Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 61 (2010), 1

Titel
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 61 (2010), 1.
Weitere Titelangaben
Agrargeschichte


Hrsg. v.
Joachim Rohlfes, Michael Sauer, Winfried Schulze
Heft(e)
01
Erschienen

In eigener Sache von Michael Sauer und Winfried Schulze

Mit dem Jahreswechsel ist Joachim Rohlfes aus der Herausgeberrunde der GWU ausgeschieden. Sein Nachfolger wird Christoph Cornelißen.

Joachim Rohlfes ist viele Jahrzehnte als GWU-Herausgeber tätig gewesen und hat die Zeitschrift maßgeblich geprägt. 1976 stieß er zu den Gründungsherausgebern Karl Dietrich Erdmann und Felix Messerschmidt; zunächst wurde sein Name noch mit dem vorsichtigen Zusatz „unter Mitwirkung von“ versehen, 1978 wurde er dann offiziell den beiden etablierten Herausgebern gleichgestellt. Seit 1968 war Rohlfes als Professor für Didaktik der Geschichte in Bielefeld tätig, zunächst an der dortigen Pädagogischen Hochschule, später an der neugegründeten Universität. Hervorgetreten war er – neben vielen anderen Veröffentlichungen – insbesondere durch seine 1971 erschienenen „Umrisse einer Didaktik der Geschichte“, die in einer Aufbruchszeit der Disziplin geradezu reißenden Absatz fanden. Breiter ausgearbeitet wurden die „Umrisse“ dann 1986 in dem Buch „Geschichte und ihre Didaktik“. Schon seit 1972 hat Rohlfes die Oberstufen-Reihe „Politische Weltkunde“ (später „Historisch-politische Weltkunde“) bei Klett herausgegeben, die noch heute von ihm betreut wird. Zur fachdidaktischen Expertise kam und kommt ein breites Fachwissen und -interesse, wie es für die Herausgabe einer thematisch weitgefächerten Zeitschrift wie der GWU vonnöten war und ist.

Neben seiner Herausgeberschaft ist Joachim Rohlfes mit einer Fülle von Beiträgen als Autor in der GWU in Erscheinung getreten. Bereits 1972 erschien zum ersten Mal aus seiner Feder ein Literaturbericht über das weite Feld „Erziehungswissenschaft, Geschichtsunterricht, Politische Bildung“. Bis heute zeichnet er mit Engagement und sicherem Urteil für den Literaturbericht „Geschichtsdidaktik – Geschichtsunterricht“ verantwortlich. Mit vielen Beiträgen hat er die Rubriken „Stichworte zur Geschichtsdidaktik“ und „Bausteine für die Unterrichtspraxis“ bedacht. Von den zahlreichen sonstigen Aufsätzen sei nur ein einziger hervorgehoben: Für einen Rückblick auf 50 Jahre Geschichtsdidaktik im Spiegel von 50 Jahren GWU im Jahre 2000 hätte es keinen berufeneren Autor geben können („Streifzüge durch den Geist der Geschichtsdidaktik“, in: GWU 51, 2000, S. 224-240).

Im Dezember 2009 ist Joachim Rohlfes 80. Jahre alt geworden. Er hat das zum Anlass genommen, sich aus der Herausgeberrunde der GWU zurückzuziehen. Wir haben dies mit Respekt und tiefem Bedauern zur Kenntnis genommen. Dankbar und in großer Verbundenheit blicken wir zurück auf eine lange, immer produktive, einvernehmliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit ihm.

Wir freuen uns, als neues Mitglied der Herausgeberrunde Christoph Cornelißen begrüßen zu dürfen. Er ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Seine Forschungsschwerpunkte sind die europäische Geschichte, die britische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Theorie- und Methodenfragen der Geschichtswissenschaft, deutsche und internationale Historiografiegeschichte und die international vergleichende Untersuchung von Erinnerungskulturen. Wir sind sicher, in ihm einen Kollegen gefunden zu haben, der mit seiner Sachkenntnis und seinen breiten Interessen die weitere Entwicklung unserer Zeitschrift befördern wird.

Editorial von Christoph Cornelißen

Schon seit einigen Jahren entwickelt sich die internationale Agrargeschichtsforschung ausgesprochen dynamisch. Der Trend steht in einem auffälligen Kontrast zur fortlaufenden Deagrarisierung sämtlicher Gesellschaften Europas, ist doch im Laufe des 20. Jahrhunderts „der lange Abschied vom Agrarland“ (Paul Erker) allerorten zum Durchbruch gelangt. Damit kam gleichzeitig eine agrarisch geprägte Kultur an ihr Ende, welche in der Vormoderne die Lebensgrundlage für rund drei Viertel der Bevölkerung abgegeben hatte und die auch noch über weite Strecken danach in vielen Ländern eine prägende Wirkung entfalten konnte. Bis in das 21. Jahrhundert haben sich Vorstellungen von einer Sonderrolle der Landwirtschaft gehalten, was nicht nur im Bild vom Bauern als Traditionsbewahrer oder Landschaftspfleger, sondern auch in den protektionistischen Maßnahmen für die Landwirtschaft einen Ausdruck findet.

Angesichts der tief reichenden Transformation der ländlichen Gesellschaften vom Mittelalter bis zur Gegenwart strebt die heutige Agrargeschichte nach einer umfassenden Analyse der Ursachen, Folgen und Begleiterscheinungen des Strukturwandels. Starke Impulse in dieser Richtung gingen zuletzt von der Umweltsoziologie, der Umweltgeschichte, aber auch der Klimaforschung sowie der Geschlechter- und Mediengeschichte aus. Es zeigte sich, dass nicht nur unser Verständnis wichtiger Grundbegriffe (so etwa die Rede vom „ganzen Haus“), sondern auch zahlreiche Vorstellungen von einem naturräumlichen Determinismus menschlicher Existenz korrigiert werden müssen. Nicht nur in den Reaktionen der ländlichen Akteure auf Wetteranomalien und Klimaschwankungen und ihren Anpassungsstrategien, sondern auch ihrem Marktverhalten tritt insgesamt eine sehr viel größere Selbstständigkeit zum Vorschein, als sie die ältere Agrargeschichtsschreibung den Menschen auf dem Land zugestehen wollte.

Diese stärkere Akteurszentriertheit bildete zugleich eine verbindende Klammer für die Beiträge dieses Heftes. So präsentiert Frank Konersmann in seinem Beitrag über den Zeitraum zwischen 1350 und 1650 neue Perspektiven auf die Interdependenzen zwischen der klimatischen Entwicklung und der Struktur ländlicher Gesellschaften. In diesem Zusammenhang relativiert er die Wirkung der Pest im 14. Jahrhundert, denn schon seit dem Hochmittelalter sei ein Strukturwandel zu beobachten, der zur Erosion der von den feudalen Grundherrschaften organisierten Agrarwirtschaft geführt habe. Reiner Prass wiederum hebt auf die regionalen Unterschiede in der Transformation der deutschen Landwirtschaft nach dem 30jährigen Krieg ab. Nachdrücklich betont er, dass die Bauern das Marktgeschehen sehr genau beobachteten, die Kleinbauern die Lage aber meist besser meisterten als die Großbauern. Weiterhin bemerkenswert ist sein Befund, wonach primär nicht politische Agrarreformen, sondern wirtschaftliche Umstände (Marktnachfrage und Arbeitskräfte) die Hinwendung zu intensiveren Anbaumethoden befördert hätten. Auch Gunter Mahlerwein sieht die ländlichen Akteure nicht nur als Objekte, sondern er untersucht ihren Einfluss auf den Verlauf und das Tempo des Strukturwandels im 20. Jahrhundert. Er verdeutlicht jedoch ebenfalls die Grenzen der bäuerlichen Handlungsspielräume, worauf nicht zuletzt der systemübergreifende Vergleich hinweise. Denn in beiden Staaten erwiesen sich letztlich die fortlaufende Steigerung der Produktivität, der Abbau landwirtschaftlicher Arbeitskräfte sowie der Übergang zu standardisierter Massenproduktion für das Tempo des Strukturwandels als bestimmend. Heute sind in der Bundesrepublik nur noch rund zwei Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt, womit sich die Rede von einem „ländlichen Milieu“ endgültig erschöpft hat.

Inhalt der Ausgabe 1/10

ABSTRACTS (S. 2)

IN EIGENER SACHE (S. 3)

EDITORIAL (S. 4)

BEITRÄGE

Frank Konersmann
Menschen – Räume – Umwelt. Perspektiven und Wege der neuen deutschen Agrargeschichte (S. 5)

Frank Konersmann
Regionenbildung und soziale Differenzierung. Ländliche Gesellschaften in demographischen und ökologischen Wechsellagen (1350 –1650) (S. 11)

Reiner Prass
Bäuerliche Bevölkerung und Transformationen der Landwirtschaft. Die Entwicklung der agrarischen Produktion von 1650–1880 (S. 28)

Gunter Mahlerwein
Akteure im Strukturwandel. Zur Agrargeschichte des 20. Jahrhunderts (S. 43)

INFORMATIONEN NEUE MEDIEN

Gregor Horstkemper/Alessandra Sorbello Staub
Ein weites Feld: Quellen und Online-Angebote zur Agrargeschichte (S. 56)

LITERATURBERICHT

Wolfgang Schmale
Europäische Geschichte, Teil V (S. 58)

NACHRICHTEN (S. 76)

Abstracts der Ausgabe 1/10

Frank Konersmann
Menschen – Räume – Umwelt
Perspektiven und Wege der neuen deutschen Agrargeschichte
GWU 61, 2010, H. 1, S. 5-10

Geschildert werden die Ausgangslage und Entstehungsbedingungen der um kultur- und sozialanthropologische Fragestellungen und Konzepte erweiterten, aber auch modifizierten deutschen Agrargeschichte. Sie hat in dem seit 1994 bestehenden „Arbeitskreis für Agrargeschichte“ ihre organisatorische Grundlage und in der 2003 neu konzipierten „Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie“ ihr wesentliches Forum. Die sich in diesen Zusammenhängen allmählich ausprägende neue deutsche Agrargeschichte ist mittlerweile u. a. mit mehreren Sammelbänden in Erscheinung getreten und hat auch ein seit Herbst 2008 bestehendes eigenes Forschungsprojekt hervorgebracht, über dessen Konzeption kurz informiert wird.

Frank Konersmann
Regionenbildung und soziale Differenzierung
Ländliche Gesellschaften in demographischen und ökologischen Wechsellagen (1350–1650)
GWU 61, 2010, H. 1, S. 11-27

In Orientierung an dem in einem Forschungsvorhaben des „Arbeitskreises für Agrargeschichte“ entwickelten Konzept zur Erschließung von „Grundzügen“ der Landwirtschaft und ländlichen Gesellschaften in Deutschland werden einige als charakteristisch zu nennende Sachverhalte des Zeitraums von 1350 bis 1650 systematisch erläutert, die insbesondere die Ausprägung von Wirtschaftslandschaften und soziale Differenzierung betreffen.

Reiner Prass
Bäuerliche Bevölkerung und Transformationen der Landwirtschaft
Die Entwicklung der agraischen Produktion von 1650–1880
GWU 61, 2010, H. 1, S. 28-42

Die agrarhistorische Forschung betrachtet das ökonomische Handeln der Bauern in der Frühen Neuzeit heute als vorsichtiges Ausloten zwischen dem Interesse an der Versorgung ihrer Familie, den naturräumlichen Gegebenheiten und einer Ausrichtung am Marktgeschehen. Der Wiederaufbau nach dem 30-jährigen Krieg verlief in dem zuvor existierenden Rahmen, aber die Bauern begannen allmählich bereits neue Pflanzen und Anbausysteme einzuführen. Als ab der Mitte des 18. Jahrhunderts die Bevölkerungszahlen unablässig anstiegen, gelang es ihnen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts durch eine vorsichtige, an ihren spezifischen Möglichkeiten und dem Marktgeschehen orientierte Umstellung ihrer Wirtschaftsweise, die wachsende Zahl von Menschen zu ernähren.

Gunter Mahlerwein
Akteure im Strukturwandel
Zur Agrargeschichte des 20. Jahhunderts
GWU 61, 2010, H. 1, S. 43-55

Der landwirtschaftliche Strukturwandel im 20. Jahrhundert wird in der öffentlichen Diskussion oft als politisch verordneter und als von der Landwirtschaft passiv zu ertragender Transformationsprozess wahrgenommen. Aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive wird er als unvermeidlicher Abwanderungsprozess aus dem primären in den sekundären, später auch in den tertiären Sektor verstanden. Demgegenüber stellt der Text die Einflussmöglichkeiten ländlicher Akteure auf Verlauf und Tempo des Strukturwandels dar und kommt über die Betrachtung der Abwanderungsmotive und die Entwicklung der agrarischen Produktivität zum Fazit, dass genügend Ansatzpunkte zu finden sind für ein Verständnis von Strukturwandel, das nicht von der Übermächtigung des Subjektes durch politische und allgemeine (global)wirtschaftliche Entwicklungen ausgeht, sondern den Anteil bäuerlicher Akteure angemessen berücksichtigt.

Zitation
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 61 (2010), 1. in: H-Soz-Kult, 04.03.2010, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-5439>.
Redaktion
Veröffentlicht am
04.03.2010
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