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Translocations. Historical Enquiries into the Displacement of Cultural Assets

Ort
Berlin
Veranstalter
Leibniz-Cluster Translocations: Translocations. Historical Enquiries into the Displacement of Cultural Assets, Technische Universität Berlin
Datum
05.12.2019 - 07.12.2019
Von
Benjamin Fellmann, Warburg-Haus Hamburg; Caroline Jessen, Deutsches Literaturarchiv Marbach

In Fallstudien mit deutlichem Schwerpunkt auf kolonialen Sammlungsgeschichten zeigte die Tagung „Translocations. Historical Enquiries into the Displacement of Cultural Assets“ das aktuelle Thema umstrittener Kulturgutverlagerungen: Es ging um Transfers, Erwerbungen und Raubzüge, die von Europa ausgingen oder in Europa stattfanden. Die Tagung positionierte sich zugleich zu deren toxischen gesellschaftlichen, ökonomischen und intellektuellen Nachwirkungen und spiegelte damit nicht zuletzt auch die Ziele des Leibniz-Clusters, das „wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über die sozialen, politischen und kulturellen Implikationen von Kulturgutverlagerungen der Vergangenheit als Orientierungshilfe für die Zukunft liefern“[1] will. Anspruch war es, in Nahaufnahmen das Spezifische historischer Konstellationen herauszuarbeiten und zugleich im interdisziplinären Gespräch Strukturen und Kontinuitäten in der Rede über Geraubtes und Verlorenes, Erbeutetes und Beschlagnahmtes zu erkennen.

In einem Eingangsstatement verortete BÉNÉDICTE SAVOY (Berlin) das zweifache Spannungsfeld von historischer und gegenwärtiger Bedeutung, von Deutung und Deutungshoheit in den Perspektiven auf Aneignung, Besitz und Bewertung von Kunstwerken. Ein von ihr eingespielter Video-Clip aus der Daily Show unterstrich, dass die Diskussion die Abgeschlossenheit akademischer Fachdiskurse verlassen hat. Savoy verwies auf die Kontinuität einer Rhetorik, die Besitz, Deutungsmacht und Narrative über Afrika verquickt und dabei jene Asymmetrien fortschreibt, die der Verlagerung der Objekte an erster Stelle zugrunde lägen.[2] Wo sich Europa als Hüterin in Afrika dem Verschwinden vermeintlich anheimgegebener Gebrauchsobjekte sehe, werde unwillentlich das gewaltsame „Verschwinden“ kultureller Zeugnisse aus dem Blickfeld derjenigen Gemeinschaften, deren Geschichte sie bezeugen, als Gewaltakt mitausgedrückt. Diese Leerstellen bildeten einen Schwerpunkt im Programm: Die insgesamt 17 auf Englisch gehaltenen Vorträge dieser in der Diskussion bisweilen auch mit Übersetzungen auf Französisch und Deutsch geführten Konferenz verteilten sich auf 5 Sektionen. Es ging 1) um Methoden und Forschungsstrukturen, um Zusammenhänge zwischen 2) Translokationen und Wissensproduktion sowie um 3) Bedeutungswechsel translozierter Objekte, 4) Strategien im Umgang mit Verlust und Abwesenheit und schließlich um 5) juristische Perspektiven, Entwicklungen und Rahmenbedingungen für den Umgang mit Kulturgutverlagerungen.

In der ersten Sektion, die CHRISTINE HOWALD (Berlin) moderierte, fragte EMMA HAGSTRÖM MOLIN (Berlin / Uppsala) nach dem analytischen Wert objektbiographischer Ansätze in den Geschichtswissenschaften. Am Beispiel von Akten, die im Zuge der Invasion Livlands 1621 als Kriegsgut von der Burg Mitau (Jelgava) im heutigen Lettland in das schwedische Staatsarchiv verbracht worden waren, ging sie auf Aufspaltung und Neukontextualisierung von Archivmaterial sowie die damit wechselnden Bedeutungszusammenhänge ein. So unscharf blieb, wie ein objektbiographischer Ansatz hier Archivtheorie mitberücksichtigen kann oder worin das Spezifische von Archivmaterial, seiner wechselnden Bedeutung für ein Kollektiv oder eine Person besteht, so wichtig war es, die Aufmerksamkeit auf das umfangreiche Feld der Translokation von Schriftstücken zu lenken.

ANDREA SCHOLZ und THIAGO DA COSTA OLIVEIRA (Berlin) verwiesen in ihrem Beitrag auf Unterschiede zwischen westlichen und nicht-westlichen Konzepten von Eigentum und fragten am Beispiel translozierter Objekte aus Südamerika, wie angemessen die Perspektive einer in spezifischen Eigentumskonzepten verorteten Provenienzforschung sei. Sie skizzierten andere Modelle der Lebensbedeutsamkeit und des Umgangs mit Objekten. Deren Kenntnis sei auch wesentlich, um kein Deutungsmonopol durch Rückgaben fortzuschreiben, sondern stattdessen im aktiven Austausch neue Zugänge zu entwickeln, in denen indigene Ontologien neben den Blick auf die koloniale Geschichte treten. Es gehe nicht nur um die Restitution von Dingen an Ursprungsorte, sondern um eine Restitution von agency, die den Umgang mit Objekten in den ethnologischen Museen verändere.

CHRISTIAN FUHRMEISTER (München) und DONATA LEVI (Udine) konzentrierten sich auf Fragen der Forschungsethik und hoben die Bedeutung der emotionalen Dimension von Erinnerung für die Forschung zu Objektbiographien hervor. Sie fragten vor dem Hintergrund von Recherchen zu NS-Raubgut, was es für Forschung zur Herkunft von Kunstwerken bedeutet, dass sie mitunter in die private Geschichte von Familien eindringt und die davon betroffenen Nachkommen, ohne ihre vorherige Einwilligung gegeben zu haben, mit den Recherchen konfrontiert werden, sie vielleicht als Abdruck früherer Transgressionen empfinden. Der Fall, den sie vorstellten, berührte wesentliche Fragen der Forschungspraxis. Mit dem Hinweis auf die Einbindung biographisch-empirischer Forschungsmethoden wurde eine grundlegende Forderung formuliert, von der man sich wünschte, dass sie längst interdisziplinär als Teil wissenschaftlicher Praxis selbstverständlich sein sollte. Damit erschloss dieser Beitrag den Diskussionsraum um Ungleichgewichte von Wissen und notwendige Umsichtigkeit.

ROMUALD TCHIBOZO (Abomey-Calavi), ein ausgewiesener Forscher zur Rezeption zeitgenössischer afrikanischer Kunst in den beiden deutschen Staaten ab 1950 unter den Zeichen des Kalten Krieges, sprach über Effekte, die sich aus der Art und Weise der Sammlung und Ausstellung von Kulturgut aus Afrika in den europäischen Museen ergeben. Dem dichten Vortrag war in seinen Themenwechseln mitunter schwer zu folgen, doch griff die Kritik an der Unsichtbarkeit und Unzugänglichkeit vieler Objekte (und der zugehörigen Erwerbungsunterlagen, Archive, Inventare etc.) in den Depots der Museen. Sie produziere ein Macht- und Wissensgefälle, das eine angemessene Begegnung mit den Objekten unmöglich mache.

In der Diskussion des Panels gelang es, aus den vorgestellten Forschungszusammenhängen gemeinsame Fragen und Desiderate abzuleiten, doch fehlte ein Versuch, von den case studies zu abstrahieren und berechtigten, aber bekannten Forderungen nach einer Arbeit an Terminologien Neues hinzuzufügen. Gerne hätte man gehört, wie die fallstudienübergreifenden Arbeiten des Forschungsclusters selbst (etwa sein im Aufbau befindliches Glossar, seine ikonographische Sammlung[3] und seine Anthologie historischer Texte zu Translokationen[4]) hier einzuspringen vermögen.

MAREIKE VENNEN (Berlin) moderierte das Panel zu Dynamiken von Translokation und Wissensproduktion. HÉLÈNE IVANOFF (Frankfurt am Main) zeigte Unterschiede zwischen der französischen und deutschen Ethnologie auf, um das Forschen und Sammeln unter den Prämissen der deutschen Ethnologie in seinen Verbindungen mit kolonialen Strategien und Denkmustern ebenso wie in seinen Distanzgesten und Einsprüchen an Beispielen herauszuarbeiten. In der Diskussion wurde auf die Verbindung zwischen musealer Sammlungstätigkeit und Militäroperationen im Kaiserreich hingewiesen. Die Motivation vieler Ethnologen durch Liberalismus und Szientismus sei kaum zu isolieren von ihrem Status als Nutznießer des Kolonialismus.

REGINA HÖFER (Florenz / Berlin) ging am Beispiel des britischen Kolonialbeamten und Amateur- Archäologen Laurence Austine Waddell (1854–1938) auf die Rolle von Akteuren zwischen Politik, Museum und Forschung ein. Waddell erwarb im großen Stil sowohl für die britische Kolonialregierung als auch privat Artefakte in Indien, beteiligte sich an Ausgrabungen und profitierte als Sammler von Plünderung. Er verkaufte Teile seiner Sammlung 1906 und 1908 an das Ethnologische Museum in Berlin, nachdem er 1905 nach Großbritannien zurückgekehrt war, wo er bis zu seinem Ruhestand als Professor am University College London wirkte. Seine Forschung richtete sich auf Gandhara-Bildwerke in ihren Verbindungen zur altgriechischen Skulptur. Höfers Beitrag und die anschließende Diskussion verdeutlichten sowohl die Schwierigkeit der Beurteilung von europäischen Ankäufen in den Kolonien als auch die Tatsache, dass europäische Sammlungen durch Erwerbungen translozierter Objekte vergleichende Studien ermöglichten und damit einen Wissensvorsprung gegenüber den Herkunftskontexten ausbildeten, der als Effekt kolonialer Sammlungspraxis angesehen werden muss.

MARIA SILINA (Montréal) widmete sich der Museumspolitik in der Sowjetunion im frühen 20. Jahrhundert. Sie gab einen Überblick über die Auswirkungen der Verstaatlichung allen privaten, königlichen und kirchlichen Besitzes in Folge der Russischen Revolution 1917. Sammlungen wurden der staatlichen Museumsreserve (1921–1929) unterstellt, die sie wiederum auf Museen, Bildungseinrichtungen und öffentliche Einrichtungen verteilte oder für den Export freigab. Silina ging auch auf die staatliche Rationalisierung der Museumsprofile ein. Wie sie zeigte, führte die damit legitimierte Verteilungspolitik zur Entfremdung historischer Sammlungen, zur Zerstörung von Material- und Wissenszusammenhängen und einer schwer rekonstruierbaren Geschichte einzelner Sammlungsobjekte und ihrer Zerstreuungsgeschichte.

Deutlich zeigten die drei Vorträge die Notwendigkeit, nicht nur objektbiographisch zu arbeiten, sondern Netzwerke und Strukturen organisierter Translokationen von Kulturgut in den Blick zu nehmen. Der daraus erwachsenden Komplexität (materialintensiver, transnational angelegter) Forschung sollten Forschungsnetzwerke begegnen, nicht zuletzt um kulturell unterschiedliche Wertzuschreibungen und Wissenszusammenhänge translozierter Objekte zu erforschen.

Im Panel über Bedeutungswechsel translozierter Objekte konzentrierte sich ANNA CAROLIN AUGUSTIN (Washington D.C.) auf den Umgang mit jüdischen Zeremonial-Gegenständen, die nach dem Holocaust durch die als Trustee eingesetzte Organisation „Jewish Cultural Reconstruction“ mit dem Ziel der Restitution zusammengetragen wurden. Augustin ging insbesondere auf Guido Schönberger ein, der als einer der wenigen Überlebenden Judaika-Experten und früherer Kurator am Stadthistorischen Museum Frankfurt am Main in die Arbeit mit den Objekten im JCR-Depot eingebunden war. Sie skizzierte den Umgang mit erbenlosen Objekten, um dann den wechselnden Bedeutungen nachzugehen, die sich in ihren Besitzer- und Ortswechseln sowie damit verbundenen Re-Kontextualisierungen spiegeln. An die Stelle der Rekonstruktion einzelner Objektbiographien trat hier die lehrreiche Rekonstruktion des Sprechens über sie: über Verlust und Wiederauffindung, wechselnde Funktionen und Bedeutungen, den „richtigen“ Ort erbenloser Objekte.

ISABELLE DOLEZALEK (Greifswald) machte sich in ihrem Vortrag für eine breit gefasste Provenienzforschung stark, die sowohl die Auswertung schriftlicher Quellen als auch das eingehende Studium der Objekte selbst einbezieht. Sie illustrierte dies am Beispiel von Kirchenglocken, die beim Fall Gibraltars 1333 in die Qarawiyyin-Moschee in Fes verbracht worden waren. Als Kriegsbeute seien die Glocken für die Moschee zu Leuchtern umgearbeitet worden, um ihre originäre Funktion und Symbolik zu überschreiben: dieser Aneignungsakt ermöglichte, die Bronze-Gegenstände prominent und doch nahezu unkenntlich in die Ausstattung der Moschee zu integrieren, das Material aus früheren Wissenszusammenhängen zu lösen. Schriftliche Quellen zeigten, dass die Translokation jenseits der religiösen Aspekte auch der Legitimation politischer Herrschaftsansprüche diente.

MARTIN HULLEBROECK (Brüssel / Paris) thematisierte abschließend ein Banner, das Ende des 19. Jahrhunderts aus der heutigen Demokratischen Republik Kongo nach Brüssel gebracht wurde und seit seiner Ausstellung auf der dortigen Weltausstellung 1910 im Königlichen Museum für Armee- und Militärgeschichte ausgestellt ist. Im Belgisch-arabischen Krieg kämpfte der Freistaat Kongo unter der Herrschaft Leopold II. gegen Sansibar-stämmige arabische Sklavenhändler. In der Schlacht an den Stanley-Fällen 1893 erbeutete Nicolas Tobback, Captain der belgischen Force Publique, die im Freistaat die Polizeigewalt ausübte, das Banner von Rachid ben Mohammed, dem abtrünnigen früheren Swahili-arabischen Repräsentanten in Stanley Falls, einem Neffen des für die Sultane von Sansibar aktiven Sklaven- und Elfenbeinhändlers Tippu Tip. Hullebroeck fragte nach den Status-Zuschreibungen, die das Objekt erfahren hat, und problematisierte dessen trophäenartige Präsentation, die die wechselnden Bedeutungszusammenhänge unterschlage. Die Diskussion des Vortrags konzentrierte sich vor allem auf die Möglichkeit und Dringlichkeit der Entzifferung einer Schrift auf dem Banner, an der sich das Desiderat fach- und disziplinübergreifenden Vernetzung mit Forscherkolleg/innen nochmals konkret zeigte.

Das vierte, von MERTEN LAGATZ (Berlin) moderierte Panel widmete sich dem Umgang mit der Abwesenheit von Artefakten und (erinnerungs- bzw. museums-)politischen Fragen. JAN HÜSGEN (Berlin) thematisierte den Zugang ehemaliger Kolonien zu den Archiven ihrer Geschichte. Er ging auf den 1917 erfolgten Verkauf der dänischen Kolonien in der Karibik an die Vereinigten Staaten ein. Die damit verbundene Verbringung von Archivgut in das Rigsarkivet Kopenhagen habe dazu geführt, dass die lokale afro-karibische Bevölkerung der U.S. Virgin Islands Zugang zu Zeugnissen ihrer Geschichte verlor.[5] Heute ermöglichten ein englischsprachiges Findbuch und Digitalisate einen dezentralen Zugang, doch bewahre die Sprache der Dokumente die kolonialen Machtverhältnisse. Es stelle sich die Frage, ob und wie die (materielle, sprachliche, juristische) Zugänglichkeit von Archivmaterial auch kommunikative Machtverhältnisse verändern könnte.

QUANITA LILLA (Kapstadt) stellte aktuelle Pläne für ein National-Museum von Lesotho vor. In dem Land, das sich großen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen ausgesetzt sieht, soll das im Entstehen begriffene Haus kulturelles Basotho-Erbe zugänglich machen, indem es Wissen aus Anthropologie, Sozialgeschichte und Kunst integriert. Das Museum orientiere sich an südafrikanischen Erfahrungen aus der Umwandlung von kolonialen Gedächtniseinrichtungen nach dem Ende der Apartheid, etwa mit der Einbindung lokaler Communities und oral history-Arbeit in der Museumspraxis. Dies sei auch notwendig, da sich die größte Sammlung von Basotho-Objekten im British Museum befinde, mit dem man nun über die Möglichkeit von Leihgaben verhandele. Lilla erläuterte anhand von Ausstellungsbeschriftungen nach dem Modell des British Museum die Gefahr der Fortschreibungen westlicher Werthierarchien in Lesotho. Es gelte demgegenüber eigene Formen der Ausstellung zu entwerfen. In der anschließenden Diskussion hob Bénédicte Savoy hervor, dass afrikanische Museen erst dann gleichberechtigt zum internationalen Tausch- und Leihverkehr aufschließen könnten, wenn sie über eigene Bestände verfügten, Restitution also erst die Möglichkeit fairer Kooperation schaffe.

JI YOUNG PARK (Berlin) arbeitete heraus, welche Funktionen Repliken entwendeter Originale an deren Ursprungsort übernehmen können. Sie wies auf chinesische Wandmalereien aus Höhlen in der chinesischen Turkestan-Region von Xinjiang hin, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert in westliche Sammlungen verbracht wurden. Selten blieben die Wandmalereien intakt, so dass es heute schwierig sei, die zerstreuten Fragmente im Zusammenhang zu zeigen. Chinesische und japanische Museen rekonstruierten allerdings Malereien mit digitalen Methoden und stellten Repliken von Höhlenensembles aus. Auf diese Weise werde die Abwesenheit der Werke thematisiert und zugleich ihr ursprünglicher Wissens- und Wirkungszusammenhang rekonstruiert. Der Vortrag lenkte Aufmerksamkeit auf das Verhältnis von Original und Kopie, das dann die Diskussion bestimmte. Obgleich Kopien eine kritische Funktion zukomme, ersetzten sie freilich nicht, so ein Einwurf, die mit der Restitution verbundenen Gesten des Zurückgebens.

Im abschließenden Panel zeichnete SEBASTIAN WILLERT (Berlin) Verbindungen zwischen den Berliner Museen, der deutschen Diplomatie des Kaiserreichs und Gesetzen zum Kulturgutschutz im Osmanischen Reich nach. Er zeigte, wie die deutschen Museen trotz protektionistischer Maßnahmen des Osmanischen Reichs im Rahmen eines imperialistischen Sammlungsverständnisses Objekte für ihre Sammlungen zu akquirieren versuchten. Er wies verschiedene Bemühungen nach, die sich direkt gegen Schutzmaßnahmen richteten – bis hin zur Einbindung des deutschen Konsuls in Pläne für den Diebstahl von Objekten. Der Beitrag hob die Schwierigkeit hervor, eine differenzierte Sprache zu finden für Transaktionen und Transfers, die im Zuge ungleicher, aber schwer zu fassender Machtverhältnisse stattfanden.

Ausgehend von einem Wandgemälde im Oranjesaal von Huis ten Bosch in Den Haag, das in seiner Zusammenstellung von Gegenständen auf den weitreichenden Handel der Niederlande verwies, thematisierte ELSJE VAN KESSEL (St. Andrews) die mit der Expansion auf dem Seeweg nach Asien verbundene Sammlungstätigkeit sowie das systematische Kapern von Schiffen im Konkurrenzkampf der europäischen Seemächte um die nach Europa verbrachten Güter. Der Import von Waren aus Asien beeinflusste die juristische Theoriebildung in Europa, insbesondere durch die von Hugo Grotius im Auftrag der Niederländischen Westindien-Kompanie verfasste Abhandlung „De Jure Praedae“ (1604/1605) und das daraus veröffentlichte „Mare Liberum“, das die Möglichkeit zur Begründung von Eigentum auf dem Meer im Sinne des Freihandels negierte und Beschlagnahmen „eigentumsloser“ Waren auf dem Meer rechtfertigte. Recht sei in den Dienst der Expansions- und Akquisitionspolitik gestellt worden.

LÉA SAINT-RAYMOND (Paris) widmete sich in ihrem mit ELODIE VAUDRY (Mexiko / Paris) erarbeiteten Vortrag der Frage, wie lateinamerikanische Emissäre die in den 1920er- und 1930er-Jahren sukzessive erlassenen Gesetze zum Schutz kulturellen Erbes in Ländern wie Peru, Chile, Mexiko und Kolumbien umgingen. Ihre Studie richtete sich auf den Pariser Kunstmarkt für prä-kolumbianische Kunst. Sie nutzten quantitative Analysen, um zu zeigen, dass sich die erlassenen Kulturgutschutz-Gesetze nicht auf den Handel auswirkten, und erklärten dies über Mittlerfiguren, die sowohl Akteure des Kunstmarktes, als auch Mittler der Verbreitung und Anerkennung der Kunstwerke aus Südamerika waren. Der Beitrag öffnete Perspektiven auf die enge Vernetzung des Kunsthandels mit Kunsttheorie, Geschmacksgeschichte, Politik und intellektuellem Diskurs.

SHEILA HEIDT (Köln) zeichnete die Entwicklung der Gesetzgebung in den deutschen Kolonien nach und machte deutlich, dass die Translokation vieler der in dieser Zeit für deutsche Sammlungen akquirierten Objekte aus heutiger Sicht problematisch ist, da die zeitgenössische Gesetzgebung eine Form der Unterdrückung und Gewalt gegen die lokale Bevölkerung etablierte, in deren Licht selbst der Handel mit Objekten aufgrund der ungleichen Machtverhältnisse hinterfragt werden muss. Heidt argumentierte, dass mit der Radbruch’schen Formel (1946) davon auszugehen ist, dass die in den afrikanischen Kolonien bestehenden Gesetze derart „unerträglich ungerecht“ waren, dass sie nicht als legitime Gesetze angesehen werden könnten. Damit würden Aktionen gegen Eigentum der lokalen Bevölkerungen und die Verbringung von Objekten, die auf ihrer Basis in deutschen Besitz gelangten, ihrer Rechtsgrundlage entbehren. Derzeit bestehe keine auf diese Situation anwendbare, internationale Rechtsordnung. Heidt warb differenziert und überzeugend – und keineswegs, wie es im Bericht über diese Konferenz von Andreas Kilb in der FAZ vom 11. Dezember 2019 verkürzt hieß, als „anklingende“, „unplausibel“ wirkende „Gleichsetzung der kolonialen Raubzüge mit der Ausplünderung der europäischen Juden durch das ‚Dritte Reich‘“[6] – dafür, in Ermangelung rechtlicher Rahmenrichtlinien als Übergangslösung eine Handreichung in Anlehnung an die bestehende für die Auffindung und Rückgabe von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut zu erarbeiten.[7]

In der Diskussion des Panels plädierte sie dafür, Restitutionen durch öffentliches Engagement, Aktivismus und politischen Druck zu erzwingen, da ein moralischer Code zugunsten von Restitutionen von Objekten aus kolonialen Zusammenhängen noch fehle. Dabei sei entscheidend, das Unrecht der Kolonialherrschaft deutlicher zu kommunizieren, um Bewusstsein für das Ausmaß der Gewalt und ihrer Bedeutung für den wirtschaftlichen Erfolg Europas herzustellen. Dies führte nicht zuletzt zur Frage der praktischen Verschaltung von Kunstgeschichte und Rechtswissenschaft. Wiederholt war da bereits die Idee begrüßt worden, stärker in Tandems und Teams zu arbeiten: um die Expertise unterschiedlicher Fächer zu verbinden, verschiedene Perspektiven auf einen Gegenstand zu gewinnen, die eigene Sichtweise besser prüfen zu können.

In der Abschlussdiskussion gab es weite Übereinstimmung darüber, dass länderübergreifend ein immenses Desiderat besteht, den Kolonialismus, die angesprochenen Themen und Inhalte, noch stärker in die Öffentlichkeit tragen. Eine große Herausforderung stellen die ungleichen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten der Forschung zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden dar: in ihnen perpetuieren sich in gewisser Weise die Auswirkungen der kolonialen Verhältnisse bis heute. Bénédicte Savoy fasste die aktuellen Herausforderungen an Museen, Sammlungen und Gesellschaften als das, was sie und Felwine Sarr die Notwendigkeit einer neuen „Ethik der Beziehung“[8] nennen. Die Relevanz dieser Tagung lag vielleicht weniger in der Summe der vorgestellten Erkenntnisse – obgleich die Beiträge materialnah und differenziert argumentierten – als vielmehr in der Verbindung und gegenseitigen Kontextualisierung der Perspektiven, nicht zuletzt im Dienste politischer Einsprüche. Es wurde das Anliegen deutlich, Kunstgeschichte zusammenzudenken mit anderen Disziplinen und Hinweise auf Eigentumsfragen und Raub nicht als „Profanierung“ oder „Partikularisierung“ der Kunst zu fürchten.

Die Tagung demonstrierte vielfach gelungene Möglichkeiten, eine Perspektive auf Kunst und Objekte zwischen ästhetischer Autonomie und Materialität, zwischen Historizität und aktuellen Bedeutungszusammenhängen zu gewinnen. Zugleich wurde sie zwar dem Ziel gerecht, historischen Erkundungen von Translokationen in Breite und Komplexität Raum zu bieten; eine stringente Reflexion des Wechselverhältnisses von objektbezogener Provenienzforschung und Grundlagenforschung zu Strukturen und Kontexten von Translokationen wurde jedoch eher implizit in den Vorträgen praktiziert als dass sie in der allgemeinen Diskussion synthetisierend geleistet werden konnte.

Die internationale Tagung hinterlässt einen bleibenden Eindruck – nicht zuletzt in der deutlichen Differenz der Beiträge von den Meinungsstücken der letzten drei Jahre zum Thema Restitution. Die hier ins Gespräch gebrachten Positionen zeigen: Die Aufarbeitung von Translokationen birgt ein wissenschaftliches, soziales und politisches Potenzial der interdisziplinären und interkulturellen Vernetzung und ist damit eine Chance für eine neue, transnationale Forschung, die ihre gesellschaftlichen Einspruchsmöglichkeiten nutzt.

Konferenzübersicht:

Introduction – Bénédicte Savoy (Berlin / Paris)

I. Translocations: Methods, Challenges and Research Structures
Chair: Christine Howald (Berlin)

Emma Hagström Molin (Berlin / Uppsala): Locating Object Biographies Through Translocated Files

Andrea Scholz (Berlin) and Thiago da Costa Oliveira (Rio de Janeiro / Berlin): Questions of Ownership and Translocation: European Concepts versus South American Native Regimes

Christian Fuhrmeister (Munich) and Donata Levi (Udine): Researching Objects = Researching Emotions? Lessons Learnt in the HERA Project TransCultAA

Romuald Tchibozo (Abomey-Calavi): Displaced African Objects: A Challenging Paradox for Knowledge Production

Discussion

II. Translocations and the Production of Knowledge
Chair: Mareike Vennen (Berlin)

Hélène Ivanoff (Frankfurt am Main): Translocations, German Ethnology and Colonialism

Regina Höfer (Florence / Berlin): Colonial Translocations: From British India to Berlin: The Collection of L.A. Waddell

Maria Silina (Montréal): The Russian State Museums Reserve and the Museum Network: A Socialist Way to Manage Museum and Private Collections

Discussion

III. Translocation / Transformation of Object Meaning and Status
Chair: Robert Skwirblies (Berlin)

Anna-Carolin Augustin (Washington D.C.): Translocations of Jewish Ceremonial Objects (Judaica) after 1945

Isabelle Dolezalek (Greifswald): Looted Bells: Church Bells in the Great Mosque of Fez

Martin Hullebroeck (Paris / Bruxelles): Rachid ben Mohammed’s Flag from Stanley Falls (1893): Emblem, Loot, Trophy and Decorative Object?

Discussion

IV. The Space Left Behind – Strategies for Dealing with Loss and Absence
Chair: Merten Lagatz (Berlin)

Jan Hüsgen (Berlin): Islands without History? Consequences of the Relocation of Danish Colonial Archives to the US and Denmark for the Memory of Slavery and Slave Emancipation

Qanita Lilla (Capetown): First Steps towards Restitution: Creating and Curating the Lesotho National Museum

Ji Young Park (Berlin): “Translocations” on Display: Central Asian Cave Murals in Museums

Discussion

V. Legal Perspectives, Developments and Frameworks
Chair: Meike Hopp (Berlin)

Sebastian Willert (Berlin): „The German reputation would be seriously damaged.“ Berlin Museums, German Diplomacy and the Ottoman Antiquity Law

Elsje van Kessel (St Andrews): Stolen Ships, Maritime Law, and Eurasian Object Movements around 1600

Élodie Vaudry (Mexico City / Paris) and Léa Saint-Raymond (Paris): When Politics Bypass their Own Heritage Laws: From Latin America to Paris and vice versa (1920s–1930s)

Sheila Heidt (Cologne): Translocations of Objects from Africa to Germany (1884-1919): Today’s Perspective on their Enablement and Justification

Final Discussion

Anmerkungen:
[1] DFG-Projektcluster Translocations. Historical Enquiries into the Displacement of Cultural Assets, Selbstbeschreibung, in: http://www.translocations.net/projekt/ (16.02.2020).
[2] Vgl. das Video der Daily Show with Trevor Noah, „The Debate Over Europe’s Stolen African Art / The Daily Show“, 16. Dezember 2018, in: https://www.youtube.com/watch?v=fOlmXQihow8 (16.02.2020).
[3] Translocations. Ikonographie: Eine Sammlung kommentierter Bildquellen zu Kulturgutverlagerungen seit der Antike, redaktionell betreut durch Felicity Bodenstein mit Merten Lagatz, Simon Lindner und Nathalie Okpu, in: https://transliconog.hypotheses.org/ (16.02.2020).
[4] Vgl. Translocations. Anthologie. Eine Sammlung kommentierter Quellentexte zu Kulturgutverlagerungen seit der Antike, redaktionell betreut durch Robert Skwirblies, in: https://translanth.hypotheses.org/ (16.02.2020).
[5] Vgl. Jeannette Allis Bastian, Owning Memory: How a Caribbean Community Lost Its Archives and Found Its History, Westport / London 2003.
[6] Andreas Kilb, Von Atlantis nach Berlin. Eine von Bénédicte Savoy einberufene Tagung erörtert Fälle der „Translokation“ von Kunstwerken, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Dezember 2019, S. N3.
[7] Vgl. https://www.kulturgutverluste.de/Webs/DE/Recherche/Handreichung/Index.html (16.02.2020).
[8] Felwine Sarr u. Bénédicte Savoy, The Restitution of African Cultural Heritage. Toward a New Relational Ethics / Rapport sur la restitution du patrimoine culturel africain. Vers une nouvelle éthique relationnelle, November 2018.

Zitation
Tagungsbericht: Translocations. Historical Enquiries into the Displacement of Cultural Assets, 05.12.2019 – 07.12.2019 Berlin, in: H-Soz-Kult, 13.03.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8691>.