Buchpreis: Essay Kategorie Mittelalterliche Geschichte

Von
Harald Müller

Essay von Harald Müller, Humboldt-Universität zu Berlin

Bunter hätte es kaum ausfallen können, das Ergebnis des diesjährigen Rankings „Das Historische Buch 2006“ für die Mittelalterliche Geschichte. Die Jury prämierte – typologisch betrachtet – ein Buch innovativer Politikgeschichtsschreibung, eine niveauvolle Überblicksdarstellung für ein breiteres Publikum, eine wissenschaftshistorische Habilitation, eine brandaktuell wirkende Studie über Gewalt und öffentliche Ordnung und nicht zuletzt eine umfangreiche und neuartige Quellenpublikation, die nicht nur methodenstrenge Vertreter der Zunft anziehen, sondern aufgrund ihres provozierenden mehrkulturellen Themas weiter reichende Aufmerksamkeit finden wird. Doch der Reihe nach!

In den Augen der Juroren hat Bernhard Jussen mit dem Sammelband „Die Macht des Königs“ das herausragende historische mediävistische Buch des vergangenen Jahres vorgelegt – und dabei die Frühe Neuzeit gleich mitbehandeln lassen. In der Tat scheint dem Bielefelder Historiker ein großer Wurf gelungen, denn der Sammelband hebt sich in der Klarheit seiner Programmatik von vergleichbaren Produkten deutlich ab. Hier stehen nicht die kaum kalkulierbareren Vorträge einer Tagung nebeneinander, hier wird selbstbewusst, teils provokant eine neue Politikgeschichte konzipiert, die den Akteur, hier den König, seine Handlungsspielräume ebenso wie deren Aushandlung und die Inszenierung der Handlungsfähigkeit in den Mittelpunkt rückt. 23 Autoren/innen versuchen der Ausübung königlicher Herrschaft im mittelalterlichen Europa plastische, ja geradezu situative Gestalt zu geben. Gerade wegen des europäischen Zuschnitts und einer zeitlichen Spannweite vom Frühmittelalter bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches werden synthetische Vorstellungen von Institutionen und Strukturen konsequent aufgelöst zugunsten von Analysen punktueller, konkreter Herrschaftskonfigurationen. Diese Fragmentierung ist in Teilen verstörend, weil sie zumindest implizit gängige Deutungsschemata der Forschung, wohl auch die diachron verlässlich scheinenden „Spielregeln“ der Politik infrage stellt. Damit liegt indessen die nächste Frage bereits auf dem Tisch: Vermag das Buch auch etwas an die Stelle der Orientierung spendenden Synthese zu setzen? Insbesondere die zweite Hälfte des Vorwortes macht brennend neugierig auf die Ergebnisse dieses Versuches.

Kaum vergleichbar mit diesem Sammelband ist die komprimierte „Deutsche Geschichte“, die Frank Rexroth im Rahmen der populären Reihe „Beck Wissen“ erarbeitet hat. Klug komprimiert, sachlich anspruchsvoll und doch verständlich wird hier ein historisches Panorama der Historie auf deutschem Boden entworfen, das auf knappstem Raum politische Ereignisse sowie gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen in enger Verzahnung präsentiert. Dabei hangelt sich der Autor nicht in sattsam bekannter Manier von Ereignis zu Ereignis. Genauer betrachtet dominiert der Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen politischer Existenz, so dass sich am Ende vielleicht doch auf ganz anderer Ebene grundlegende Gemeinsamkeiten zwischen Rexroths gelungener Popularisierung aktuellen Fachwissens und dem von Jussen inaugurierten Entwurf einer Geschichte des europäischen Königtums konstatieren lassen.

Mit der Gießener Habilitation von Anne Christine Nagel über die deutsche Mediävistik zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und 1970 eroberte eine wissenschaftsgeschichtliche Darstellung den dritten Platz des diesjährigen Wettbewerbs. Die Verfasserin untersucht die wissenschaftlichen Lebenswege von 112 Lehrstuhlinhabern/innen, bezieht aber auch die außeruniversitäre Forschung in ihren Blick ein, präpariert Einzelschicksale ebenso heraus wie Karriere fördernde Netzwerke und besonders dominante Leitfiguren der Mediävistik dieser Jahrzehnte. Dabei gelingt ein vielschichtigeres Panorama der hauptsächlich durch die Zwischenkriegszeit und den Nationalsozialismus geprägten Historikergeneration, und damit wird auch die differenziertere Einordnung solcher Vertreter der Zunft mit brauner Vergangenheit wie Theodor Mayer oder Günter Franz, die durch die Forschungen der letzten Jahrzehnte besonders prominent geworden sind, ermöglicht. Nicht minder bemerkenswert erscheint dem Betrachter bzw. der Betrachterin schon allein die Tatsache, dass die heutigen Fachvertreter/innen solche Untersuchungen über ihre Lehrer/innen und Vorgänger/innen nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern ausdrücklich für hervorhebenswert erachten.

Ein Husarenstück besonderer Art ist unserer Jury mit Platz 4 gelungen: das Buch „Violence et ordre public au Moyen Age“ des französischen Historikers Claude Gauvard ist in deutschen Bibliotheken noch eine Rarität. So bleibt dem Verfasser dieser Zeilen nur, anerkennend den Hut vor soviel Aktualität zu ziehen; selbst eine kurze Charakteristik des Werkes muss an dieser Stelle entfallen.

Den Abschluss der von der Jury ausgezeichneten fünf mediävistischen Bücher des vergangenen Publikationsjahres bildet ein fast 700 Seiten starker Quellenband. Die von Eva Haverkamp edierten „Hebräische[n] Berichte über die Judenverfolgungen während des Ersten Kreuzzugs“ begründen zugleich eine neue Reihe der Monumenta Germaniae Historica (MGH), die sich der Publikation von Texten aus dem mittelalterlichen Deutschland widmet, die in der eigenen Sprache der Juden abgefasst wurden. Damit setzt die bedeutendste Einrichtung zur Erforschung des Mittelalters ein klares Zeichen. Entgegen den Gepflogenheiten der anderen Reihen der MGH bilden hier nicht bestimmte Quellengattungen das Gliederungsprinzip, sondern ausschließlich die hebräische Textgestalt und die Herkunft aus dem mittelalterlichen Reich. Man mag eine solche Integrationsleistung für längst überfällig halten, doch erscheint erst jetzt – so der Präsident der MGH im Geleitwort – die intensive Zusammenarbeit mit der Israelischen Akademie der Wissenschaften möglich und angesichts mehrerer Manuskripte, deren Drucklegung in absehbarer Zeit zu erwarten ist, auch sinnvoll. Ist dem stattlichen Quellenband schon aufgrund dieser Rahmenbedingungen Aufmerksamkeit sicher, so trägt das Thema ein Übriges zu deren Steigerung bei: Judenverfolgungen im Kontext des Ersten Kreuzzugs, beobachtet aus der Binnensicht jüdischer Gemeinden entlang des Rheins. Es handelt sich um drei Chroniken, die detailliert vorgestellt und schließlich in synoptischer Fassung mit deutscher Übersetzung ediert werden.

Man muss keine intellektuellen Klimmzüge machen, um das Ergebnis im Wettbewerb „Das historische Buch 2005“ für den Bereich der mittelalterlichen Geschichte auf einen Nenner zu bringen: intelligente Versuche konzeptioneller Neugestaltung, gelungene Popularisierung fachwissenschaftlicher Erträge, innovative Quellenpublikation – das meiste davon in internationaler Grundausrichtung – und nicht zuletzt die kritische Aufarbeitung der Geschichte des eigenen Faches. Wenn eine aus Spezialisten/innen bestehende Jury innerhalb eines einzigen Jahrgangs preiswürdige Bücher in dieser beachtlichen thematischen Streuung ausfindig machen kann, dann muss einem um die aktuelle und künftige Kompetenz der historischen Mediävistik nicht grundsätzlich bange sein. Die Mittelalterforschung darf auf dieses bunte Ergebnis stolz sein!

Von der H-Soz-u-Kult Jury „Das Historische Buch 2006“ wurden in der Kategorie Mittelalterliche Geschichte folgende Titel auf die vorderen Rangplätze gewählt:

1. Jussen, Bernhard (Hrsg.), Die Macht des Königs. Herrschaft in Europa vom Frühmittelalter bis in die Neuzeit, München 2005.
2. Rexroth, Frank, Deutsche Geschichte im Mittelalter, München 2005. Rezension von Harald Müller, in: H-Soz-u-Kult, 12.07.2006 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?pn=rezensionen&type=rezbuecher&id=8277;id=8277>.
3. Nagel, Anne Christine, Im Schatten des Dritten Reiches. Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945-1970, Göttingen 2005. Rezension von Julian Führer, in: H-Soz-u-Kult, 06.12.2005 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?pn=rezensionen&type=rezbuecher&id=6877;id=6877>.
4. Gauvard, Claude, Violence et ordre public au Moyen Age, Paris 2005.
5. Haverkamp, Eva (Hrsg.), Hebräische Berichte über die Judenverfolgungen während des Ersten Kreuzzuges, Hannover 2005.

Die Listen sowie detaillierte Angaben zur Jury und zum Verfahren können Sie auf dem Webserver von H-Soz-u-Kult <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/buchpreis> nachlesen.

Zitation
Buchpreis: Essay Kategorie Mittelalterliche Geschichte, in: H-Soz-Kult, 18.07.2006, <www.hsozkult.de/text/id/texte-781>.
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Veröffentlicht am
18.07.2006
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