Buchpreis: Essay Kategorie Alte Geschichte

Von
Udo Hartmann

Essay von Udo Hartmann, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Jury des Buchpreises von H-Soz-u-Kult hat erneut aus den altertumswissenschaftlichen Veröffentlichungen des Jahres 2005/2006 fünf recht unterschiedliche Monographien als besonders herausragend hervorgehoben. Auch in diesem Jahr finden sich dabei Vertreter der umfassenden Epochendarstellung und der traditionell gehaltenen Biographie großer Staatsmänner ebenso wie innovativer Forschungsarbeiten mit neuen Fragestellungen. Die Auswahl reflektiert sowohl das verstärkte Interesse der Althistorie an der Erforschung der Spätantike als auch die Hinwendung der Disziplin zu ihrer eigenen Geschichte, die in den letzten Jahren ebenfalls zu einem intensiv bearbeiteten Forschungsfeld geworden ist.

Drei Preisträger wenden sich der Geschichte der Spätantike zu. Als herausragend wurde so aus der Palette der Neuveröffentlichungen die kurze, aber kenntnisreich verfasste Biographie Kaiser Constantins aus der Feder des Bamberger Spätantike-Experten Hartwin Brandt ausgewählt. Das große Interesse an Constantin ist sicherlich im Jubiläumsjahr des 306 in York erhobenen ersten christlichen Kaisers, das auch mit einer Ausstellung in seiner einstigen Residenzstadt Trier begangen wird, nicht sonderlich verwunderlich; eine Reihe von aktuellen Veröffentlichungen zu Constantins Regierung trägt dem Rechnung.[1] Brandt stellt seine Regierung in den wesentlichen Grundzügen anschaulich und zugleich kurzweilig dar; er erörtert dabei Constantins pragmatisches und undogmatisches Agieren in politischen und religiösen Fragen sowie die umfangreichen Veränderungen in Staat und Gesellschaft in der konstantinischen Epoche, die vor allem durch den Beginn der umfassenden Christianisierung des Reiches gekennzeichnet war. Brandt reflektiert aber auch die methodischen Schwierigkeiten, den Lebenslauf einer bereits durch die Zeitgenossen mit hagiographischen Zügen dargestellten Persönlichkeit nachzuzeichnen.

Auf den beiden ersten Plätzen des Buchpreises finden sich zwei Monographien, die sich dem „Fall Roms“, dem Untergang des Römischen Reiches im Westen widmen. Während Peter Heather in seinem voluminösen Werk die Grundlinien der historischen Entwicklung von der Mitte des 4. Jahrhunderts bis zum Untergang des Weströmischen Reiches in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts nachzeichnet und nach den Gründen für den Fall Roms fragt, betrachtet Ward-Perkins den Untergang Westroms als den Zusammenbruch einer hochentwickelten materiellen Kultur. Beiden Autoren gemeinsam ist ein eher traditioneller Blick auf das Ende Roms im Westen: Ihr Thema ist nicht die Transformation der antiken Welt ins Frühe Mittelalter in Ost und West, sie fragen nicht nach den Kontinuitäten in der Diskontinuität in Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur, beide vertreten vielmehr ein klares Untergangsszenario: Die massiven Einfälle der Germanen im späten 4. und 5. Jahrhundert konnte Rom militärisch nicht mehr bewältigen, das 5. Jahrhundert markiert für beide das Ende des weströmischen Staates und der römischen Kultur in Europa.

Heather, ein Experte für die römisch-gotischen Beziehungen, streicht in seiner detaillierten Darstellung der politischen und militärischen Ereignisse von 376 bis 476 vor allem die Rolle der Hunnen heraus: Sie trieben die Germanen an der Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert über die römischen Grenzen und banden später unter Attila alle militärischen Kräfte Roms, während die Germanen, die sich inzwischen auf Reichsboden festgesetzt hatten, ihre Macht ungehindert ausdehnen konnten. Der Verlust von reichen Provinzen wie Africa oder Spanien bedeutete für Westrom verringerte Steuereinnahmen und zog die weitere Schwächung des Reiches nach sich. Problematischer als die direkten Folgen der Züge Attilas waren für Heather eher die indirekten: Der schnelle Zusammenbruch des Hunnen-Reiches nach dem Tod der „Geißel Gottes“ gab den von den Hunnen kontrollierten Germanen die Freiheit, die nun über das Reich herfielen. Heathers Darstellung bietet einen soliden, quellenfundierten und spannend geschriebenen Überblick, der sowohl als Einführung für Studenten als auch als anregende Lektüre für Historiker empfohlen werden kann, die am Fall Westroms interessiert sind.[2]

Überaus anregend ist auch die knappere, brillant verfasste Studie „The Fall of Rome and the End of Civilization“ von Ward-Perkins, die mittlerweile auch in deutscher Übersetzung erschienen ist.[3] In pointierter Form wendet Ward-Perkins sich gegen das Bild in der neueren Spätantike-Forschung, die diese Epoche nicht als Zeit des Niedergangs und des Falls Roms sehen möchte, sondern sie als Periode der Transformation des Römischen Reiches versteht und dabei die Auswirkungen der Barbarenstürme minimiert. Ward-Perkins setzt dagegen ein anderes, weniger friedvolles Bild: Anhand der literarischen und vor allem der archäologischen Quellen zeigt er auf, wie sich im 5. und 6. Jahrhundert das gewaltsame Ende der römischen Zivilisation gestaltete. Die Germanen seien nicht friedlich integriert worden, sondern hätten mit Gewalt römische Gebiete erobert. Im Zuge der Völkerwanderung brach im Westen des Reiches ein hochkomplexes und spezialisiertes Wirtschaftssystem zusammen; Produktionsstätten, Kenntnisse und eine für weite Teile der Bevölkerung erschwingliche und zugleich qualitätsvolle Produktpalette verschwanden. Der massive Niedergang, in manchen Teilen des Reiches sogar der Zusammenbruch der Zivilisation zeigt sich im Verlust der Bautechniken und des Währungssystems, im Verfall der Infrastruktur und der Schriftlichkeit, im Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion und der Bevölkerung. Europa brauchte Jahrhunderte, um wieder auf den kulturellen Stand des späten Rom zu kommen. In seiner materialreichen Studie bietet Ward-Perkins sowohl eine Zusammenschau verschiedener Aspekte des Verfalls der antiken Zivilisation als auch eine klare These zu den Gründen für den Untergang Roms. Ward-Perkins’ Studie zum Niedergang der materiellen Kultur und Heathers historische Synthese zum Fall Roms werden dank ihrer klaren und provokativen Thesen die weiteren Forschungen zur Epoche des Übergangs von der Spätantike ins Frühe Mittelalter befruchten und dazu beitragen, Kontinuitäten und Diskontinuitäten im 5. und 6. Jahrhundert besser zu verstehen.

Eine Synthese bisheriger Forschungen stellt auch der vierte Platz der Preisliste dar: Der Altmeister des Faches, Karl Christ, legt mit „Klios Wandlungen“ erstmalig eine umfassende Einführung in die Wissenschaftsgeschichte der deutschen Althistorie vom Neuhumanismus bis zur Gegenwart vor; von Barthold Georg Niebuhr bis zur aktuellen Generation der Lehrstuhlinhaber für Alte Geschichte informiert Christ prägnant sowohl über Leben und Werk der wichtigsten deutschen Gelehrten als auch über bedeutende Forschungsfelder und Entwicklungen in der Althistorie. Er bietet einen detailreichen und gut dokumentierten Überblick zur althistorischen Forschung im deutschen Sprachraum im 19. Jahrhundert, in der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus, in der Epoche der Ost-West-Konfrontation sowie in der Gegenwart; dabei nimmt er in den Abschnitten für die Zeit nach 1945 auch die Akteure der Wissenschaftsgeschichte selbst in den Blick. Seine Pionierleistung wird zweifellos die Grundlage der weiteren wissenschaftsgeschichtlichen Forschung bilden.

Einen innovativen Zugriff auf das Quellenmaterial bietet unter den Preisträgern in erster Linie Christel Brüggenbrock mit ihrer Bielefelder Dissertation „Die Ehre in den Zeiten der Demokratie“, die in diesem Jahr zugleich auch die einzige Arbeit aus dem Bereich der griechischen Geschichte darstellt. Brüggenbrock untersucht das Wechselverhältnis zwischen der athenischen Polis und der Ehre des Bürgers in der klassischen Zeit und arbeitet dabei die Ehre als ein grundlegendes Strukturmerkmal der vormodernen Gesellschaft Athens heraus, das die Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft prägte. Athen wird in dieser Arbeit sowohl als demokratische Polis als auch als ehrenhafte Gesellschaft vorgestellt; Ehre und Polis bilden für Brüggenbrock zwei Pole, zwei normative, sinnstiftende Bezugspunkte, an denen die Bürger ihr Verhalten ausrichten. Das Streben nach Ehre, der agonale Wettbewerb der Athener, zeigte sich vor allem in Olympia, doch konnten nur die Angehörigen der Oberschicht die hier erworbene Ehre auch für eine politische Karriere nutzen. Brüggenbrock zeigt auf, wie die Athener die an sich widerstreitenden Normen der Ehre und der Polis verknüpften und in konkreten Handlungen jeweils zweckdienlich anwendeten, wie die Polis die Normen der Ehre zur Integration der Bürgerschaft nutzte, um etwa überhöhten Ehrgeiz Einzelner zu dämpfen. Die Athener standen dabei in einem Spannungsfeld von agonalem Ehrverhalten einerseits, dem Streit um Ehre, den sie in ihren Hahnenkämpfen versinnbildlicht sahen, und den Werten der Polis andererseits, die auf Gleichheit der Bürger orientierten. Brüggenbrock nimmt in ihrer anregenden Untersuchung aber auch das ehrenhafte Verhalten der Athener Bürgerfrauen in den Blick, das sich letztlich an den Verhaltensnormen der Männer orientierte.

Die fünf hier kurz vorgestellten Monographien demonstrieren die Breite der Forschungsfelder in der Althistorie. Eine innovative sozialgeschichtliche Einzelstudie zum klassischen Athen steht hier neben umfassenden Synthesen zur Spätantike und zur Wissenschaftsgeschichte. Die Preisliste zeigt auch, dass gut geschriebene Darstellungen zu beliebten und faszinierenden Themen der Alten Geschichte wie dem Untergang Roms oder griffige Biographien zu zentralen Gestalten des Altertums wie dem momentan besonders ins Blickfeld gerückten Kaiser Constantin allemal ihre begeisterten Leser finden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. aus diesem Jahr nur Demandt, Alexander; Engemann, Josef (Hrsg.), Konstantin der Grosse, Mainz 2007; Herrmann-Otto, Elisabeth, Konstantin der Große, Darmstadt 2007; Schuller, Florian; Wolff, Hartmut (Hrsg.), Konstantin der Große – Kaiser einer Epochenwende, Lindenberg 2007; demnächst Schlange-Schöningen, Heinrich (Hrsg.), Konstantin und das Christentum, Darmstadt 2007.
[2] Heathers Buch erscheint im Herbst 2007 unter dem Titel „Der Untergang des Römischen Reiches“ bei Klett-Cotta in deutscher Übersetzung.
[3] Ward-Perkins, Bryan, Der Untergang des Römischen Reiches und das Ende der Zivilisation, Stuttgart 2007.

Von der H-Soz-u-Kult Jury „Das Historische Buch 2007“ wurden in der Kategorie Alte Geschichte folgende Titel auf die vorderen Rangplätze gewählt:

1. Heather, Peter J.: The Fall of the Roman Empire, London u.a. 2006. Rezension von Udo Hartmann, H-Soz-u-Kult, 09.07.2007 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-022>.
2. Ward-Perkins, Bryan: The Fall of Rome and the End of Civilization, Oxford u.a. 2006. Rezension von Udo Hartmann, H-Soz-u-Kult, 09.07.2007 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-022>.
3. Brüggenbrock, Christel: Die Ehre in den Zeiten der Demokratie. Das Verhältnis von athenischer Polis und Ehre in klassischer Zeit (Historische Semantik 8), Göttingen 2006. Rezension von Marietta Horster, H-Soz-u-Kult, 03.09.2007 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-166>.
4. Christ, Karl: Klios Wandlungen. Die deutsche Althistorie vom Neuhumanismus bis zur Gegenwart, München 2006. Rezension von Katja Wannack, H-Soz-u-Kult, 10.07.2007 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-024>.
5. Brandt, Hartwin: Konstantin der Große. Der erste christliche Kaiser. Eine Biographie, München 2006. Rezension von Ulrich Lambrecht, H-Soz-u-Kult, 12.06.2006 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-2-181>.

Die Listen sowie detaillierte Angaben zur Jury und zum Verfahren können Sie auf dem Webserver von H-Soz-u-Kult <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/buchpreis> nachlesen.

Zitation
Buchpreis: Essay Kategorie Alte Geschichte, in: H-Soz-Kult, 17.07.2007, <www.hsozkult.de/text/id/texte-914>.
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Veröffentlicht am
17.07.2007
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