Review-Symposium zu Ian Kershaw, Achterbahn. Europa 1950 bis heute

Von
Redaktion H-Soz-Kult

Liebe Leserinnen und Leser,

Europa, so könnte man meinen und auch belegen, war immer in der Krise. Blickt man auf die vielen Ereignisse der letzten Jahre, dann überkommt einen leicht das Gefühl, die heutige Krise sei besonders tiefgreifend. Freilich ist das wiederkehrende Ausrufen von Krisen auch eine rhetorische Strategie – ein Selbstbeschreibungsmodus der Moderne, der längst selbst analysiert und historisiert wird.[1] Speziell für die Zeitgeschichte „Europas“ (sei es in einem geographischen, politischen, ökonomischen oder kulturellen Sinne) haben Historiker/innen neuerdings gezeigt, dass Krisen, ihre Beschwörung und ihre Bewältigung vielfach zum Tagesgeschäft gehörten. So ordnen sich die gegenwärtigen Krisenwahrnehmungen in eine längere Geschichte insbesondere der europäischen Integration ein.[2] Neu hinzugekommen ist seit 1989/90 eine weitere Perspektive, die unter „Europa“ für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht bloß das westliche Integrationsprojekt versteht, sondern die unterschiedlichen Antworten der großen politischen Blöcke auf übergreifende wirtschaftliche und soziale Herausforderungen verfolgt. Dies umfasst schon seit Dipesh Chakrabartys einflussreichem Werk „Provincializing Europe“ (Princeton 2000) schließlich auch die Frage nach den Verflechtungen Europas mit „außereuropäischen“ Weltregionen und eine noch viel weitergehende Dezentrierung der historiographischen Perspektiven.

Selbst wer nicht ganz so weit ausgreifen möchte, kann beobachten, dass Synthesen zur europäischen Geschichte seit einigen Jahren eine auffällige Konjunktur erleben. Ähnlich wie es früher als besonderer Leistungsnachweis für deutsche Historiker (seltener für Historikerinnen) galt, in oft langjähriger Arbeit eine deutsche Nationalgeschichte vorzulegen, scheint die Publikation einer „Geschichte Europas“ heute eine intellektuell besonders anspruchsvolle und politisch besonders dringliche Aufgabe zu sein – nicht allein in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern. Die Verlage haben solche Vorhaben teils selbst initiiert, teils begleitet und gefördert, darauf kalkulierend, dass es für historische Überblicks-Bücher auch jenseits der fachinternen Diskussion ein öffentliches Interesse gibt. So sind in den letzten Jahren zahlreiche Synthesen oder Teil-Synthesen zur europäischen Geschichte des 20./21. Jahrhunderts erschienen, von denen etliche bereits bei H-Soz-Kult vorgestellt wurden.[3]

Das neueste Werk dieser Art ist Sir Ian Kershaws Buch „Achterbahn“, das sich der jüngeren Zeitgeschichte seit 1950 widmet. Es schildert die Jahre des europäischen Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg, die politischen Fort- und Rückschritte des Integrationsprozesses, die ökonomischen und sozialen Strukturveränderungen in den 1970er- und 1980er-Jahren sowie die Umbrüche seit dem Ende des Kalten Krieges. Den (vorläufigen) Schluss markieren die aktuellen Krisen rund um den Brexit und die Migrationsfrage.

Kershaw (geb. 1943), der zunächst mit einer Arbeit zur mittelalterlichen Geschichte promoviert wurde, ist ein exzellenter Kenner insbesondere der modernen deutschen und britischen Geschichte. Seit 1989 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 war er als Professor an der University of Sheffield tätig und ist bis heute mit der deutschen Forschungslandschaft sehr eng verbunden. Er wurde für seine Arbeiten mit diversen Ehrungen und Wissenschaftspreisen ausgezeichnet. Schon sein Standardwerk „Der Hitler-Mythos. Volksmeinung und Propaganda im Dritten Reich“ (Stuttgart 1980) machte ihn in der Bundesrepublik bekannt. Zahlreiche weitere Publikationen zur NS-Zeit folgten, darunter Kershaws viel beachtete Hitler-Biographie (2 Bde., Stuttgart 1998/2000).[4] Neuerdings erschien auf Deutsch sein Buch „Höllensturz. Europa 1914 bis 1949“ (München 2016)[5], das mit dem hier diskutierten Folgeband „Achterbahn. Europa 1950 bis heute“ (München 2019) komplementär zu lesen ist.

Unser Review-Symposium widmet sich dem Werk „Achterbahn“ aus verschiedenen Perspektiven. Marie-Janine Calic, Kiran Klaus Patel (beide Ludwig-Maximilians-Universität München), Claudia Kraft (Universität Wien) und Claudia Weber (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt an der Oder) haben den Band unabhängig voneinander gelesen. Vor dem Hintergrund ihrer jeweils eigenen Forschungsinteressen gelangen sie zu recht unterschiedlichen, teils auch kontroversen Einschätzungen. Während das Buch gleich nach Erscheinen in der deutschsprachigen Presse geradezu euphorisch aufgenommen wurde[6], fällt die Resonanz hier ambivalenter aus. Wir danken den vier Beteiligten für ihre Bereitschaft, sich auf dieses Vorhaben einzulassen, und hoffen, dass die Beiträge – zusammen mit Ian Kershaws Buch – weitere Diskussionsimpulse zur Erforschung und Deutung der europäischen Vergangenheit und Gegenwart bieten. Die Geschichte ist offen.

Für die Redaktion von H-Soz-Kult
Jan-Holger Kirsch und Thomas Werneke

Rezension von Kiran Klaus Patel
https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-28031

Rezension von Marie-Janine Calic
https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-28638

Rezension von Claudia Weber
https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-28640

Rezension von Claudia Kraft
https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-28639

Anmerkungen:
[1] Als Überblick vgl. Rüdiger Graf / Konrad H. Jarausch, „Crisis“ in Contemporary History and Historiography, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 27.03.2017, http://docupedia.de/zg/graf_jarausch_crisis_v1_en_2017 (22.10.2019). Siehe auch den Leibniz-Forschungsverbund „Krisen einer globalisierten Welt“: https://www.leibniz-gemeinschaft.de/forschung/leibniz-forschungsverbuende/krisen-einer-globalisierten-welt.html (22.10.2019).
[2] Als materialreichen Forschungsbericht siehe jüngst Kiran Klaus Patel, Widening and deepening? Recent advances in European Integration History, in: Neue Politische Literatur 64 (2019), S. 327–357, https://doi.org/10.1007/s42520-019-00105-4 (22.10.2019).
[3] Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, in der Reihenfolge des Erscheinens: Mark Mazower, Der dunkle Kontinent. Europa im 20. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Hans-Joachim Maass, Berlin 2000; Harold James, Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. Fall und Aufstieg 1914–2001. Aus dem Englischen übersetzt von Udo Rennert, Martin Richter und Thorsten Ingo Schmidt, München 2004; rezensiert von Jost Dülffer, in: H-Soz-Kult, 17.06.2004, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-5534 (22.10.2019); Tony Judt, Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart, München 2006; rezensiert von Gerhard Altmann, in: H-Soz-Kult, o.D., https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-17884 (22.10.2019); Hartmut Kaelble, Sozialgeschichte Europas. 1945 bis zur Gegenwart, München 2007; rezensiert von Bo Stråth, in: H-Soz-Kult, 13.08.2007, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-9752 (22.10.2019); Bernard Wasserstein, Barbarism and Civilization. A History of Europe in Our Time, Oxford 2007; rezensiert von Kiran Klaus Patel, in: H-Soz-Kult, 22.07.2008, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-11247 (22.10.2019); Andreas Wirsching, Der Preis der Freiheit. Geschichte Europas in unserer Zeit, München 2012; rezensiert von Philipp Ther, in: H-Soz-Kult, 17.07.2012, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-17417 (22.10.2019); Wilfried Loth, Europas Einigung. Eine unvollendete Geschichte, Frankfurt am Main 2014; rezensiert von Alexander Reinfeldt, in: H-Soz-Kult, 09.06.2015, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-21009 (22.10.2019); Konrad H. Jarausch, Out of Ashes. A New History of Europe in the Twentieth Century, Princeton 2015; rezensiert von Hartmut Kaelble, in: H-Soz-Kult, 06.11.2015, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-22652 (22.10.2019); dt.: Aus der Asche. Eine neue Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ulrich Bossier, Ditzingen 2018; Kiran Klaus Patel, Projekt Europa. Eine kritische Geschichte, München 2018; rezensiert von Lutz Raphael, in: H-Soz-Kult, 15.02.2019, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-27522 (22.10.2019).
[4] Ian Kershaw, Hitler 1889–1936, Stuttgart 1998; rezensiert von Ludolf Herbst, in: H-Soz-Kult, 12.08.1998, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-2295 (22.10.2019); ders., Hitler 1936–1945, Stuttgart 2000.
[5] Ders., Höllensturz. Europa 1914 bis 1949, München 2016; rezensiert von Bernhard Wiaderny, in: H-Soz-Kult, 28.04.2017, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-25173 (22.10.2019).
[6] Siehe u.a. Ulrich Herbert, Alte Erfolge, neue Krisen, in: Süddeutsche Zeitung, 11.03.2019, S. 14, https://www.sueddeutsche.de/politik/ian-kershaw-historiker-achterbahn-1.4361361 (22.10.2019); Hermann Rudolph, Wie der Kontinent wieder zu sich fand, in: Tagesspiegel, 13.03.2019, S. 25, https://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur/geschichte-europas-wie-der-kontinent-wieder-zu-sich-fand/24093932.html (22.10.2019); Michael Gehler, Spannung und Spaltung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2019, S. L 14, https://www.faz.net/aktuell/politik/politische-buecher/die-geteilte-welt-16089750.html (22.10.2019); Cord Aschenbrenner, Auf der Achterbahn mit Ian Kershaw: Der Historiker legt eine brillante Geschichte Europas vor, in: Neue Zürcher Zeitung, 17.03.2019, https://www.nzz.ch/feuilleton/ian-kershaw-in-achterbahn-beschreibt-er-europa-seit-1950-ld.1467327 (22.10.2019); Micha Brumlik, Eine Jahrhundertstimmung, in: taz, 14.04.2019, https://taz.de/Buch-zur-Geschichte-Europas/!5585570/ (22.10.2019). Zur englischen Originalausgabe siehe u.a. Mary Fulbrook, Turning points. A masterpiece of modern European history, in: Times Literary Supplement, 12.09.2018; Christopher Kissane, Roller-Coaster by Ian Kershaw review – impressive close for Europe history series, in: Guardian, 08.11.2018, https://www.theguardian.com/books/2018/nov/08/roller-coaster-europe-ian-kershaw-review (22.10.2019).

Zitation
Review-Symposium zu Ian Kershaw, Achterbahn. Europa 1950 bis heute, in: H-Soz-Kult, 08.11.2019, <www.hsozkult.de/text/id/texte-4873>.
Redaktion
Veröffentlicht am
08.11.2019
Weitere Informationen
Sprache Beitrag