HistLit 2005-4: Kategorie Außereuropäische Geschichte und Weltgeschichte

Von
Andreas Eckert

Essay von Andreas Eckert, Universität Hamburg

Das Interesse an Welt- bzw. Globalgeschichte ist in den vergangenen Jahren auch hierzulande deutlich größer geworden. Denn inzwischen hat sich unter vielen Historikern herumgesprochen, dass die Globalisierung nicht erst in den 1980er-Jahren mit der Krise des Sozialstaates, neuen Kommunikationsmöglichkeiten und der Explosion der Finanzmärkte begann. Versteht man unter Globalisierung „den Aufbau, die Verdichtung und die zunehmende Bedeutung weltweiter Vernetzung“ [1], so wurde dieser Prozess wahrscheinlich bereits im frühen 16. Jahrhundert irreversibel. Seit dieser Zeit setzten Entdeckungsreisen und regelmäßige Handelsbeziehungen Europa, Afrika, Asien und Amerika erstmals in einen direkten Kontakt. Diese Vernetzungen wuchsen kontinuierlich, um etwa drei Jahrhunderte später mit dem Beginn des revolutionären Zeitalters eine neue Dynamik zu erlangen. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs kam es zu wachsenden Gleichförmigkeiten in Staat, Religion, politischen Ideologien und religiösen Praktiken.

Die historische Forschung betont zunehmend den Aspekt der Vernetzungen und Verflechtungen und deutet die Entstehung der modernen Welt etwa als „gemeinsame Geschichte“, in der verschiedene Kulturen und Gesellschaften eine Reihe zentraler Erfahrungen teilten und durch ihre Interaktion und Interdependenz die moderne Welt gemeinsam konstituierten. Wie viele neuere Arbeiten zeigen, bedeutet der Verweis auf Interaktionen freilich nicht, dass Ungleichheit, Macht und Gewalt weniger Bedeutung gehabt hätten. Im Gegenteil: Beziehungen zwischen Europa und der außereuropäischen Welt waren allzu häufig hierarchisch oder gar repressiv.[2]

Mit dem Aufstieg globalhistorischer Zugänge erlebte zwar die Geschichte einzelner außereuropäischer Weltregionen ebenfalls eine gewisse Aufmerksamkeit, der Fokus liegt jedoch eher auf übergreifenden Zuschnitten. Die Abstimmung in der Kategorie „Außereuropäische Geschichte und Weltgeschichte“ spiegelt diese Tendenz getreulich wieder. Unter den fünf Siegertiteln findet sich mit Christoph Marx’ vorzüglicher Synthese der neueren Geschichte Afrikas lediglich ein Werk, dass klassischerweise der außereuropäischen Geschichte zugerechnet werden kann. Die übrigen vier Titel stehen für das inzwischen beträchtliche Spektrum welt- bzw. globalgeschichtlicher Ansätze und Debatten.

Unter diesen Titeln darf die erstplatzierte Studie aus der Feder von Christopher A. Bayly sicherlich besondere Bedeutung beanspruchen. Denn der in Cambridge lehrende Historiker, gleichermaßen ausgewiesen als Indien-Historiker sowie als profunder Kenner des britischen Empire [3], formuliert nicht einen weiteren programmatischen Aufruf, wie Welt- bzw. Globalgeschichte zu konzeptualisieren sei oder bislang konzeptualisiert wurde, sondern unternimmt einen der ersten fundierten Versuche, jenseits der Großtheorien globalgeschichtliche Ansätze praktisch umzusetzen. Dabei legt er keineswegs eine additiv-enzyklopädische Darstellung von Nationalgeschichten im „langen 19. Jahrhundert“ vor. Vielmehr bietet er einen umfangreichen, anspruchsvollen Essay über die vielfältigen Bedeutungen und inhärenten Paradoxien von Moderne. Er begreift die Entstehung der modernen Welt als dezentralen und zugleich zusammenhängenden Prozess, entwirft mithin eine Geschichte der Moderne als eines „multizentrischen Unternehmens“, an dem außereuropäische Gesellschaften aktiven Anteil nahmen.

Bayly setzt sich also deutlich von älteren eurozentrischen Ansätzen vom Aufstieg des Westens ab. Es ist ihm hingegen nicht darum zu tun, eine Geschichte des „Westens gegen den Rest“ zu schreiben. Er argumentiert sowohl gegen einen Exzeptionalismus Europas als auch gegen die vollständige Relativierung des Kontinents. Auf dem viel beackerten Feld der Nationalismusforschung legt Bayly etwa überzeugend dar, dass der Nationalismus nicht einfach von Ideologen des 19. Jahrhunderts erfunden wurde, sondern in Europa wie anderswo aus einem früheren, diffuseren Patriotismus schöpfte, der seinerseits häufig auf religiösen Praktiken sowie einer gemeinsamen Sprache gründete. Nationalismus war Bayly zufolge also keineswegs ein europäisches Produkt, das dann in den Rest der Welt exportiert wurde. Vielmehr habe es sich um ein quasiglobales Phänomen gehandelt, welches viele verschiedene Gesellschaften weltweit nahezu zeitgleich adoptierten und adaptierten.

Alle Historiker, schreibt Bayly in seinem Buch, sollten heute im Grunde Welthistoriker sein, Viele hätten dies allerdings noch nicht realisiert. Nicht zuletzt seine Studie wird diesen Historikern hoffentlich auf die Sprünge helfen.

Anmerkungen:
[1] Osterhammel, Jürgen; Petersson, Niels P., Geschichte der Globalisierung. Dimensionen – Prozesse – Epochen, München 2003, S. 24.
[2] Conrad, Sebastian; Randeria, Shalini (Hgg.), Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geistes- und Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main 2002.
[3] Vgl. etwa Bayly, C. A., Rulers, Townsmen and Bazaars. North Indian Society in the Age of British Expansion, 1770-1870, Cambridge 1983; Ders., Indian Society and the Making of the British Empire, Cambridge 1988; Ders., Imperial Meridian. The British Empire and the World 1780-1830, London 1989.

Zitation
HistLit 2005-4: Kategorie Außereuropäische Geschichte und Weltgeschichte, in: H-Soz-Kult, 27.03.2006, <www.hsozkult.de/text/id/texte-651>.
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Veröffentlicht am
27.03.2006
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