Titel der Ausgabe 
nurinst 10 (2020)
Weiterer Titel 
Beiträge zur deutschen und jüdischen Geschichte Schwerpunktthema: Zeitenwende - neue Formen der Erinnerungs- und Gedenkkultur

Herausgeber
Jim G. Tobias / Andrea Livnat
Erschienen
Nürnberg 2020: Antogo Verlag
Erscheint 
zweijährlich
ISBN
9783938286-56-2
Anzahl Seiten
159
Preis
15,00

 

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Institution
Nurinst – Beiträge zur deutschen und jüdischen Geschichte. Jahrbuch des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts
Land
Deutschland
c/o
Nürnberger Institut Z. Hd. Jim Tobias Postfach 210312 90121 Nürnberg E-Mail: <jimtobias@nurinst.org>
Von
Jim G. Tobias

Einleitung

Die Ära der Zeitzeugen geht dem Ende zu. Damit ist auch ein Wandel in der Erinnerungs- und Gedenkkultur verbunden. Historikerinnen und Historiker aus Deutschland, Österreich, Israel und den USA beschäftigen sich mit der Frage, wie die Erinnerung an die Shoa aber auch an den jüdischen Neubeginn in Deutschland wachgehalten werden kann?

Editorial
An der US-amerikanischen Yale University wurde 1979 mit der filmischen Dokumentation von Berichten von Überlebenden der Shoa begonnen und damit ein Grundstein für eine neue Art von Gedächtniskultur ­gelegt. Ziel war es, einerseits den Opfern ein Gesicht zu geben und andererseits das ­unsägliche Leid der Überlebenden anhand ihrer konkreten Erinnerungen für die Nachwelt zu erhalten. Der millionenfache Mord an den europäischen Juden sollte durch die Individualisierung fassbar gemacht werden, Personen, die sonst hinter nüchternen Fakten, Statistiken und Analysen verschwin­den, sollten ein persönliches Zeugnis abgeben und somit die Funktion einer lebendigen Quelle aus der Vergangenheit übernehmen. Auch die Survivors of the Shoah Visual History Foundation setzte sich zum Ziel, jüdischen Zeitzeugen eine Plattform zu geben, auf der sie von ­ihren Erlebnissen während der nationalsozialistischen Verfolgung und ihrem Über­leben berichten. Von 1994 bis 1999 zeichnete die Organisation an die 52.000 Interviews in 56 Ländern und 32 Sprachen auf.

In Deutschland dauerte es etwas länger, bis die Shoa-Überlebenden in den Fokus rückten und durch ihr Auftreten in Schulen, bei politischen Veranstaltungen sowie in den Medien präsent waren und ihre Erinnerungen archiviert wurden. Doch diese Ära der Zeitzeugen geht dem Ende zu – neue mediale Formen der Überlieferung müssen gefunden werden. Damit verbunden ist auch ein Wandel in der Erinnerungs- und Gedenkkultur. Wie soll zukünftig die Erinnerung an die Shoa, aber auch an den jüdischen Neubeginn in Deutschland kurz nach dem Zivilisationsbruch, wachgehalten werden? 75 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus steht heute mehr denn je die Frage im Raum, wie man sich in Zukunft an die Verbrechen und ihre Opfer erinnern wird – ohne jene Menschen, die das Schreckliche überlebt haben. Mit dem Generationswechsel ändert sich auch der Gegenstand der Betrachtung. »Aus der erfahrungsgesättigten, gegenwärtigen Vergangenheit der Überlebenden wird eine reine Vergangenheit, die sich der Erfahrung entzieht«, schreibt der Historiker Reinhart Koselleck. »Mit der aussterbenden Erinnerung wird die Distanz nicht nur größer, sondern verändert ihre Qualität.«

Diese und andere Fragen wollen wir in unserem mittlerweile zehnten ­Instituts-Jahrbuch thematisieren und diskutieren. Dazu konnten wir renom­mierte Kollegen und Kolleginnen aus Deutschland, Österreich, Israel und den USA gewinnen.

Mit der Verdrängung aus dem kulturellen, wirtschaftlichen und bürgerlichen Leben zwischen 1933 und 1945 starb die jüdische Bevölkerung durch Marginalisierung und Entrechtung den sozialen Tod, wurde physisch vernichtet und schließlich aus dem Gedächtnis gelöscht: Dafür steht beispielhaft die 1939 verlegte Publikation Kicker-Bilderwerk über die deutschen Fußballnationalspieler, in der weder Kurzbiografien noch Fotos der jüdischen Spieler Gottfried Fuchs und Julius Hirsch zu finden sind. Fuchs entging der Shoa durch Flucht, Hirsch wurde im KZ Birkenau ermordet. Ein weiterer »Tod« ereilte sie in der BRD: auch in dem 1988 verlegten Reprint erwähnten die Herausgeber die beiden jüdischen Nationalspieler nicht. Versehen oder Absicht? Platz wäre gewesen, denn die Seiten drei und vier mit Abbildungen des »Führers« und des »Reichssportführers« wurden entfernt.

Zwar sind in den letzten Jahren einige wissenschaftliche Arbeiten über jüdische Spieler und Funktionäre im deutschen Fußball erschienen, dennoch gibt es bislang keine Forschungsbeiträge über Bürger jüdischer Herkunft, die im Fußballsportverein (FSV) 1899 Frankfurt Vorstandsämter ausübten. Um diese Lücke zu füllen, beleuchtet Markwart Herzog in seinem Beitrag »Vergessene jüdische Funktionäre und die Erinnerungspolitik des FSV Frankfurt« dieses Thema. Er zeichnet das Leben der FSV-Sportärzte Dr. Siegfried Salomon und Dr. Walter Veit Simon nach und wirft ein Schlaglicht auf Julius Rosenthal, der von 1934 bis 1942 eine Gaststätte für das gesellige Beisammensein der »Vereinsfamilie« betrieb. Nach dem Krieg hatte Rosenthal kurzzeitig das Amt des 2. FSV-Vorsitzenden inne. Zudem skizziert Herzogs Beitrag die Erinnerungspolitik des FSV in der Nachkriegszeit, in der sich Täter und Opfer der nationalsozialistischen »Gleichschaltung« über die Vergangenheit ausschwiegen.

Einem weiteren Kapitel der »Vergangenheitsbewältigung« widmet sich Jens-Christian Wagner: Dem Umgang mit einem NS-Monumentalbau, der Zeppelintribüne auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. In den kommenden Jahren soll diese NS-Weihestätte, an der Hunderttausende deutsche Volksgenossen bei den jährlichen NSDAP-Parteitagen ihre totalitäre Ideologie feierten und Adolf Hitler die Massen auf das System und den geplanten Krieg einschwor, mit gewaltigem finanziellen Aufwand saniert werden. Dem Lernort Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände fehlen gleichzeitig grundlegende Mittel für seine Bildungsarbeit. Wäre es nicht besser, das Geld in die historisch-politische Bildung zu investieren und die Nazi-Tribüne dem kontrollierten Verfall zu überlassen?
Vor dem besonderen Hintergrund der nationalsozialistischen Vergangen­heit hat sich die Stadt Nürnberg mit ihrer »Erinnerungskultur« lange Zeit schwergetan. Erst nach einem konfliktreichen Prozess kam es zur Wieder­entdeckung und Würdigung der jüdischen Geschichte Nürnbergs in den 1960er Jahren und zwei Dekaden später zu einer intensiven Diskussion, wie mit dem Erbe des Reichsparteitagsgeländes umzugehen sei. Der Bau eines Denkmals für deutsche Bombenkriegsopfer aus den Steinen der 1938 abgerissenen Haupt-Synagoge, die sich im Zentrum der mittelalterlichen Altstadt befand, steht dabei exemplarisch für die Brüche und falschen Sym­boliken, die es auf dem Weg zu einer Erinnerungskultur der Gegenwart gab. In seinem Beitrag »Die Steine der Synagoge – Zu Vergangenheit und Zukunft der Erinnerungskultur in Nürnberg« untersucht Alexander Schmidt, wie eine zukunftsfähige Gedenk- und Erinnerungskultur in der ehemaligen Stadt der Reichsparteitage aussehen könnte, die auch kreative Interventionen sowie ein klare politische Parteinahme zugunsten einer offenen Gesellschaft und einen steten Wandel zulässt.

In ihrem Beitrag »Zwischen Sachor und IRemember« umreißen Andrea und Aviv Livnat, wie Israel sich auf das Ende der Zeitzeugenschaft vorbereitet. Lange wurden Überlebende der Shoa in der israelischen Gesellschaft nicht gehört, erst der 1961 in Jerusalem durchgeführte Prozess gegen Adolf Eichmann brachte einen Wandel. Die Autoren stellen die beiden zentralen Lern- und Gedenkstätten des Landes, das Beit Lochamei Hagetaot und Yad Vashem, vor und zeigen wie diese Institutionen mit den Zeugnissen der Zeitzeugen arbeiten. Zudem wird eine bemerkenswerte Initiative beschrieben, die eine alternative Form des Gedenkens einführen möchte und dazu eine Haggada  für den Shoa-Gedenktag verfasst hat.

Kann es eine »Zukunft der Zeitzeugenschaft« geben? Anika Reichwalds Gegenstandsanalyse hinterfragt, inwiefern sich heute bereits abzeichnende Konzepte, Initiativen und konkrete Modelle wegweisend für einen zukünftigen Umgang mit dem Thema – ohne die Zeugnisse der Shoa-Überlebenden – sein können, auch mit einem kritischen Rückblick auf den Umgang mit der Zeitzeugenschaft in den letzten Jahrzehnten.

Irmela Roschmann-Steltenkamp referiert in ihrem Text »›Zeitenwende‹ – auch in den Gedenkstättenbibliotheken?« über den Bücher­bestand in den Gedenkeinrichtungen, die umfangreiche Sammlungen zur Erinnerungs­kultur, wie etwa Überlebendenberichte, Gedenkbücher, wissenschaft­liche Sekundärliteratur und vieles mehr besitzen. Sie legt dar, welche Quellen zum Holocaust und der Verbrechen der Nationalsozialisten es bereits gibt, diskutiert die häufig gestellte und mit Nachdruck verfolgte Forderung nach Digitalisierung (möglichst aller) Bestände und versucht aufzuzeigen, wie und wo sich die Spezialbibliotheken in diesem wichtigen Aufgabenfeld »Das Ende der Zeitzeugen« verorten können und/oder sollen.

An kaum einer anderen Institution lassen sich der stete Wandel in der Erinnerungskultur sowie des gesellschaftlichen (Selbst-)Verständnisses für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen so deutlich nachvollziehen wie beim 1948 gegründeten International Tracing Service (ITS), der seit Mai 2019 als Arolsen Archives firmiert. Die Mitarbeiter der internationalen Einrichtung Christian Höschler und Christiane Weber beleuchten, wie sich die Arbeitsweisen über die letzten 70 Jahre hinweg verändert haben und welche Rolle Überlebende und ihre Nachfahren zu verschiedenen Zeitpunkten dabei einnahmen. Die Autoren werfen zudem einen Blick auf die aktuelle Position der Arolsen Archives innerhalb der Erinnerungskultur und skizzieren, mit welchen Projekten zukünftige Generationen Antworten auf ihre Fragen finden können, um die Erinnerung an und Auseinandersetzung mit der NS-Verfolgung wachzuhalten.

Neben den Texten zur Gedenk- und Erinnerungskultur an den Zivilisationsbruch wollen wir auch, wie in nahezu allen unseren Jahrbüchern, an den jüdischen Neubeginn im Land der Täter erinnern. Nach der Befreiung lebten in Deutschland nur noch ein paar Tausend Juden, die dem mörderischen Vernichtungsprogramm der Nationalsozialisten entkommen waren. Doch schon 1946 befanden sich über 100.000 Juden im besetzten Westdeutschland – 1947 erreichte ihre Zahl knapp 200.000. Sie stammten mehrheitlich aus Osteuropa und waren von dort vor neuen antisemi­tischen Gewalttaten in die unter dem Schutz der Alliierten stehenden Displaced Persons (DP)-Camps geflüchtet. Unter einer politischen Selbstverwaltung entwickelte sich in diesen temporären Auffanglagern eine vielfältige jüdische Gesellschaft mit eigenen Schulen, Zeitungen, Sportvereinen, Theatern sowie einer Justiz und Polizei. Auch entstanden jüdische Ambulatorien, Hospitäler, Sanatorien und spezielle Bildungseinrichtungen für Überlebende mit physischen oder psychischen Einschränkungen. Eine dieser Anstalten war die »Deaf-Mute and Stammerer School« im DP-Camp Geretsried, eine Schule für Taubstumme und Menschen mit sprachlichen Behinderungen. Jim G. Tobias beschreibt in seinem Beitrag »Die jüdische Sonderschule für Gehörlose und Sprachbehinderte im DP-Camp Geretsried 1947–1948« dieses einzigartige Projekt, das von Shoa-Überleben­den gewissermaßen in Eigenregie auf die Beine gestellt wurde.

Zum Abschluss stellt sich auch in diesem Jahrbuch wieder eine wissenschaftliche Institution vor, das Leo Baeck Institute (LBI) in New York und Berlin. Seit nunmehr 65 Jahren widmet es sich der Geschichte und Kultur der deutschsprachigen Juden: mit seinem Archiv von mehr als 12.000 Familiensammlungen und Memoiren, einer mehr als 80.000 Bände umfassenden Bibliothek sowie einer stetig wachsenden Kunst- und Objekte­sammlung. Seit 2012 liegen fast alle Archivbestände des LBI sowie ein großer Teil der Zeitschriften, der Kunst- und der Objektesammlung in digitaler Form vor. Die langjährige Chefbibliothekarin Renate Evers beschreibt, wie das Institut mit Hilfe der modernen Technologien sowohl für ein breites Publikum in Netz als auch für Benutzergruppen vor Ort versucht, das »Vergangene gegenwärtig« zu machen. Im Mittelpunkt steht dabei das Online-Projekt »1938: Post from the Past«, bei dem 365 Dokumente und Objekte aus den LBI Sammlungen präsentiert werden, die dann beispielsweise New Yorker Pädagoginnen als Basis für neu entwickelte Unterrichtseinheiten dienen, indem sie die Dokumente und Texte mit der Erfahrungswelt der Schüler verknüpfen.

Unser Dank gilt den Autorinnen und Autoren, die mit ihren Texten die verschiedenen Aspekte der Erinnerungs- und Gedenkkultur sowie ­deren Wandel beleuchten und dabei dem Leser interessante Einblicke ermöglichen. Schließlich richtet sich der Dank der Herausgeber an Gilbert Brockmann, der mit Sachverstand und Umsicht die Texte lektorierte und korrigierte. Bedanken möchten wir uns bei der langjährigen Co-Herausgeberin Nicola Schlichting, die von 2012 bis 2018 mit Tatkraft, Umsicht und Engagement maßgeblich zum Erfolg unseres Jahrbuches beigetragen hat. Aus persönlichen Gründen steht sie uns leider nicht mehr zur Verfügung. Und: Sie möchte sich verstärkt ihrer wichtigen Vermittlungsarbeit an der Gedenk­stätte Bergen-Belsen widmen. Mit dieser Ausgabe hat daher die Historikerin, Journalistin und langjährige Kollegin Dr. Andrea Livnat die Herausgeberschaft mit übernommen. Beim ANTOGO Verlag bedanken wir uns für die gewohnt gute Zusammenarbeit und die aufmerksame Betreuung in allen Phasen des Herstellungsprozesses. Obwohl wir mit unserem Perio­dikum auch weiterhin historisch interessierten Kolleginnen und Kollegen eine Möglichkeit zur Publikation bieten möchten, können wir auch in Zukunft nicht jedes eingesandte Manuskript abdrucken; wir freuen uns jedoch, welche zu bekommen. Das nächste Jahrbuch soll im Laufe des Jahres 2022 erscheinen.

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Vergessene jüdische Funktionäre und die Erinnerungspolitik des FSV Frankfurt
Die Sportärzte Siegfried Salomon und Walter Veit Simon und der Gastwirt Julius Rosenthal
Von Markwart Herzog

Die Zeppelin-Tribüne in Nürnberg:
Muss Nazi-Beton um jeden Preis erhalten bleiben?
Von Jens-Christian Wagner

Die Steine der Synagoge – zu Vergangenheit und Zukunft der Erinnerungskultur in Nürnberg
Von Alexander Schmidt

Zwischen Sachor und IRemember
Wie Israel sich auf das Ende der Zeitzeugenschaft vorbereitet
Von Andrea und Aviv Livnat

Die Zukunft der Zeitzeugenschaft?
Von Anika Reichwald

»Zeitenwende« – auch in den Gedenkstättenbibliotheken?
Von Irmela Roschmann-Steltenkamp

(Zeit)Zeugenschaft im Wandel: Über 70 Jahre Dokumentation der NS-Verfolgung in den
Arolsen Archives
Von Christian Höschler und Christiane Weber

Die jüdische Sonderschule für Gehörlose und
Sprachbehinderte im DP-Camp Geretsried 1947–1948
Von Jim G. Tobias

In Echtzeit: Die Aktivitäten und Sammlungen des Leo Baeck Institutes New York / Berlin
Von Renate Evers