Buchpreis: Essay Kategorie Thematischer Schwerpunkt "Geschichte der Öffentlichkeit und Medien"

Von
Christoph Classen

Essay von Christoph Classen, ZZF Potsdam

Lange Zeit gehörte die Geschichte von Medien und Öffentlichkeiten zumindest in Deutschland zu den wenig bearbeiteten Feldern der Geschichtswissenschaft. Abgesehen von einigen speziellen Phänomenen wie „Propaganda“ in der Diktaturforschung interessierte sich weder die klassische Politikgeschichte noch die konkurrierende Gesellschaftsgeschichte sonderlich für dieses Feld. Die wenigen Studien von Historikern, die vor den 1990er-Jahren entstanden, waren zumeist institutionsgeschichtlich angelegt. Dies stand in einem spürbaren Gegensatz zu der gesellschaftlichen Bedeutung, die der Entwicklung massenhaft verbreiterter Medien in politischer, sozialhistorischer und erfahrungsgeschichtlicher Hinsicht im vergangenen Jahrhundert zukommt. Es mag offen bleiben, ob es der „turn“ zur Kulturgeschichte war oder der gesamtgesellschaftliche Hype von „Kommunikation“ in der Folge neuer Technologien, der dies in den letzten 15 Jahren geändert hat. Festzuhalten bleibt der erfreuliche Umstand, dass wir seitdem nicht nur in der Zeitgeschichte eine Konjunktur einschlägiger empirischer Studien erleben, die Fragen des Wandels öffentlicher Kommunikation, ihre Wechselwirkungen mit politischer Kultur aber auch ihre sozialhistorische Dimension und ihre Bedeutung für die Erinnerungskultur in den Blick nehmen und den Gegenstand auf übergeordnete Fragen der Historizität von Politik und Gesellschaft beziehen.

Christina von Hodenbergs Freiburger Habilitationsschrift „Konsens und Krise“, erschienen 2006 im Wallstein-Verlag, liefert einen Einblick in die westdeutsche Publizistik zwischen der Besatzungszeit und den frühen 1970er Jahren – ein Gegenstand, der davor noch kaum ausgeleuchtet war. Sie untersucht den Wandel der Medienöffentlichkeit unter der Perspektive des allmählichen Demokratisierungsprozesses Westdeutschlands. Eine kritische, demokratische Öffentlichkeit zeichnete die frühe Bundesrepublik trotz aller strukturellen Implementierungsversuche der Westalliierten eher nicht aus, stattdessen dominierte ein auf politische Harmonisierung bedachter „Konsensjournalismus“, der an ältere Traditionen aus dem Kaiserreich anknüpfte. Dieses Paradigma, getragen von einer älteren Generation, wich seit dem Ende der 1950er-Jahre immer mehr dem Ideal eines pluralen, konfliktorientierten und meinungsfreudigen Journalismus, das von Hodenberg als „zeitkritisch“ etikettiert. Auf der Basis eines dezidiert akteurszentrierten Ansatzes wird der Liberalisierungsprozess in erster Linie als Verdienst der sogenannten „skeptischen“ Generation der „45er“ interpretiert, die aufgrund ihrer Prägung durch Krieg und Zusammenbruch Restaurationstendenzen und staatlicher Machtkonzentration stets kritisch gegenüber gestanden habe. Allerdings bedurfte es erst der mentalen Überwindung der Nachkriegskrise, ehe das überkommene Konsensideal demjenigen von Pluralität und öffentlicher Austragung von Konflikten weichen konnte. Obwohl von Hodenberg für ihr Feld der Publizistik stärker die Gemeinsamkeiten der „45er“ und der jüngeren „68er“ betont als deren Gegensätze, untermauert diese Studie gleichwohl ein weiteres Mal die Überbewertung der Zäsur von 1967/68 in der Öffentlichkeit und Teilen der Zeitgeschichtsforschung.

Zwei der prämierten Bücher beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Medien und Krieg. Ute Daniels Sammelband „Augenzeugen“, 2006 bei Vandenhoeck & Ruprecht publiziert, untersucht die Entwicklung der Kriegsberichterstattung über einen langen Zeitraum vom siebenjährigen Krieg Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Rolle des Fernsehens in den kriegerischen Auseinandersetzungen nach dem Ende des Kalten Krieges. Angesichts der zumindest seit dem zweiten Golfkrieg 1990/91 regelmäßig wiederkehrenden Debatte über militärische Zensur, „embedded journalists“ und dergleichen muss erstaunen, wie wenig das Verhältnis von Militär und Medien bisher in historischer Dimension thematisiert worden ist. Anders als oft angenommen, setzte die Kontrolle der gerade erst professionalisierten Berichterstatter bereits 1879 ein, als in England das erste Regelwerk zu ihrer Akkreditierung, Kontrolle und Zensur in Kraft gesetzt wurde. Schon wenig später verschob sich der Akzent auf die heute noch favorisierten gouvernementalen Praxen wie aktive Propaganda, selektive Information und enge Einbindung in den militärischen Komplex. Der gegenwärtig häufig akzentuierte strukturelle Gegensatz zwischen Geheimhaltungs- und Veröffentlichungsinteresse sollte allerdings nicht über das insgesamt ambivalente Verhältnis von Medien und Militär hinwegtäuschen. Spätestens seit der Entstehung einer durch Konkurrenz und hohen Kapitalbedarf geprägten Massenpresse um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert passte Krieg wegen seines hohen Aufmerksamkeitswertes gut in das ökonomische Kalkül der Verleger. Dementsprechend gering war ihr Interesse an einer allzu kritischen Berichterstattung, die beispielsweise die Akkreditierung ihres Korrespondenten hätte gefährden können.

Dazu passt die These, die Gerhard Paul in seinem 2004 bei Schöningh/Fink erschienenen Werk „Bilder des Krieges, Krieg der Bilder“ zur Visualisierung des modernen Krieges seit Mitte des 19. Jahrhunderts herausgearbeitet hat: Obwohl jeder Krieg seine eigene „Bilderwelt“ entwickelt habe, dienten die Bilder vom Krieg auch nach der Durchsetzung der Fotografie und der modernen Bildmedien primär dazu, den Krieg zu legitimieren, das Chaos und Grauen des eigentlich Unbegreiflichen in Ordnung und Sinn zu überführen.
In der Erinnerungskultur lösen sich freilich die Bilder von ihren Entstehungskontexten und entwickeln ihre eigene Bedeutung. So überlagern einige „Schlagbilder“ (Aby Warburg) im kollektiven Gedächtnis alle anderen Repräsentationen und werden zu „Ikonen“, die eine mehr oder minder allgemeine und zeitlose Botschaft transportieren. Gerhard Pauls Buch ist schon deshalb bahnbrechend, weil es die traditionellen Ressentiments der Geschichtsschreibung gegenüber nicht-schriftlichen Quellen überwindet und so jenseits bloßer Programmatik der Tatsache Rechnung trägt, dass bereits das 20. Jahrhundert ein Zeitalter der bewegten und statischen Bilder war. Aber auch abgesehen von den enormen theoretischen und methodischen Herausforderungen, die mit der Analyse von Bildern verbunden sind, ist das Buch durch seine Verbindung von Militärgeschichte und Erinnerungskultur höchst innovativ.

Neben dem Krieg sind es die Jahrzehnte um die Wende zum 20. Jahrhundert, die seit einigen Jahren im Bereich der Kommunikationsgeschichte besondere Aufmerksamkeit erfahren. Das scheint auf den ersten Blick weniger nahe zu liegen als das wohl nicht zuletzt aus aktuellen Anlässen gespeiste Interesse an Kriegsdarstellungen, doch wie die beiden prämierten Bücher zeigen, führt die Entstehung der Massenpresse in dieser Zeit zu einer grundsätzlichen Transformation von Politik. Dominik Gepperts 2007 bei Oldenbourg verlegte Berliner Habilitationsschrift „Pressekriege“ behandelt die Interaktionen von Diplomatie und Öffentlichkeit vor dem Hintergrund der deutsch-britischen Beziehungen zwischen 1896 und 1912. In dieser Zeit geriet die Außenpolitik zunehmend in den Blick der Öffentlichkeit und wurde nicht selten in skandalisierenden und personalisierenden Formen sowie unter Rückgriff auf nationale Stereotype thematisiert. Die Politiker taten sich, besonders in Deutschland, schwer mit der neuen Macht der Medien und neigten dazu, entsprechende Veröffentlichungen einfach den jeweiligen Regierungen anzulasten. Zugleich verkannten sie, dass die englische und die deutsche Öffentlichkeit längst eng miteinander verkoppelt waren, so dass jede öffentliche Äußerung, die eigentlich an die eigene nationale Öffentlichkeit adressiert war, auch im anderen Land sensibel registriert wurde. Die Darstellung zeichnet sich nicht zuletzt dadurch aus, dass sie die komplexen transnationalen Wirkungen der Medien in unterschiedlichen Öffentlichkeiten präzise analysiert und damit verbreiteten pauschalen Annahmen die Grundlage entzieht.

Auch Martin Kohlrauschs 2005 im Akademie-Verlag erschienene Arbeit „Der Monarch im Skandal“ beschäftigt sich mit der Wirkung des neuen politischen Massenmarktes auf das politische System des Kaiserreiches. Seine Untersuchung der Skandale um Wilhelm II. macht deutlich, dass die Massenmedien mit den ihnen eigenen Personalisierungen, kommerziellen Logiken und Partizipationsansprüchen eine erhebliche Transformation der Erwartungen an den Kaiser und die Monarchie insgesamt evozierten, denen letztlich weder der Amtsinhaber noch die etablierten Strukturen gewachsen waren. Das Ende der Monarchie bedeutet jedoch nicht, dass charismatische Herrschaftserwartungen in Deutschland ihre Attraktivität verloren. Vielmehr führten die negativen Erfahrungen und das Vakuum, dass der Kaiser nach seiner Abdankung hinterließ, dazu, dass nun neue Führerkonzepte an Einfluss gewannen, die in der Weimarer Republik bekanntlich eine eigene, fatale Dynamik entfalteten.

Insgesamt zeigen die hier ausgezeichneten Arbeiten, wie lohnend es ist, das Verhältnis von Medien, Öffentlichkeiten und Politik in historischer Perspektive zu analysieren. Vor dem Hintergrund der Arbeiten von Christina von Hodenberg, Dominik Geppert und Martin Kohlrausch wäre beispielsweise kritisch zu fragen, ob der gegenwärtig viel diskutierte negative Einfluss der Medien auf die Politik tatsächlich primär ein Phänomen des Fernseh- und Internetzeitalters ist, oder die Debatte eher Ausdruck von periodisch wiederkehrenden Schwierigkeiten der Politik, sich auf die neuen medialen Gegebenheiten einzustellen. Und ebenso wenig würde es gewiss schaden, das symbiotische Verhältnis von Medien und Krieg und die erinnerungskulturellen Gesetzmäßigkeiten im Blick zu haben, wenn aus gegebenem Anlass wieder einmal über aktuelle Repräsentationen des Krieges diskutiert wird.

Von der H-Soz-u-Kult Jury „Das Historische Buch 2009“ wurden in der Kategorie Schwerpunktthema „Geschichte der Öffentlichkeit/ Medien- und Kommunikationsgeschichte“ folgende Titel auf die vorderen Rangplätze gewählt:

1. von Hodenberg, Christina: Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945 – 1973, Göttingen : Wallenstein Verlag 2006. Rezension von Marcus M. Payk, in: H-Soz-u-Kult, 15.08.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-3-114>.

2. Daniel, Ute(Hrsg.): Augenzeugen. Kriegsberichterstattung vom 18. zum 21. Jahrhundert, Göttingen: Vandenhoeck & Rubrecht 2006. Rezension von Philipp Fraund, in: H-Soz-u-Kult, 08.08.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-3-094>.

3. Geppert, Dominik: Pressekriege. Öffentlichkeit und Diplomatie in den deutsch-britischen Beziehungen (1896 - 1912), München: Oldenbourg Verlag 2007. Rezension von: Thomas Birkner, in: H-Soz-u-Kult, 17.12.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-220>.

4. Kohlrausch, Martin: Der Monarch im Skandal. Die Logik der Massenmedien und die Transformation der wilhelminischen Monarchie, Berlin: Akademie Verlag 2005. Rezension von: Michael Epkenhans, in: H-Soz-u-Kult, 17.01.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-1-036>.

5. Paul, Gerhard: Bilder des Krieges - Krieg der Bilder. Die Visualisierung des modernen Krieges, Paderborn [u.a.]: Schöningh/ Fink 2004. Rezension von: Heidi Mehrkens, in: H-Soz-u-Kult, 18.02.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-1-128>.

Die Listen sowie detaillierte Angaben zur Jury und zum Verfahren können Sie auf dem Webserver von H-Soz-u-Kult <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/buchpreis> nachlesen.

Zitation
Buchpreis: Essay Kategorie Thematischer Schwerpunkt "Geschichte der Öffentlichkeit und Medien", in: H-Soz-Kult, 03.10.2009, <www.hsozkult.de/text/id/texte-1162>.
Redaktion
Veröffentlicht am
03.10.2009
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