zum geographischen Verlag Justus Perthes in einem "virtuellen Kartenlabor" für die Öffentlichkeit auf und machte diese der Allgemeinheit digital zugänglich.

KATHRIN PAASCH (Gotha), Direktorin der Forschungsbibliothek, und HENDRIKJE CARIUS (Gotha), die Organisatorin des Workshops, setzten zu Beginn ein Thema, das sich durch die gesamte Veranstaltung ziehen sollte: die Vielfalt dessen, was unter digitaler Wissenschaftskommunikation verhandelt wird. Um genau diese Vielfalt, verschiedene Medien und Formate, ebenso wie um konkrete Beispiele und Probleme, sollte es an diesem Tag gehen.

DIETMAR FISCHER (Berlin) und BJÖRN GEBERT (Münster) begannen berechtigterweise mit Argumenten für die digitale Wissenschaftskommunikation. Im Rahmen eines solchen Workshops mag sich das nach "preaching to the converted" anhören; aber im Wissenschaftsalltag ergibt sich doch der Eindruck, es gebe noch einen Großteil von Kolleg/innen, die digitaler Wissenschaftskommunikation wenn nicht ablehnend, dann zumindest gleichgültig gegenüberstehen. Und so erklärten Fischer und Gebert zu Recht, dass soziale Medien gekommen seien, um zu bleiben. Und noch wichtiger: Die Beiden sprachen einen Punkt an, der auch in den folgenden Präsentationen und Diskussionen immer wieder zur Sprache kam – die Verbindung von Demokratie und Wissenschaft. Als Wissenschaftler/innen beziehungsweise wissenschaftliche Einrichtung auch auf sozialen Medien präsent zu sein, erlaube es, "die Herrschaft über die Diskussion […] gegen Fake Science zurückzugewinnen".

Als Besonderheit von Social Media im Vergleich zu älteren Wegen der Wissenschaftskommunikation sprachen Fischer und Gebert von der "Macht des Algorithmus", der eben (besonders auf Twitter) häufiges und regelmäßiges Posten belohne – ein wichtiger Reminder, wenn man als Wissenschaftler/in mit den eigenen Inhalten nicht im digitalen Niemandsland enden will.

Über solche Grundlagen hinaus lieferten die Präsentationen der verschiedenen Projekte eine Reihe von starken erfahrungsbasierten Argumenten für eine Kommunikation von Wissenschaft über Formate/Plattformen wie Facebook, Twitter, Instagram, Youtube oder Blogs: ULRIKE STOCKHAUSEN (Bonn) beispielsweise betonte am Beispiel der Plattform für Wissenschaftsblogs "de.hypotheses", dass das wissenschaftliche Bloggen im Vergleich zum klassischen Aufsatz eine enorme Vergrößerung der Reichweite bedeute. Gleichzeitig stelle sich die Frage der längerfristigen Sicherung und Abrufbarkeit solcher digitalen Formate. Wie Stockhausen bekräftigte auch REBECCA WINKELS (Berlin), dass soziale Medien den Vorteil böten, den Forschungsalltag transparenter und damit nachvollziehbarer zu machen. Winkels machte, wie schon Gebert und Fischer, einen Medienwandel und gestiegene "Elitenfeindlichkeit" als wichtige Gründe aus, sich als Wissenschaftler/in digital an Debatten zu beteiligen, wie es das Format "Die Debatte" tue, das sie vorstellte.

Einen Perspektivenwechsel bot MARLENE HOFMANN (Posterstein) an: War es bislang vor allem um Wissenschaftler/innen und Forschungseinrichtungen gegangen, machte sie am Beispiel des Museums Burg Posterstein deutlich, dass verschiedene Einrichtungen unterschiedliche Ansprüche an digitale Wissenschaftskommunikation haben. Für Museen stände beispielsweise der Bildungsauftrag noch stärker im Vordergrund, der für die Betätigung in soziale Medien spreche; diese müssten dann ein eigenständiges Angebot darstellen, da Museumsbesuche eben nicht länger nur im physischen Sinn, sondern auch digital stattfänden.

Dass digitale Wissenschaftskommunikation nicht nur mit besonderen Anforderungen und Chancen verbunden ist, sondern auch mit Problemen, machten die Diskussionen in der Fishbowl deutlich: Besonders die Frage nach den Rahmenbedingungen und dem zeitlichen Aufwand, den ordentlich betreute Social-Media-Auftritte für Wissenschaftler/innen mit sich bringen, stand im Mittelpunkt. Angesichts von halben Stellen, Befristungen und einem wachsenden Katalog an Anforderungen zur Weiterbildung, Forschung, Lehre und Verwaltung vermag auch in den Augen des Verfassers der/die Einzelne nur im Rahmen begrenzter Möglichkeiten das so wichtige Feld der Wissenschaftskommunikation mit der nötigen Qualität betreuen.

Auch ein weiteres Problem wurde diskutiert: Wie sollte man mit unproduktiven, nicht nur kritischen, sondern bewusst störenden, unter Umständen gehässigen Kommentaren umgehen? Wie auch abseits der Wissenschaftskommunikation scheint das Mantra "don't feed the troll" hier nützlich zu sein: Die Diskutierenden waren sich einig, dass es beim Community Management sinnvoll sei, ein bis zwei Versuche zu unternehmen, auf solche Kommentare mit einem Diskussionsangebot einzugehen – bleibe so etwas erfolglos, sei es durchaus legitim, nicht weiter das Gespräch zu suchen.

ISABELLA SCHWADERER (Erfurt) und PAUL SCHLAFFKE (Erfurt) präsentierten anschließend ein digitales Archiv und ein Citizen-Science-Projekt. Auch hier wurde deutlich, wie wichtig die Suche nach dem passenden Format für die Wissenschaftskommunikation ist. Um die eigene Forschung digital nachhaltig zu verankern, könnte man ein Fazit des Workshops ziehen, sollte man sich für das passende Format/die passenden Formate und Kanäle entscheiden und diese entsprechend bespielen – Masse bedeutet eben nicht Klasse.

Der Workshop machte schließlich deutlich, dass digitale Wissenschaftskommunikation auch einen Bildungsauftrag enthält und einen Beitrag zur Erhaltung einer demokratischen Debattenkultur leistet. Dass die verschiedenen Formate und Plattformen mit verschiedenen Vor- und Nachteilen, mit verschiedenen Kommunikationsregeln und verschieden zusammengesetztem Publikum einhergehen, sollte Wissenschaftler/innen zwar zu einer bewussten Entscheidung anregen, aber auf keinen Fall abschrecken. Denn auch das zeigte der Workshop, und zwar besser als jedes Google-Experiment: Angebote sind reichlich vorhanden. Man muss sie nur nutzen.

Konferenzübersicht:

Einführung

Kathrin Paasch (Gotha): Begrüßung

Hendrikje Carius (Gotha): Einführung

Dietmar Fischer (Berlin): Neue Regeln, neue Hierarchien: wie sich die Kommunikation in der Wissenschaft verändert hat

Björn Gebert (Münster): Digitale Wissenschaftskommunikation in den Geisteswissenschaften – Grundlagen, Tools und Begleiterscheinungen

II Best Practices: Akteure, Strategien, Formate
Moderation: Julia A. Schmidt-Funke (Gotha)

Ulrike Stockhausen (Bonn): Bloggen in den Geisteswissenschaften: Das Blogportal de.hypotheses

Rebecca Winkels (Berlin): Die Debatte – ein crossmediales Wisskommformat

Marlene Hofmann (Posterstein): Zwitschern über die Burgbrücke hinaus: Digitale Kommunikation und Wissensvermittlung im Museum Burg Posterstein

Fishbowl
Moderation: Kristin Oswald (Weimar)

III Kurzpräsentationen
Moderation: Petra Weigel (Gotha)

Isabella Schwaderer (Erfurt): Das Menaka-Projekt. Ein digitales Archiv Deutsch-Indischer Verflechtungen 1936–38

Marcus Plaul (Erfurt): Kommunikationsstrategien in der Citizen Science-Praxis am Beispiel des Forschungsprojektes „Kino in der DDR – Rezeptionsgeschichte von ‚unten‘“

IV Worldcafé
Leitung/Moderation: Claudia Behnke-Hermann / Desiree Haak (Erfurt) / Dietmar Fischer (Berlin) / Björn Gebert (Münster) / Kristin Oswald (Weimar)

V Abschlussdiskussion
Moderation: René Smolarski (Erfurt)

Zitation
Tagungsbericht: Wissenschaft - Digital - Kommunizieren. Von den Grundlagen zur Praxis digitaler Wissenschaftskommunikation, 18.11.2019 Gotha, in: H-Soz-Kult, 18.12.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8573>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.12.2019
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