Buchpreis: Essay Kategorie Neuere Geschichte (19. Jahrhundert)

Von
Ewald Frie

Essay von Ewald Frie, Universität Tübingen

Ein ziemlich knappes Rennen ist aus der Geschichte des langen 19. Jahrhunderts zu vermelden. Platz 2 bis 5 liegen sehr eng beieinander, und der erste Platz ist für die nächsten vier nicht außer Reichweite. Kein Wunder, denn alle Titel behandeln Grundprobleme der Geschichtswissenschaft in neuartiger Weise. Jakob Vogel (Platz 1) untersucht in seinem Werk „Ein schillernder Kristall“ anhand des Salzes „den Wandel der Wissensordnung im Übergang zwischen Frühneuzeit und Moderne“ (S. 27). Sein Buch könnte die Wissensgeschichte im langen 19. Jahrhundert fest verankern. Wilfried Nippel (Platz 2) filetiert in der Biographie „Johann Gustav Droysen“ einen Gelehrten, den „die (deutsche) Geschichtswissenschaft (…) gern als einen ihrer Großen in Anspruch genommen hat.“(S.11). Nach der kunst- und lustvoll durchgeführten Operation bleibt leider wenig Brauchbares vom armen Droysen übrig. Alan Kramer (Platz 3) entwickelt in „Dynamic of Destruction“ eine Erklärung für die schockierende Grausamkeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die vom Ersten Weltkrieg aus in den Blick genommen wird. Jörn Leonhard (Platz 4) untersucht vergleichend in „Bellizimus und Nation“, „wie sich die Zusammenhänge zwischen Kriegswahrnehmungen, ihrer deutenden Aneignung und Vorstellungen der Nation in Frankreich, Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg entwickelten“ (S. 9). Der Vierländervergleich über knapp 200 Jahre hinweg basiert auf Quellen und Literatur, die eng gedruckte 161 Seiten des Buchanhangs umfassen. Dass Leonhard diese Mengen nicht nur bearbeiten, sondern auch intellektuell bändigen kann, ist eine Meisterleistung. Helmut Walser Smith (Platz 5) stellt in einer Essaysammlung erneut die Frage nach den „Continuities of German History“, nach den Wurzeln und Grundlagen des millionenfachen Judenmordes.

Große Fragen sind das, die in verschiedenen Genres behandelt werden. Dabei ziehen Kramer, Leonhard und Smith lange Linien, die dem 19. bzw. dem 20. Jahrhundert Struktur geben sollen. In ihren Büchern fahren gewissermaßen Züge durch die Zeit. Zwar werden gegenüber der älteren Literatur Weichen neu gestellt, Lokführer und/oder der Brennstoff ausgewechselt – Züge aber sollen fahren bzw. gefahren sein. Jakob Vogel und Wilfried Nippel hingegen zweifeln, ob überhaupt ein Zug gefahren sei. Die Reise habe vor allem im Kopf beobachtender oder beteiligter Wissenschaftler stattgefunden. Deren Berichte hätten bei Historikern zu leicht Glauben gefunden. Der somit fälligen Aufgabe der Dekonstruktion widmen sich beide mit Hingabe.

Jakob Vogel geht es in seiner Habilitationsschrift um drei Richtungsbegriffe und ihre Bedeutung für den ökonomisch-sozialen Basisprozess der Industrialisierung: die wissenschaftliche und technische Modernisierung (1), die Entstehung von Expertentum und Professionalisierung (2) sowie die Verwissenschaftlichung von Natur und Lebenswelt (3). Er folgt also nicht dem Salz auf seinem Weg von der Sole, dem Steinsalzbergwerk oder dem Meer bis in den Kochtopf oder in die Badewanne. Das kommt zwar auch vor und man kann in dem Buch Interessantes über Salzproduktion, Badezusätze, grobe und feine Salzkristalle, über Kalidüngung und Justus Liebig lernen. Eigentlich aber ist das Salz nur Mittel zum wissenshistorischen Zweck. Vogel untersucht die Effekte von Expertenkonkurrenzen. Er analysiert die Ausdehnung und Schrumpfung verschiedener Wissensfelder. Er beschreibt das „boundary work“ (S. 295) der sich professionalisierenden Chemie. Am Ende steht Skepsis gegenüber den wissensbezogenen Richtungsbegriffen, die zur Erklärung des Industrialisierungsprozesses herangezogen werden. Im Grunde, so heißt es am Ende des Kapitels über Expertenkonkurrenzen, war das sich entwickelnde wissenschaftliche Wissen der Produktionsausweitung und ihrer technischen Modernisierung eher hinderlich. Die eigentliche Leistung der Experten lag darin, „mit ihren Äußerungen und ihrer behördlichen Überlieferung die Diskurse über die Ereignisse zu prägen und die tatsächlichen Prozesse der Zirkulation und Aneignung des salinistischen Spezialwissens bereits aus dem Blick der Zeitgenossen zu drängen.“ (S. 199)

Jakob Vogels Buch wird man lesen müssen, wenn man sich mit der Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts befasst. Das gilt im Grunde auch für die Bücher, die die Plätze 3 bis 5 belegen. Wilfried Nippels Droysen-Biographie hingegen darf man lesen. Der „Vatermord an dem ‚Gründervater der Geschichtstheorie’“ (so Joachim Eibach in seiner HSK-Rezension) ist ein Genuss. Nippel verbindet umfassende Quellen- und Literaturkenntnis sowie den Mut zur These mit einem argumentativ kontrollierten, gleichzeitig aber manchmal fast süffigen Schreibstil. Weil er anders als Vogel oder auch Leonhard bereits auf ein längeres Wissenschaftlerleben zurückblickt, kann er die akademischen Kämpfe Droysens gelegentlich mit selbst Erlebtem in ironischen Pointen zusammenführen.

Nippel erklärt die fortwährende Hochschätzung Droysens, hier dem Vogelschen Argumentationsgang verwandt, eher mit den Diskursschleifen der Historikerprofession als mit der Qualität der wissenschaftlichen Literatur, die Droysen produzierte. HSK-Rezensent Eibach findet dies im Hinblick auf die althistorischen und die preußenzentrierten Werke überzeugender als im Hinblick auf Droysens Historik. Nippel äußert selbst in seinem Nachwort die Hoffnung auf „kontroverse Diskussionen“ (309). Die wird es sicher geben. Engagierte Debatten hat auch Helmut Walser Smiths Kontinuitätsbuch bereits hervorgerufen. Über die Reichweite der Wissensgeschichte, die Jakob Vogel in neuer Weise etablieren will, wird zu sprechen sein. Alan Kramers Thesen und Jörn Leonhards groß angelegter Vergleich werden weitere Forschungen anstoßen. Das 19. Jahrhundert ist von den preisgekrönten Titeln dieses Jahres als Schlüssel zum Verständnis unserer Zeit behandelt worden, indem entweder lange Linien gezogen oder liebgewonnene Kontinuitäten infrage gestellt wurden. Dabei sind nicht Konsensbücher, sondern gut fundierte Diskussionsanstöße entstanden. Ginge es um Wein, würden wir von einem sehr guten Jahrgang sprechen.

Von der H-Soz-u-Kult Jury „Das Historische Buch 2009“ wurden in der Kategorie „Neuere Geschichte (19. Jahrhundert)“ folgende Titel auf die vorderen Rangplätze gewählt:

1. Vogel, Jakob: Ein schillerndes Kristall. Eine Wissensgeschichte des Salzes zwischen Früher Neuzeit und Moderne, Köln [u.a.]: Böhlau Verlag 2008. Rezension von Ines Prodöhl, in: H-Soz-u-Kult von 22.01.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-1-057>.

2. Nippel, Wilfried: Johann Gustav Droysen. Ein Leben zwischen Wissenschaft und Politik, München: C.H. Beck 2008. Rezension von Joachim Eibach, in: H-Soz-u-Kult, 12.12.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-4-226>.

3. Kramer, Alan: Dynamic of destruction. Culture and mass killing in the First World War, Oxford [u.a.]: Oxford University Press 2007. Rezension von Stuart Hallifax, in: H-Soz-u-Kult, 17.12.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-221>.

4. Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation. Kriegsdeutung und Nationsbestimmung in Europa und den Vereinigten Staaten 1750 – 1914, München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2008

5. Smith, Helmut Walser: The continuities of German history. Nation, religion, and race across the long nineteenth century, Cambridge [u.a.]: 2008. Rezension von Jennifer Jenkins, in: H-Soz-u-Kult, 28.01.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-1-074>.

Die Listen sowie detaillierte Angaben zur Jury und zum Verfahren können Sie auf dem Webserver von H-Soz-u-Kult <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/buchpreis> nachlesen.

Zitation
Buchpreis: Essay Kategorie Neuere Geschichte (19. Jahrhundert), in: H-Soz-Kult, 25.09.2009, <www.hsozkult.de/text/id/texte-1152>.
Redaktion
Veröffentlicht am
25.09.2009
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