Von der Kraft der Zeugung (18. – 20. Jahrhundert)

Ort
Hamburg
Veranstaltungsort
Gorch-Fock-Wall 3, 20354 Hamburg
Veranstalter
DFG-Kolleg-Forschungsgruppe "Imaginarien der Kraft“, Universität Hamburg
Datum
05.12.2019 - 06.12.2019
Bewerbungsschluss
15.11.2019
Von
Dominik Hünniger

Der Begriff der ‚Zeugungskraft‘ und verwandte Termini wie ‚Bildungstrieb‘, ‚Fortpflanzungsvermögen‘ und ‚Fruchtbarkeit‘ erfahren im 18. Jahrhundert eine Konjunktur. In vielen Wissensbereichen wird die Frage nach den Prozessen der Fortpflanzung von Organismen neu verhandelt. Dies schließt neben der Naturgeschichte, der Medizin, der Philosophie und den Kameralwissenschaften auch die Ästhetik und die Literatur ein. Seit den mikroskopischen Untersuchungen im 17. und 18. Jahrhundert sind es vor allem die physiologischen Mechanismen der Fortpflanzung, die im Bereich der Naturgeschichte diskutiert werden. Gleichzeitig gerieten die aus der griechisch-römischen Antike stammenden Vorstellungen über die Spontanzeugung ‚niederer‘ Lebewesen im Laufe des 17. Jahrhunderts in die Kritik.
Im Anschluss an die im 18. Jahrhundert entwickelten Generations- und Entwicklungshypothesen rückt um 1800 dann die zeugende Kraft des Lebendigen in das Zentrum der Aufmerksamkeit von Physiologie, Botanik, Zoologie und Medizin. In der Folge werden Konzeptionen von Zeugungskraft, die mit menschlichen Vermögen im Zusammenhang stehen, mit der pathologischen Vorstellung eines Kräfteschwindens und damit einhergehenden moralisierenden Diskursen verknüpft. Christoph Wilhelm Hufeland etwa geht davon aus, dass kein „Verlust anderer Säfte und Kräfte die Lebenskraft so schnell und auffallend“ schwäche „als die Verschwendung der Zeugungskräfte“. Den Zeugungskräften werden gleichermaßen somatische und geschlechtsspezifische Topographien, aber auch bestimmte Temporalitäten, Rhythmen und Wechselwirkungsmechanismen eingeschrieben. So spekuliert beispielsweise Carl Gustav Carus in seinem Lehrbuch der Gynäkologie darüber, „ob vom Monde mehr die weibliche, von dem von Neuem stärker einwirkenden Sonnenlicht mehr die männliche Zeugungskraft in Anspruch genommen“ werde. Botanik und Zoologie wiederum sind darum bemüht, die Mechanismen von geschlechtlicher Zeugung und kontaktloser Befruchtung u.a. mithilfe künstlicher Befruchtungsstudien nachzuvollziehen.
Das Verhältnis von Leben und Zeugung hat um 1800 auch in literarischen und in ästhetiktheoretischen Schriften einen maßgeblichen Stellenwert. Zeugungskraft wird hier insbesondere mit dem Vermögen künstlerischer Hervorbringung und mit elementaren Mächten analogisiert, deren generative Zusammenhänge sich der menschlichen Einsicht verschließen. So definiert etwa Novalis „Dichten ist zeugen“, während Schiller im Geisterseher die „innre unvergängliche Zeugungskraft“ der Natur in Relation zur Kurzlebigkeit von nationalen und epochalen Ausprägungen setzt. In diesen Wechselwirkungen zwischen Natur und Kunst, Körpern und Metaphern, in die Konzepte der Zeugungskraft eingetragen werden, spielt die Einbildungskraft eine kaum zu unterschätzende Rolle. Schon in Karl Philipp Moritz Magazin zur Erfahrungsseelenkunde wird dafür plädiert, die „Imagination“ als „immer rege Energie und gleichsam ewig gebärende Zeugungskraft der Seele“ zu betrachten. Die Rolle der Imagination besitzt auch in der naturwissenschaftlichen Diskussion der Zeugungskraft bis weit in das 19. Jahrhundert Relevanz, weil der Zeugungsprozess noch lange als ‚Geheimnis‘ oder ‚Rätsel‘ gilt, dessen Lösung sich nicht allein durch reine Beobachtung mit den zeitgenössisch vorhandenen Methoden, Instrumenten und Vorannahmen finden lässt. Die ‚Imaginarien der Kraft‘ haben demzufolge in Versuchsanordnungen und Argumentationsgängen, in literarischen und bildlichen Darstellungen der Zeugung und (Re-)Produktion von Organischem und Anorganischem eine zentrale Bedeutung.
Diesen Imaginarien will der Workshop zum Thema ‚Zeugungskraft‘ für den Zeitraum zwischen dem frühen 18. und dem frühen 20. Jahrhundert auf den Grund gehen. Der Fokus liegt dabei auf den verschiedenen Konzepten von Kräften der Zeugung und den Verbindungslinien zwischen naturwissenschaftlichen und künstlerischen Darstellungen, Imaginationen und Theorien von Zeugungsvorgängen und -kräften.
Der Workshop kombiniert dazu die gemeinsame Lektüre von einschlägigen historischen Texten mit themenspezifischen Vorträgen und gemeinsamen Diskussionen. Interessierte sind herzlich eingeladen, am Workshop teilzunehmen (Anmeldung bis zum 15.11.2019 bitte an: imaginarien.der.kraft@uni-hamburg.de).

Für inhaltliche Rückfragen:
Dominik Hünniger: dominik.huenniger@uni-hamburg.de
Frederike Middelhoff: frederike.middelhoff@uni-hamburg.de
Adrian Renner: adrian.renner@uni-hamburg.de

Programm

Donnerstag, 05.12.2019
13:30 Einführung und Begrüßung (Dominik Hünniger, Frederike Middelhoff, Adrian Renner)

14:00 Staffan Müller-Wille (Exeter/Hamburg): „Affinitas: Erste Überlegungen zu einem Begriffsfeld zwischen Chemie, Naturgeschichte und Zeugungstheorien (1718–1809)“

15:00 Pause

15:30 Lektüre I (Lesser/Blumenbach)

16:45 Pause

17:00 Sebastian Schönbeck (Frankfurt/Oder): „Fruchtbarkeit. Formen und Effekte der Zeugungskraft in der Literatur- und Naturgeschichte um 1800“

18:30 Gemeinsames Abendessen

Freitag, 06.12.2019

09:00 Wolfgang Hottner (Berlin): „Geschlechtslosigkeit. Überlegungen zum Verhältnis von Organischem und Anorganischem um 1800“

10:00 Lektüre II (Spallazani/Oken/Vogt)

11:15 Pause

11:45 Joela Jacobs (Tucson): „Fatal Attraction: Von pflanzlicher Anziehungskraft zu zerstörerischer Zeugungskraft um 1900“

12:45 Mittagessen

14:15 Lektüre III (Darwin/Bölsche) und Abschlussdiskussion

16:00 Abreise/Ausklang

Kontakt

Dominik Hünniger

DFG-Kolleg-Forschungsgruppe
"Imaginarien der Kraft“
Gorch-Fock-Wall 3, 20354 Hamburg

dominik.huenniger@uni-hamburg.de

Zitation
Von der Kraft der Zeugung (18. – 20. Jahrhundert), 05.12.2019 – 06.12.2019 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 17.10.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-41501>.