Titel der Ausgabe 
nurinst 6 (2012)
Weiterer Titel 
Schwerpunktthema: Gesundheit, medizinische Versorgung, Rehabilitation

Herausgeber
Jim G. Tobias / Nicola Schlichting – Im Auftrag des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts
Erschienen
Nürnberg 2012: Antogo Verlag
Erscheint 
zweijährlich
ISBN
978-3-938286-45-6
Anzahl Seiten
190 S.
Preis
12,80 € [D]
ISSN

 

Kontakt

Institution
Nurinst – Beiträge zur deutschen und jüdischen Geschichte. Jahrbuch des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts
Land
Deutschland
c/o
Nürnberger Institut Z. Hd. Jim Tobias Postfach 210312 90121 Nürnberg E-Mail: <jimtobias@nurinst.org>
Von
Tobias, Jim G.

Editorial

Mit unserem diesjährigen Schwerpunktthema »Gesundheit, medizinische Versorgung, Rehabilitation« möchten wir einige dieser Aspekte innerhalb der jüdischen Geschichtsschreibung näher beleuchten. Dabei schlagen wir den Bogen von der Zeit der Verfolgung bis zum Neubeginn, sei es in Palästina oder in den Displaced Persons Camps der Nachkriegszeit. Die Bedingungen in den Vernichtungs-, Konzentrations- und Arbeitslagern, in Ghettos, Verstecken und auf der Flucht hinterließen nach Kriegsende Tausende jüdische Frauen, Männer und Kinder in miserablem Gesundheitszustand. Die Überlebenden benötigten dringend ambulante und stationäre Behandlung. Eine erste Versorgung erhielten sie durch Sanitätseinheiten der alliierten Armeen. Nach dem Aufbau der jüdischen Displaced Persons Camps wurden eigene Ambulanzen und Krankenstationen oder -häuser eingerichtet, die mit Unterstützung der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) bzw. später der International Refugee Organization (IRO) und vor allem dem American Jewish Joint Distribution Committee (AJDC) betrieben wurden. Das Benediktinerkloster Sankt Ottilien in der Nähe der Stadt Landsberg sowie das ehemalige Luftwaffen-Sanatorium in Gauting im Landkreis Starnberg waren die ersten Krankenhäuser für Juden im Nachkriegsdeutschland. Viele andere Kliniken und Sanatorien folgten. Wie wurden nun die Diagnostik und die Versorgung der Kranken in der Notsituation der unmittelbaren Nachkriegszeit gewährleistet? Wurden die körperlichen und seelischen Erkrankungen sowie soziale Aspekte nach der Genesung mitberücksichtigt? Gab es einheitliche programmatische gesundheitspolitische Zielvorstellungen? Auf diese und andere Fragen haben wir versucht, Antworten zu finden.

Jael Geis vergleicht in ihrem Aufsatz »Auf den ersten Blick ist der Gesundheits- und Ernährungszustand dieser Leute befriedigend …« die vorliegenden Quellen und die Lücken in den Dokumenten mit der zeitgenössischen medizinischen Fachliteratur beziehungsweise ergänzt sie. Dabei wird der damalige Wissensstand aufgezeigt und verdeutlicht, wie abhängig die Erkenntnisse vom jeweiligen historischen Kontext, von den zu lösenden Aufgaben und von den Fragen waren, die sich den Ärzten, Krankenschwestern und Sozialarbeitern stellten. Sie kommt zu dem Schluss, dass es den zuständigen Institutionen in der US-Zone in erster Linie darum ging, die Ausbreitung ansteckender Krankheiten sowie Epidemien zu verhindern und grundlegende Voraussetzungen für ein gesundes Leben zu schaffen.

Auch der Beitrag von Jim Tobias »Die Patienten werden das erforderliche Vertrauen nur den jüdischen Ärzten schenken« beschäftigt sich mit der medizinischen Versorgung der Überlebenden der Shoa. Schon Ende 1945 forderten die jüdische Selbstverwaltung und die Hilfsorganisation AJDC ein eigenes, zentrales, jüdisches Krankenhaus. Dieses sollte im ehemali­gen Luftwaffenlazarett in München-Bogenhausen entstehen. Dokumentenfunde in US-amerikanischen Archiven ermöglichen es Tobias, den langen Kampf und das Kompetenzgerangel der verschiedenen Akteure um dieses Haus zu beschreiben, in dem erst mit Chefarzt Dr. Moses Osterweil und seinen Kollegen im Frühjahr 1949 die langersehnte »spezielle Jüdischkeit« erreicht werden konnte.

Nicola Schlichting stellt in ihrem Beitrag Das Glyn Hughes Hospital im DP Camp Belsen die facettenreiche Geschichte des einzigen zentralen jüdischen Krankenhauses in der britischen Zone dar. In einem ehemali­gen Wehrmachtslazarett errichtete die UNRRA nach der Befreiung des KZ Bergen-Belsen ein Nothospital, in dem die Bewohner des Belsener DP Camps stationär behandelt wurden. Mit der stärkeren Einbindung der jüdischen Hilfsorganisationen Jewish Relief Unit (JRU) und des AJDC erfolgte die Umwandlung in ein jüdisches Krankenhaus, das Patienten der gesamten britischen Zone aufnahm. Schlichting liefert anhand bisher zum Teil unveröffentlichter Dokumente mit ihrem Text einen wichtigen Beitrag zur Historiografie des Belsener DP Camps; eine weiterführende Publikation dazu ist geplant.

Der Text »Non Omnis Moriar« von Aviv Livnat stellt eine einzigartige Forschungsstudie vor: Zwischen Januar und Juli 1942 waren im Ghetto Warschau 28 jüdische Ärzte an diesem breit angelegten Projekt beteiligt, das die klinischen, metabolischen und pathologischen Auswirkungen von Minder- und Mangelernährung auf den menschlichen Körper untersuchte. Bis heute gilt die »Hungerstudie« als wegweisend und bahnbrechend. Initiator und Organisator Israel Milejkowski, Mitglied des »Judenrates«, gelang es mit Hilfe von Schmugglern, die nötige Ausrüstung in die bestehenden Krankenhäuser zu bringen. 70 erwachsene Patienten und 40 Kinder aus den Ghettokrankenhäusern sowie weitere 30 private Patienten wurden für die Untersuchungen ausgewählt. Die Teilnahme bewahrte sie oft vor dem sicheren Tod durch Verhungern. Mit den Deportationen, die die Liquidierung des Ghettos einleiteten, fand die Arbeit im Juli 1942 ein abruptes Ende. Weitere beteiligte Ärzte wurden in der nächsten größeren »Aktion« im Januar 1943 deportiert, darunter auch Israel Milejkowski, sodass eine Fortsetzung der Arbeit endgültig verhindert wurde. Nur acht der beteiligten Ärzte überlebten die Shoa. Trotz des bemerkenswerten »Sieges des Geistes und der Wissenschaft über den Vernichtungswahnsinn der Nazis« ist die Geschichte der »Hungerstudie« heute nur wenig bekannt.

Dass die Landesheil- und Pflegeanstalt Hadamar während des Nationalsozialismus zu einer Tötungsanstalt umfunktioniert wurde, gehört zu den perfidesten Kapiteln der NS-Ärztegeschichte, wie Melanie Engler in ihrem Beitrag Endstation Hadamar aufzeigt. Im Rahmen der »Aktion T4«, zentral von Berlin aus organisiert, wurden von Januar bis August 1941 mehr als 10.000 psychiatrische Patienten in einer eigens im Keller der Anstalt eingerichteten Gaskammer ermordet. Doch auch nach Abbruch der Gasmordphase im August 1941 blieb die Anstalt Hadamar ein Todeszentrum: von 1942 bis 1945 wurden dort fast 4.500 psychisch Kranke, Behinderte und anderes »lebensunwertes Leben« durch überdosierte Medikamente ermordet. Der erbarmungslose Vernichtungsprozess wird anhand der Aussage eines Tötungsarztes nachgezeichnet. Die zweite Mordphase wird mit Hilfe der Lebensgeschichte von Helena H. aufgezeigt, deren Patientenakte in der Gedenkstätte Hadamar erhalten geblieben ist.

Andrea Livnat stellt in ihrem Beitrag »Eure Vorstellungen entsprechen nicht der hiesigen Wirklichkeit« den Anteil von aus Deutschland vertriebenen Ärzten beim Aufbau des Gesundheitswesens in Erez Israel vor. Nach der »Machtergreifung« der Nationalsozialisten setzte die Einwanderung der deutschen Juden nach Palästina ein. Mit ihr kamen auch Hunderte Mediziner ins Land, das bis dahin auf dem Gebiet des Gesundheitswesens wenig entwickelt war. Noch 1928 praktizierten insgesamt nur etwa 400 jüdische Ärzte im Land. Die große Veränderung trat mit der Alija der deutschen Juden ein: Bis in die 1930er Jahre waren knapp 2.000 jüdische Ärzte ins Land gekommen. Deutsche Mediziner nahmen bald Schlüsselpositionen im gesamten Gesundheitssystem ein und gründeten etwa Krankenhäuser und Versicherungen. Livnats Beitrag stellt die persönlichen Schicksale der Ärzte in den Mittelpunkt und verdeutlicht eindringlich vor allem zwei Dinge: die Emigration wurde zu einer Erfolgsgeschichte für Erez Israel und Deutschland verlor mit den jüdischen Ärzten immenses Fachwissen.[1]

Eine weitere Erfolgsgeschichte – die der professionellen jüdischen Krankenpflege als innovativem Teil der Gesundheitsversorgung im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik – fand nach 1933 ihr jähes Ende. Den antisemitischen Vertreibungen und der Shoa folgte in beiden deutschen Nachkriegsstaaten der »soziale Tod« des Vergessens: Bis heute wird in der sozialhistorischen Forschung der Berufsgruppe der jüdischen Schwestern und Pfleger nur geringe Aufmerksamkeit geschenkt. Dem will Birgit Seemann mit dem Webprojekt »Jüdische Pflegegeschichte/Jewish Nursing History – Biografien und Institutionen« der Fachhochschule Frankfurt entgegenwirken. Da es noch viele Biografien von Pflegenden wie auch ihre Wirkungsstätten – Krankenhäuser, Kinder-, Alters- und Kurheime, Schwesternvereine und Schwesternstationen – zu entdecken und zu würdigen gilt, möchte ihr Beitrag »… jener nimmermüde Trieb, Leidenden zu helfen« vor allem zur weiteren Spurensuche anregen.

Neben unserem Schwerpunkthema enthält der Band weitere Texte zur jüdischen Geschichte. In ihrem Aufsatz Von Pizzabäckern, Schlagerstars und Rabbinern beleuchtet Carolin Lano populärkulturelle Zuschreibungsweisen an das Jüdische im deutschen Unterhaltungsfernsehen, das häufig als exotisch Fremdes, nicht der bekannten Normalität einzugliederndes Anderes, dargestellt wird. Diese Stereotypisierungen dienen als Projektionsfläche und stehen in unterschiedlichen gesellschaftspolitischen wie erzähldramaturgischen Funktionszusammenhängen der Fernsehunterhaltung. Sowohl Personen des öffentlichen Lebens wie Hans Rosenthal als auch jüdische Figuren in deutschen Vorabendserien wurden dabei seltener zu Botschaftern der jüdischen Kultur, als vielmehr zu Zeugen einer gelungenen Aussöhnung stilisiert.

Zwischen 1941 und 1944 ermordeten litauische Partisanen zusammen mit den Deutschen 95 Prozent der jüdischen Bevölkerung der Baltenrepublik. Litauische Regierungsorgane beteiligten sich aktiv an der Verfolgung und Ermordung und zeichneten sich durch besondere Grausamkeit aus. Mit dem Kollaps der Sowjetunion 1991 legte Litauen das internationalistische und antifaschistische Selbstverständnis des »real existierenden Sozialismus« ab. Fortan begleiten Historiker und Medien die Pflege des Nationalbewusstseins des wieder unabhängigen Staates. Die aktive Beteiligung an den Verbrechen der Shoa wird allerdings ausgeblendet. So herrscht in Litauen ein ähnlicher Schuldabwehrantisemitismus vor wie in der Bundesrepublik, der nicht einmal davor zurückschreckt, Überlebende der Shoa als »Verbrecher« und »Kriminelle« zu denunzieren. Christian Kelch skizziert in seinem Aufsatz Die Litauer werden den Juden die Shoa nie verzeihen die Geschichte des Antisemitismus in Litauen nach der Unabhängigkeit 1918 und schildert die Beteiligung der Litauer an den nationalsozialistischen Verbrechen, den Widerstand der litauischen Juden gegen die drohende Ermordung und das die Shoa relativierende Geschichtsverständnis in der Zeit der Sowjetunion. Dabei werden Parallelen und Unterschiede in den deutschen und litauischen Versuchen zur Vergangenheitsbewältigung aufgezeigt.

Zum Abschluss dieses Jahrbuchs stellt sich auch wieder eine wissenschaftliche Institution vor: Die Gedenkstätte Bergen-Belsen, die als erste Einrichtung dieser Art den langen Weg des deutschen Umgangs mit den nationalsozialistischen Verbrechen in der Bundesrepublik nach 1945 repräsentiert. Als erste Gedenkstätte am Ort eines ehemaligen Konzentrations­lagers verdankte die Institution ihre wesentlichen Entwicklungsschübe nach der Eröffnung 1952 mit neuen Dauerausstellungen 1966, 1990 und 2007 den jeweils besonderen politischen und gesellschaftlichen Konstellationen. In den vergangenen zwanzig Jahren ist eine singuläre Sammlung von persönlichen Zeugnissen entstanden, die mit intensiven Kontakten zu Überlebenden und Angehörigen im Zentrum der Arbeit der Gedenkstätte und ihrer Ausstellung steht. Aus der Multiperspektivität dieser und anderer Quellen sowie ausgehend von der konkreten Geschichte dieses Ortes der Tat ist die Gedenkstätte als Raum dialogischer Begegnung mit den Erfahrungszeugnissen und einer gegenwartsorientierten Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen der nationalsozialistischen Verbrechen weiter zu entwickeln.

Anmerkung:
[1] Ausführlicher dazu auf der Webseite: <http://aerzte.erez-israel.de>. Unser Dank gilt der Bundesärztekammer, verschiedenen Berufsverbänden und Landesärztekammern sowie der Kassenärzt­lichen Bundesvereinigung, die unsere Recherchen zu diesem Projekt finanziell unterstützt haben. Ohne ihre Förderung hätte auch dieser Aufsatz nicht entstehen können.

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

»Auf den ersten Blick ist der Gesundheits- und Ernährungszustand dieser Leute befriedigend …«
Aspekte der medizinischen Versorgung in den jüdischen Assembly Centers der US-Zone
Von Jael Geis

»Die Patienten werden das erforderliche Vertrauen nur den jüdischen Ärzten schenken«
Displaced Persons Hospitäler und Sanatorien in Bayern unter besonderer Berücksichtigung des Krankenhauses in München-Bogenhausen
Von Jim G. Tobias

Das Glyn Hughes Hospital im DP Camp Belsen
Von Nicola Schlichting

»Non Omnis Moriar«
Die Forschung zu Hunger von jüdischen Ärzten im Ghetto Warschau
Von Aviv Livnat

Endstation Hadamar
Die Ermordung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in der Landesheilanstalt Hadamar (1941–1945)
Von Melanie Engler

»Eure Vorstellungen entsprechen nicht der hiesigen Wirklichkeit«
Der Anteil deutschsprachiger Juden am Aufbau des Gesundheitswesens in Erez Israel
Von Andrea Livnat

»… jener nimmermüde Trieb, Leidenden zu helfen«
Deutsch-jüdische Krankenpflege im 20. Jahrhundert am Beispiel von Frankfurt am Main
Von Birgit Seemann

Von Pizzabäckern, Schlagerstars und Rabbinern
Jüdisches im deutschen Unterhaltungsfernsehen
Von Carolin Lano

Die Litauer werden den Juden die Shoa nie verzeihen
Antisemitismus in der südlichsten Baltenrepublik seit 1990
Von Christian Kelch

Vom kulturellen Gedächtnis zur kommunikativen Begegnung: 60 Jahre Gedenkstätte Bergen-Belsen
1952 bis 2012
Von Habbo Knoch/Thomas Rahe

Redaktion
Veröffentlicht am
02.07.2012
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