Kommunikation in Philosophie, Religion und Gesellschaft. Internationaler Schleiermacher-Kongress Paris 2020 // Communication in Philosophy, Religion, and Society. International Schleiermacher Congress

Ort
Paris
Veranstaltungsort
Université Paris IV Sorbonne (2.6.20); Université Nanterre (3./5.6.20); Institut Protestant de Théologie Paris, IPT (3./4.6.20)
Veranstalter
Christian Berner, Université Paris Nanterre; Sarah Schmidt, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften; Denis Thouard, Centre Georg Simmel-EHESS/CNRS; Internationale Schleiermacher-Gesellschaft
Datum
02.06.2020 - 05.06.2020
Bewerbungsschluss
31.10.2019
Von
Sarah Schmidt

Im „Zeitalter der digitalen Kommunikation“ überschreiten Wörter und Bilder mühelos alle räumlichen Distanzen, ihre Übertragungsgeschwindigkeit rechnen wir in Sekundenbruchteilen, Speicherkapazitäten scheinen unbegrenzt, die Welt ist in sozialen Netzwerken miteinander vernetzt, simst, mailt, facebooket, twittert, googelt. Zugleich wird Information – ihre Verbreitung, Manipulation, Selektion oder Vorenthaltung ebenso wie ihre flächendeckende Auswertung – zu einem zentralen Wirtschafts- und Politikfaktor, dem der einzelne „Nutzer“ ausgeliefert scheint, der Machtgefälle spiegelt und Konflikte anheizt.
Eine kritische Reflexion dieser kommunikativen Bedingungen unserer Gegenwart ist dringend geboten. Dabei geht es jedoch nicht nur um eine aufgeklärte Kritik dieser „Informationswirtschaft“, sondern ebenso um den Kommunikationsbegriff selbst, dem im täglichen Umgang mit twitter & Co eine Verkürzung droht. Denn das tägliche „Versenden“ immer kürzer werdender messages und simpler likes kultiviert nicht nur eine normierte, auf Entweder-Oder-Entscheidungen fixierte Kommunikation, es nährt auch die positivistische Vorstellung, dass in Kommunikationsprozessen ein transportables Paket hin und her geschickt wird, das es nur ein- und auszupacken gilt.
Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und sich auf Kommunikationskonzepte zu besinnen, die weit vor der digitalen Revolution die mediale Verfasstheit der Kommunikation, ihre sprachliche, kulturelle und soziale Bedingtheit, ihre religiöse und ästhetische Bedeutung sowie ihre ethische Tiefendimension beleuchten.
Der in Paris 2020 stattfindende Schleiermacher-Kongress möchte den Philosophen, Theologen, Pädagogen, Übersetzer und Bildungsreformer Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher als Kommunikationstheoretiker in den Blick nehmen. Ob als Universitätslehrer, Kanzelredner, als politischer Reformer, Publizist, Salongänger oder Briefeschreiber – Schleiermacher war selbst ein begnadeter Kommunikator und im Begriff der Kommunikation bündeln sich wie in einem Brennglas viele zentrale Aspekte seines Denkens. Seine Philosophie, Theologie und philologische Praxis zeichnen sich durch ihre emphatische Prozesshaftigkeit jenseits starrer Systeme aus. Sich in Sprache manifestierendes Wissen, moralisches Handeln, religiöses Erleben und der Entwurf gemeinschaftlicher Institutionen sind im beständigen Werden und nur im Austausch der miteinander streitenden, sich liebenden und hassenden, Ideen/Sinn entwerfenden und um Gemeinschaft und Individualität ringenden Menschen wirklich. Kommunikation findet nicht in einem kontextfreien Raum statt, sie ist immer Ausdruck und Teil einer religiösen, sprachlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Geschichte, in die wir uns in jedem Moment einschreiben und in die wir gerade aufgrund unserer Verstrickung immer nur bedingt Einblick gewinnen.
Schleiermachers Kommunikationstheorie findet in seinen Hermeneutik- und Dialektikvorlesungen im Prozess des Verstehens und streitenden Denkens eine sprach- und erkenntnistheoretische Fundierung, sie wird in seinen Übersetzungen vor dem Hintergrund einer unhintergehbaren Differenz der Sprachen praktisch und theoretisch reflektiert, sie ist Motor und Modus einer lebendigen Religionsausübung. Sie erhält in der Geselligkeit als freies Spiel der Gedanken im experimentellen Raum einer hierarchiefreien Gesellschaft eine zentrale ästhetische und gesellschaftliche Bedeutung und ist Teil einer alle menschlichen Tätigkeiten umfassenden Ethik.
Auf dem Schleiermacher-Kongress soll Kommunikation dabei von ihrem „kleinsten“ bis hin zu ihrem „größten“ Umfang gedacht werden, insofern sie, Subjekt konstituierend, den Fortgang jedes Denkens, jeder Gewissensentscheidung, jedes künstlerischen Aktes bestimmt aber auch als Kommunikation zwischen Staaten, Religionsgemeinschaften und Kulturen von großer Bedeutung ist. Ein besonderes Gewicht wird der Aktualisierung seiner Entwürfe und ihrer ideengeschichtlichen Verflechtung zukommen, d.i. seiner systematischen Entsprechungen mit anderen Denkern und Denkerinnen und seine Anschlussfähigkeit an aktuelle Debatten und Problemkonstellationen. Fragen nach den Bedingungen und Möglichkeiten eines interkulturellen und interreligiösen Dialoges, nach Voraussetzungen des kommunikativen Handelns bilden dafür ebenso mögliche Ansatzpunkte wie Konzeptionen von Autorschaft und Schrift oder kontrastive Untersuchungen alter und gegenwärtiger Kommunikationsmedien.
Wie lassen sich Kommunikationsnetzwerke abbilden und auslesen (z.B. aus Schleiermachers Tageskalendern), welche (religiöse aber auch welche gesellschaftliche und politische) Bedeutung kommt der Kommunikation von Emotionen (z.B. in einer Predigt) zu, welche (Wissens-, Kultur-)transferleistungen übernehmen Übersetzungen und schlummert in Schleiermachers Ethik eine politisch tragfähige und ethisch verbindlichen Form von Gastfreundschaft und Geselligkeit, die uns in Zeiten weltweiter Migration Orientierung verschafft?
Zu einem Nachdenken über diese und weitere Fragen zur Praxis und Theorie der Kommunikation gestern und heute mit Schleiermacher und über Schleiermacher hinaus sind Sie herzlich eingeladen. Der Kongress ist interdisziplinär angelegt und widmet sich drei thematischen Schwerpunkten:
1. Polemik – Apologie: Streitkulturen in Religion, Wissenschaft und Gesellschaft
2. Spiel – Protest – Utopie: Dimensionen der Geselligkeit
3. Materialität und Medialität der Kommunikation: Kulturtechniken des Redens, Schreibens, Lesens und Übersetzens

Die Hauptvorträge finden am Vormittag statt und erfolgen auf Einladung. Um sich für einen Panel-Vortrag am Nachmittag der Kongresstage zu bewerben, senden Sie bitte einen Titel und ein Exposé Ihres Vortrages (ca. 200-300 Wörter) samt Hinweis auf die gewünschte Zuordnung zu einem Themenschwerpunkt sowie unter Angabe Ihres Namens und Ihrer Adresse bis zum 31.10.19 in elektronischer Form an: Sarah Schmidt sschmidt@bbaw.de.
Alle Kongressteilnehmenden (Vortragende wie Zuhörende) sind herzlich eingeladen zu einem Umtrunk an der Sorbonne am 2.6.20 sowie zu einem Empfang im Hof des Institut Protestant de Théologie Paris (IPT) am 3.6.20. Das Veranstaltungsteam bemüht sich um eine Finanzierung der Reise- und Unterkunftskosten aller Vortragenden, eine verbindliche Rückmeldung zur Finanzierung kann jedoch erst Anfang 2020 gegeben werden.

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In the “age of digital communication” words and images travel effortlessly across vast distances, transmission rates are calculated in fractions of a second, storage capacity seems unlimited, and the world is connected by various forms of social networking and social media. Everyone everywhere is texting, emailing, facebooking, twittering, and googling. Meanwhile, information – its diffusion, selection, withholding, manipulation, analysis, and utilization – is becoming a central economic and political factor reflecting power differentials and fueling conflict. At the mercy of all this is the individual “user.”
Such a situation demands critical reflection on the contemporary conditions of communication, including not only informed criticism of this new “information economy” but also careful attention to the concept of communication itself. Our daily dealings with Twitter and Co. threaten to oversimplify this complex concept, for the frequent sending of increasingly shorter messages and simpler “likes” not only normalizes a type of communication fixated on Either/Or decisions, but also fosters the positivistic notion that processes of communication amount to little more than the sending back and forth of packets of information.
In this context it is worthwhile to step back and consider conceptions of communication that, long before the digital revolution, once shed light on the nature of communication—its linguistic, cultural, and social dependence, its religious and aesthetic significance, as well as its profound ethical dimensions.
The 2020 Schleiermacher Congress in Paris will examine the philosopher, theologian, pedagogue, translator, and educational reformer Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher from the perspective of his work as a theorist of communication.
Whether as university teacher, preacher, political reformer, journalist, salon frequenter, or personal correspondent, Schleiermacher was himself a gifted communicator. The concept of communication, moreover, gathers together and concentrates many central aspects of his thought. Far from forming a rigid system, his philosophy, theology, and philological practice are distinguished by a pronounced fluidity. For Schleiermacher, knowledge (manifesting itself in language), moral action, religious experience, and the devising of shared institutions are in a constant process of becoming. Indeed, they become real only in exchanges taking place between people who fight, love, and hate each other, who create ideas and meaning together, who struggle for community and maintain their individuality. Communication does not take place in a vacuum; rather, every communication is always at once an expression of, and contribution to, a religious, linguistic, scientific, and cultural history. We inscribe ourselves into this history in each moment, and because of this entanglement we are granted only limited insight into it.
Schleiermacher’s theory of communication is grounded in the theory of language and theory of knowledge he developed in his university lectures on hermeneutics and dialectics; it is reflected practically as well as theoretically in his translation work, which acknowledged the ultimate irreducibility of languages; and it is the driving force and modality of a vital religious practice. In his conception of sociability (Geselligkeit) as the free play of ideas in an experimental space free of hierarchies, his theory of communication receives its central aesthetic and social meaning and significance. It is also part of an ethical theory which strove to encompass all human activities.
The Paris Schleiermacher Congress aims to explore “communication” in its full range of meanings. For, as constitutive of the human subject, communication determines the further development of all thinking, every judgment of conscience, and each artistic act; yet equally significant is the communication taking place between states, religious communities, and cultures. Special emphasis will be placed on the relevance of Schleiermacher’s proposals today as well as their place in the history of ideas, i.e., his systematic parallels with other thinkers and the ability of his thought to inform current debates and address contemporary problems. Approaches that investigate the conditions and possibilities of intercultural and interreligious dialogue or the presuppositions of communicative action are therefore just as welcome as conceptions of authorship or investigations comparing older and newer forms of media.
How can networks of communication be mapped and sorted out, e.g., from Schleiermacher’s daily calendar? What significance—social and political as well as religious—should we attribute to the communication of emotions, e.g., in a sermon? What work does translation perform in transferring knowledge and culture? And is there slumbering in Schleiermacher’s ethics a politically viable and ethically obligatory form of hospitality and sociability that could provide us with orientation in a time of worldwide migration?
You are cordially invited to think with and beyond Schleiermacher on these and other questions concerning the theory and practice of communication, both yesterday and today. In order to foster interdisciplinary conversation, the conference is organized around three thematic foci:
1. Polemics – Apologetics: Cultures of Debate in Religion, Science, and Society
2. Play – Protest – Utopia: Dimensions of Sociability
3. The Materiality and Mediality of Communication: Cultural Practices of Speaking, Writing, Reading, and Translation

Plenary lectures by invited speakers will take place in the morning. To apply to give an afternoon panel-presentation, please send a title and an abstract of your paper (approx. 200-300 words) in electronic form to Sarah Schmidt (sschmidt@bbaw.de) before October 31, 2019. Please include your name and address and indicate to which of the above themes your paper best belongs.
All conference participants (audience as well as speakers) are warmly invited to have a drink at the Sorbonne on June 2, 2020 and to participate in a reception in the court of Institut Protestant de Théologie Paris (IPT) on June 3, 2020. The organizers are currently seeking funding for the travel and hotel costs for all speakers. However, a reliable confirmation about funding is not possible before early 2020.

Programm

Ein vorläufiges Programm der Tagung sowie Informationen zu günstigen Reise- und Unterkunftsmöglichkeiten in Paris werden in Kürze auf der Webseite der Schleiermacher-Gesellschaft einsehbar sein: http://schleiermacher-gesellschaft.theologie.uni-halle.de/.

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A preliminary program of the conference as well as suggestions regarding affordable travel to, and accommodations in, Paris will soon be posted on the website of the Schleiermacher-Gesellschaft: http://schleiermacher-gesellschaft.theologie.uni-halle.de/

Kontakt

Sarah Schmidt
Jägerstraße 22/23

sschmidt@bbaw.de

Zitation
Kommunikation in Philosophie, Religion und Gesellschaft. Internationaler Schleiermacher-Kongress Paris 2020 // Communication in Philosophy, Religion, and Society. International Schleiermacher Congress, 02.06.2020 – 05.06.2020 Paris, in: H-Soz-Kult, 13.06.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-40569>.