Buchpreis: Essay Kategorie Zeitgeschichte

Von
Irmgard Zündorf

Essay von Irmgard Zündorf, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Die in diesem Jahr prämierten Bücher in der Kategorie Zeitgeschichte zeichnen sich wiederum durch eine große thematische Vielfalt aus. Zwar liegt der Schwerpunkt auf Deutschland nach 1945, doch behandeln die Publikationen mit Intellektuellen und Arbeitern, der Kirche und den Medien ganz unterschiedliche Bereiche in sehr unterschiedlichen Herangehensweisen. Dabei sind in diesem Jahr nur Monografien auf die ersten fünf Plätze gewählt worden, was sich vielleicht auch mit der wiederholt geäußerten Kritik an der zumindest „gefühlten“ Zunahme von Sammelbänden erklären lässt. Zudem sind die fünf vorzustellenden Studien überwiegend Qualifizierungsarbeiten, davon eine Dissertation auf Platz eins und drei Habilitationsschriften auf den Plätzen drei, vier und fünf. Ein deutlicher inhaltlicher Schwerpunkt liegt auf der Beschäftigung mit bestimmten sozialen Gruppen, nämlich Intellektuellen und Arbeitern. Nur ein Buch untersucht dagegen mit der katholischen Kirche eine Institution. Zudem beschäftigt sich nur eine der Arbeiten nicht mit Deutschland, sondern betrachtet vier andere westeuropäische Länder im Vergleich. Zeitlich liegt der Schwerpunkt auf den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten.

Die auf den ersten Platz gewählte Studie des australischen Historikers Dirk Moses behandelt den Umgang der westdeutschen Intellektuellen mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Dabei steht die Kohorte der in der Weimarer Republik, konkret die zwischen 1922 und 1932 Geborenen, im Mittelpunkt des Interesses. Diese von Dirk Moses als „Forty-Fivers“ bezeichnete Gruppe zeichnete sich vor dem Hintergrund der Erfahrung von Krieg und NS-Diktatur vor allem durch eine kritisch-demokratische Grundhaltung aus. Ihre politische Denkweise analysiert Moses primär als Ideen-, nicht als Politikgeschichte. Anhand von zwei prominenten Vertretern, des von Moses als „German German“ charakterisierten Wilhelm Hennis und des „Non-German German“ Jürgen Habermas, führt er exemplarisch wesentliche Denkstile dieser publizistisch streitbaren wie produktiven Generation vor. Beide Typen, in frühen Jahren noch durchaus miteinander verbunden, waren in den 1960er- und 1970er-Jahren in tiefe Auseinandersetzungen miteinander verstrickt. Diese Debatten zeichnet Moses detailliert nach, woraus eine Diskursgeschichte erwächst, die den wesentlichen Verdienst seiner Arbeit darstellt.

Mit dem Buch auf dem zweiten Platz verschiebt sich der Fokus von den westdeutschen Intellektuellen zu den ostdeutschen Arbeitern, die sowohl als „Klasse“ wie als Individuen, im Betrieb wie im privaten Leben dargestellt werden. Christoph Kleßmanns voluminöses Werk über die „Arbeiter im „Arbeiterstaat“ DDR“, so der Haupttitel, ist eine umfassende Beziehungsgeschichte zwischen den Arbeitern und „ihrem“ Staat mit der Fragestellung, wie viel Bedeutung die kommunistische Idee letztendlich für die Arbeiter hatte. Gewerkschaftsbund und Betriebsräte geraten damit ebenso in den Blick wie die Wirkung von Propagandaaktionen oder die Proteste um den 17. Juni 1953 und nach dem Mauerbau. Darüber hinaus wird die Bundesrepublik als ständiges „Magnetfeld“ in die Analyse einbezogen und so eine Arbeitergeschichte im Spannungsfeld unterschiedlichster Kräfte gezeichnet. Die Studie bietet damit grundlegende Einblicke sowohl in die private als auch in die politische und sozialstrukturelle Dimension der Arbeiterwelt in der SBZ und DDR. Kleßmann, der bis zu seiner Emeritierung als Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam tätig war und bereits mit einschlägigen Werken zur "Doppelten Staatsgründung" und mit "Zwei Staaten, eine Nation" einer breiten Leserschaft bekannt ist, hat mit dieser Publikation einen weiteren Meilenstein in der Zeitgeschichtsforschung vorgelegt.

Das einzige Buch, das sich dezidiert nicht mit einer Personengruppe, sondern einer Institution beschäftigt, findet sich auf dem dritten Platz. Benjamin Ziemann untersucht in seiner Studie „Katholische Kirche und Sozialwissenschaften 1945-1975“ das Phänomen der "Verwissenschaftlichung" am Beispiel der Adaption sozialwissenschaftlicher Konzepte durch die katholische Kirche in Westdeutschland in den ersten Nachkriegsjahrzehnten. Ziemann stellt dar, wie mit Hilfe der Soziografie quantitative und qualitative Studien über die Kirche in der Gesellschaft erstellt wurden, die dazu dienen sollten, neue Methoden des religiösen Zugangs bzw. der Seelsorge zu entwickeln. Auch die moderne Demoskopie wurde herangezogen, um einen Überblick über die Meinungsvielfalt innerhalb der Gesellschaft zu gewinnen. Im Ergebnis entstand, so Ziemann, vor allem eine Diskussion über die Differenz zwischen den kirchlichen Moralvorstellungen und der herrschenden Praxis in einer modernen Gesellschaft. Eine darauf aufbauende Umstrukturierung der Kirchenorganisation scheiterte allerdings an den konservativen Kräften innerhalb und außerhalb der Kirche. Das Buch zeigt somit die Problemlage der katholischen Kirche als Institution auf und analysiert ihren Reformwillen sowie ihre Modernisierungsansätze und -bestrebungen. Das in der Öffentlichkeit immer wieder gezeichnete Bild von einer modernisierungsfeindlichen Kirche wird daher von Ziemann deutlich anders und offener konturiert.

Auf Platz vier analysiert Christina von Hodenberg den Wandel der westdeutschen Medienöffentlichkeit von der Nachkriegszeit bis in die frühen 1970er-Jahre. Interessanterweise bezieht sie sich in ihrer Phaseneinteilung auf einen älteren Aufsatz von Dirk Moses, in dem er bereits das Konzept der „Forty-Fivers“, die in den „langen 1960er-Jahren“ die konservativen Eliten ablösten, vorstellt.[1] Von Hodenberg zeichnet diesen generationellen Wandel für den Journalismus nach. Sie beginnt mit der "eingehegten Kritik" der Nachkriegszeit, die von den westalliierten Besatzungsmächten und der noch im Kaiserreich zwischen 1880 und 1920 Geborenen geprägt war. Diese wurde durch die "45er" abgelöst, die den eigentlichen Wandel sowohl in den westdeutschen Medien als auch in der Öffentlichkeit vorangetrieben haben. Diese Alterskohorte bereitete wiederum den Weg für die „68er“. Von Hodenberg zeigt damit unter anderem, dass letztere den gesellschaftlichen Umschwung im Sinne eines Liberalisierungsprozesses in der Bundesrepublik nicht allein hervorgebracht haben, sondern auf breite Vorleistungen aufbauen konnten.

Gewissermaßen komplementär zu Platz eins findet sich auf dem fünften Rang wiederum eine „Intellektuellen-Geschichte“, die sich jedoch nicht mit Deutschland, sondern mit vier westeuropäischen Ländern beschäftigt. Thomas Kroll vergleicht die kommunistischen Intellektuellen in Frankreich, Österreich, Italien und Großbritannien hinsichtlich ihrer politischen Sozialisation, ihres Selbstverständnisses sowie ihres Denkens und Handelns im ersten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei geht er der Frage nach, ob es überhaupt „den“ Typus des westeuropäischen Intellektuellen gab oder ob eher nationalspezifische Typen vorherrschten. Krolls Analyse orientiert sich an drei Kategorien: der Generationenerfahrung, der politischen Glaubensrichtung und des Rollenverständnisses. Die Studie arbeitet im Vergleich der vier Länder sowohl Gemeinsamkeiten als auch nationalspezifische Besonderheiten heraus, und zwar sowohl in ideen- als auch in politik- und sozialgeschichtlicher Hinsicht. Damit bietet sie einen auch methodisch beeindruckenden Einblick in die Geschichte des Kommunismus in Europa.

Will man einen methodischen Fokus der prämierten Bücher besonders herausstellen, so ist dies sicherlich der Ansatz der Generationalität, der als Analysekategorie immerhin in drei Studien vorherrscht. Dies ist insofern nicht ganz verwunderlich, als alle fünf Publikationen pointierte Beiträge zur Sozial- und Gesellschaftsgeschichte darstellen. Ohne Zweifel hat der Begriff der Generation Konjunktur, vielleicht noch nicht im Sinne eines neuen historiografischen Trends, aber doch immerhin zeigt sich hier eine interessante Entwicklung bei der Vergabe des H-Soz-u-Kult-Buchpreises.

Anmerkung:
[1] Moses, A. Dirk, The Forty-Fivers. A Generation between Fascism and Democracy, in: German Politics and Society 17 (1999), S. 94-126.

Von der H-Soz-u-Kult Jury „Das Historische Buch 2008“ wurden in der Kategorie „Zeitgeschichte“ folgende Titel auf die vorderen Rangplätze gewählt:

1. Moses, Dirk: German intellectuals and the Nazi past, Cambridge 2007.
Rezension von Jens Hacke, in: H-Soz-u-Kult, 02.09.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-3-124>.

2. Kleßmann, Christoph: Arbeiter im "Arbeiterstaat" DDR. Deutsche Traditionen, sowjetisches Modell, westdeutsches Mangnetfeld (1945 bis 1971), Bonn 2007.
Rezension von Ralph Jessen, in H-Soz-u-Kult, 11.07.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-3-026>.

3. Ziemann, Benjamin: Katholische Kirche und Sozialwissenschaften 1945-1975, Göttingen 2007.
Rezension von Klaus Große Kracht, in: H-Soz-u-Kult, 10.09.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-186>.

4. von Hodenberg, Christina: Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945-1973, Göttingen 2006.
Rezension von Marcus M. Payk, in: H-Soz-u-Kult, 15.08.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-3-114>.

5. Kroll, Thomas: Kommunistische Intellektuelle in Westeuropa. Frankreich, Österreich, Italien und Großbritannien im Vergleich (1945-1956), Köln 2007.
Rezension von Till Kössler, in: H-Soz-u-Kult, 15.11.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-132>.

Die Listen sowie detaillierte Angaben zur Jury und zum Verfahren können Sie auf dem Webserver von H-Soz-u-Kult <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/buchpreis> nachlesen.

Zitation
Buchpreis: Essay Kategorie Zeitgeschichte, in: H-Soz-Kult, 25.09.2008, <www.hsozkult.de/text/id/texte-1008>.
Redaktion
Veröffentlicht am
25.09.2008
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