Poland 1989: Negotiations, (Re)Constructions, Interpretations

Ort
Halle an der Saale
Veranstalter
Alexander-Brückner-Zentrum für Polenstudien, Halle an der Saale; Europäische Zentrum der Solidarność, Danzig (Europejskie Centrum Solidarności, Gdańsk)
Datum
23.10.2019 - 25.10.2019
Von
Johannes Kleinmann, Historisches Insitut, Universität Mainz

Mit zahlreichen wissenschaftlichen Veranstaltungen wird momentan des 30. Jahrestages des Wandels von 1989 gedacht. Bis heute werden die Ereignisse dieses Jahres und seine Folgen in Polen äußerst kontrovers diskutiert. 1989 funktioniert als eine gesellschaftliche und politische Chiffre und löst dabei unterschiedliche sprachliche und emotionale Assoziationen aus. Die internationale Tagung nahm dieses Gedenkjahr zum Anlass, sich den historischen, kulturellen und erinnerungspolitischen Debatten aus wissenschaftlicher Perspektive zu nähern.

Eröffnet wurde die Tagung mit dem Film Dzieci rewolucji (Children of the Revolution) der polnischen Regisseurin Maria Zmarz-Koczanowicz aus dem Jahr 2002. Darin lässt sie ProtagonistInnen der antikommunistischen Opposition aus Warschau, Budapest, Prag und Berlin zu Wort kommen, um von ihnen eine Antwort auf die Frage zu bekommen, ob die Revolution von 1989 in Mitteleuropa ihre Kinder verschlungen hat. Die DissidentInnen richten den Blick zurück auf ihren Widerstand gegen die jeweiligen Regime und die Folgen, die dieser mit sich brachte. Sie widmen sich den problematischen Folgen der gewonnenen Freiheit, dem neoliberalen System und dem Ankommen in einer neuen, nicht selten desillusionierenden Realität.

Als Keynote Lecture schloss sich ein Vortrag des früheren polnischen Finanzministers und langjährigen Präsidenten der Polnischen Nationalbank LESZEK BALCEROWICZ (Warschau) an. Der Ökonom, der heute an der ¬¬Warsaw School of Economics (Szkoła Główna Handlowa) lehrt, war Finanzminister in der ersten nichtkommunistischen Regierung Polens nach 1989. Zugleich war er Namensgeber des radikalen Reformplans, der Polen von einer Plan- in eine Marktwirtschaft transformieren sollte. Balcerowicz verlieh seiner Überzeugung Ausdruck, dass Demokratie und Bürgerrechte nur in einem marktwirtschaftlichen System garantiert seien. Mit selten gewordener Deutlichkeit plädierte er für eine freie Marktwirtschaft als Grundlage für Wohlstand und eine liberale Gesellschaftsordnung.

Das erste Panel Transformations: People – Places ¬– Attitudes eröffnete der Soziologe und Historiker PIOTR FILIPKOWSKI (Warschau) mit einem Vortrag über die unterschiedlichen historischen Narrative bezüglich 1989 unter Arbeiter_innen und Ingenieur_innen der Danziger Werft. Mit den Methoden der Oral History konnte Filipkowski deutlich machen, dass innerhalb dieser Gruppe nicht nur der Widerstand gegen das kommunistische Regime erinnert wird, sondern auch die tägliche Arbeit auf der Werft einen prominenten Platz einnimmt.

Im Folgenden erläuterte der Historiker MICHAŁ PRZEPERSKI (Warschau) wie sich das emotionale Engagement der polnischen Bevölkerung zur Politik zwischen dem Beginn des Jahres 1988 und dem Sommer 1989 veränderte. Auf der Gurndlage von Meinungsumfragen aus den Jahren 1988 und 1989 konnte er zeigen, dass sich erst mit dem Erfolg der Solidarność eine Neudefinition der politischen Gemeinschaft in Polen konstituierte. Mit seiner Darstellung bot Przeperski, eine neue Perspektive auf den politischen Durchbruch von 1989 an.

Abgerundet wurde das Panel durch MAGDALENA LATKOWSKA (Warschau/München), die das Jahr 1989 aus der Perspektive polnischer und deutscher SchriftstellerInnen untersuchte. Sie erläuterte die Wahrnehmungen der sogenannten Wende in der ost- und westdeutschen Gesellschaft durch Intellektuelle aus beiden deutschen Staaten. Anschließend verglich sie ihre Ergebnisse mit der Situation in Polen. Dabei konnte sie überzeugend darlegen, dass sich die Intellektuellen der DDR in ihrer grundsätzlichen Verteidigung sozialistischer Errungenschaften deutlich von ihren polnischen KollegInnen unterschieden haben.

Das zweite Panel Negotiations of a Political Compromise widmete sich den Verhandlungen des Runden Tisches. HELMUT FEHR (Erlangen) stellte zunächst seine Untersuchungen zum Wandel der politischen Sprache während der Verhandlungen der Opposition mit den VertreterInnen des Regimes am Runden Tisch vor, der vom 6. Februar bis zum 5. April 1989 stattfand. Dabei hob er insbesondere hervor, dass sich beide Seiten einer konzilianten Sprache bedienten. Die Analyse der schriftlichen Dokumente und Protokolle der Verhandlungen machte deutlich, wie sehr sich die Sprachen beider Seiten einander annäherten.

KLAUDIA ROK (Krakau) widmete sich ebenfalls dem Runden Tisch. Allerdings blickte sie aus der Perspektive der ¬¬Solidarność Walcząca (Fighting Solidarity) auf die Ereignisse, die sich entschieden gegen die Verhandlungen der Solidarność mit den VertreterInnen der Regierung wandte. Anhand der Analyse von Zeitungsartikeln und Interviews konnte Rok zeigen, dass sich die Solidarność Walcząca und ihr Vorsitzender Kornel Morawiecki insbesondere von Lech Wałęsa verraten fühlten.

Abgeschlossen wurde das Panel von JOACHIM VON PUTTKAMER (Jena), der sich mit der Frage beschäftigte, ob es in Polen eine „Thick Line“ bei der Bewältigung der kommunistischen Vergangenheit gegeben habe. Der Historiker betonte, dass ein solcher Schlussstrich nicht gezogen worden sei. Zwar habe man auf eine „Hexenjagd“ verzichtet und zudem beim Runden Tisch versprochen, in den Sicherheitsdiensten nicht zu „dekommunisieren“. Dieser Kompromiss sei jedoch nur kurzzeitig eingehalten worden. Angehörige der höheren Ebenen dieser Dienste, die zuvor Teil des alten Regimes gewesen waren, wurden vielmehr schnell entlassen. Im Ergebnis kam es weder zu einem Schlussstrich noch zu einer harten Lustration.

Einen anderen Aspekt bezüglich des Jahres 1989 untersuchte Panel III: (Re)Constructions and Reorientations. Zunächst beschäftigte sich NINA SEILER (Zürich) mit der Transformation des „Female Gender Discourses“ nach 1989. Sie machte deutlich, dass die kommunistische Variante weiblicher Emanzipation abgelehnt wurde. In der Folge lehnte sich der polnische Feminismus vielmehr an Konzepte der Zwischenkriegszeit an. Zudem verwies Seiler auf die Problematik, dass Feminismus häufig als linkes bzw. kommunistisches Projekt wahrgenommen und FeministInnen nicht selten die Unterminierung Polens vorgeworfen wurde. Schließlich verdeutlichte sie, dass die von ihr untersuchten „Feminist Polish Studies“ im Kontrast zu einem politischen Feminismus standen und weibliche Genderrollen nicht selten auf bestimmte Rollen reduzierten.

HANS-CHRISTIAN TREPTE (Leipzig) fragte nach einer adäquaten literarischen Beschreibung des demokratischen Wandels von 1989/90. Insbesondere versuchte er sich mit Hilfe eines Vergleichs polnischer, tschechischer und deutscher Werke dem Begriff „Wende“ zu nähern. Der Vortrag des Slavisten ermöglichte einen tiefen Einblick in die Literatur der drei Länder.

ANDRZEJ TURKOWSKI (Warschau) beschäftigte sich mit dem Einfluss der Transformation auf die Wahrnehmung Russlands in Polen. Der Politikwissenschaftler ging auf die aktuelle Bedeutung der klassischen außenpolitischen Orientierungen der polnischen Gesellschaft ein, die bis heute in einer Kontinuität zu den beiden Strömungen der Zweiten Polnischen Republik ständen: der an Russland orientierten Nationaldemokratie (Narodowa Demokracja, ND) und der von Józef Piłsudski geleiteten Polnischen Sozialistischen Partei (Polska Partia Socjalistyczna, PPS), die sich am Westen orientierte. Gleichwohl dominiere im heutigen Polen die Orientierung am Westen.

Das folgende Panel beschäftigte sich mit Sediments of Remembering. KRZYSZTOF OKOŃSKI (Bydgoszcz) beschäftigte sich mit dem sogenannten Zweiten Umlauf und betonte, dass die Kinder des demokratischen Wandels bereits im Herbst 1989 von diesem „gefressen“ worden seien. Der Öffnung des Literatur- und Pressemarktes und der thematischen Neuorientierung der LeserInnen seien zahlreiche Untergrundverlage und Zeitschriften des Zweiten Umlaufs zum Opfer gefallen. Ohne staatliche Zensur und Pressemonopol sei die Nachfrage nach systemkritischer Kunst stark zurückgegangen. Okoński machte deutlich, dass diejenigen, die den Sturz des alten Regimes aktiv betrieben hatten, in der neu gewonnenen Demokratie nicht selten in Vergessenheit gerieten.

MARTA KARKOWSKA (Warschau) verhandelte stellvertretend für die erkrankte JOANNA KURCZEWSKA (Warschau) die Frage, wie polnische PolitikerInnen das Jahr 1989 als Symbol der Transformation präsentierten. 1994/95 und 2018/19 wurden mehrere Dutzend PolitikerInnen von Regierungs- und Oppositionsparteien dazu befragt. Dadurch konnte gezeigt werden, wie sich die Wahrnehmung und das Narrativ des Wandels bei PolitikerInnen in dieser Zeitspanne verändert hat.

PIOTR TADEUSZ KWIATKOWSKI (Warschau) eröffnete Panel V: No/a reason to celebrate? Debates on commemoration days. mit der Frage, wie Jahrestage bezüglich des Endes des Kommunismus in Polen heute erinnert werden. Als Beispiel nannte er den 4. Juni 1989, den Tag der ersten freien Wahlen in Polen seit dem Zweiten Weltkrieg. Wurde dieses Ereignis 2014 zum 25-jährigen Jubiläum groß gefeiert, so spielte es unter der nationalkonservativen PiS-Regierung ab 2015 keine Rolle mehr. An der Erinnerung dieses Tages werden aus Sicht Kwiatkowskis zwei konkurrierende Visionen für die polnische Gesellschaft deutlich. Das eine Lager, verkörpert durch die liberalen Parteien, sehe diesen Tag als Symbol des Sieges. Durch die erfolgreichen Verhandlungen mit der kommunistischen Führung waren freie Wahlen möglich geworden. Dies sei der Startschuss für eine demokratische und plurale Gesellschaft gewesen. Die andere Seite deute diesen Tag als Symbol eines „faulen Kompromisses“. Es habe keine Dekommunisierung stattgefunden und Polen sei nicht, wie erhofft, zu einem Staat geworden, der katholische Werte und nationale Interessen hochhält. Auf der Basis von Meinungsumfragen zeigte Kwiatkowski, dass in der polnischen Gesellschaft positive wie negative Wahrnehmungen bezüglich der Transformation erinnert werden.

PAWEŁ FIKTUS (Breslau) beschäftigte sich ebenfalls mit der offiziellen Erinnerung an die Ereignisse des Jahres 1989. Er fokussierte dabei auf die Jahrestage der Gespräche am Runden Tisch in den Jahren 1999, 2009 und 2019. Fiktus konnte deutlich machen, dass es sehr unterschiedliche Narrative des Runden Tisches gab und gibt. Die Spannweite reicht von der Freude über erfolgreiche Gespräche und den friedlichen Systemwechsel bis hin zu Vorwürfen des Verrats. Dies spiegelte sich auch in den Feiern der Jahrestage wider. Dominierten beispielsweise unter der Regierung Tusk 2009 positive Assoziationen, so wurden 2019 deutlich negativere, in Teilen feindselige Töne angeschlagen.

Das sechste und letzte Panel Conflicting Interpretations eröffnete MARTA BARANOWSKA (Torn) mit der Frage, wie soziale und politische Revolutionen beendet werden können. Dies sei insbesondere schwierig, wenn starke Emotionen zurückgestellt werden müssten und die Beteiligten keine „Satisfaktion“ erlangen könnten. Am Beispiel der Erinnerung des Runden Tisches zeigte sie, wie sich diese Unzufriedenheit bis zum heutige Tag in Wut und Hass gegenüber den ProtagonistInnen des Runden Tisches niederschlägt, die als VerräterInnen diffamiert werden.

Auch ANDRZEJ PABISIAK (Krakau) befasste sich mit der Erinnerung der Ereignisse von 1989. Basierend auf dem Konzept des „collective memory” von Paul Connerton argumentierte er, dass es nicht gelungen sei, eine symbolische Mauer zwischen dem alten und dem neuen Regime zu ziehen. Das Ergebnis sei ein „symbolisches Chaos” gewesen; die kollektive Erinnerung an die Transformation unterliege einem Trauma. Zudem sei diese Erinnerung instrumentalisiert worden, um politische OpponentInnen zu delegitimieren.

Thema des letzten Vortrags von DAWID MOHR (Rostock) waren Deutungsmachtkonflikte über die Solidarność und den Runden Tisch. Er betonte, dass Polen seit dem Regierungsantritt der Prawo i Sprawiedliwość (PiS) eine Konjunktur des Mythischen im kulturellen und politischen Bereich erlebe. Ursache sei, dass es der Regierung damit möglich werde, ihre Deutung der Vergangenheit in der Gesellschaft zu verankern und eine Gegenerinnerung zu den bisherigen Narrativen aufzubauen. Dies gelte auch für die Bewertung der Solidarność und den Runden Tisch, die beide zu umkämpften symbolischen Ressourcen im politischen Diskurs geworden seien.

Damit endete eine Konferenz, die von den engagierten und teilweise kontroversen Diskussionen der Teilnehmenden lebte. Insbesondere die hohe Zahl polnischer ReferentInnen war erfreulich. Im Vergleich zu anderen Konferenzen kamen viele Forscherinnen und Forscher aus dem Land zu Wort, das Thema der Konferenz war, und konnten so einen unmittelbaren Blick frei von Fremdzuschreibungen bieten. Zudem ermöglichte der interdisziplinäre Charakter der Tagung das Kennenlernen neuer Ansätze, die für die eigene Forschung bereichernd sein werden.

Konferenzübersicht:

Warming-up: Film Dzieci rewolucji (Children of the Revolution) von Maria Zmarz-Koczanowicz

Yvonne Kleinmann (Halle an der Saale), Basil Kerski (Danzig): Begrüßung und Eröffnung

Keynote Lecture
Leszek Balcerowicz (Warschau): Changes after socialism in a comparative perspective

_Panel I: Transformations: People – Places ¬– Attitudes
Chair: Joachim von Puttkamer (Jena)

Piotr Filipkowski (Warschau): Global forces and local knowledge: ship-building and narrating Polish transformation

Michał Przeperski (Warschau): An apolitical community? Poles before June 1989

Magdalena Latkowska (Warschau/München): “Language of change” – the year 1989 from the perspective of German and Polish writers

Panel II: Negotiations of a Political Compromise
Chair: Paulina Gulińska-Jurgiel (Halle an der Saale)

Helmut Fehr (Erlangen): „Umkämpfter Kompromiss“ – Zur Dynamik der Verhandlungen am Runden Tisch 1989

Klaudia Rok (Krakau): “Fighting solidarity” – critique of the round table agreement

Joachim von Puttkamer (Jena): No thick lines: laying the foundations of parliamentary democracy in Poland 1989/90

Panel III: (Re)Constructions and Reorientations
Chair: Claudia Kraft (Wien)

Nina Seiler (Zürich): 1989 and the transformation of female gender discourses

Hans-Christian Trepte (Leipzig): In search of an adequate novel about the democratic change of 1989/90: a paradigmatic approach

Andrzej Turkowski (Warschau): The 1989 transformation and its influence on the Polish space of opinion on Russia

Panel IV: Sediments of Remembering
Chair: Patrick Wagner (Halle an der Saale)

Krzysztof Okoński (Bydgoszcz): Wenn ein Kulturphänomen zum Fremdwort wird: Zur Wahrnehmung des Zweiten Umlaufs nach 1989

Joanna Kurczewska / Marta Karkowska (Warschau): 1989, Polish transformation and its interpretations among representatives of the political elite – temporal and methodological perspectives

Panel V: No/a reason to celebrate? Debates on commemoration days.
Chair: Yvonne Kleinmann (Halle an der Saale)

Piotr Tadeusz Kwiatkowski (Warschau): Victory of freedom, or the beginning of a new enslavement? Memories related to the anniversary of the fall of communism in Poland

Paweł Fiktus (Breslau): Anniversaries of the Round Table talks: 1999, 2009, and 2019 in comparative perspective

Panel VI: Conflicting Interpretations
Chair: Piotr Filipkowski (Warschau)

Marta Baranowska (Torn): On the essence of violent social changes and narratives about them: the example of Poland in 1989

Andrzej Pabisiak (Krakau): A failed beginning? The symbolic transformation of 1989 in Polish memory

Dawid Mohr (Rostock): Controversial founding myths – contemporary struggles for power of interpretation about Solidarność and the Round Table

Zitation
Tagungsbericht: Poland 1989: Negotiations, (Re)Constructions, Interpretations, 23.10.2019 – 25.10.2019 Halle an der Saale, in: H-Soz-Kult, 08.01.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8586>.