Buchpreis: Essay Kategorie Publikumspreis

Von
Rüdiger Hohls

Essay von Rüdiger Hohls, Humboldt-Universität zu Berlin

Der H-Soz-u-Kult Publikumspreis richtet den Scheinwerfer noch einmal auf Publikationen, die in den zurückliegenden Monaten bereits breit rezipiert wurden. Wurden in den ersten Jahren hin und wieder noch Überraschungssieger ausgezeichnet, weil das damalige Verfahren zu einer breiten Streuung der Voten einlud, spiegeln sich heute im Publikumspreis nur noch selten wirklich neue Trends der historischen Forschung und Geschichtsschreibung. Das 2007 modifizierte Abstimmungsverfahren, wonach zur Bewertung durch die Leserinnen und Leser von H-Soz-u-Kult nur noch eine Bücherauswahl gelangt, die sich aus den jeweils zehn bestplatzierten Titeln der einzelnen Kategorien aus dem Jury-Wettbewerb zusammensetzt – insgesamt also 100 Titel –, folgt in gewisser Weise nunmehr den Gesetzen der medialen Aufmerksamkeitsökonomie. Dies muss kein Nachteil sein, wenn sich hierüber die Interessen des Lesepublikums artikulieren. Man sollte sich nur einiger verfahrensbedingter Implikationen bewusst sein. So bräuchten wir Sammelwerke eigentlich gar nicht erst zur Abstimmung zu stellen, denn beim Publikumspreis haben sie so gut wie keine Chance. Auch 2008 taucht der erste Sammelband abgeschlagen auf Rangplatz 14 auf. Es liegt auf der Hand, dass gut geschriebene Monographien zu virulenten, öffentlich breit diskutierten Themen gute Chancen haben, auf das Siegertreppchen zu gelangen. Zu diesen privilegierten Themen zählen nach wie vor das Zeitalter der Weltkriege und der Gesamtkomplex NS-Diktatur samt seiner Vor-, Nach- und Rezeptionsgeschichte.

Viele der Leserinnen und Leser von H-Soz-u-Kult, die sich an der Abstimmung beteiligten, hatten in diesem Jahr einen klaren Favoriten. Michael Wildts 2007 im Verlag Hamburger Edition erschienene Studie „Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939“ hat mit deutlichem Vorsprung das Rennen gemacht. Auf dem zweiten Platz landete Aleida Assmanns ebenfalls 2007 publizierte Monographie „Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung“. Dagegen entschieden bei den auf den Plätzen 3 bis 8 gelandeten Titeln jeweils nur geringe Unterschiede bei den Voten und Punkten über die endgültige Rangfolge.

Für zwei der prämierten Titel (Wildt und Pyta) spielt der Begriff "Volksgemeinschaft" eine zentrale Rolle, also das zentrale nationalsozialistische Integrations- und Exklusionskonzept, das von der Forschung lange als bloße Schimäre der NS-Propaganda abgetan wurde, jedoch vor allem seit dem Erscheinen von Götz Alys Studie "Hitlers Volksstaat"[1] wieder Gegenstand wissenschaftlicher Debatten geworden ist. Die Volksgemeinschaft war ein offensichtlich attraktives Versprechen der Nazis, jedoch nicht deren Erfindung, denn sie hatte seit dem Ersten Weltkrieg Eingang gefunden in die ideologische Rüstkammer nahezu aller politischen Lager und Parteien, auch in die der Sozialdemokraten und Liberalen. Für die zerklüftete, hierarchische Klassengesellschaft der Weimarer Republik, traumatisiert von der Niederlage 1918, der anschließenden Revolution, von Putschversuchen, Aufständen, Hyperinflation und Wirtschaftskrisen, verbanden sich mit Volksgemeinschaft diffuse Sehnsüchte und Wunschvorstellungen nach Ausgleich, Anerkennung, Belohnung, Teilhabe und Einheit.

Bei den Nationalsozialisten war Volksgemeinschaft dagegen vor allem durch Exklusion bestimmt, wie Michael Wildt in seiner Studie „Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung“ herausstreicht. Allen voran die Juden sollten nicht zur Volksgemeinschaft gehören. Wildt untersucht in seiner Studie insbesondere die alltägliche Repression, Ausgrenzung und Schikanierung der Juden in Deutschland nach 1933, wobei er den Fokus auf die Geschehnisse in der Provinz und nicht auf die Großstädte legt und dazu umfangreich Quellen von beiden Seiten, von den Tätern und den Verfolgten, heranzieht. Durch die alltägliche Gewalt gegen die Juden, so Wildts These, konstituierte sich die Volksgemeinschaft in der Praxis. Dazu zählten die Boykotte jüdischer Geschäftsleute, die öffentliche Peinigung von "Rassenschändern" und die vielen Pogrome schon vor dem November 1938, worüber die jüdische Minderheit stigmatisiert und ausgeschlossen wurde. Anfänglich konnte Hitlers Reichsregierung die von der Propaganda geschürte Gewalt nur schwer einhegen, weil sie gegen anarchische Alleingänge einschreiten und der Gewalt gegen Juden erst eine juristische Legitimation verschaffen musste. Wildt entwirft darüber das Bild einer kumulativen Radikalisierung, die zunächst von örtlichen Aktionen getrieben wurde und zunehmend in gesetzliche Maßnahmen mündete.

Der in Hamburg lehrende Michael Wildt avancierte in den letzten Jahren zu einem der renommiertesten NS-Forscher und knüpft mit diesem Buch an seine generationelle Kollektivbiografie, die 2002 unter dem Titel "Generation des Unbedingten" erschien, über eine zentrale Tätergruppe des Holocaust, des Führungskorps im Reichssicherheitshauptamt an.[2] Aber diesmal untersucht Wildt nicht eine kleine Täterelite, sondern nimmt die ganz normalen Deutschen und ihre Rolle bei der Ausgrenzung und Verfolgung ihrer jüdischen Nachbarn bis an die Schwelle des Zweiten Weltkrieges in den Blick, in dessen Schatten dann die systematische Vernichtung der Juden erfolgte.

Auf Platz drei landete die voluminöse Biografie des Stuttgarter Historikers Wolfram Pyta über Hindenburg. Sie trägt den Untertitel „Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler“ und ist keine konventionelle Biografie Hindenburgs, die den Lebensweg des 1847 in eine preußische Offiziersfamilie hineingeborenen und 1934 verstorbenen Reichspräsidenten in den Mittelpunkt stellt. Pyta konzentriert sich auf Hindenburg als politische Herrschergestalt in seinen Funktionen als Feldmarschall und de facto Militärdiktator während des Ersten Weltkriegs und als zweiter Reichspräsident der Weimarer Republik, also auf Hindenburg als charismatisches Bindeglied zwischen Bismarck und Hitler. Vor allem interessiert Wolfram Pyta an Hindenburg der Politiker, der um die langfristige Sicherung seines Ruhmes besorgt war, den er als Feldherr und Sieger in der Schlacht von Tannenberg (1914) erworben hatte. Allerdings bestreitet Pyta Hindenburgs Ruhm von Tannenberg; dabei handele es sich um einen Mythos, an dessen geschichtspolitischer Festschreibung und Sicherung Hindenburg kräftig mitgestrickt habe. Der greise Feldmarschall stand dennoch für die nationale Einheit über die Zäsuren hinweg, für eine unterstellte deutsche Volksgemeinschaft jenseits der Interessen und Klassen, in der sein politisches Selbstverständnis wurzelte und flankiert wurde vom „Geist von 1914“ und der „nationalen Erhebung“ von 1933. Die nationale Volksgemeinschaft, die Hindenburg anstrebte, stellte kein konkretes politisches Programm dar, sondern war ebenfalls ein geschichtsmächtiger Mythos, so Pyta, dem Hindenburg auch deshalb anhing, weil er sich als seine Inkarnation begriff.

Große Teile der Studie beschäftigen sich deshalb auch mit Hindenburgs Arbeit am eigenen Mythos. Darüber wird Hindenburg zu einer unsympathischen Figur, die kaum Loyalität kannte und honorierte und sich immer wieder kalt von Weggefährten, Unterstützern und Mitarbeitern distanzierte, wenn diese ihre Nützlichkeit für ihn verloren hatten. Pyta schildert Hindenburg als eitlen, selbstgefälligen und sich überschätzenden Egomanen, den es in erster Linie immer um seinen eigenen Mythos und weniger um die vielbeschworene Nation ging. Pyta demontiert den nationalen Mythos Hindenburg gründlich, räumt somit auf mit einigen alt vertrauten Grundannahmen und arbeitet darüber Hindenburgs aktive Rolle bei der Zerstörung der Weimarer Republik in aller Deutlichkeit heraus.

Auf den Rangplätzen zwei und vier des Publikumspreises landeten Monografien von zwei Autorinnen, die für die transdisziplinäre Öffnung der Geschichtswissenschaften in den letzten Jahren auch als Personen einstehen. Auf dem zweiten Platz landete die Studie „Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung“ der Konstanzer Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft Aleida Assmann und auf dem vierten Platz das schon 2006 erschienene und seither vieldiskutierte Buch von Doris Bachmann-Medick, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin in Göttingen, mit dem Titel „Cultural turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften“.[3]

Schon seit Jahren beeinflusst Aleida Assmann die Debatte über Geschichte und Gedächtnis in Deutschland maßgeblich.[4] In ihrem hier vorzustellenden Buch verzichtet sie jedoch weitgehend auf theoretische und begriffliche Überlegungen und geht stattdessen den Verschiebungen im Geschichtsbewusstsein und der Geschichtspolitik in Deutschland und Europa seit der friedlichen Revolution von 1989 nach. Für die Autorin hat die professionelle Geschichtswissenschaft nicht nur ihr Monopol verloren, an die Stelle nationaler Meistererzählungen sind mannigfache Zugänge zur Vergangenheit getreten. Vor allem scheinen wir nach Assmann in einer geschichtsversessenen Zeit zu leben, in der Erinnerung zur individuellen Verpflichtung und öffentlichen Aufgabe zugleich geworden ist. Mit dem Auszug der Geschichte aus den Hörsälen der Universitäten ist sie zu einem kulturellen Wirtschaftsfaktor mutiert und zu einem Konsumerlebnis geworden, was Assmann nicht beklagt, sondern nüchtern analysiert. Darüber ist das gesellschaftliche Geschichtsbewusstsein vielfältiger und widersprüchlicher geworden. So hat nicht nur die eigene Lebens- und Familiengeschichte für die Menschen an Bedeutung gewonnen, sondern auch die Lokalgeschichte, die sich zu einem wirtschaftlichen und touristischen Standortfaktor entwickelte. Der Untertitel „Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung“ verdeutlicht, worum es Aleida Assmann im Kern geht. So beschreibt sie zunächst den Auftrieb, den Geschichte in generationeller Perspektive und Darstellung erfahren hat, beispielsweise in Form des zeitgenössischen Familienromans, und zweitens die Repräsentation und Inszenierung von Geschichte im öffentlichen Raum, beispielsweise im durch Architektur gestalteten Raum sowie schließlich den Bedeutungszuwachs der in Museen und Medien inszenierten Geschichte. Wie es scheint, war der Auszug aus den Hörsälen auch in Deutschland nicht endgültig, denn aktuell kehrt sie als „Public History“ in Form spezialisierter Master-Studiengänge an einzelne Hochschulen zurück.[5]

Am Anfang war der „linguistic turn“. In den Geistes- und Sozialwissenschaften hat dieser seit den 1970er-Jahren dafür gesorgt, dass aus „Gesellschaft“ immer mehr „Kultur“ wurde. Auch in den Geschichtswissenschaften haben seither kulturwissenschaftliche Fragestellungen, Themen, Zugänge und Methoden einen nachhaltigen Aufschwung erfahren. Allerdings folgten auf den ersten kulturwissenschaftlichen Perspektiv- oder Paradigmenwechsel inzwischen so viele weitere „turns“, dass vielen so schwindelig geworden ist, dass sie aus dem sich scheinbar immer schneller drehenden theoretisch-methodischen Begriffskarussell ausgestiegen sind. Doris Bachmann-Medick hat nun 2006 mit „Cultural turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften“ ein wertvolles Handbuch für all diejenigen vorgelegt, die die von der Autorin als relevant erachteten sieben „turns“ der US-amerikanischen Wissenschaftsszene nachvollziehen bzw. sich einen Überblick über deren Theorien, methodische Einstellungen und Forschungsansätze verschaffen wollen. Nach einer längeren Einführung zu den „cultural turns“ behandelt das Buch in gleich strukturierten Einzelkapiteln die folgenden Neuorientierungen: interpretive, performativ, reflexive/literary, postcolonial, translational, spatial und iconic turn.

Bachmann-Medick leitet die turns jeweils aus ihren disziplinären oder auch politischen Entstehungszusammenhängen her und umreißt ihre kategorialen und methodischen Verfahren und theoretischen Ziele. Zudem diskutiert sie, ob ein eigenständiges methodisches Forschungsset vorliegt, das auf mehr als nur die Ursprungsdisziplin einwirkte. Schlussendlich gibt die Autorin jeweils einen Überblick auf Anwendungen der jeweiligen turns in verschiedenen Fächern.

Auf den fünften Platz wurde von den Leserinnen und Lesern von H-Soz-u-Kult das Hand- oder Lehrbuch „Sozialgeschichte Europas. 1945 bis zur Gegenwart“ des Berliner Sozialhistorikers Hartmut Kaelble gewählt, das 2007 im Verlag C.H. Beck erschien und auch als Lizenzausgabe bei der Bundeszentrale für Politische Bildung erhältlich ist. Kaelble liefert darin in zwölf Abschnitten unter den drei Kapitelüberschriften „Soziale Grundkonstellationen“, „Soziale Hierarchien und Ungleichheiten“ und „Gesellschaft und Staat“ eine erhellende Entdeckungsreise durch die europäische Nachkriegsgeschichte, die neben erstaunlichen Gemeinsamkeiten auch bemerkenswerte Unterschiede vor Augen führt. Da die Monografie von der Jury in diesem Jahr auf Platz eins in der Kategorie „Europäische Geschichte“ gewählt wurde, braucht das Buch hier nicht noch einmal vorgestellt und zur Lektüre empfohlen werden.[6]

Anmerkungen:
[1] Aly, Götz: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt am Main 2005.
[2] Wildt, Michael: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherungshauptamtes, Hamburg 2002.
[3] Vgl. dazu Böhme, Hartmut: Vom „turn“ zum „vertigo“. Wohin drehen sich die Kulturwissenschaften, In: Journal of Literacy Theory (JLT online - 19.05.2008), <http://linglit193.linglit.tu-darmstadt.de/JLT/app/showBeitragPDF.do?objectId=86> (21.09.08).
[4] Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 1999; diess.: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006.
[5] Master in Public History - konsekutiver und anwendungsorientierter Masterstudiengang am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, <http://www.geschkult.fu-berlin.de/e/fmi/studium/masterstudium/public_history/> (21.09.08).
[6] Vgl. dazu den Essay von Frank Hadler und Matthias Middell in der Kategorie „Europäische Geschichte“ in dieser Veröffentlichungsreihe.

Von den H-Soz-u-Kult Subskribenten wurden im Rahmen des Wettbewerbs „Das Historische Buch 2008“ in der Kategorie Publikumspreis folgende Titel auf die vorderen Rangplätze gewählt:

1. Wildt, Michael: Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939, Hamburg 2007.

2. Assmann, Aleida: Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung, München 2007.
Rezension von Achim Saupe, in: H-Soz-u-Kult, 11.04.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-2-033>

3. Pyta, Wolfram: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler, München 2007.
Rezension von Wolfgang Kruse, in: H-Soz-u-Kult, 28.01.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-1-076>

4. Bachmann-Medick, Doris: Cultural turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, Reinbek bei Hamburg 2006.

5. Kaelble, Hartmut: Sozialgeschichte Europas. 1945 bis zur Gegenwart, München 2007.
Rezension von Bo Stråth, in: H-Soz-u-Kult, 13.08.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-113>

Die Listen sowie detaillierte Angaben zur Jury und zum Verfahren können Sie auf dem Webserver von H-Soz-u-Kult <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/buchpreis> nachlesen.

Zitation
Buchpreis: Essay Kategorie Publikumspreis, in: H-Soz-Kult, 28.09.2008, <www.hsozkult.de/text/id/texte-1019>.
Redaktion
Veröffentlicht am
28.09.2008
Beiträger
Weitere Informationen
Sprache Beitrag