gate|keeping. Akteure, Architekturen, Prozesse

Ort
digital (Mainz)
Veranstalter
Gabriele Schabacher / Franziska Reichenbecher, Medienkulturwissenschaft, Institut für Film-, Theater-, Medien- und Kulturwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Datum
19.11.2020 - 20.11.2020
Von
Sophie Spallinger, Medienkulturwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Ob das Bewachen der Haus- oder die Einlasskontrolle an der Clubtür, Abfertigungsprozeduren am Flughafenschalter, Zirkulation von Menschenströmen im Straßenverkehr oder automatisierte Mustererkennung in Sicherheitsverfahren: all diese Phänomene der Zugangsregulierung lassen sich unter dem Begriff des „Gatekeeping“ zusammenfassen. Die Entscheidung, jemandem oder etwas Zugang zu Information oder exklusiven Räumen zu gestatten beziehungsweise zu verwehren, und die damit einhergehende Steuerung von Menschenflows, Dingen und Informationsströmen zeichnen dieses Gatekeeping aus.

Wurde der Begriff des Gatekeeping bislang vor allem in den Sozial- und Kommunikationswissenschaften verwendet, nahm sich die zweitägige interdisziplinäre Konferenz der Mainzer Medienkulturwissenschaft vor, den Begriff erstmals aus einer dezidiert medienkulturwissenschaftlichen Perspektive und kulturellen Breite zu beleuchten. Wie die Konferenzeinführung verdeutlichte, hebt sich dieser Einsatz grundsätzlich von den beiden diskursiven Traditionen ab, in denen Gatekeeping als theoretisches Konzept bereits etabliert ist: Die sozialwissenschaftliche Gatekeeping-Forschung nach Kurt Lewin [1] konzentriert sich vor allem auf die Rolle menschlicher Gatekeeper in Entscheidungsprozessen, während die Kommunikationswissenschaften anschließend an David Manning White [2] Gatekeeping in erster Linie mit Blick auf Botschaften und publizistisch-massenmediale Selektionseffekte thematisiert. Demgegenüber erfasse ein erweitertes kulturwissenschaftliches Verständnis Gatekeeping als elementare und wirkmächtige Kontroll- und Kulturtechnik, die mediale Konstellationen seit jeher und grundlegend prägt. Mit Blick auf sozio-technische Netzwerke, die Ebene von Hard- und Software und auf räumliche Dispositive, fokussierte so die Konferenz Gatekeeping als ein materiales und operatives Geschehen. Das zentrale Anliegen der Veranstaltung bestand entsprechend darin, Gatekeeping als medialen Komplex der Zugangskontrolle zu verhandeln, an dem neben menschlichen Akteuren auch Architekturen und Computerprogramme (Codes und Algorithmen) gleichermaßen mitwirken. Dieser Zugang spiegelte sich in den drei Konferenzpanels Akteure, Architekturen und Prozesse wider, die mit Blick auf menschliche, materielle und elektronische Gatekeeping-Konstellationen verschiedene Disziplinen der Kunstgeschichte, Kulturwissenschaft, Ethnologie und Medienkulturwissenschaft in Austausch brachten.

Personale Gatekeeper-Figuren, die über Zugänge entscheiden und dabei über die Kulturtechnik des Gatekeeping Macht prozessieren, bildeten den Fokus des ersten Panels. Zunächst rekapitulierte JENS WIETSCHORKE (München / Wien / Tübingen) seine stadthistorische Studie über den Wiener Hausbesorger 1850-1930 und stellte daran anschließend weiterführende kulturanalytische Überlegungen über den Hausmeister als intermediäre Figur an. Er untersuchte die Hausmeisterfigur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts insbesondere nach seiner Handlungsmacht als „Türhüter“ sowie seiner Vigilanz in der Rolle als „protoethnografischer Beobachter“. Da es zu den zentralen Aufgaben des Hausmeisters gehörte, die Zugänge zum Haus und seine halböffentlichen Räume, in denen sich Menschen unterschiedlicher Klassen begegneten, zu überwachen, zu kontrollieren und unerwünschte Hausierer vom Eintreten abzuhalten, habe dieser eine aktive Rolle in der Aushandlung der sozialen Verhältnisse und Ungleichheiten eingenommen. Indem der Hausmeister zudem als aufmerksamer Beobachter Zugang zu exklusivem Wissen erhielt und dieses auch strategisch einsetzte, könne er in Anlehnung an Markus Krajewskis Diener-Figur als „Informationszentrale“ bezeichnet werden. Wie der Vortrag jedoch anschaulich zeigen konnte, bezog der Hausmeister seine Verfügungsgewalt nichtsdestotrotz aus der Tür und bildet – analog zu Kafkas Türhüter-Parabel – eine stellvertretende und vermittelnde Instanz.

Der Vortrag von ALEXANDER ZONS (München) handelte ebenfalls von einer Gatekeeper-Figur, die als „Informationszentrale“ zu verstehen ist: dem Filmagent in Hollywood. Sowohl in historischer als auch struktureller Hinsicht ging Zons der Frage nach, inwiefern das Verhältnis des Filmagenten zum Studiosystem mit Michel Serres’ Parasiten-Modell gedacht werden kann. Hierfür stellte er heraus, dass die wirkmächtige Stellung des Agenten als den Studios vorgelagerte Gatekeeper aus dem historisch-institutionellen Wandel des klassischen Studiosystems Hollywoods zur projektförmig organisierten Filmindustrie entstanden ist. Wurde dem Agenten lange kein Zutritt zu den Studios gewährt, positionierte er sich mit dem Wandel des Verhältnisses zwischen den Filmstudios und dem Filmpersonal, um als wesentlicher Vermittler den Kontakt zwischen beiden Seiten herzustellen und den Kreativen Zugang zu Filmproduktionen zu verschaffen. Indem sich der Agent an dieser Schaltstelle angesiedelt habe, an der er Informationen abschöpft, Kontakte pflegt und rekrutiert, und dafür sowohl die Seite der Kreativen als auch die der Studios ausnutzt, handele er ganz im Sinne von Serres’ Parasit.[3] Angelehnt an Raymond Chandler könne er ferner als nützlicher Parasit gelten, da er mit seinem Wissen aktiv eine Wettbewerbsatmosphäre erzeugt und als Zwischenhändler die Arbeit der anderen verkauft.[4] Vor diesem Hintergrund ergebe sich die Macht des Agenten als vorgelagerter Gatekeeper aus seiner Schlüsselposition als eingeschlossener Ausgeschlossener an der Schaltstelle zwischen Studios und Kreativen im Netzwerk Hollywoods.

FRANZISKA REICHENBECHER (Mainz) nahm in ihrem Vortrag ebenfalls eine milieuspezifische Gatekeeping-Konstellation in den Blick, indem sie die Figur des Türstehers im Akteur-Netzwerk der door work verortete. Dafür arbeitete sie heraus, dass Gatekeeping an Clubtüren als Frage medialer Relationen und verteilter Praktiken zu begreifen ist, die von verschiedenen Hilfsmedien und -technologien abhängen. Anhand von ethnografischen Studien, Praxisberichten sowie bilddokumentarischem Material machte sie auf ausgewählte Objekte und Techniken aufmerksam, die im Hintergrund der door work operieren und an der performativen Aushandlung von Ein- und Ausschlüssen im Sicherheitsdispositiv der Clubtür konstitutiv beteiligt sind: Neben den Türen / Gates selbst kommen hier Überprüfungstechniken (manuelles Abtasten, Metalldetektoren, CCTV) zum Einsatz, die jeweils verschiedene physische Distanzen und informatorische Gefälle zwischen den Akteuren schaffen. Zudem integriere door work auch paper work und erfordere damit verwaltungstechnische Aufgaben, wie Lesen, Abgleichen und Aufschreiben. Mit Blick auf Gästelisten werde dabei ersichtlich, wie hier Gatekeeper hinter Gatekeeper geschaltet werden. Heizpilze und Ausstattungsgegenstände von ‚Hinterzimmern‘ lassen sich schließlich als Komponenten der Infrastruktur von door work begreifen, insofern sie für die ‚Wartung‘ der Türsteher zwischen ihren Einsätzen die nötigen Umweltbedingungen schaffen. Durch das Herauspräparieren solcher ‚Nebenmedien‘ ließ sich das Gatekeeping der Türsteher als eine situierte Dynamik verschiedener medialer Bedingungen begreifen, von denen viele nicht auf Seiten der menschlichen Akteure liegen, sondern in den Dingen begründet sind, mit denen die Türsteher hantieren, oder in den Techniken, die sie ausführen.

Im zweiten Panel standen Fragen der Regulierung durch architektonische Anordnungen im Vordergrund der Vorträge. Aus einer kunst- und architekturgeschichtlichen Perspektive näherte sich ANNA MADER-KRATKY (Wien) dem Gatekeeping über die Zugangsregulierungen in habsburgischen Residenzbauten des 18. Jahrhunderts. Am Beispiel der Wiener Hofburg machte sie deutlich, dass das höfische Zeremoniell den Lebensraum des Souveräns und seiner Familie, die Stellung des Einzelnen in der sozialen Hierarchie des Hofes ebenso wie die räumliche Anordnung der Residenz bestimmte. Da hierin definiert worden sei, wer welche Schwelle bei Hof überschreiten durfte und wie der Zugang zum Herrscher mittels nach Rang festgelegter Raumfolge kanalisiert sei, ließe sich das Zeremoniell als Gatekeeper fassen. Anhand von historischem Kartenmaterial des Leopoldinischen Traktes hob sie die funktionsgeschichtliche Stellung des ‚Kontrollorgangs‘ hervor. Da sich hier die festgeschriebene Raumfolge sprichwörtlich umgehen ließ, sicherte dieser bei offiziellen Anlässen als entscheidende Querverbindung die Binnenkommunikation zwischen den kaiserlichen Appartements, was zu Zeiten Joseph II. den unbürokratischen Kontakt von Personen unterschiedlichen Ranges mit dem Monarchen ermöglichte. Wie der Vortrag anschaulich zeigen konnte, bezeugt das ‚Kontrollorgang‘ einerseits ein kurzzeitig gelockertes Zeremoniell durch seine Öffnung und verdeutlicht andererseits die Wechselwirkung aus zeremoniellen Vorgaben und Architektur.

Am Beispiel von Ellis Island, der zentralen Immigrationsstation der USA (1892-1924), zeigte SARAH SANDER (Wien / Berlin) in ihrem Vortrag, wie die Einwanderungskontrollen im netzwerkartigen Zusammenspiel von Architektur, Raumsemiotik und menschlichen Mittlern funktionierten. Anknüpfend an das operative Architekturverständnis Wolfgang Schäffners und Susanne Janys, stellte sie die Agency und Operationalität architektonischer Akteure wie Bänke, Raumteiler und Treppen heraus und demonstrierte ihre konstitutive Teilhabe an der effizienten und reibungsfreien Abfertigung und Sortierung der Ankommenden im Speziellen sowie an der gouvernementalen Kanalisierung der Migration im Allgemeinen. Als Elemente einer crowd control technique beschrieb sie die in ein Leitsystem integrierten Objekte. Dienten etwa die Raumteiler der Trennung, die Bänke der Ruhigstellung und die Treppen der Überprüfung der Menschen, bedurften die bürokratischen Registrierungsakte der installierten Pulte. Immigrationsstationen seien somit administrative und architektonische Schwellen zur Einwanderungsregulation. Als Gatekeeper fungierten die getrennten Funktionsräume im architektonischen Ensemble von Ellis Island (u.a. Anlegestelle, Registrierstation, Krankenstation, Heiratsvermittlung) insofern sie – als Zwischenräume – für eine geordnete Stockung der Menschenströme sorgten. Dass diese Unterbrechung und auch die Kanalisierung und Sortierung des ankommenden Menschenflows mittels architektonischer und menschlicher Gatekeeper keineswegs nur ein historisches Phänomen sei, unterstrich Sander mit einem abschließenden Exkurs zur gegenwärtigen Situation in Erstaufnahmezentren an den Außengrenzen Europas.

Die Staffelung des Raums und gelenkte Wegstrecken als Elemente eines sicherheitstechnischen Prozesses der Verlangsamung waren auch zentrale Aspekte im Vortrag von MARKUS DAUSS (Frankfurt am Main) zum Flughafenterminal als Eintrittstor, Durchgang und Scharnier für Menschenflows und Dinge. Aus raumtheoretischer Perspektive seien Flughäfen, wie bereits Bahnhöfe des 19. Jahrhunderts, einer Zwei-Seiten-Disposition (Land / Luft) verpflichtet, d.h. sie trennen und vermitteln zwischen diesen Zonen. Durch ihre gesteigerte Raumkomplexität als Grenzregime seien sie jedoch stärker infrastrukturell-logistisch bestimmt und unterliegen verschärften Sicherheitsanforderungen. Das Programmziel, große Menschenmengen schnellstmöglich und sicher von der Land- auf die Luftseite zu bringen, hängt daher von Prozessen des Zergliederns, Durchleuchtens, Weiterschleusens und Rekombinierens von Mensch und Material ab, die den Flow kontrollierend unterbrechen um ihn gleichzeitig zu schützen. Indem der Flughafenterminal durch mehrgliedrig gestaffelte Schleusen und Filtersysteme den Zugang zum Fliegen bereits am Boden personengebunden reguliere, betreibe er in seinen hintereinandergeschalteten Sicherheitszonen Gatekeeping. Der Vortrag machte zudem deutlich, dass die Abfertigungsprozesse mit Sichtbarkeitspraktiken verbunden sind und der Flughafenterminal als Gatekeeper all das, was nicht den Sicherheitsgeboten am Flughafen entspricht, unsichtbar mache. Am Beispiel der Erstaufnahmeeinrichtung am Frankfurter Flughafen betonte Dauss etwa anhand des sogenannten ‚Flughafenverfahrens‘ und der Nicht-Einreise den ‚Lock‘-Charakter des Flughafens im Umgang mit Asylsuchenden, der entgegengesetzt zum allgemeinen Durchgangsprinzip zu verstehen ist.

Korrespondierend mit den architekturbezogenen Vorträgen, in welchen das Gatekeeping-Konzept vor allem mit den Begriffen der Steuerung und Stauung von Strömen verbunden wurde, nahmen die Vorträge des dritten Panels Phänomene infrastruktureller Zirkulation in den Blick. Mit Fokus auf Verkehrsströme im Straßenverkehr untersuchte FLORIAN SPRENGER (Bochum) in seinem Vortrag die Gatekeeper-Funktion der vernetzten Ampel, die den Verkehr durch geregelte Unterbrechungen effizient zirkulieren lässt. Hierbei stellte er heraus, dass die Ampel an Überkreuzungen von Verkehrswegen nicht nur Zirkulation reguliert, sondern den öffentlichen Straßenraum aufteilt (motorisierter Verkehr, Radfahrer_innen, Fußgänger_innen) und Mobilitätspotenziale aller Verkehrsteilnehmer_innen verteilt. Indem die Ampel als Konfliktzone die Handlungsmacht aller Verkehrsteilnehmer_innen aushandelt, markiere sie, dass Verkehr an eine Politik der Infrastrukturen gebunden ist, die Mobilität ermöglicht oder verhindert. An Ampeln treten demnach Formen „infrastruktureller Gewalt“ hervor – geprägt durch automobile Dominanz. Der Vortrag verdeutlichte hierin den Einfluss der Ampel ab 1920 auf die Herausbildung automobiler Subjektivität und stellte fest, dass die ‚Zirkulationsfreiheit‘ auf den Straßen noch immer von Automobilität dominiert werde. Die Ampel sei demzufolge Gatekeeper in zweierlei Hinsicht: Erstens diene sie der lokalen Zugangskontrolle auf einer Kreuzung und zweitens etabliere sie als Element automobiler Verkehrspolitik ein Mobilitätsdispositiv, das ‚freie Fahrt für freie Bürger‘ als Grundbedingung der Automobilität und ihrer Subjekte durchsetze und die Straße als exklusiven Ort von Autos definiere, an dem andere Fortbewegungsarten marginalisiert werden.

Der abschließende Vortrag von GABRIELE SCHABACHER (Mainz) beschäftigte sich mit Fragen des Gatekeeping am städtischen Personenbahnhof, der als Ort der Vermischung unterschiedlichster Menschen und Dinge Zugangsregulierungen operativ gestalte und im Sinne eines Kontrollregimes als eine umfassendere Form von Gatekeeping zu verstehen sei. Dafür arbeitete sie heraus, dass die durch die hybride Mischung von Personen und Dingen evozierten Regulierungsoperationen für einen reibungslosen Verkehrsfluss an den heterogenen Elementen des Bahnhofsenvironments ansetzen und Akteursgruppen sowie (un-)erwünschtes Verhalten unter der Bedingung ständiger Zirkulation sortieren. Umfassen im 19. Jahrhundert die Zugangsregulierungen personale Akteure (Wärter), zeichenhafte Elemente (Hausordnung) und materiell-räumliche Anordnungen (Bahnsteigpositionierung und Wartesäle), kommen in der gegenwärtigen Bahnhofsformation algorithmische Verfahren wie intelligente Videoüberwachung hinzu, um Ordnung und Sicherheit unter der Bedingung von Vermischung und ständiger Zirkulation herzustellen. Die Bahnhofsinfrastruktur sei hierin als Überwachungsdispositiv zu verstehen. Am Beispiel des Modellversuchs „Sicherheitsbahnhof Berlin Südkreuz“ wurde deutlich, dass intelligente Mustererkennungssysteme als algorithmische Gatekeeper stets mit menschlichen Akteuren, diskursiven Formationen und Dingen verflochten sind und Fragen des Entscheidens, Sortierens und Regulierens von Entitäten in Gefahrensituationen nicht durch Automatisierung einfacher lösen, sondern ihrerseits eine Vielzahl von normalisierenden, konservativen und fiktiven Konstruktionen beinhalten. In Bezug auf die Rolle des keeping wurde dabei festgestellt, dass es hier nicht um die sorgende und achtende Pflege einer Ordnung geht, sondern um deren machtvolle Stabilisierung auf einer noch dem eigentlichen Ordnungsprozess vorgelagerten (Herstellungs-) Ebene.

Resümierend konnte festgehalten werden, dass das erweiterte kulturwissenschaftliche Verständnis von Gatekeeping den verschiedenen Disziplinen der Konferenz ein breites Spektrum an Gegenständen, historischen Kontexten und fachspezifischen Fragestellungen eröffnen konnte. Anhand konkret situierter Gatekeeping-Konstellationen konnte gezeigt werden, dass das Entscheiden über Zugänge und die damit zusammenhängende Regulierung der Zirkulation von Informationen, Dingen und Subjekten stets an eine in der Zeit und im Raum verankerte Vernetzung aus menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren sowie operativen Architekturen gebunden ist. Aus dieser Warte resultiert die Macht, die den Gatekeepern als Entscheidungsinstanz zugesprochen wird, in der Regel nicht nur aus der Gatekeeper-Person selbst, sondern speist sich vor allem aus mitwirkenden Dingen und Techniken – eben den medialen Bedingungen des Gatekeeping. Mit dem Verständnis von Gatekeeping als verteilter Praktik und komplexer Kontrolltechnik wurde außerdem die Wichtigkeit der räumlichen Anordnung hervorgehoben, die mit vorgelagerten bzw. gestaffelten Zwischenräumen Zwischenzeiten erzeugen und Zugänge reglementieren. So wurde herausgearbeitet, dass sich menschliche wie nicht-menschliche Gatekeeper mitunter in ihrem Milieu kaskadenartig ineinander schalten und dass Gatekeeping somit als mehrgliedriger Prozess zu betrachten ist. Indem insbesondere die medialen Bedingungen des Gatekeeping fokussiert wurden, lieferte die Konferenz der Medienkulturwissenschaft einen wichtigen Beitrag zur Verschiebung der Perspektive in der Debatte über das Konzept des Gatekeeping.

Konferenzübersicht:

Panel I: Akteure

Jens Wietschorke (München / Wien / Tübingen): Der Hausmeister als Gatekeeper. Überlegungen zur Kulturanalyse intermediärer Figuren

Alexander Zons (München): Between In & Out. Agenten in Hollywood

Franziska Reichenbecher (Mainz): »Leider nein«. Türsteher und door work

Panel II: Architekturen

Anna Mader-Kratky (Wien): Diesseits und jenseits der Schwelle. Höfische Zugangsregulierungen in Wiener Residenzbauten des 18. Jahrhunderts

Sarah Sander (Wien / Berlin): On Ellis Island: Architektonische Akteure als operative Elemente der Einwanderungskontrollen

Markus Dauss (Frankfurt am Main): International Airport: hub, gate or lock?

Panel III: Prozesse

Florian Sprenger (Bochum): Auf Grün – Ampeln und das automobile Subjekt

Gabriele Schabacher (Mainz): Algorithmische Kontrolle. Gatekeeping am Bahnhof

Anmerkungen:
[1] Vgl. Kurt Lewin, Frontiers in Group Dynamics: II. Channels of Group Life, Social Planning and Action Research, in: Human Relations 1 (1947), 2, S. 143-153.
[2] Vgl. David Manning White, The ‚Gate Keeper’. A case study in the selection of news, in: Journalism Quarterly 27 (1950), 4, S. 383-390.
[3] „Der Parasit hat sich an den günstigsten Orten niedergelassen, im Schnittpunkt der Beziehungen.“ Michel Serres, Der Parasit, Frankfurt am Main 1981, S. 71.
[4] Vgl. Raymond Chandler, Ten Percent of Your Life, in: The Atlantic Monthly Vol. 189 (1953), 2, S. 48-51.

Zitation
Tagungsbericht: gate|keeping. Akteure, Architekturen, Prozesse, 19.11.2020 – 20.11.2020 digital (Mainz), in: H-Soz-Kult, 22.09.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-9064>.