Internierungslager für nationalsozialistische Funktionsträger in Stukenbrock/Senne – Repatriierung der sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem Stalag 326

Ort
Bielefeld
Veranstalter
Thomas Welskopp, Universität Bielefeld; Falk Pingel, Regionale Arbeitsgruppe Ostwestfalen im Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“; Malte Thießen, Institut für westfälische Regionalgeschichte im Landschaftsverband Westfalen-Lippe; Peter Fäßler, Universität Paderborn
Datum
27.09.2019 - 28.09.2019
Von
Jürgen Feldhoff, Fakultät für Soziologie, Universität Bielefeld

„Das Schicksal der 5,3 Millionen sowjetischer Kriegsgefangener aus dem Erinnerungsschatten herausholen!“ Mit diesen Worten rief Bundespräsident Joachim Gauck am 8. Mai 2015 in Stukenbrock/Senne zur Weiterentwicklung des bestehenden Gedenkortes Stalag 326 (Stammlager für sowjetische Kriegsgefangene im „Dritten Reich“) zu einer Gedenkstätte von überregionaler und internationaler Bedeutung auf. Die Überreste des Stalag 326 und der Sowjetische Ehrenfriedhof bilden innerhalb der Bundesrepublik Deutschland einen einzigartigen Erinnerungsort. Kein anderes Lager für vornehmlich sowjetische Kriegsgefangene hat so lange bestanden wie das Stalag 326. Durch dieses Lager sind die meisten sowjetischen Kriegsgefangenen im Gewahrsam der deutschen Wehrmacht gegangen, etwa 300.000.

Die Geschichte ist 1945 aber nicht stehengeblieben. In Stukenbrock kann ein „Erinnerungsbogen“ (Volkhard Knigge) vom Kriegsgefangenenlager über das Internierungslager für nationalsozialistische Amtsträger zum Flüchtlingslager in der Nachkriegszeit gespannt werden. Zur Nachkriegsgeschichte gehört auch die Verharmlosung des Schicksals der sowjetischen Kriegsgefangenen nach ihrer Befreiung. Nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion standen die ehemaligen Kriegsgefangenen unter Kollaborationsverdacht, wurden von der Geheimpolizei verhört, inhaftiert und zum Teil in Arbeitslager deportiert oder in die Armee überstellt. Die Tagung zu Internierung und Repatriierung – beides bisher selten bearbeitete Themen für die Britische Besatzungszone – dokumentierte den Forschungsstand und zeigte Forschungsaufgaben auf, deren Bearbeitung zur Erweiterung der bisherigen Gedenkstätte einen wichtigen Beitrag leisten kann. Veranstaltet von der Universität Bielefeld, wurde sie mitgetragen von weiteren Institutionen aus der Region, die bereit sind Forschungskapazitäten einzubringen, um den politischen Prozess zum Ausbau der Gedenkstätte wissenschaftlich zu untermauern. Sie ist Teil einer Reihe weiterer Veranstaltungen zum Kriegsgefangenenlager und zur Nachkriegsnutzung des Lagergeländes.[1]

Der erste Teil war dem alliierten Internierungslager für nationalsozialistische Funktionsträger gewidmet. REGINA SCHULTE (Bielefeld) gab einen ersten Überblick über die unterschiedlichen Kategorien der Internierten in den Lagern CIC 5 Staumühle und CIC 7 Eselsheide in der Senne, in denen prominente Nazis wie Karl Brandt, Arthur Axmann und Kurt Freiherr von Schröder untergebracht waren. Von besonderem Interesse waren ihre Ausführungen zu den Narrativen, die die Internierten entwickelten, z.B. in den Internierungslagern hätten schlechtere Bedingungen als in den KZ geherrscht. Damit wurden Strategien der Selbstrechtfertigung und Entschuldigung gebildet, die über die Lagerzeit hinaus in den Gründungsjahren der Bundesrepublik Geltung hatten. Demgegenüber hätten von der Besatzungsmacht geförderte Bildungsmaßnahmen im Sinne der Reeducation-Politik nur wenig Wirkung gezeigt.

ANDREW BEATTIE (Sydney, via Skype zugeschaltet) verglich die unterschiedlichen Unterbringungsbedingungen und Entnazifizierungsmaßnahmen in den Internierungslagern der Besatzungszonen. Er ging auf die Schwierigkeit ein, die Erinnerung an die Internierungslager an Orten wachzuhalten, die vornehmlich den Opfern des Nationalsozialismus gewidmet sind: Über die Internierten wird im Wesentlichen sachlich informiert, ihrer wird nicht als Opfer gedacht. Er führte aus, dass das Bild der Internierten in der Öffentlichkeit der Westzonen schwankte. Während die Internierung bekannter NS-Funktionsträger weitgehend für gerechtfertigt angesehen wurde, distanzierte man sich von der Internierung der vielen niederen Chargen. Das Nürnberger Urteil war ein Wendepunkt im Verhalten der Internierten und der Einstellung der Bevölkerung allgemein, die die pauschale Bewertung von Organisationen als verbrecherisch ablehnten. Problematisch erschien insbesondere die Außergerichtlichkeit der Internierung, die mit der Demokratisierung nicht in Einklang stehen würde. In der Diskussion wurde auf die Tätigkeit von Unterstützungsverbänden hingewiesen, die die Auswanderung von Nazis förderten und später sogar auf eine Entschädigung für die Internierung drängten, dies jedoch politisch nicht durchsetzen konnten. Beide Einführungsreferate zeigten, dass das Ziel der westlichen Alliierten, den Nationalsozialismus „auszumerzen“ (Beattie), mit der Internierung weder konsequent verfolgt noch erreicht wurde.

Zu dieser Darstellung setzte ANDREAS EHRESMANN (Sandbostel) in mancher Hinsicht einen Kontrapunkt, der für das Lager Sandbostel rege Reeducation-Aktivitäten nachwies wie Lagerschulen und -zeitschriften (u.a. mit einem Artikel über „Das Recht auf politischen Irrtum“), die Einrichtung einer gewählten internen Lagerverwaltung sowie die Gewährung von „Ausgang auf Ehrenwort“. Allerdings galt auch hier: „Nach Nürnberg bricht das ab“; man war enttäuscht und wartete nur noch auf die Spruchgerichte. Ehresmann betonte, dass dank zahlreicher erhalten gebliebener Baracken in Sandbostel die Ausstellungen zum Kriegsgefangenen- und Internierungslager in getrennten Gebäuden untergebracht sind, was die Gefahr von Parallelisierungen bei BesucherInnen mindere.

Mit einem entgegengesetzten Ausstellungskonzept für das Stalag 326 entfachte JÖRG VAN NORDEN (Bielefeld) eine kontroverse Diskussion. Der Referent vertrat ein didaktisches Grundkonzept der Verschränkung der Akteursgruppen in den verschiedenen Lagerphasen, um „die Grenzen zwischen Opfern und Tätern auflösen“. Diese Verschränkung soll sich durchgängig in der Strukturierung der Ausstellung, in der Zuwegung und in der Rezeption ausdrücken, denn die BesucherInnen kommen aus der Gegenwart und sollen die Geschichte der verschiedenen historischen Zuwege zur Gedenkstätte von der Gegenwart in die Vergangenheit nachvollziehen und also einer umgekehrten Chronologie folgen. Alle drei Gruppen – Flüchtlinge, Internierte, Kriegsgefangene – sollen gemeinsam im Ausstellungsraum repräsentiert sein und durch beispielhafte Biographien dargestellt werden. In der Diskussion unterstrich van Norden die Bildungsfunktion der Gedenkstätte und wendete sich gegen die Beschränkung auf das Gedenken. Es gehe um forschendes Lernen statt um Vermittlung. Er sieht die BesucherInnen (SchülerInnen usw.) als autonom an; ihre Lernsituation solle nicht gelenkt werden, sondern sie sollen sich in einem „offenen Raum“ der Information bewegen. Dieses „regressive“ Verfahren trete an die Stelle des üblichen „genetischen Verfahrens“.

Daran schloss sich der in der Aussagerichtung eher konträre Beitrag von ENRICO HEITZER (Sachsenhausen) an: Dokumentieren sei wichtig und Emotionalisierung problematisch, aber nicht grundsätzlich zu vermeiden. Neutralität sei nicht erstrebenswert; Offenheit könne durch Kontroversität erreicht werden. Bei der Ausstellung zum Internierungslager stehe Information, nicht Gedenken im Vordergrund. Ein nüchterner Dokumentationsraum mit vielen Truhen in Flachware, umrandet mit Texten zum Erinnerungsdiskurs, prägt die Ausstellung in Sachsenhausen. Auf dem Gelände des ehemaligen KZ wurde nach Kriegsende zuerst ein Filtrationslager errichtet, wo die sowjetischen Kriegsgefangenen auf ihre politische Zuverlässigkeit bzw. mögliche Kollaboration mit den Nazis geprüft wurden. Eindrucksvolle Zeugenberichte zur Methode der Vernehmungen zeigten, dass diese häufig von Vorverurteilungen beeinflusst waren. Das Filtrationslager war ohne zeitlich Unterbrechung in ein Internierungslager überführt worden, das ca. 60.000 Menschen durchliefen, von denen rund ein Fünftel verstarben. Heitzer wies auf die Gefahr hin, dass die Ausstellung zum Internierungslager zu einem „Wallfahrtsort“ neonazistischer Kräfte werden könnte. Daher verfolgt man in Sachsenhausen ein dezentrales Ausstellungskonzept, auch in Reaktion auf Vereindeutigungsforderungen im Zeichen einer banalisierten Totalitarismustheorie.

In der Diskussion kam die Sprache auf die (problematischen) Interessen von BesucherInnen, „die Wahrheit zu erfahren“, auf ein „Geschichtsverlangen“, das sich von „Authentizitätsbegehren“ leiten lasse. Allgemeine Übereinstimmung bestand in der Auffassung, dass historisches Denken die Verknüpfung von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft umfasse.

Der zweite Teil der Tagung behandelte die Repatriierung sowjetischer Kriegsgefangener. Obwohl ULRIKE GOEKEN-HAIDL (Nürnberg) die seit dem letzten Jahrzehnt erweiterten Dokumentenzugänge in Archiven Russlands noch nicht hatte nutzen können, erschütterten die von ihr dargelegten Wege sowjetischer Kriegsgefangenen über Filtrierungslager, Überstellungen zur Armee und Zwangsarbeit mit fortgesetztem Lagerleben die ZuhörerInnen, von denen manche zum ersten Mal einen tieferen Einblick in diesen Abschnitt der Nachkriegsgeschichte erhielten. Nur etwa ein Drittel aller Repatrianten konnte nach der Filtrierung relativ ungehindert in ihre Heimatregion zurückkehren, blieb aber dort z.T. geheimdienstlicher Überwachung und der Diskriminierung im beruflichen sowie sozialen Leben ausgesetzt. Allein der Aufenthalt in den Zwischen- und Überprüfungslagern dauerte rund drei Monate. In der Diskussion wurde u.a. nach dem Verhältnis zwischen der politischen Befehlslage und der Praxis gefragt. Laut der Referentin lässt sich diese Frage bisher nicht exakt beantworten; die Filtration sei zwar nicht lückenlos, aber im allgemeinen doch konsequent durchgeführt worden. Ein Teilnehmer sagte, dass die westlichen Alliierten spätestens seit Jalta eine Vorstellung davon hatten, was mit den überstellten sowjetischen Kriegsgefangenen geschehen würde. Abschließend wies die Referentin darauf hin, dass die Kriegsgefangenen lange Zeit grundsätzlich von deutschen Entschädigungszahlen ausgeschlossen blieben. Als sich die Bundesrepublik 2015 entschloss, 2000 € pro Gefangenem auszuzahlen, gab es gerade noch 4.000 Überlebende.

ARTEM LATISCHEV (Moskau), der Filtrationslager behandelte, die nach den anfänglichen Kesselschlachten hinter der Front in der Sowjetunion errichtet wurden, riss einen neuen Forschungshorizont auf, da hierzu in Deutschland bisher kaum etwas veröffentlicht worden ist. Latischev machte die unterschiedlichen zeitlichen Phasen sowie die politisch-militärischen und dann ökonomischen Antriebskräfte deutlich, die dazu führten, dass die Filtrationslager im Laufe des Krieges unterschiedliche Funktionen im sowjetischen Herrschaftssystem erfüllten. Dabei ergaben sich erstaunliche Parallelen zur Entwicklung der NS-Lager für sowjetische Kriegsgefangene: von ursprünglich politisch-ideologisch bedingter Sicherung und Be- bzw. Misshandlung hin zum Arbeitseinsatz, der zeitweilig zum wichtigsten Zweck der Filtrierung auf dem Boden der Sowjetunion wurde.

DMITRI STRATIEVSKI (Berlin) gab Einblick in konkrete Lebensläufe von Repatriierten, die – soweit sie einen Bezug zum Stalag 326 haben – sicherlich Teil einer zukünftigen Ausstellung sein werden. Allerdings steht eine systematische Auswertung nach Herkunft, Dauer der Gefangenschaft und Erlebnisweisen der gesammelten Interviews und Augenzeugenberichte noch aus. In der Diskussion wurde u.a. gefragt, ob die Filtrierung auch ethnischen Kriterien gefolgt sei. Laut Stratievski war dies vor allem bei ehemaligen jüdischen Kriegsgefangenen der Fall, da diese nach der Nazi-Ideologie als Gruppe ermordet werden sollten und ihr Überleben dem Filtrierungspersonal daher umso verdächtiger erschien. Frappierend erschien Stratievskis Erkenntnis, dass die fortdauernde Diskriminierung im Alltagsleben „keiner Aufforderung per Dekret von oben“ bedurfte, sondern auf das „vergiftete Klima in der Sowjetunion“ zurückzuführen sei.

In der Abschlussdiskussion ging es um die Übertragung der Ergebnisse dieser und weiterer Tagungen in den konzeptionellen Prozess des Entwurfs einer neuen Gedenkstätte. Angesichts der unterschiedlichen Zeitebenen und Inhaltsbereiche komme der Gewichtung der jeweiligen historischen Phase große Bedeutung zu. Unbestritten war es, dass das NS-Lager für sowjetische Kriegsgefangene im Vordergrund stehen soll. Die sprachlich-begriffliche Fassung muss Unterscheidungs- ebenso wie Vergleichsvermögen fördern; eine Gleichgewichtung von Opfern und Tätern wurde als problematisch angesehen. „Eine Gedenkstätte muss eine Haltung haben, auch wenn diese nicht aufoktroyiert werden darf“, betonte ein Teilnehmer. Für eine Weiterentwicklung der Gedenkstätte genüge es nicht, Stalag 326 in bestehende Forschungen zu anderen Gedenkstätten einzuordnen. Ebenso wichtig sei es, das Spezifische des Lagers herauszuarbeiten, um neue Zugriffe und Formate zu eröffnen.

Als übergreifendes Thema wurde auf den möglichen narrativen Zusammenhang der wechselseitigen aggressiven Konfrontation im Nachkriegseuropa zwischen westlichem Antikommunismus und östlichem Antiwestlertum hingewiesen, die im Kalten Krieg gemeinsame Erinnerungsarbeit zu Krieg und Kriegsgefangenschaft überdeckte. Es wurde gefragt, ob hierin eine mögliche Perspektive für heutige, auf Europa orientierte Erinnerungsarbeit in der zukünftigen Gedenkstätte liegen könne.

Konferenzübersicht:

Teil I: Das alliierte Internierungslager

Kerstin Schulte (Universität Bielefeld): "Unseren Stolz brachen sie nicht." Die Internierung von nationalsozialistischen Funktionären in der Senne

Dr. Andrew Beattie (University of New South Wales, Sydney): Internierungslager für nationalsozialistische Funktionsträger in der britischen Besatzungszone nach 1945 und die deutsche Gesellschaft

Andreas Ehresmann (Gedenkstätte Lager Sandbostel): Die Ausstellung zum Internierungslager in der Gedenkstätte Sandbostel

Jörg van Norden (Universität Bielefeld): Didaktische Überlegungen zum „Erinnerungsbogen“ vom Stalag 326 über das Internierungslager zum Sozialwerk

Enrico Heitzer (Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen): Das sowjetische Prüf- und Filtrationslager Nr. 229 und das Speziallager Nr. 7/ Nr. 1 in Sachsenhausen

Teil II: Repatriierung von sowjetischen Kriegsgefangenen

Ulrike Goeken-Haidl (Nürnberg): Repatriierung sowjetischer Kriegsgefangener aus Deutschland in die Sowjetunion

Artem Valerevitch Latischev (Higher School of Economics, Moscow): The Repatriation and Deportation of Soviet Prisoners of War before 1945

Dimitri Stratievski (Berlin/Deutsches Historisches Institut Moskau): Lebensschicksale sowjetischer Repatriierter

Anmerkung
[1] Eine erste Tagung in der Universität Bielefeld im März 2018 hatte die Rahmenbedingungen der Lager für sowjetische Kriegsgefangene im Nationalsozialismus thematisiert sowie ein Konzept für den Ausbau der Gedenkstätte skizziert, siehe: „Keine Kameraden“ – das Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener im Nationalsozialismus. Zur Ausgestaltung der Gedenkstätte „Stalag 326“ und des sowjetischen Ehrenfriedhofs in Stukenbrock/Senne zu einer Gedenk- und Begegnungsstätte von überregionaler und internationaler Bedeutung. Hrsg. Falk Pingel für den Initiativkreis zur Unterstützung des Ausbaus der Gedenkstätte Stalag 326, Bielefeld: Bielefelder Universitätsverlag, 2018. Eine Veröffentlichung zum Flüchtlingslager/Sozialwerk für deutsche Ostflüchtlinge ist in Arbeit.

Zitation
Tagungsbericht: Internierungslager für nationalsozialistische Funktionsträger in Stukenbrock/Senne – Repatriierung der sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem Stalag 326, 27.09.2019 – 28.09.2019 Bielefeld, in: H-Soz-Kult, 24.01.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8609>.