Buchpreis: Essay Kategorie Neueste Geschichte

Von
Dirk van Laak

Essay von Dirk van Laak, Justus-Liebig-Universität Gießen

Kein wirklich neuer Trend bei der Erforschung des Zeitalters der Welt(bürger)kriege. Vielmehr werden an sich bekannte Ereignisse, Entwicklungen und Persönlichkeit neu durchmustert und mit teilweise innovativen Interpretationen in ein neues Licht gestellt. Die Fakten, so könnte man für die erste Jahrhunderthälfte sagen, liegen auf dem Tisch, aber ihr Arrangement verändert sich. Eine jüngere Generation emanzipiert sich von den kalten Kriegsfronten des ideologischen Zeitalters und sucht nach neuen, die engere politische Geschichte transzendierenden Schlüsseln zur Erklärung einer außergewöhnlichen, vor allem außergewöhnlich gewaltsamen Zeit.

Der Siegertitel bringt es auf den Punkt, indem er die Untersuchung von „Krieg, Revolution und Gewalt im 20. Jahrhundert“ mit der Frage danach kombiniert, ob es sich hier überhaupt um „moderne Zeiten“ gehandelt hat. Dabei wendet sich der von Jörg Baberowski herausgegebene Sammelband gegen die „all inclusive“-Vorstellung einer Moderne, die in den Forschungen der letzten Jahre gerade den gewaltsamen Ordnungs-Aspekt immer stärker in den Mittelpunkt einer „autoritären Hochmoderne“ gerückt hatte. Demgegenüber argumentieren Herausgeber und Beiträger dafür, vormoderne Herrscher über vormoderne Gesellschaften wie Stalin oder Mao nicht vorschnell als „modern“ zu etikettieren. Vielmehr sei – worauf Hans Mommsen schon vor Jahren hingewiesen hatte – die Modernität dieser Regime oft eine „vorgetäuschte“ gewesen, hinter deren Fassade tatsächlich vollkommen „unzivilisierte“ und entgrenzte Kriege gegen äußere Gegner und innere Feinde geführt worden seien.

Gegen die umfassende Interpretation des 20. Jahrhunderts als Ausdruck einer Gewaltgeschichte der Moderne, so Baberowski, müsse wieder stärker danach gefragt werden, wieso Westeuropa und die USA von solchen Exzessen, wie die faschistischen und sozialistischen Diktaturen sie erlebten, verschont blieben. Freilich ist der Buchtitel selbst etwas „all inclusive“ ausgefallen, denn die Beiträge versuchen im Wesentlichen an Beispielen aus der sowjetischen Geschichte der Stalin-Zeit, komplexe Entwicklungen „an ihre historischen Orte zu bringen, in denen sie sich entfalteten“ (S. 9). Lediglich Dieter Langewiesches Beitrag greift weit darüber hinaus auf eine differenzierende Beantwortung der Frage, ob die Kriegsgewalt im Laufe der Geschichte tatsächlich tendenziell immer weiter eskaliert sei.

Auch das zweitplatzierte Buch ist eher eine Neuinterpretation, als dass es eine unbekannte Figur erstmals porträtieren würde. Wolfram Pytas Biographie Paul von Hindenburgs ist mit über 1.000 Seiten recht umfassend geraten, hat aber damit wie auch beim Publikum eine der Figur durchaus angemessene Beachtung gefunden. Denn es gelingt dem Autor überzeugend, den erst in greisem Alter prominent gewordenen Feldmarschall als Projektionsfläche einer zerrissenen Zeit darzustellen. In Hindenburg waren die Relikte einer vormodernen Epoche, die weit ins 20. Jahrhundert hinein reichten, geradezu repräsentiert. Sein Schicksal erlaubt es daher, in personeller Verdichtung das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Zeitschichten zu veranschaulichen.

Diese Überlagerung verschiedener „Übergänge“ ist auch der Tenor fast aller 22 Beiträge, die Wolfgang Hardtwig im Sammelband „Ordnungen in der Krise“ zusammengestellt hat. Er skizziert die Zwischenkriegszeit in zahlreichen Facetten als Epochenschwelle und dokumentiert zugleich, dass die kulturgeschichtliche Erweiterung des geschichtswissenschaftlichen Blicks ganz neue Kontinuitäten und Krisenphänomene zu identifizieren vermag. Und etwas Weiteres ist in dem Band angelegt: Man muss nicht unbedingt in ferne Regionen schweifen, um zu einer Internationalisierung des Blicks fortzuschreiten. Vielmehr avancieren der europäische Vergleich sowie der Rekurs auf weltweite Bezüge zur gängigen Münze der geschichtswissenschaftlichen Analyse.

Das zeigt sich vor allem bei den Büchern, die es diesmal (noch) nicht auf die vorderen Plätze der Juroren geschafft haben, etwa Sandra Mass‘ Geschichte der kolonialen Männlichkeit, Daniel Mauls Geschichte der International Labor Organisation oder Erez Manelas Schilderung des „Wilsonian moment“ – alles Vorstudien zu einer globaler ausgerichteten Geschichtsschreibung, die nicht mehr von der Bipolarität der ideologischen Bürgerkriege imprägniert ist, sondern sich auch für die entstehende „Dritte Welt“ zu interessieren beginnt. Also doch ein neuer Trend bei der Erforschung des Zeitalters?

Von der H-Soz-u-Kult Jury „Das Historische Buch 2008“ wurden in der Kategorie „Neueste Geschichte“ folgende Titel auf die vorderen Rangplätze gewählt:

1. Baberowski, Jörg (Hrsg.): Moderne Zeiten? Krieg, Revolution und Gewalt im 20. Jahrhundert, Göttingen 2006.
Rezension von Peter Klein, in: H-Soz-u-Kult, 10.03.2008 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-1-192>.

2. Pyta, Wolfram: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler, München 2007.
Rezension von Wolfgang Kruse, in: H-Soz-u-Kult, 28.01.2008 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-1-076>.

3. Hardtwig, Wolfgang (Hrsg.): Ordnungen in der Krise. Zur politischen Kulturgeschichte Deutschlands 1900 - 1933, München 2007.
Rezension von Michael Prinz, in: H-Soz-u-Kult, 26.11.2007 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-160>.

4. Wildt, Michael: Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939, Hamburg 2007.

5. Mann, Michael: Die dunkle Seite der Demokratie. Eine Theorie der ethnischen Säuberung, Hamburg 2007.
Rezension von Thorsten Bonacker, in: H-Soz-u-Kult, 05.10.2007 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-017>.

Die Listen sowie detaillierte Angaben zur Jury und zum Verfahren können Sie auf dem Webserver von H-Soz-u-Kult <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/buchpreis> nachlesen.

Zitation
Buchpreis: Essay Kategorie Neueste Geschichte, in: H-Soz-Kult, 24.09.2008, <www.hsozkult.de/text/id/texte-1016>.
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Veröffentlicht am
24.09.2008
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