Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 68 (2020), 3

Titel
Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 68 (2020), 3.


Hrsg. v.
Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte herausgegeben von Helmut Altrichter, Horst Möller, Margit Szöllösi-Janze und Andreas Wirsching
Heft(e)
3
Erschienen
München 2020: Oldenbourg Verlag
Preis
Jahresabo: 59,80 €; Stud.abo: 34,80 €; Mitgl.abo. hist. u pol. Fachverbände: 49,80 €, Online-Zugang: 49,- €; Print+Online-Abo 72,- €

Das neue Heft der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte ist erschienen, wir wünschen anregende Lektüre!

Aufsätze

Hubert Leber
Rüstungsexporte und Holocaust-Erinnerung.
Saudi-Arabien, der Leopard 2 und die geheime Israel-Klausel von 1982 – ein Bonner Paradigmenwechsel.

Als der Bundessicherheitsrat unter Kanzler Helmut Schmidt im Frühjahr 1982 neue Politische Grundsätze für den Rüstungsexport verabschiedete, wurde eine geheime Protokollnote angenommen, die als Israel-Klausel firmierte. Sie gab vor, dass bei Entscheidungen zur Waffenausfuhr „auch die geschichtliche Verantwortung der Deutschen gegenüber dem jüdischen Volk berücksichtigt wird“. Hintergrund war der Wunsch Saudi-Arabiens, Hunderte Leopard 2-Panzer zu erwerben, der in Bonn eine monatelange Kontroverse ausgelöst und zu einer tiefen Krise der deutsch-israelischen Beziehungen geführt hatte. Hubert Leber untersucht den Panzer-Streit von 1981/82 erstmals auf Basis deutscher wie israelischer Regierungsakten und verknüpft dabei Internationale Geschichte mit vergangenheitspolitischen Perspektiven. Das Verantwortungspostulat, das sich die Bundesregierung auf Initiative von Außenminister Hans-Dietrich Genscher zu eigen machte, markierte eine Zäsur für die Bonner Israel-Politik. Galt im Umgang mit dem jüdischen Staat bis dahin eine Art Verjährungsparadigma, so wurde die Erinnerung an den Holocaust zu Beginn der 1980er Jahre als dauerhaft wirksamer Faktor deutschen Regierungshandelns anerkannt.

Arms Exports and Holocaust Remembrance. Saudi Arabia, Leopard 2 Tanks and the Secret Israel Clause of 1982 – a Paradigm Shift.

When the Federal Security Council passed new political principles for arms exports under Chancellor Helmut Schmidt in spring 1982, a secret protocol note was adopted, which became known as the Israel Clause. It stated that decisions about arms exports should “also take into account the historical responsibility of the Germans towards the Jewish People”. The background was that Saudi Arabia wished to purchase hundreds of Leopard 2 tanks, which had led to months of controversy in Bonn and a deep crisis in German-Israeli relations. For the first time Hubert Leber investigates the 1981/82 tank dispute on the basis of both German and Israeli government files while connecting international relations with the politics of the past. This postulated responsibility, which the German government approved on the initiative of Foreign Minister Hans-Dietrich Genscher, marked a caesura in Bonn’s Israel policy. While until then a sort of statute of limitations paradigm applied in relation to the Jewish state, the memory of the Holocaust was recognised as a permanently operative factor in German governance in the early 1980s.

Julia Hörath
Zuhälter im Visier der Kriminalpolizei.
„Vorbeugende Verbrechensbekämpfung“ im Reich und in Bremen 1933 bis 1938.

Als Adolf Hitler 1933 das Amt des Reichskanzlers übernahm, galt in der Hansestadt Bremen das Rotlichtmilieu als polizeiliches Ordnungsproblem ersten Ranges. Früh begann dort die Kriminalpolizei, Sexarbeiterinnen und Zuhälter ohne richterliches Urteil, in alleiniger Zuständigkeit zu inhaftieren. Kurz nachdem Preußen im November 1933 die „vorbeugende Polizeihaft für Berufsverbrecher“ eingeführt hatte, diskutierte man in Fachkreisen deren Ausweitung auf Zuhälter. Die Begründungszusammenhänge, welche die Bremer Kriminalisten in dieser Debatte vorbrachten, legten einen wichtigen Grundstein für die Erweiterung des kriminalpräventiven Zugriffs auf neue Zielgruppen. Allerdings wurde die Geschichte der „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“ in der Historiografie über den Nationalsozialismus lange vernachlässigt. Bis heute zählen Verfolgte wie die Zuhälter zu den „unbequemen Opfern“. Doch gerade ihre Geschichte rückt Traditionslinien und Entwicklungsdynamiken in den Blick, die, so zeigt Julia Hörath, zentral für das Verständnis der Radikalisierung von Polizei- und Strafgewalt seit dem Ende der 1930er Jahre sind.

Pimps Targeted by the Kripo. “Preventative Crime-Fighting” in the Reich and in Bremen, 1933‒1938.

When Adolf Hitler became Reich Chancellor in 1933, the Bremen red light milieu was considered a top police problem in the city. Early on, the Criminal Police started to incarcerate sex workers and pimps on their own account without court judgments. Shortly after the introduction of the “preventative police detainment for professional criminals” policy in Prussia in November 1933, expert circles were already discussing its extension to include pimps. The argumentative contexts, which the Bremen criminalists presented in this debate, laid important groundwork for the extension of “preventative crime fighting” to new target groups. In the historiography of National Socialism, however, the history of “preventative crime fighting” has been neglected for a long time. To date persecuted persons such as pimps are considered “inconvenient victims”. Yet, as Julia Hörath shows, it is their history which highlights traditions and developmental dynamics which are central for the understanding of the radicalisation of police and penal power since the late 1930s.

Dokumentation

Sebastian Voigt
Eine „Schandgasse“ im Arbeitskampf.
Der Chemiestreik 1971 bei Merck in Darmstadt – eine Fallstudie zu den industriellen Beziehungen in der Bundesrepublik am Ende des „Wirtschaftswunders“.

Die frühen 1970er Jahren waren eine Zeit intensiver Arbeitskämpfe. Auch in der traditionell sozialpartnerschaftlichen Chemieindustrie rief die Gewerkschaft Chemie – Papier – Keramik zum ersten und einzigen Flächenstreik in dieser Branche auf. Sebastian Voigt zeichnet seine Entstehung, den Verlauf und den Ausgang nach. Am Beispiel der besonders heftig geführten Auseinandersetzung bei Merck in Darmstadt beleuchtet er anhand eines Schlüsseldokuments aus dem Nachlass des Darmstädter Gewerkschaftsfunktionärs Heinz-Günter Lang die unterschiedlichen Konfliktebenen und die innergewerkschaftliche Konstellation. In abschließenden Thesen plädiert Voigt dafür, den Gewerkschaften und den Arbeitskämpfen einen zentralen Ort in der Geschichte der Bundesrepublik und des „Rheinischen Kapitalismus“ einzuräumen.

A “Walk of Shame” in an Industrial Conflict. The Chemical Industry Strike at Merck in Darmstadt in 1971 – a Case Study on Industrial Relations in the Federal Republic at the End of the “Economic Miracle”.

The early 1970s were a time of intensive industrial action. Even in the traditionally social partnership orientated chemical industry, the Chemie – Papier – Keramik union called for the first and so far only comprehensive strike in this industry. Sebastian Voigt recounts its origin, course and results. Using the example of the especially fiercely conducted confrontation at Merck in Darmstadt, he sheds light on the different levels of the conflict and the intra-union constellations by using a key document from the papers of Darmstadt union functionary Heinz-Günter Lang. In his conclusions, Voigt advocates affording the trade unions and industrial conflicts a central place in the history of the Federal Republic of Germany and “Rhenian Capitalism”.

VfZ-Schwerpunkt

Jan Eckel
Politik der Globalisierung.
Clinton, Blair, Schröder und die Neuerfindung der Welt in den 1990er und 2000er Jahren.

Statt Globalisierung als Basisprozess des späten 20. Jahrhunderts vorauszusetzen, sollte die Zeitgeschichte die Vorstellung einer Globalisierung als ein historisches Produkt der Jahrtausendwende untersuchen. Politisch gewann die Globalisierungsrede weitreichende Bedeutung. Die Regierungen Bill Clintons, Tony Blairs und Gerhard Schröders begründeten zentrale innen- und außenpolitische Reformvorhaben mit den Handlungserfordernissen einer sich rasch verflechtenden Welt. Dabei stützte sich die Politik im Namen der Globalisierung auf unscharfes Wissen, oszillierte zwischen Überzeugung und Strategie und beförderte im Ergebnis manche der Verflechtungen, mit denen ihre Notwendigkeit begründet worden war. So sehr politische Gegner diese Reformen bekämpften, teilten sie doch weitgehend die zugrunde liegenden Diagnosen.

Politics of Globalisation. Clinton, Blair, Schröder and the Reinvention of the World during the 1990s and 2000s.

Instead of presupposing globalisation as a fundamental process of the late 20th century, contemporary history should investigate the idea of a globalisation as a historical product of the turn of the Millennium. Politically talk of globalisation received widespread importance. The governments of Bill Clinton, Tony Blair and Gerhard Schröder justified core reform projects in both domestic and foreign policy with the necessity to respond to a speedily interconnecting world. In doing so, policy in the name of globalisation was founded on fuzzy knowledge and oscillated between conviction and strategy, thereby promoting some of the interconnections, which had supposedly been the original necessities in the first place. As much as political opponents fought against these reforms, they nevertheless widely agreed with the underlying diagnoses.

Notiz

„Man hört, man spricht“: Informelle Kommunikation und Information „von unten“ im nationalsozialistischen Europa. Ein neues Forschungsprojekt des Instituts für Zeitgeschichte München‒Berlin

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Zitation
Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 68 (2020), 3. in: H-Soz-Kult, 02.07.2020, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-12489>.
Redaktion
Veröffentlicht am
02.07.2020
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