Eschatology in Eastern and Western Europe in the Early Modern Period

Ort
digital (München)
Veranstalter
Julia Herzberg / David Khunchukashvili, Ludwig-Maximilians-Universität München; Historisches Seminar der LMU; Geschichte Ost- und Südosteuropas
Datum
05.03.2021 - 06.03.2021
Von
Nataliia Sinkevych, Ludwig-Maximilians-Universität München

In ihren Eingangsstatements zum Workshop, der an der Ludwig-Maximilians-Universität München über Zoom stattfand, erläuterten Julia Herzberg und David Khunchukashvili die Motivation, die hinter der Ausrichtung der Veranstaltung stand. Ziel des Workshops sei es, Eschatologie als transkulturelles Phänomen und soziale Praxis aufzufassen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie eschatologische Ideen das Weltbild und Zeitvorstellungen des christlichen Europas an der Schwelle zur Neuzeit beeinflusst haben. Bisher übersehene Zusammenhänge, Verflechtungen und Unterschiede in der Rezeption des eschatologischen Gedankenguts in Ost- und Westeuropa bildeten den Fokus der Vorträge und der daran anschließenden Diskussionen.

Besonders hervorgehoben wurde, dass es keine epistemische Grenze zwischen Ost- und Westeuropa gab. Das eschatologische Wissen zirkulierte frei innerhalb des christlichen Europas, wie NICOLAS PISSIS (Berlin) in seine Keynote zeigte. Die Wissenszirkulation stand auch im Mittelpunkt des Vortrages von ULADZIMIR KANANOVICH (Kletsk, Belarus). Er veranschaulichte dies am Beispiel der Wirkung der westeuropäischen Eschatologie auf das Endzeitbewusstsein von Francysk Skaryna (1486-1551), der mit dem Druck der Bibel in einer weißrussischen Version des Kirchenslawischen als „erster Drucker Belarus‘“ in die Geschichte eingegangen ist.

Die Frage nach dem unmittelbaren Schicksal der Seele nach dem Tod stand im Zentrum der jahrhundertelangen Polemik zwischen Orthodoxen und Katholiken. Mit der ikonographischen Antwort der ruthenischen Malerei auf diese Frage beschäftigte sich LILIYA BEREZHNAYA (Münster). Eschatologische Vorstellungen haben zudem zur Herausbildung einer russischen Identität im Laufe des 17. Jahrhunderts beigetragen, wie PETR STEFANOVICH (Moskau) zeigte. Besondere Aufmerksamkeit galt der identitätsstiftenden Wirkung des eschatologischen Gedankenguts auf die Altgläubigen, die die in den 1650er-Jahren begonnenen liturgischen Reformen des Patriarchen Nikon ablehnten und so in einen Gegensatz zur orthodoxen Kirche gerieten.

Die politische Wirkung des eschatologischen Gedankenguts war Thema gleich mehrerer Vorträge. PETRA WAFFNER (Hagen) zeigte am Beispiel der politischen Prophetie Reformatio Sigismundi, wie die eschatologische Logik zum Zweck der Herrschaftslegitimation herangezogen wurde. Eschatologie half auch der postbyzantinischen Tradition, den Fall Konstantinopels zu überstehen, wie ANDRÁS KRAFTS (Princeton) erläuterte. Am Beispiel einer bisher unedierten Prophetie aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts konnte er veranschaulichen, dass das gefallene Reich in der apokalyptischen Tradition postbyzantinischer Zeit weiterlebte. DAVID KHUNCHUKASHVILI (München) analysierte zwei astrologische Schriften, die einen direkten Einfluss auf die politische Eschatologie in Ost- und Westeuropa hatten: Die Pronosticatio von Johannes Lichtenberger (1488) und den Almanach von Johannes Stöffler und Jakob Pflaum (1499). Diese beiden astrologischen Prognosen wurden nicht nur im Heiligen Römischen Reich, sondern auch in der Moskauer Rus’ aktiv diskutiert und interpretiert.

Der Beitrag von JOSEPH S. FREEDMAN (Montgomery) zum Verhältnis zwischen Eschatologie und Zeit in den gelehrten Kreisen des frühneuzeitlichen Westeuropas rundete den Workshop ab.

Der Workshop zeigte somit die Präsenz und Wirkung eschatologischer Ideen in verschiedensten Quellen, die sowohl im Westen als auch im Osten Europas verbreitet waren. Die von den Veranstaltern in ihren Begrüßungsworten geäußerte These, dass zumindest aus eschatologischer Perspektive keine Grenze zwischen Ost- und Westeuropa existierte, konnten die Beiträge des Workshops an zahlreichen Beispielen aus verschiedenen geographischen Räumen untermauern.

Konferenzübersicht:

I Welcome and Keynote

Julia Herzberg und David Khunchukashvili (both Ludwig-Maximilians-Universität München): Welcoming Address

Nicolas Pissis (Freie Universität Berlin): Eschatology and Knowledge Transfer in the Early Modern Period

II Eschatology in Eastern Europe

Chair: Julia Herzberg

Uladzimir Kananovich (Kletsk, Belarus): Doctor Francis Skaryna. In the Signs of the End Times

Liliya Berezhnaya (Münster): An Orthodox Purgatory? “The Otherworldly Third Place” in Early Modern Ruthenian. Religious Polemics and on the Last Judgment Icons

Petr Stefanovich (Higher School of Economics, Moscow), Eschatology and Russian Identity in the Works of Old-Believers of the Late 17th Early 18th Centuries

III Political Eschatology

Chair: Damien Tricoire

Petra Waffner (FernUniversität Hagen): Political Prophecy as Strategy in Late Medieval Reform Texts

David Khunchukashvili (Ludwig-Maximilians-Universität München): Judicial Astrology and Political Eschatology in Eastern and Western Europe

András Kraft (Princeton University): The Byzantine Apocalyptic Tradition after Byzantium

IV Eschatology between Time and Eternity

Chair: Natalia Sinkevych

Joseph S. Freedman (Alabama State University, Montgomery): Eschatology in the Context of Time, Duration, Eternity, and the Presentwith a Primary Focus on Academic Philosophical Writings Published in Central Europe during the Late 16th and Early 17th Centuries

Concluding Discussion

Zitation
Tagungsbericht: Eschatology in Eastern and Western Europe in the Early Modern Period, 05.03.2021 – 06.03.2021 digital (München), in: H-Soz-Kult, 07.05.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8929>.