Titel der Ausgabe 
nurinst 8 (2016)
Weiterer Titel 
Schwerpunkthema: Kinder

Herausgeber
Jim G. Tobias / Nicola Schlichting – Im Auftrag des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts
Erschienen
Nürnberg 2016: Antogo Verlag
Erscheint 
zweijährlich
ISBN
978-3-938286-49-4
Anzahl Seiten
186
Preis
14,00 E
ISSN

 

Kontakt

Institution
Nurinst – Beiträge zur deutschen und jüdischen Geschichte. Jahrbuch des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts
Land
Deutschland
c/o
Nürnberger Institut Z. Hd. Jim Tobias Postfach 210312 90121 Nürnberg E-Mail: <jimtobias@nurinst.org>
Von
Tobias, Jim

Editorial

»Heimatlos, abgemagert, vernarbt, ängstlich, beraubt, verbittert, Zeugen von schrecklichen Dingen – das waren die Kinder des befreiten Europas.« Daher war nach dem Ende des Nationalsozialismus und des Krieges sowohl ihre physische wie auch psychische Versorgung besonders wichtig. Verschiedene nationale und internationale Hilfsorganisationen, die Militärregierungen und auch die Überlebenden selbst engagierten sich in vielfältiger Weise, um die Kinder körperlich und seelisch aufzurichten.

Für die jüdischen Überlebenden nahm besonders die Erziehung und Bildung der wenigen geretteten Kinder und Jugendlichen einen hohen Stellenwert innerhalb ihrer Gemeinschaft ein, auch wenn die Betreuer, selbst nur knapp dem Tod entkommen, mit eigenen psychischen Problemen zu kämpfen hatten. Die Erwachsenen betrachteten die Kinder als ein »lebendes Denkmal« der vernichteten jüdischen Welt und als Trost »für die brennenden Wunden des Herzens, die einzige Rache für die Leiden der Vergangenheit, der große Schatz des armen Volkes«. Mit den Jungen und Mädchen verbanden die Erwachsenen viele Hoffnungen, Wünsche und Träume, getreu nach Rabbiner Joseph Kahanemans Motto: »Ein Kind ist eine Waise, wenn es keine Eltern hat, eine Nation ist eine Waise, wenn sie keine Kinder hat.«

Der Aufsatz von Thomas Rahe beschreibt das Leben der Jüdischen Kinder im DP-Camp Bergen-Belsen, das dort in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen bestanden hatte. Zu Beginn galt es, einen Zugang zu den traumatisierten Kindern zu finden und sie körperlich und seelisch zu rehabilitieren, aber auch religiöse Feste und Freizeitaktivitäten wurden für sie geschaffen. Eine Änderung in der Sozialstruktur erfolgte mit dem Zuzug der sogenannten infiltrees aus Osteuropa, unter denen auch zahlreiche Kinder waren.

Nicola Schlichting schildert in ihrem Beitrag »… wenn sie nach einigen Wochen zurückkehren, sehen sie viel besser aus« – Ein Heim für jüdische Kinder in Lüneburg 1945 bis 1948 die Geschichte dieser Einrichtung, wo bereits im Dezember 1945 durch Engagement der britisch-jüdischen Hilfsorganisation Jewish Relief Unit zunächst jüdische Mädchen und Jungen aus dem zerstörten Berlin körperliche und seelische Rehabilitation erfuhren, später auch Kinder aus anderen Städten und dem DP-Camp Bergen-Belsen. Der Aufsatz dokumentiert darüber hinaus die Differenzen zwischen Hilfsorganisation und den überlebenden, als Displaced Persons bezeichneten Menschen, hinsichtlich ihrer Eigenverantwortung und Selbstbestimmung.

Mit der massiven Zuwanderung von osteuropäischen Juden ins Land der Täter kamen auch Tausende von elternlosen jüdischen Kindern. Für sie wurden separate DP-Camps eingerichtet. Zwei dieser sogenannten Children’s Center befanden sich im Land Hessen. In seinem Aufsatz »Wajt hert zich noch di zise kinderisze Gezangen« – Die jüdischen Kinderheime Lindenfels und Schwebda Castle beschreibt Jim G. Tobias die Situation der jüdischen Waisenkinder und die Bemühungen der zionistischen Jugendgruppen, sie auf ihre Zukunft in Erez Israel vorzubereiten.

Die Trennung von Angehörigen und die multiplen nicht zu ersetzenden Verluste während der Periode nationalsozialistischer Herrschaft traten in der Nachkriegszeit bei Betroffenen und ihren Familien in den unterschiedlichsten Formen in Erscheinung. Wie versuchten die Verantwortlichen jüdischer Organisationen und die Mitglieder der Überlebendengemeinden, auf dem Hintergrund damaliger Vorstellungen von Kindeswohl sowie dem Fortwirken von Trennungsangst bei Eltern und Kindern, damit umzugehen? Antworten darauf gibt Jael Geis in ihrem Beitrag »Die Trennung von den Eltern ist scheinbar ihre tragischste Erfahrung«.

Mit Kriegsende stießen die Militärs und die Mitarbeiter der größten transnational operierenden Organisation United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) auf Verbrechen unbekannten Ausmaßes. Niemals zuvor waren auch Kinder und Jugendliche gezielt verfolgt und ermordet worden. Diese neue historische Situation machte eine Modifikation des ursprünglichen Aufgabengebietes der UN-Organisation notwendig, wie Verena Buser in ihrem Artikel Die »Child Search and Registration Teams« der UNRRA aufzeigt.

Imme Klages untersucht am Beispiel von Fred Zinnemanns Film The Search, der 1947 unter anderem in den Ruinen von Nürnberg gedreht wurde, welche Rolle die jüdischen Kinder als Laienschauspieler und Überlebende der Shoa spielten. In ihrem Beitrag »But not a single one that tells the story of Jews as Jews« – Jüdische Kinder als Laienschauspieler in Fred ­Zinnemanns Film The Search (1948) analysiert die Filmwissenschaftlerin, welche nationalen Identifikationen zu dieser Zeit bestanden und warum die Kinder nicht als explizit jüdische Kinder auftreten sollten.

Das Schicksal einer französisch-jüdischen Familie während des Zweiten Weltkrieges und deren generationenübergreifende Erinnerung untersucht Janine Doerry in ihrem Aufsatz »Notre si chère petite fille« – »Unser so sehr geliebtes Töchterchen«. Sie knüpft dabei an die Perspektive von Mutter und Vater, Sohn und Enkelin auf Kriegsgefangenschaft und Deportation an und thematisiert die Weitergabe der Erinnerungen innerhalb der Familie.

Ein bislang noch immer unbekanntes Kapitel der nationalsozialistischen Verfolgung sowie dessen Nachgeschichte dokumentiert Carola S. Rudnick in ihrem Beitrag Die Suche nach Dieter. Zur Geschichte der »Kinderfachabteilung« der ehemaligen Landesheil- und Pflegeanstalt Lüneburg. Viele Familienangehörige von Kindern, die abgestempelt als »unwertes Leben« unter grausamen Bedingungen in den »Kinderfachabteilungen« ermordet wurden, wissen bis heute nicht um diese Umstände. Wie es nach über 70 Jahren gelingt, dennoch ihre Familien zu finden und den vergessenen Kinderopfern einen Namen, ein Gesicht wiederzugeben, zeigt Die Suche nach Dieter in exemplarischer Weise.

Nicole Grom beschäftigt sich in ihrem Aufsatz Das »unschuldige Kind« in der Ritualmordlegende – Zur vielgestaltigen Kontinuität eines antijüdischen Motivs in Franken mit dem Weiterleben einer Lüge, deren Wurzeln bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen. Demnach hätten die Juden besonders um die Osterzeit versucht, durch Folter und Mord an das Blut von Kindern zu gelangen, um es in obskuren Ritualen einzusetzen. Anhand von mehreren Beispielen aus Franken schlägt sie einen Bogen vom 17. Jahrhundert bis in die Zeit des Nationalsozialismus, wo die »Ritualmordlegende« in den Berichten des Hetzblattes Der Stürmer neuen Auftrieb erhielt.

In Stiefkind der Forschung: Das Rothschild’sche Kinderhospital in Frankfurt am Main (1886–1941) stellt Birgit Seemann eine bislang in der historischen Forschung zur Pflegegeschichte vernachlässigte Einrichtung für jüdische Kinder vor. Eingebunden in das jüdische Gebot Bikkur Cholim, die Versorgung der Kranken, wurden in dieser Einrichtung zunächst nur jüdische Mädchen und Jungen versorgt. Der Aufsatz folgt den historischen Entwicklungslinien bis in die 1940er Jahre, als die Klinik zwangsgeschlossen, Pfleger, Ärzte und Patienten teilweise deportiert und ermordet wurden.

Abschließend stellen wir wie immer eine wissenschaftliche Einrichtung vor. Diesmal ist es das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben. Die langjährige Leiterin Benigna Schönhagen skizziert das Selbstverständnis und die Konzeption des Museums, das in der Anfang des 20. Jahrhunderts errichteten Augsburger Synagoge untergebracht ist. Hier wird jüdische ­Geschichte als ein integraler Teil der schwäbischen Stadt- und Landgeschichte an einem authentischen Ort nachgezeichnet.

Obwohl wir mit unserem Periodikum nun schon seit fünfzehn Jahren den Kollegen eine Plattform zur Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse bieten, können wir leider nicht alle Manuskripte annehmen; wir freuen uns jedoch immer, welche zu bekommen. Das nächste Jahrbuch soll im Laufe des Jahres 2018 erscheinen.

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Jüdische Kinder im DP-Camp Bergen-Belsen
Von Thomas Rahe

„… wenn sie nach einigen Wochen zurückkehren, sehen sie viel besser aus”
Ein Heim für jüdische Kinder in Lüneburg 1945 bis 1948
Von Nicola Schlichting

„Wajt hert zich noch di zise kinderisze Gezangen“
Die jüdischen Kinderheime Lindenfels und Schwebda Castle
Von Jim G. Tobias

„Die Trennung von den Eltern ist scheinbar ihre tragischste Erfahrung”
Ein Problem der Kinder- und Jugendfürsorge in den jüdischen Gemeinden der frühen BRD
Von Jael Geis

Die „Child Search and Registration Teams” der UNRRA
Von Verena Buser

„But not a single one that tells the story of Jews as Jews”
Jüdische Kinder als Laienschauspieler in Fred Zinnemanns Film The Search (1948)
Von Imme Klages

„Notre si chère petite fille” – „Unser so sehr geliebtes Töchterchen”
Erinnerung und Weitergabe in der jüdischen Familie eines französischen Kriegsgefangenen
Von Janine Doerry

Die Suche nach Dieter
Zur Geschichte der „Kinderfachabteilung” der ehemaligen Landesheil- und Pflegeanstalt Lüneburg
Von Carola S. Rudnick

Das „unschuldige Kind” in der Ritualmordlegende
Zur vielgestaltigen Kontinuität eines antijüdischen Motivs in Franken
Von Nicole Grom

Stiefkind der Forschung: Das Rothschild’sche Kinderhospital in Frankfurt am Main (1886–1941)
Von Birgit Seemann

Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben
Das Museum in der Synagoge
Von Benigna Schönhagen

Redaktion
Veröffentlicht am
18.07.2016
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