Buchpreis: Essay Kategorie Außereuropäische Geschichte

Von
Thoralf Klein

Essay von Thoralf Klein, Universität Erfurt

In diesem Jahr scheint es sich die Jury in der Kategorie „Außereuropäische Geschichte“ besonders schwer gemacht zu haben. Zwar ergeben sich hinsichtlich der erzielten Stimmen deutliche Abstufungen, doch liegen hinter dem Sieger (62 Punkte) zwei Titel mit 44 Punkten auf dem zweiten Rang; den vierten Platz teilen sich gar drei Titel mit je 33 Punkten. Aus diesem Grund ist diesmal ein Titel mehr zu würdigen als sonst üblich.

Von der in den letzten beiden Jahren zu beobachtenden Dominanz der US-Thematik ist in diesem Jahr so gut wie nichts geblieben. Lediglich ein auf die USA bezogener Titel hat es in die Spitzengruppe geschafft. Im Übrigen aber, das zeigt ein Blick in die Ergebnislisten der letzten Jahre, schreibt das diesjährige Ergebnis die Tendenzen der letzten Jahre fort: Erstens wird Außereuropäische Geschichte im Wesentlichen als eine Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts wahrgenommen. Zweitens (und ohne Zweifel in Zusammenhang mit dem ersten Punkt) spiegelt die Abstimmung der Jury deutlich die Hochkonjunktur der Globalgeschichte wider. Als preiswürdig werden neben explizit welthistorischen Arbeiten vor allem vergleichende Studien erachtet – wohl nicht zuletzt deshalb, weil sie sich für die im deutschsprachigen Raum weiterhin dominierende nationale bzw. europäische Geschichte als besonders anschlussfähig erweisen. Die „klassische“, auf einzelne Kulturräume bezogene Konzeption der Außereuropäischen Geschichte ist demgegenüber wie schon im den Jahren zuvor nur mit wenigen Titeln und eher auf den hinteren Rängen vertreten.

Was dies bedeutet, zeigt bereits der erste hier zu besprechende Titel. Margrit Pernaus Studie über Muslime im Delhi des 19. Jahrhunderts als „Bürger mit Turban“ trägt bereits im Titel jene Programmatik, die das Buch im weiteren Verlauf explizit durchzieht: die Grenzen zwischen außereuropäischer und europäischer Geschichte aufzubrechen. Durch die Übertragung des Bürgerbegriffs auf bestimmte indo-muslimische Schichten der nordindischen Stadtbevölkerung, sollen der europäischen Geschichte globale Perspektiven eröffnet und zugleich die außereuropäische Geschichte aus ihrer Randexistenz herausgeholt werden. Dies gelingt Pernau in ihrer bestechenden Studie nicht zuletzt durch ihre differenzierten Überlegungen zum Zusammenhang von Vergleich und Verflechtungsgeschichte und zur Übertragbarkeit europäisch-deutscher Begriffe auf einen nichteuropäischen Kontext.

Während Pernau den Weg von einem lokalen Phänomen hin zur Konzeptionalisierung einer globalen Verflechtungsgeschichte beschreitet, gilt für Matthew Connellys „Fatal Misconception. The Struggle to Control World Population“ das genaue Gegenteil. Nicht nur handelt es sich um genuin globalgeschichtliches Thema, das zwischen nationalen Handlungsmöglichkeiten und globalen Perspektiven sowie nationalistischen, rassistischen und sozialeugenischen Diskursen changiert. Wie seine Rezensenten dem Buch bescheinigten, handelt es sich um eine Pionierstudie, die entsprechenden Arbeiten auf regionaler oder nationaler Ebene vorausgeht und den Weg weist.

Von gänzlich anderem Zuschnitt ist das dritte der auf den vierten Rang gesetzten Bücher. Sebastian Conrad, Andreas Eckert und Ulrike Freitag legen mit „Globalgeschichte. Theorien, Ansätze, Themen“ eine Anthologie wichtiger globalgeschichtlicher Texte aus den letzten Jahren vor. In ihrer Einleitung führen Conrad und Eckert zudem in die Genese sowie wichtige Ansätze der Globalgeschichte ein. Das Verdienst des Bandes besteht darin, dass er verstreute Texte zu einem kohärenten Ganzen bündelt und diese Texte einem breiten, sicher vor allem studentischen Publikum in deutscher Sprache zugänglich macht.

Mehr als die drei viertplatzierten Bücher haben die beiden zweitplatzierten gemeinsam. Beide widmen sich, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise, dem Zusammenhang zwischen nationalen und transnationalen Phänomenen. Mit Ian Tyrrells „Transnational Nation. United States History in Global Perspective Since 1789“ wurde nach Thomas Benders „A Nation among Nations“ erneut ein Buch prämiert, das die nationale Fixierung der US-Geschichte überwindet, indem es zentrale Themen dieser Geschichte wie die Entstehung des Nationalstaates, Migration, Imperialismus, Wirtschaftswachstum oder den Kampf um Gleichheit konsequent in eine globale Perspektive stellt. Bemerkenswert ist vor allem, dass dieser Ansatz in den USA nun schon mehrere synthetische Darstellungen hervorgebracht hat, während eine solche in Deutschland immer noch ein Desiderat ist.

Auf eine ganz andere Weise geht Christopher L. Hill, Professor für japanische Literatur in Yale, in seinem Buch „National History and the World of Nations“ vor. Hill untersucht, wie in drei Ländern – Japan, den USA und Frankreich – angesichts von krisenhaften Umbrüchen um die Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem Einfluss des Kapitalismus und des entstehenden internationalen Staatensystems die Geschichte der jeweiligen Nation geschrieben wurde. Hill geht es dabei um mehr als nur eine vergleichende Betrachtung, denn, so betont er, diese drei Nationalstaaten sind nicht als Einheiten an und für sich zu verstehen, sondern als Teil eines weltweiten Staatensystems und – mehr noch – einer einzigen Moderne. Ähnlich wie Pernau kombiniert auch Hill auf anregende Weise Vergleich und Verflechtungsgeschichte und liefert damit der Forschung wichtige Denkanstöße.

Einsamer Sieger des diesjährigen Wettbewerbs ist der von A. Dirk Moses herausgegebene Sammelband „Empire, Colony and Genocide. Conquest, Occupation, and Subaltern Resistance in World History“. Auch dieser Band ist, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, explizit globalgeschichtlich angelegt. Mit insgesamt 19 Aufsätzen ausgesprochen umfangreich, bietet er neben historiographischen bzw. theoretischen Erörterungen zum Konzept des Genozids eine Fülle von Fallstudien, die neben den „klassischen“ Beispielen wie Deutsch-Südwestafrika, Armenien oder Polen bzw. der Ukraine unter der nationalsozialistisch-deutschen Besatzungsherrschaft auch unbekannte Beispiele wie Kambodscha, Kanada oder den südandinen Raum umfassen. Dabei wird erstens deutlich, dass der Genozid nicht erst ein Phänomen des 20. Jahrhunderts ist, sondern seine Wurzeln weiter zurückreichen. Während der Schwerpunkt des Bandes in der Entwicklung seit der Frühen Neuzeit liegt, betont Moses in seiner Einleitung, dass die Geschichte des Genozids im Prinzip mit der Geschichte der menschlichen Gesellschaft seit der Antike gleichzusetzen sei. Zweitens erscheint der Genozid als ein „intrinsisch koloniales“ Phänomen. Dabei zeigt sich allerdings, dass die genozidale Gewalt nicht in jedem Fall von den Kolonialherren ausging, sondern – wie einige Beiträge zeigen – in bestimmten Fällen Teil einer Widerstandsstrategie „von unten“ sein konnten. Mit seiner theoretischen Tiefenschärfe und der Fülle seiner empirischen Beispiele setzt dieser Band neue Maßstäbe für die Geschichte von Kolonialismus und Genozid.

Von der H-Soz-u-Kult Jury „Das Historische Buch 2009“ wurden in der Kategorie „Außereuropäische Geschichte“ folgende Titel auf die vorderen Rangplätze gewählt:

1. Moses, Anthony Dirk (Hrsg.): Empire, Colony, Genocide. Conquest, Occupation, and Subaltern Resistance in World History, New York, NY [u.a.]: Berghahn Books 2008.

2. Hill, Christopher L.: National history and the world of nations. Capital, state, and the rhetoric of history in Japan, France, and the United States, Durham, NC [u.a.]: Duke University Press 2008.

2. Tyrrell, Ian R.: Transnational nation. United States history in global perspective since 1789, Basingstoke [u.a.]: Palgrave Macmillan 2007. Rezension von Kiran Klaus Patel, in: H-Soz-u-Kult, 29.05.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-2-139>.

4. Conrad, Sebastian; Eckert, Andreas; Freitag, Ulrike (Hrgs.): Globalgeschichte. Theorien, Ansätze, Themen, Frankfurt [u.a.]: Campus Verlag 2007. Rezension von Tobias Rupprecht, in: H-Soz-u-Kult, 16.07.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-3-036>.

4. Connelly, Matthew: Fatal misconception. The struggle to control world population, Cambridge, Mass. [u.a.]: Harvard University Press 2008. Rezensionen von Heinrich Hartmann, in: H-Soz-u-Kult, 06.02.2009, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=10989 und von Thomas Zimmer, in: ebenda, 20.11.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-4-158>.

4. Pernau, Margrit: Bürger mit Turban. Muslime in Delhi im 19. Jahrhundert, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008. Rezensionen von Gita Dharampal-Frick, in: H-Soz-u-Kult, 25.02.2009, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-1-162 und von Melitta Waligora, in: ebenda, 15.09.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-3-162>.

Die Listen sowie detaillierte Angaben zur Jury und zum Verfahren können Sie auf dem Webserver von H-Soz-u-Kult <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/buchpreis> nachlesen.

Zitation
Buchpreis: Essay Kategorie Außereuropäische Geschichte , in: H-Soz-Kult, 29.09.2009, <www.hsozkult.de/text/id/texte-1165>.
Redaktion
Veröffentlicht am
29.09.2009
Beiträger
Weitere Informationen
Sprache Beitrag