Buchpreis: Essay Kategorie Geschichte der Frühen Neuzeit

Von
Lars Behrisch

Essay von Lars Behrisch und Stefan Gorißen, Universität Bielefeld, und Karin Gottschalk, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt

Marian Füssels ‚Gelehrtenkultur als symbolische Praxis’, der von der Jury gekürte Siegertitel in der Kategorie „Frühe Neuzeit“ für den H-Soz-u-Kult Buchpreis, untersucht die Welt der deutschen Universitäten des 17. und 18. Jahrhunderts nicht in erster Linie mit Blick auf gelehrte Diskurse und wissenschaftliche Praktiken, sondern als einen Ort der „feinen Unterschiede“, der Rangabstufungen und der sich hieran entzündenden Auseinandersetzungen und Konflikte. Rangstreitigkeiten bezogen sich dabei nicht nur und nicht in erster Linie auf Differenzierung innerhalb der Universität: Füssel untersucht in erster Linie jene Konflikte, in denen die Gelehrten ihren Platz in der ständischen Umwelt zu behaupten suchten. Geltungsansprüche waren vor allem gegenüber dem Adel, aber auch gegenüber der umgebenden Stadtgesellschaft durchzusetzen. Auch wenn die ständische Position des Gelehrten in seiner Universität und darüber hinaus innerhalb der umgebenden Gesellschaft auf institutionellen Strukturen beruhte und durch einen entsprechenden rechtlichen Rahmen fundiert war, blieb der ihm jeweils zugebilligte Rang doch Ergebnis von Handlungen, die sich einer reichen Sprache von Symbolen und Ritualen bedienten. Die Vielzahl von Rangkonflikten lassen sich letztlich als Mangel an Autonomie der Institution Universität beschreiben. Erst die Einbeziehung der Universität in den Prozess der neuzeitlichen Staatsbildung ermöglichte seit der Mitte des 18. Jahrhunderts jenen Vorrang „kognitiver Orientierung“, dem seither als „Wissenschaft“ ein hohes Maß an Unabhängigkeit zugebilligt wird.

Völlig andere Pfade scheint Anne Goldgar zu betreten, wenn sie mit „Tulipmania“ einen der bekanntesten Finanzskandale der vorindustriellen Welt thematisiert. Tulpen galten in den ökonomisch prosperierenden niederländischen Handelsstädten des frühen 17. Jahrhunderts als begehrenswerte exotische Kostbarkeiten. Im Sommer 1636 erreichte der Preis für bestimmte Sorten in Amsterdam schließlich den Gegenwert ganzer Häuser. Schon den Zeitgenossen galt die „große Tulpenmanie“ als extravagante Verrücktheit, dokumentiert in Wunder- und Kuriositätenbüchern. So unbestreitbar der Zusammenbruch dieser Spekulationsblase eine Finanzkrise nach sich zog, so scharf weist Goldgar die zahlreichen, noch in der modernen Literatur verbreiteten Urteile über Ausmaß und Folgen der Spekulation zurück. In einer akribischen mikrohistorischen Analyse kann sie überzeugend nachweisen, dass aus der Beschäftigung mit der „Tulpenmanie“ weniger über Wirtschaftskräfte und Finanzstrukturen zu lernen ist als über die Phantasien und Ängste einer Gesellschaft, die selbst staunend auf die in ihrem Umfeld rasch wachsenden Reichtümer und die Geschwindigkeit der ökonomischen Entwicklung blickte. Damit aber handelt auch Goldgars Buch letztlich von einer Welt der Symbole, der Mythen und der Konstruktion von gesellschaftlicher Wirklichkeit.

Auch in zwei weiteren prämierten Büchern, in ‚Die Erschaffung Venedigs’ von Achim Landwehr und in Anton Tantners ‚Ordnung der Häuser, Beschreibung der Seelen’, geht es um Konstruktionen, hier um den Konstruktionscharakter von Räumen, Staaten und Gesellschaften. Landwehr und Tantner zeigen auf, wie grundlegend die jeweiligen begrifflichen, narrativen, symbolischen und tabellarischen Kodifikationen für die Existenz und die Funktionsweisen sozialer und politischer Gebilde waren. Solche Kodifikationen stifteten Sinn und Ordnung und stellten Handlungsanweisungen für institutionelle wie individuelle Akteure bereit. Dabei gehen beide Autoren gewissermaßen komplementär vor – Landwehr in einer Längsschnittuntersuchung vom späten 16. bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts, Tantner hingegen anhand eines mikroskopischen, dicht beschreibenden Querschnitts, der die Schaffung von Ordnungskategorien und Zuordnungen im Rahmen einer Volkszählung offenlegt. Vielleicht spielt bei der Auswahl, neben der ausgezeichneten Qualität der Publikationen, eine allgemeine Sensibilisierung für die wirklichkeitsprägende Macht willkürlicher Kategorisierungen und medialer Wirklichkeitskonstruktionen eine Rolle, vor deren anonymer Gewalt man sich nur schützen kann, indem man sich über ihre Wirkungsweisen bewusst wird. Der Blick in die Vergangenheit aber schärft auch in dieser Hinsicht den Blick auf die Gegenwart.

Am Anfang war das Wort: Achim Landwehr zeigt in „Die Erschaffung Venedigs – Raum, Bevölkerung, Mythos“, in welchem Maße sprachliche und konzeptuelle Festlegungen die politische und soziale Realität einer der größten Städte des frühneuzeitlichen Europas prägten. Durch Begriffe formiert und gefestigt wurde dabei nicht nur die Gestalt des Gemeinwesens an sich, sondern auch die Vorstellung von einem (auf dem Festland) geschlossenen Territorium, einer nach außen hin abgrenzbaren ‚venezianischen’ Bevölkerung und nicht zuletzt auch einer in sich schlüssigen Geschichte und Tradition, die bis nach Troja reichte. All diese kumulativen Konstruktionsleistungen waren für die staatliche Selbsterhaltung und die Legitimität von Herrschaft konstitutiv. Entsprechend gefährlich war denn auch der ‚Antimythos’ des dekadenten Babylon, der seit Ende des 17. Jahrhunderts aufkam und das Potential einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung enthielt.

Anton Tantner beschreibt in „Ordnung der Häuser, Beschreibung der Seelen – Hausnummerierung und Seelenkonskription“ die Intentionen, Praktiken und Folgen der habsburgischen Konskriptionsstatistik der Jahre 1770-72. Die Erfassung und Kategorisierung der gesamten Bevölkerung diente in erster Linie der Erhöhung des militärischen Rekrutierungspotentials, brachte aber auch insgesamt einen unmittelbareren Blick und Zugriff auf die Untertanen, die Ressourcen und den Raum mit sich, der die Grundherrschaften als intermediäre Gewalten in den Hintergrund drängte. Die systematische Kategorisierung von Land und Leuten mithilfe von Zahlen und Ziffern (Hausnummern) führte unter anderem zur staatlich angeleiteten Standardisierung von Dorf- und Familiennamen. Wie die eingehende Schilderung der Praktiken der Erhebung, aber auch der Reaktionen und Widerstände der Bevölkerung zeigt, eröffnete die Volkszählung nicht zuletzt auch eine neue Phase der direkten wechselseitigen Wahrnehmung und Kommunikation zwischen Staat und Untertanen.

Auch für Timothy Blanning ist das lange 18. Jahrhundert durch eine ‚Kommunikationsrevolution’ gekennzeichnet: In „The pursuit of glory – Europe 1648-1815“ beschreibt er die erstaunliche Beschleunigung und Zunahme des Reisens von Menschen, Briefen und Waren, die Verbreitung von Kaffeehäusern, Zeitungen und Meinungen. Seine auf ein breites Publikum zugeschnittene Geschichte Europas am Ende der Frühen Neuzeit führt nicht nur in diese ‚Revolution’ ein, sondern zeigt an zentralen Themen der Frühneuzeitforschung wie Demographie, Ökonomie, höfisches Leben, Krieg oder Konfession die Dynamik dieses Zeitraums auf. Als Ausdruck dieser Dynamik spielt die Aufklärung mit ihrer neuen Perspektive auf die Welt eine prominente Rolle. Kenntnisreich und belesen erzählt Blanning vom Ende einer Epoche und dem Beginn einer neuen – und macht dabei auch das Staunen der Zeitgenossen darüber sichtbar.

Von der H-Soz-u-Kult Jury „Das Historische Buch 2008“ wurden in der Kategorie „Geschichte Frühe Neuzeit“ folgende Titel auf die vorderen Rangplätze gewählt:

1. Füssel, Marian: Gelehrtenkultur als symbolische Praxis. Rang, Ritual und Konflikt an der Universität der Frühen Neuzeit, Darmstadt 2006.
Rezension von Detlef Döring, in: H-Soz-u-Kult, 29.08.2007 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-152>.

2. Landwehr, Achim: Die Erschaffung Venedigs. Raum, Bevölkerung, Mythos 1570 – 1750, Paderborn [u.a.] 2007.

3. Goldgar, Anne: Tulipmania. Money, honor, and knowledge in the Dutch golden age, Chicago, Ill. [u.a.] 2007.

4. Tantner, Anton: Ordnung der Häuser, Beschreibung der Seelen. Hausnummerierung und Seelenkonskription in der Habsburgermonarchie, Innsbruck [u.a.] 2007.
Rezension von Alexander Preisinger, in: H-Soz-u-Kult, 07.11.2007 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-110>

5. Blanning, Timothy: The pursuit of glory. Europe, 1648 – 1815, New York [u.a.] 2007.
Rezension von Heiko Droste, in: H-Soz-u-Kult, 24.10.2008 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-4-077>

Die Listen sowie detaillierte Angaben zur Jury und zum Verfahren können Sie auf dem Webserver von H-Soz-u-Kult <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/buchpreis> nachlesen.

Zitation
Buchpreis: Essay Kategorie Geschichte der Frühen Neuzeit, in: H-Soz-Kult, 23.09.2008, <www.hsozkult.de/text/id/texte-1013>.
Redaktion
Veröffentlicht am
23.09.2008
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