Buchpreis: Essay Schwerpunktthema 2008: Political History in Cultural Perspective / Kulturgeschichte des Politischen / neue Politikgeschichte

Von
Christoph Classen

Essay von Christoph Classen, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Es ist erst einige Jahre her, dass die Politikgeschichte in einem programmatischen Aufsatz als „hartleibigste der historischen Disziplinen“ bezeichnet worden ist, an der „alle konzeptionellen Erneuerungsversuche der letzten vierzig Jahre […] abzuprallen“ schienen.[1] Inzwischen kann man mit Fug und Recht sagen, dass die Bemühungen um eine vorwiegend von kulturgeschichtlicher Seite betriebene Erneuerung der Politikgeschichte dieses Feld zu einem besonders dynamischen gemacht haben, vielleicht sogar zu dem Gebiet, auf dem sich die Bedeutung des „cultural turn“ derzeit am deutlichsten niederschlägt. Dies gilt auch und gerade vor dem Hintergrund, dass die polarisierten Debatten um Angemessenheit und Ertrag dieser neuen Zugänge anscheinend unvermindert anhalten und ihre Fortsetzung unter anderem in einer eigenen Sektion auf dem Dresdener Historikertag finden werden.[2]

Bei dem erstplazierten Band „Was heißt Kulturgeschichte des Politischen?“, 2005 von Barbara Stollberg-Rilinger als Beiheft Nr. 35 der Historischen Zeitschrift herausgegeben, handelt es sich um die Dokumentation einer Tagung, die der Münsteraner Sonderforschungsbereich 496 „Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution“ zwei Jahre zuvor veranstaltet hat. Der Band vereint eine Reihe begrifflicher und theoretischer Reflexionen, unter anderem zum Kultur- und Symbolbegriff und zum Konzept des politischen Mythos, mit insgesamt sieben Fallstudien, deren Spektrum von der Frühen Neuzeit bis in die Zeitgeschichte reicht. Sein Verdienst liegt insbesondere darin, nicht auf der Ebene programmatischer Absichtserklärungen und abstrakter Theoriediskussionen zu verweilen, sondern anhand der Fallstudien exemplarisch den Gewinn zu verdeutlichen, den ein „ethnologischer Blick“, die Fokussierung auf Prozesse der Perzeption und Sinnzuschreibung, für Aspekte der politischen Geschichte bedeuten kann. Erkennbar wird dabei nicht nur eine gewisse Pluralität der zugrundeliegenden Konzepte und Begriffsverständnisse, sondern auch die Grenzen des Zugangs werden von mehreren Autoren explizit diskutiert.

Zum festen Repertoire des Streits um die politische Kulturgeschichte gehört die Frage, ob sie in der Lage sei, die „harten“ Seiten der Politik, die materiellen Interessen, vor allem aber die Gewalt angemessen zu integrieren.[3] Wie immer man diese Frage beantworten mag, festzustellen bleibt, dass Jörg Baberowski, dessen bereits 2003 erschienenes Buch „Der rote Terror“ auf den zweiten Platz in dieser Kategorie gewählt worden ist, die stalinistische Gewalt nicht in erster Linie als Bedeutungs- und Symbolsystem beschreibt. Stattdessen verarbeitet der Autor hier die inzwischen verfügbaren Quellen mit Hilfe einer breiten Palette von sozialgeschichtlichen, politikhistorischen und ideen- bzw. kulturgeschichtlichen Ansätzen zu einer komplexen Erklärung des stalinistischen Terrors. Damit werden sowohl die totalitarismustheoretischen Erklärungsmodelle als auch ihre sozialhistorischen Gegenentwürfe aus der Zeit des Kalten Krieges als zu eindimensional verworfen. An ihre Stelle tritt eine multikausale Deutung, in der die traditionellen russischen Modernisierungsbemühungen mit spezifisch klientelistischen Herrschaftsstrukturen, gesellschaftlichen Gewalterfahrungen und den utopisch übersteigerten Ansprüchen der Bolschewiki verschmolzen und so eine Herrschaftspraxis von ungeahnter Brutalität hervorbrachten.

Den dritten Platz teilen sich zwei Monografien: Zum einen Martin Kohlrauschs 2005 erschienene Arbeit „Der Monarch im Skandal“, zum anderen die im letzten Jahr publizierte Kulturgeschichte des politischen Körpers von Albrecht Koschorke, Susanne Lüdemann, Thomas Frank und Ethel Matale de Mazza mit dem Titel „Der fiktive Staat“. Kohlrauschs Analyse des Monarchiediskurses, die auf seiner Dissertationsschrift an der TU Berlin beruht, nimmt erstmals den Zusammenhang zwischen dem Ende der Monarchie in Deutschland und der Medienrevolution des ausgehenden 19. Jahrhunderts in den Blick. Die Untersuchung der Skandale um Wilhelm II. macht deutlich, dass die Massenmedien mit den ihnen eigenen Personalisierungen, kommerziellen Logiken und Partizipationsansprüchen eine erhebliche Transformation der Erwartungen an den Kaiser und die Monarchie insgesamt evozierten. Den damit verbundenen übersteigerten Erwartungen konnten letztlich weder der Amtsinhaber noch die etablierten Strukturen entsprechen. Am Ende stand dann die Überführung des monarchischen Diskurses in einen „Führerdiskurs“, der in der Weimarer Republik bekanntlich eine eigene, fatale Dynamik entfaltete. Nebenbei illustriert Kohlrauschs Buch, dass der gegenwärtig viel diskutierte Einfluss der Medien auf die Politik keineswegs nur ein Phänomen der letzten 30 Jahre ist.

Das Buch „Der fiktive Staat“ geht auf ein mehrjähriges, interdisziplinäres Forschungsprojekt zur „Poetologie der Körperschaften“ am Berliner Zentrum für Literaturforschung zurück. Grundlegend ist dabei die Annahme, dass „der Staat“, wie andere unsichtbare Institutionen und Gemeinschaften auch, symbolisch generiert und permanent reproduziert werden muss. Eben dieser Prozess der metaphorischen und symbolischen Konstruktion des neuzeitlichen europäischen Staates wird hier auf breiter Textbasis einer detaillierten Analyse unterzogen. Typisch für das europäische Staatsverständnis ist demnach eine bereits in der Antike angelegte Vorstellung des Staates als „Körper“, die sich vom absolutistischen Herrscher als „Verkörperung“ des Staates über die Figur der „juristischen Person“ bis in die Gegenwart zieht. Verbunden waren damit stets Vorstellungen von Homogenität, Ganzheit und Zentralität. Demgegenüber scheint sich in letzter Zeit das „Netzwerk“ zur neuen Leit-Metaphorik zu entwickeln, in der Flexibilität, Dezentralität und Interdependenz an die Stelle der alten Vorstellungen und Normen treten. Das Modell des souveränen Nationalstaates wäre demnach an sein Ende gekommen. Allerdings konzedieren die Autoren auch, dass dieser Prozess noch keineswegs eindeutig auszumachen ist.[4]

Last not least ist hier Philipp Sarasins 2004 publizierter Essay „Anthrax. Bioterror als Phantasma” hervorzuheben. Sarasin zeigt eindrucksvoll, wie sich in der Folge der Anschläge des 11. September eine Hysterie aufbaute, in der flächendeckende Anschläge durch Milzbrandsporen plötzlich als reale gesellschaftliche Bedrohung erschienen. Problematisch daran ist keineswegs nur, dass derartige Szenarien vollkommen übertrieben waren und der realen Gefahr durch einen Einzeltäter keineswegs entsprachen. Langfristig gravierender ist, dass damit auf den Terrorismus scheinbar plausibel kulturell verankerte biologistische Vorstellungen übertragen wurden, vom „unsichtbaren Feind“ und „Fremdkörper“, der „von außen“ in die „Körper“ unserer Gesellschaft eindringe, und gegen den als einziges probates Mittel radikale Vernichtung helfe. Derartige Vorstellungen, so Sarasin, prägten auch die politisch Verantwortlichen und bestimmen daher maßgeblich ihr Handeln im Kampf gegen al Qaida und darüber hinaus im Umgang mit Fremden überhaupt – bis hin zum Krieg gegen den Irak. Man kann also auch dieses Buch als deutlichen Hinweis darauf lesen, dass der oben angesprochene Gegensatz zwischen Diskurs und Gewalt schon insofern wenig plausibel ist, als materielles Handeln bis hin zum Angriffskrieg immer auch als Konsequenz und Manifestation diskursiv verfasster Vorstellungen verstanden werden muss.

Insgesamt zeigen die prämierten Bücher, dass die politische Kulturgeschichte dem Status der programmatischen Ansprüche entwachsen ist und – mit durchaus unterschiedlichen Ansätzen – zu einer fruchtbaren Erneuerung der Politikgeschichte beiträgt.

Anmerkungen:
[1] Thomas Mergel, Überlegungen zu einer Kulturgeschichte der Politik, in: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), S. 574-606, hier: S. 574.
[2] Heinz-Gerhard Haupt / Willibald Steinmetz: „Die ‚neue Politikgeschichte’ in der Diskussion“, 2.10.2008.
[3] Vgl. Bernd Weisbrod, Das Politische und die Grenzen der politischen Kommunikation, in: Daniela Münkel; Jutta Schwarzkopf (Hrsg.), Geschichte als Experiment. Studien zu Politik, Kultur und Alltag im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt/New York 2004, S. 99-112.
[4] Vgl. dazu jetzt Saskia Sassen, Das Paradox des Nationalen. Territorium, Autorität und Rechte im globalen Zeitalter. Frankfurt am Main 2008.

Von der H-Soz-u-Kult Jury „Das Historische Buch 2008“ wurden in der Kategorie Schwerpunktthema „Political History in Cultural Perspective / Kulturgeschichte des Politischen / neue Politikgeschichte“ folgende Titel auf die vorderen Rangplätze gewählt:

1. Stollberg-Rilinger, Barbara (Hrsg.): Was heißt Kulturgeschichte des Politischen?, Berlin 2005.
Rezension von Gerd Schwerhoff, in: H-Soz-u-Kult, 07.10.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-4-021>.

2. Baberowski, Jörg: Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, München 2003.
Rezension von Wladislaw Hedeler, in: H-Soz-u-Kult, 27.02.2004, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-1-118>.

3. Kohlrausch, Martin: Der Monarch im Skandal. Die Logik der Massenmedien und die Transformation der wilhelminischen Monarchie, Berlin 2005.
Rezension von Michael Epkenhans, in: H-Soz-u-Kult, 17.01.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-1-036>.

3. Koschorke, Albrecht; Frank, Thomas; Matala de Mazza, Ethel; Lüdemann, Susanne (Hrsg.): Der fiktive Staat. Konstruktionen des politischen Körpers in der Geschichte Europas, Frankfurt am Main 2007.
Rezension von Thomas Ertl, in: H-Soz-u-Kult, 27.07.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-070>.

5. Sarasin, Philipp: Anthrax. Bioterror als Phantasma, Frankfurt am Main 2004.
Rezension von Stefan Keller, in: H-Soz-u-Kult, 09.11.2004, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-4-098>.

Die Listen sowie detaillierte Angaben zur Jury und zum Verfahren können Sie auf dem Webserver von H-Soz-u-Kult <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/buchpreis> nachlesen.

Zitation
Buchpreis: Essay Schwerpunktthema 2008: Political History in Cultural Perspective / Kulturgeschichte des Politischen / neue Politikgeschichte, in: H-Soz-Kult, 28.09.2008, <www.hsozkult.de/text/id/texte-1006>.
Redaktion
Veröffentlicht am
28.09.2008
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