Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 66 (2018), 3

Titel
Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 66 (2018), 3.


Hrsg. v.
Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte herausgegeben von Helmut Altrichter, Horst Möller, Margit Szöllösi-Janze und Andreas Wirsching
Heft(e)
3
Erschienen
München 2018: Oldenbourg Verlag
Preis
Jahresabo: 59,80€, Stud.abo: 34,80€ Mitgl.abo. hist. u pol. Fachverbände: 49,80€, Online-Zugang: 49€, Print+Online-Abo 72€

VfZ Abstracts 3/2018

Aufsätze

Yossi Goldstein, Warum kam nach dem Sechstagekrieg kein Friedensvertrag zustande?

Im Sommer 1967, gleich nach dem umfassenden militärischen Sieg der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte über die arabischen Armeen im Sechstagekrieg, erwarteten viele israelischen Bürger und politischen Entscheidungsträger, dass dies die arabischen Anführer schnell an den Verhandlungstisch für eine Friedensregelung bringen würde. Die abweisenden Resolutionen des Vierten Gipfeltreffens der Arabischen Liga in Khartum im September 1967 zeigten deutlich, dass dies nicht der Fall sein würde. Der Aufsatz betrachtet den offensichtlichen Widerspruch zwischen der offiziell erklärten Bereitschaft der israelischen Regierung, den Großteil der besetzten Gebiete im Tausch gegen eine Friedensregelung zu räumen, einerseits und den gleichzeitigen Siedlungs- und Annexionsaktivitäten in diesen Gebieten andererseits, wobei der Schwerpunkt auf der Konsistenz der Bedingungen des israelischen Premierministers Levi Eshkol für eine Verständigung mit Israels arabischen Gegnern nach dem Krieg liegt. Basierend auf einer umfassenden historischen Analyse der Forschungsliteratur und der relevanten Archivalien aus dieser Zeit betont der Aufsatz die Wichtigkeit dieser Bedingungen – welche unter anderem direkte Verhandlungen mit den Anführern der fraglichen arabischen Länder, einen Ausschluss der Rückkehr zu den Vorkriegsgrenzen und die volle Anerkennung des Staates Israel durch die fraglichen Regierungen umfassten – um die Logik hinter Israels Position innenpolitischer und internationaler Position bis Eshkols Tod 1969 zu verstehen.

Bastiaan Willems, Nachbeben des Totalen Kriegs. Der Rückzug der Wehrmacht durch Ostpreußen und seine Folgen

Ab Sommer 1945, unmittelbar nach Ende der Kämpfe in Ostpreußen, verstarb ein großer Teil der dortigen Bevölkerung wegen des begrenzten Zugangs zu Lebensmitteln und anderer Basisressourcen. Die verbleibende deutsche Bevölkerung beschuldigte schnell die neuen sowjetischen Behörden; wenige beachteten die Rolle der Wehrmacht im Bezug auf ihr Elend. Die deutschen Einheiten, die mit der Verteidigung Ostpreußens beauftragt worden waren, befanden sich neun Monate lange im Land und waren von einer Mentalität geprägt, die durch die Ostfront radikalisiert worden war. Der vorliegende Beitrag argumentiert, dass der Bevölkerungsrückgang in der Provinz nach Kriegsende größtenteils aus dem Verhalten der sich zurückziehenden deutschen Armee resultierte. Die von der Wehrmacht auf dem Rückzug aus der Sowjetunion entwickelten Vorgehensweisen waren auch auf deutschem Boden immer noch klar erkennbar und beeinflussten das alltägliche Leben noch lange nachdem der Krieg vorbei war.

Rüdiger Graf, Verhaltenssteuerung jenseits von Markt und Moral. Die umweltpolitische Regulierungsdiskussion in der Bundesrepublik Deutschland und den USA im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts

Sowohl in nationalen Regierungen als auch in internationalen Organisationen werden seit einigen Jahren zunehmend politische Steuerungsinstrumente diskutiert, die auf Erkenntnisse der Verhaltenswissenschaften zurückgreifen. Im Unterschied zu Vorschriften, ökonomischen Anreizen und Aufklärungsmaßnahmen versprechen vor allem die sogenannten Nudges sanfter, effektiver und kostengünstiger zu steuern, indem sie die systematischen Verzerrungen menschlichen Entscheidungsverhaltens ausnutzen. Während gegenwärtige Nudging-Euphorie zumeist auf den Aufstieg der Behavioral Economics seit den 1980er Jahren zurückgeführt wird, argumentiert der Aufsatz, dass sich zeitgleich in der umweltpolitischen Regulierungsdiskussion bereits eine ähnliche Entwicklung zeigte. Mit der Enttäuschung darüber, dass sich Umweltbewusstsein nicht in umweltgerechtes Verhalten umsetzte, und der Erkenntnis der Grenzen ökonomischer Steuerungsinstrumente avancierte „Umweltverhalten“ in den 1980er Jahren zu einer selbständigen Kategorie, die Sozial- und Verhaltenswissenschaftler zu beschreiben und zu beeinflussen versuchten. Diese gleichzeitige Veränderung von politischem Regulierungs- und theoretischem Reflexionsdiskurs wird auf vier Faktoren zurückgeführt: den akademische Siegeszug der Verhaltenswissenschaften, die Enttäuschung über idealisierte Rationalitätsannahmen und das Projekt verwissenschaftlichter Politikgestaltung, den Wandel des Planungsdenkens sowie die Prozesse der Deregulierung und Vermarktlichung.

Malte König, „Geschichte ist machbar, Herr Nachbar!“ Die Umbenennung der Berliner Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße 2004 bis 2008

Im April 2008 benannte das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg einen Abschnitt der Berliner Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße um. Ursprünglich eine Initiative der Tageszeitung taz, hatte die PDS im Dezember 2004 den entsprechenden Antrag gestellt. Da der einstige Studentenführer als historische Persönlichkeit nicht unumstritten war und die Umbenennung – unmittelbar vor der Springer-Zentrale – auf eine Kreuzung Rudi-Dutschke-/Axel-Springer-Straße hinauslief, entstand eine intensive öffentliche Debatte, die mit der Entscheidung der Bezirksverordnetenversammlung im August 2005 nicht abgeschlossen war. Es folgten ein von der CDU beantragter Bürgerentscheid sowie Klagen vor dem Berliner Verwaltungs- und Oberverwaltungsgericht. Die vorliegende Studie über ein harmlos anmutendes Straßenschild versteht sich als Beitrag zum Themenfeld Erinnerungskultur und Geschichtspolitik: Einerseits handelte es sich um einen Machtkampf zwischen der taz und dem Axel Springer-Konzern, andererseits um eine Stellvertreterdebatte, bei der es nicht allein um Dutschke und die Frage seiner Gewaltbereitschaft ging, sondern um die Deutungshoheit bezüglich der 68er-Bewegung insgesamt.

Sören Eden/Henry Marx/Ulrike Schulz, Ganz normale Verwaltungen? Methodische Überlegungen zum Verhältnis von Individuum und Organisation am Beispiel des Reichsarbeitsministeriums 1919 bis 1945

Zurzeit entstehen zahlreiche Studien zu den Reichsministerien vor und nach 1945. Sie alle interessieren sich für die Rolle der Ministerialbeamtinnen und -beamten im Nationalsozialismus und wollen den spezifischen Anteil ihrer Verstrickung in die nationalsozialistischen Verbrechen aufzeigen. Die damit verbundene Frage nach individueller „Belastung“ und „Verantwortung“ der Beamten und Mitarbeiter dieser Behörden wird in diesen Projekten methodisch meist nur wenig überzeugend beantwortet. Der vorliegende Aufsatz stellt einen neuen, produktiven Ansatz vor, der sich an den organisationssoziologischen Studien von Niklas Luhmann und Stefan Kühl orientiert. Er ermöglicht es, nach individuellen Handlungsspielräumen in der komplexen Organisationsstruktur der öffentlichen Verwaltung zu fragen. Anhand von Beispielen aus der Geschichte des Reichsarbeitsministeriums beschreibt der Artikel, wie Organisationen das Handeln ihrer Mitglieder konfigurieren, ohne es vollständig zu determinieren, und wie die Mitglieder durch ihr Handeln Veränderungsdruck auf die Organisationsstrukturen erzeugen. Mit diesem soziologisch informierten Blick auf das Ministerium bietet der Artikel einen Diskussionsbeitrag zur historischen Forschung über die Rolle der Verwaltung in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus.
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VfZ Abstracts 3/2018

Articles

Yossi Goldstein, Why was Peace not Achieved after the Six-Day War?

Despite expectations among many Israeli citizens and political leaders in the summer of 1967 that the Israel Defence Forces stellar military victory in the recent Arab-Israeli war (the Six-Day War) would quickly bring Arab leaders to the negotiating table to hammer out a post-war peace settlement, the dismissive September 1967 resolutions of the fourth Arab League Summit in Khartoum clearly indicated that this would not be the case. This article considers the ostensive contradiction between the Israeli government’s declared willingness to give up most of the occupied territories in exchange for peace on the one hand, and its concurrent settlement and annexation activities in these territories on the other hand, with an emphasis on the consistency of Israeli Prime Minister Levi Eshkol’s conditions for reaching a settlement with Israel’s Arab adversaries after the war. Based on a comprehensive historical study of the literature and the relevant archival documents from this period, the article highlights the importance of these conditions – which included direct negotiations with the leadership of the Arab countries in question, a non-return to the pre-war borders, and full recognition of the state of Israel by the governments in question – in understanding the logic that underlay Israel’s position at home and in the international arena until Eshkol’s death in 1969.

Bastiaan Willems, Aftershocks of Total War: the Post-War Consequences of the Wehrmacht’s Retreat Through East Prussia

From the summer of 1945 onward, during the period immediately following the end of hostilities in East Prussia, a large part of its population perished due to the limited availability of food and other basic ressources. The remaining German population was quick to blame the new Soviet authorities; few considered the role of the Wehrmacht in their suffering. Yet, the German units charged with its defence had been in East Prussia for nine months and brought back a mindset that had radicalised on the Eastern Front. The post-war decline of the province’s population, this paper argues, can be largely traced back to the conduct of the retreating German army. The policies developed during its retreat from the Soviet Union could still clearly be distinguished on German territory, and impacted life long after the war had ended.

Rüdiger Graf, Behaviour Control beyond the Market and Morality. Discussing Environmental Regulation in the Federal Republic of Germany and the USA during the Last Third of the 20th Century

For several years both national governments as well as international organisations are increasingly discussing political management tools which rely on findings of the behavioural sciences. Unlike rules, economic incentives and awareness-raising measures, so-called nudges especially promise gentle, effective and cost-efficient management by exploiting the systematic distortion of human decision-making behaviour. While the current nudging euphoria can mostly be traced back to the rise of behavioural economics since the 1980s, the current article argues that simultaneously discussions of ecological regulation exhibited a similar development. During the 1980s, disappointment that greater environmental awareness did not result in more adequate behaviour towards the environment and the recognition of the limits of economic management instruments led to the rise of “environmental conduct” as an independent category which social and behavioural scientists sought to describe and influence. This simultaneous change of the discourse in both the field of political regulation as well as theoretical reflection is traced back to four factors: the academic success story of the behavioural sciences, the disenchantment with idealised presumptions of rationality and the project of science-driven policy, the change of planning culture as well as the processes of deregulation and marketisation.

Malte König, “History Can Be Made, Neighbour!” The Renaming of Berlin’s Kochstraße to Rudi-Dutschke-Straße, 2004-2008

In April 2008 the Friedrichshain-Kreuzberg District Office renamed a section of Berlin’s Kochstraße to Rudi-Dutschke-Straße. Originally an initiative of the alternative taz newspaper, the left-wing PDS officially proposed the street name change in December 2004. As the former student leader is not an uncontroversial historical figure, and since the renaming – right outside the Springer company headquarters, founded byconservative journalist Axel Springer – resulted in a crossing of Rudi-Dutschke- and Axel-Springer-Straße, an intensive public debate arose, which did not conclude with the decision of the district council in August 2005. A local referendum requested by the centre-right CDU as well as legal action in Berlin’s courts followed. The present study of a seemingly harmless street sign thus aims to be a contribution to the fields of culture of memory and the politics of history: On the one hand this was a power struggle between the taz newspaper and the Axel Springer concern, on the other hand this was a surrogate debate, which was not just about Dutschke and whether he was ready to resort to violence, but also about the question who is allowed to submit an interpretation of the 1968 social movement.

Sören Eden/Henry Marx/Ulrike Schulz, Ordinary Administrations? Methodological Considerations on the Relationship between the Individual and Organisations: The Example of the Reich Ministry of Labour, 1919–1945

Currently a number of studies on the Reich Ministries before and after 1945 are being written. All of them are interested in the role of ministerial officials during National Socialism and wish to show their entanglement in Nazi crimes. The connected question regarding the individual “guilt” and “responsibility” of the officials in these ministries is usually not answered very convincingly in these projects when seen through a methodological lens. The article presents a new, productive approach which is founded on the organisational sociology of the studies of Niklas Luhmann and Stefan Kühl. It makes it possible to ask about individual room for manoeuvre in the complex organisational structures of public administration. Using examples from the history of the Reich Ministry of Labour, the article describes how organisations can shape the actions of their members without determining then fully, and how the members can create pressure for organisational structures to change through their actions. With this sociologically informed view on the ministry, the article offers a contribution to the discussion regarding historical research on the role of the administration during the Weimar Republic and National Socialism.

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Warum wurde nach dem Sechstagekrieg kein Friede erreicht?

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Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 66 (2018), 3. in: H-Soz-Kult, 29.06.2018, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-11150>.