Buchpreis: Essay Offene Kategorie

Von
Harald Müller

Essay von Harald Müller, Humboldt-Universität zu Berlin

In keiner Kategorie des Buchpreises scheint das Ranking der Titel verzichtbarer als in der Offenen Kategorie. Sie bezieht ihren Reiz gerade daraus, dass hier nicht die historische Kompetenz in einem epochalen oder thematischen Sektor gefragt ist, sondern umfassendes Können, grundsätzlicher Einfallsreichtum, methodische Innovation, Brillanz in der Darstellung oder didaktisches Geschick. Insofern erübrigt sich im Kern jede vergleichende Bewertung. Die Offene Kategorie ist die Bühne für das freie Spiel der Geschichtswissenschaften jenseits der engen Fachkompetenz, für die die Juroren mit ihren Namen und eigenen Werken einstehen. Hier ist zu finden, was das Fach in der Vergangenheit grundsätzlich vorangebracht hat und was über die Epochengrenzen hinweg als spannend, als Beispiel und Impuls gebend betrachtet wird. Die Reihung der genannten Titel vergleicht also nicht Unvergleichbares, sie weist zurück auf die aktuelle Forschung.

Mit recht deutlichem Abstand führen Reinhart Kosellecks „Begriffsgeschichten“ die diesjährige Liste an. Es handelt sich um eine Blütenlese von 25 wichtigen Aufsätzen, die von dem Bielefelder Historiker selbst arrangiert wurde. Gegliedert in fünf Teile schreiten sie das Feld der Begriffsgeschichte systematisch ab: von der Theorie und Methode über die grundsätzlichen Probleme von Begriffskritik und semantischem Wandel, das Verhältnis von Sprache und sozialen Zuständen, die Erkennbarkeit politischer und sozialer Verhältnisse in und durch Sprache, schließlich zum unmittelbaren Bezug zwischen Begriffsgeschichte und Geschichte im Allgemeinen. Es ist beileibe kein leichter Lesestoff, keine Einführung in die Theorie und Methodik der Begriffsgeschichte. Das Buch zeichnet vielmehr springend und aus der Perspektive eines der führenden deutschsprachigen Protagonisten die Entwicklung eines grundlegenden Wissenszweiges nach, dessen Früchte nicht nur in dem monumentalen Standardwerk ‚Geschichtliche Grundbegriffe’ bequem zu ernten sind. Der Band ist jedoch mehr als eines der üblichen Nachdruck-Geschenke, die verdienten Gelehrten reflexartig verehrt werden. Die ordnende Hand Kosellecks ist nicht nur in der Gliederung spürbar, in einem ausführlichen Nachtrag werden auch Textfragmente geboten, die der Autor aufgrund von Krankheit und Tod im Jahr 2006 nicht mehr zu einer Einleitung vereinen konnte. Sie erlauben knappe Einblicke in das Gesamtvorhaben, machen die Aufsatzsammlung vor allem aber zu einem auch menschlich bewegenden Vermächtnis des Bielefelder Gelehrten. Man kann es als angemessene Hommage an diesen „Ingenieur des Kollektivsingulars“ würdigen, dass der Titel dieser handlichen und doch monumentalen Aufsatzsammlung sich des bescheidenen, das Additive der Einzelbeiträge andeutenden Plurals bedient: „Begriffsgeschichten“.

Aus der kühlen Höhe der Begriffsanalyse führt das zweitplatzierte Buch, Victoria de Grazias „Irresistible Empire“ hinein in die heißen Schlachten der Moderne. Wer beim Titel an Eisen, Blut und Boden denkt, sieht sich schnell in eine andere Welt gelockt, denn die Studie beschäftigt sich mit der Eroberung Europas durch Amerika, die im 20. Jahrhundert nicht militärisch sondern in der Welt der Wirtschaft und der Verbraucher stattfand, mitunter aber durchaus Züge eines Konfliktes trug. In einer Folge von Kapiteln, die lose miteinander verbundene historische Einzelstudien darstellen, wendet sich die Verfasserin der US-amerikanischen Marktoffensive in Richtung Europa zu, die durch charakteristische Produkte, aggressive Werbung und bestimmte Vertriebsstrategien gekennzeichnet ist. Eine der Grundthesen dieses Buches ist es, dass die wirtschaftliche Dominanz der Vereinigten Staaten im alten Europa begründet liegt, indem die USA dort erfolgreich als Ikone einer modernen Verbrauchergesellschaft etabliert wurden; es geht um ein globales Markt-Imperium und seine Spielregeln, die durch die Zauberworte Massenkonsum und Massenunterhaltung nur unzureichend charakterisiert sind. De Grazia betrachtet den Gegenstand aus drei Perspektiven: der aktiven Übertragung amerikanischer Konsumpraktiken auf Europa, der ambivalenten Reaktion auf dem Kontinent, schließlich der seit den 1970er-Jahren zu beobachtenden engen Angleichung beider Welten, die an der uniformen Gestalt deutscher Innenstädte noch ablesbar ist.

„Stellt uns den Krieg vor. Stellt sich vor den Krieg“, so lautet die prägnante Definition des Kriegsberichterstatters bei Karl Kraus. Der von Ute Daniel herausgegebene Sammelband „Augenzeugen. Kriegsberichterstattung vom 18. bis zum 21. Jahrhundert“ nimmt sich dieses Themas intensiv an und greift damit ein Thema auf, das durch den zweiten Golfkrieg besondere Aktualität erlangt hat. Die umfassende Visualisierung des Krieges, die vermeintlich unmittelbare Teilhabe des Betrachters am Geschehen, die Rolle der Berichterstatter, die oftmals nur zu berichten haben, was ihnen an Berichten seitens der Krieg führenden Parteien vorgelegt wird, wird hier in historische Perspektive gerückt. Vom Krimkrieg (1853-1856), der als Mutter aller medialen Kriegsbegleitung präsentiert wird, bis zur Gegenwart spannt sich der Bogen der Beiträge, in denen die Rolle der Kriegsberichterstatter zwischen Erzähler, (Hof-)Berichterstatter und Propagandist, aber auch der Wandel der Medienlandschaft sensibel verfolgt werden. Ein brandaktueller Band, bei dem man nur eine grundsätzliche quellenkritische Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Augenzeugenschaft’ vermisst. Denn eines haben uns die „eingebetteten“ Reporter des Golfkriegs gelehrt: Man ist hautnah dabei, ohne jedoch Überblick und Distanz zum Geschehen gewinnen zu können.

Auf dem vierten Platz liegen – „wie das Gesetz es befiehlt“ – Leonidas und seine Gefährten, die 480 v.Chr. vergeblich versuchten, den Thermopylen-Pass gegen die anstürmenden Perser zu verteidigen. Anuschka Albertz benutzt diese wohlbekannte, von Herodot geschilderte Situation in ihrer Trierer Dissertation als Beispiel, um die Rezeption heroischen Verhaltens über die Epochengrenzen hinweg zu untersuchen. Zunächst betrachtet sie detailliert die Verwendung dieses Exempels durch antike Redner. Anschließend analysiert sie die Rezeptionsgeschichte in der Frühen Neuzeit und in einem dritten Kapitel in der Zeit des Zweiten sowie des Dritten Reiches auf deutschem Boden. Schon die Gliederung verdeutlicht, dass im Mittelalter zunächst keine Kenntnis und nach der Übersetzung des Herodot 1474 offenbar kaum Bedarf bestand, Leonidas und seine Gefährten zum Vorbild auszurufen. Das Buch bietet eine genaue Studie über die Aufladung historischer Exempla mit jeweils zeitgenössischen Vorstellungen von Heldentum im Umfeld von Freiheit und Bedrohung, kultureller Orientierung und nationaler Instrumentalisierung; ein wahrhaft universalgeschichtlicher Blick.

Der Selbstvergewisserung des Faches dient die von Lutz Raphael herausgegebene Reihe ‚Klassiker der Geschichtswissenschaft’. Der erste Band wartet mit einem Panorama von 11 Historikern auf sowie der Einleitung des Herausgebers. Gegen den Trend der modernen Geschichtswissenschaft, die seit den 1960er-Jahren den Ahnenkult eher vermeidet, geht es um den Entwurf eines intellektuellen Horizonts unseres Faches, der durch herausragende Persönlichkeiten exemplarisch umrissen werden soll. Eher Orientierung als Kanonisierung bestimmter Personen und Denkrichtungen ist das Ziel. Als Auswahlkriterien werden Präsenz und literarische Qualität des jeweiligen Werkes angeführt sowie die Nachhaltigkeit von theoretischen und methodischen Impulsen: Klassiker im Sinne von Beispiel gebend gelungenen Lösungen. Definitorischen Charakter besitzt der Auftakt mit Historikern des 18. Jahrhunderts, wird damit doch der Beginn der modernen Geschichtswissenschaft genau dort niedergebracht. Die von ausgewiesenen Kennern verfassten Beiträge bieten forschungsgeschichtlich allesamt wichtige Bündelungen und sind teilweise sehr lesenswert.

Im zweiten Band wird im Übrigen auch Reinhart Koselleck als einer der wenigen zeitgenössischen Historiker in diesen virtuellen Olymp aufgenommen, womit sich der Kreis der im diesjährigen Wettbewerb ‚Das historische Buch’ als besonders empfehlenswert hervorgehobenen Titel der Offenen Kategorie auf höchst treffliche Art schließt.

Von der H-Soz-u-Kult Jury „Das Historische Buch 2007“ wurden in der Offenen Kategorie folgende Titel auf die vorderen Rangplätze gewählt:

1. Koselleck, Reinhart: Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache. [Mit zwei Beiträgen von Ulrike Spree und Willibald Steinmetz ...], Frankfurt am Main 2006. Rezension von Reinhard Mehring, H-Soz-u-Kult, 29.11.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-4-162>.
2. De Grazia, Victoria: Irresistible Empire. America's Advance Through Twentieth-Century Europe, Cambridge, Mass. u.a. 2005. Rezension von Kaspar Maase, H-Soz-u-Kult, 22.11.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-4-144>.
3. Daniel, Ute (Hrsg.): Augenzeugen. Kriegsberichterstattung vom 18. zum 21. Jahrhundert, Göttingen 2006. Rezension von Philipp Fraund, H-Soz-u-Kult, 08.08.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-3-094>.
4. Albertz, Anuschka: Exemplarisches Heldentum. Die Rezeptionsgeschichte der Schlacht an den Thermopylen von der Antike bis zur Gegenwart, München 2006. Rezension von Mischa Meier, H-Soz-u-Kult, in Vorbereitung.
5. Raphael, Lutz (Hrsg.): Klassiker der Geschichtswissenschaft. Bd. 1: Von Edward Gibbon bis Marc Bloch, München 2006. Rezension von Karel Hruza, H-Soz-u-Kult, 26.02.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-1-134>.

Die Listen sowie detaillierte Angaben zur Jury und zum Verfahren können Sie auf dem Webserver von H-Soz-u-Kult <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/buchpreis> nachlesen.

Zitation
Buchpreis: Essay Offene Kategorie, in: H-Soz-Kult, 21.07.2007, <www.hsozkult.de/text/id/texte-917>.
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Veröffentlicht am
21.07.2007
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