sowi-online – Internet-Portal für die sozialwissenschaftlichen Unterrichtsfächer und ihre Didaktik

Titel
sowi-online - Onlinejournal für Sozialwissenschaften und ihre Didaktik.


Hrsg. v.
sowi-online e.V.: Bielefeld, DE <http://www.sowi-online.de/>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Uwe Barrelmeyer, Widukind Gymnasium Enger

Die Frage der zukünftigen konzeptionellen Gestaltung der sozialwissenschaftlichen Bildung wird in der neueren Politikdidaktik kontrovers diskutiert.[1] Im Fokus der Diskussionen steht die Frage, welche Relevanz den drei Sozialwissenschaften Politologie, Soziologie und Ökonomie für die künftige Gestaltung des sozialwissenschaftlichen Unterrichts zuzuerkennen ist. Politikdidaktiker wie etwa Gotthart Breit lehnen mit pragmatischen und professionspolitischen Argumenten („Demokratie braucht Politische Bildung“) die „Erweiterung des Unterrichtsfaches `Politische Bildung´ um die gleichberechtigten Inhaltsbereiche […] `Wirtschaft und Gesellschaft´ mit eigenen Bezugswissenschaften ab“. Eine „Ausdehnung des Kurzfaches Politische Bildung“ führe zu einer Verwässerung der Unterrichtsqualität sowie zu einer hoffnungslosen Überforderung von Lehrern und Schülern.[2] Breit setzt sich damit in kritische Distanz zur Position der unlängst im Auftrag der Amtschefskommission der Kultusministerkonferenz publizierten Expertise der „Fachgruppe Sozialwissenschaften: Kern-Curriculum in der gymnasialen Oberstufe“.[3] Deren Autoren binden das Kerncurriculum des sozialwissenschaftlichen Unterrichts unter Wahrung des etablierten „Paradigmas `Politik als Kern des Politikunterrichts´“ an die „drei gleichberechtigte(n) Gegenstandsfelder und Bezugswissenschaften Wirtschaftswissenschaft, Soziologie, Politikwissenschaft“.[4] Die Autoren greifen dabei konzeptionell auf Überlegungen des Wirtschaftsdidaktikers Reinhold Hedtke zur Entwicklung einer zeitgemäßen sozialwissenschaftlichen Bildung und Didaktik zurück. Dieser vertritt mit dem Hinweis auf Einsichten der neueren Wissenschaftsforschung in die zunehmende Bedeutung „überdisziplinäre(r) Paradigmen und das Schwinden disziplinärer Grenzen“ in den Sozial- und Kulturwissenschaften die These, „dass es sozialwissenschaftlichen Fachdidaktiken nicht gelingen kann, allein durch ihre Identifizierung mit einer Fachwissenschaft als Bezugsdisziplin eine singuläre, untereinander hinreichend abgegrenzte Identität zu konstruieren“. Vielmehr seien ökonomische, politische und soziologische Bildung nur dann sinnvoll zu konzipieren, „wenn man sie gemeinsam und unterschieden im Gesamtrahmen des sozialwissenschaftlichen Wissens- und Lernfeldes und bezogen auf ein Leitbild einer sozialwissenschaftlich gebildeten Persönlichkeit“[5] denke. Diese Herausforderung würde von den Fachdidaktiken des sozialwissenschaftlichen Feldes leider bisher weder erkannt noch angenommen. Daher sei zukünftig zur „Lösung des komplexen Problems einer […] sozialwissenschaftlichen Bildung“ verstärkt die „transdisziplinäre Kooperation der sozialwissenschaftlichen Fachdidaktiken“ voranzutreiben.[6]

An dieser Leitidee ist auch das von Hedtke als Mitherausgeber verantwortete Internet-Portal für die sozialwissenschaftlichen Unterrichtsfächer und ihre Didaktik „sowi-online“ orientiert. Das Internet-Portal will vor allem Lernenden und Lehrenden des sozialwissenschaftlichen Schul- und Hochschulbereichs orientierendes Wissen über die Bezugswissenschaften Politologie, Soziologie und Ökonomik sowie deren Didaktiken zugänglich machen und zugleich einen qualifizierten fachlichen Austausch fördern. Unter der Rubrik „Inhalt“ können wichtige Hintergrundinformationen über Konzeption, Aufbau und Ansprechpartner des Internetportals sowie das Impressum abgerufen werden. Als besondere Serviceleistungen stehen den Nutzern bedienerfreundliche Suchfunktionen zur Verfügung. Die Nutzer können sich des Weiteren laufend per Newsletter über Neuerungen im Angebot des Internetportals unterrichten lassen und haben zudem die Möglichkeit, den Herausgebern per E-Mail Korrekturen und weiterführende Hinweise zukommen zu lassen. Unter der Rubrik „Onlinejournal für Sozialwissenschaften und ihre Didaktik“ sind aktuelle Artikel zu ausgewählten Themenschwerpunkten (z.B. Globalisierung, Nachhaltigkeit, Lehrkunst) versammelt, die nach Durchlaufen eines Review-Verfahrens von den Herausgebern in der im Rahmen des Internet-Portals als autonom qualifizierten Online-Zeitschrift veröffentlicht wurden. Mit besonderer Nachdrücklichkeit bemühen sich die Herausgeber thematisch um die Klärung des Verhältnisses von politischer und ökonomischer Bildung und ihrer Fachdidaktiken sowie um die Frage der Konzeptualisierung eines integrativen sozialwissenschaftlichen Lernens. Unter der Rubrik „sowi-onlinereader. Themen zur politisch-sozialwissenschaftlichen Bildung“ werden Texte zu verschiedenen Themen (z.B. Berufsorientierung, Methodenorientierung) angeboten, denen besondere Bedeutsamkeit für die politisch-sozialwissenschaftliche Bildung zukommt. Auch unter dieser Rubrik findet das Integrationsproblem der sozialwissenschaftlichen Fächer sowie die Frage einer koordinierten Konzeptualisierung politischer, ökonomischer und historischer Bildung besondere Aufmerksamkeit. Unter der Rubrik „sowi-onlinepraxis“ stellt das Internetportal eine thematisch gegliederte Unterrichtsdatenbank zur Verfügung, in der Unterrichtsmaterialien, -skizzen und -entwüfe recherchiert werden können. Ebenso werden den Nutzern Online-Dokumente und Literaturhinweise zu verschiedenen „Lehr-Lern-Methoden“ zugänglich gemacht. Das Angebot wird schließlich durch eine Datenbank ergänzt, die die Lehrpläne der Fächer des sozialwissenschaftlichen Lernbereichs der allgemein bildenden Schulen in Deutschland präsentiert. Unter der sich im Aufbau befindlichen Rubrik “hochschule“ sind eine Übersicht von Lehr- und Forschungseinheiten der sozialwissenschaftlichen Fachdidaktik (Personen, Lehr- und Forschungseinheiten und Forschungsthemen) sowie ein Studienführer für das sozialwissenschaftliche Lehramtsstudium in Deutschland aufgeführt. Den Abschluss bildet die Rubrik „links“, die eine Datenbank zum Thema „Europa“ und Links zu staatlichen Institutionen, Parteien, Gewerkschaften, Verbänden sowie zu Zeitschriften und Multiplikatoren in der politischen Bildung anbietet.

Für die Herausgeber bestehen die beiden übergreifenden Ziele des Internetportals darin, erstens der Unübersichtlichkeit des Internets als sozialwissenschaftliche Informationsquelle entgegenzuwirken und zweitens vor allem mittels der Online-Zeitschrift die diskursive Nutzung des Internets in den Sozialwissenschaften und ihrer Didaktik weiter zu stärken.[7] Das erste Ziel wird aus Benutzersicht erfolgreich umgesetzt. Dies zeigt sich beispielhaft am klar strukturierten Aufbau der Startseite: Ein auf einer horizontal verlaufenden Kopfleiste positioniertes Navigationsmenu mit den oben vorgestellten Rubriken gestattet ein effektives Arbeiten. Eine zielgerichtete thematische Recherche ist überdies durch Suchfunktionen im Angebot von „sowi-online“ gewährleistet. Weiterhin besteht alternativ die Möglichkeit, die vier zentral auf der Seite positionierten inhaltlichen Kernrubriken „journal“, „reader“, „praxis“ und „hochschule“ anzuwählen, wobei dann optional jeweils auf spezielle Navigationsleisten bzw. Suchfunktionen zugegriffen werden kann. Eine Rückkehr zur Startseite ist jederzeit möglich. Mit seinem ständig erweiterten und zukünftig noch zu differenzierenden Informationsangebot bietet das Internetportal den Lernenden und Lehrenden aus Schule und Hochschule instruktive Informationen und wertvolle konzeptionelle Orientierung für die eigene Arbeit. Angesichts begrenzter Ressourcen darf man daher insgesamt von einer sehr respektablen Arbeitsleistung der Projektgruppe „sowi-online“ sprechen.

Hinsichtlich der Umsetzung der zweiten Zielsetzung dürfte unverändert das vorsichtig-skeptische Urteil der Herausgeber anlässlich des Erscheinens der ersten Nummer des Journals (18.7.2000) gelten: Die Online-Zeitschrift als qualifiziertes Diskussionsforum zu etablieren, so formulierten die Herausgeber, werde sicherlich eine schwierigere Aufgabe sein, als die thematische Engführung der Zeitschrift zu überwinden.[8] Gleichwohl legt der von den Herausgebern formulierte Anspruch, „einen Dialog zwischen Fachdisziplin, Fachdidaktik, Studienseminaren und Schulpraxis einzuleiten“[9], die Weiterentwicklung der Online-Zeitschrift zu einem fachlich qualifizierten Diskussionsforum nahe. Auch mit Blick auf die von Hedtke anhand richtungsweisender Forschungsfragen instruktiv begründete sachlogische Erfordernis einer transdisziplinären Kooperation der sozialwissenschaftlichen Didaktiken wäre die Weiterentwicklung der Zeitschrift zu einem über „eine rein fachstrategisch motivierte Kommunikation“[10] hinausreichenden Diskussionsforum folgerichtig und wünschenswert. Dies zeigt sich im Einzelnen etwa an der von Hedtke exponierten Forschungsfrage, inwieweit die „Fachdidaktiken des sozialwissenschaftlichen Feldes in der Leitkategorie `gesellschaftliches Bewusstsein´ und deren Ausdifferenzierung in historisches, politisches und ökonomisches Bewusstsein“ ein eigenständiges theoretisches Fundament finden und zugleich zu einer reflexiven „fachdidaktischen Rekonstruktion der Fachwissenschaft(en)“ beitragen könnten.[11] Für das zentrale sozialwissenschaftliche Lernziel der „Urteilsbildung“ besteht ebenfalls in theoretisch-konzeptioneller sowie in empirischer Hinsicht in den Fächern des historisch-sozialwissenschaftlichen Feldes ein disziplinenübergreifender Forschungs- und Diskussionsbedarf.[12] So wäre etwa für das in der Politikdidaktik vertretene Theorem der „kategorialen Urteilsbildung“ die von Behrmann „vor dem Hintergrund unbefriedigender Befunde der qualitativen Unterrichtsforschung“ herausgestellte Frage fachübergreifend zu diskutieren, inwieweit eine „lernpsychologische Auffassung von Kategorien (im Unterschied zu „kategorial“ in der Tradition der von Klafki zusammengefassten bildungstheoretischen Ansätze)“ zukünftig einen konstruktiven Forschungsbeitrag zur Bildung „strukturierende(r) sozialwissenschaftliche(r) Makrobegriffe“ liefern könnte.[13] Es besteht also genügend Anlass dafür, dass die „Fachdidaktiken des Kultur- und sozialwissenschaftlichen Feldes“ der Aufforderung Hedtkes folgen und „eine Debatte darüber beginnen, wie sie sich angesichts der wissenschaftstheoretischen Unübersichtlichkeit positionieren und zueinander verhalten wollen“.[14] Die vorgestellte Online-Zeitschrift wäre hierfür sicherlich ein geeignetes Forum.

Anmerkungen

[1] Für den derzeitigen Diskussionsstand vgl. die von der Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung herausgegebenen Sammelbände: „Politische Bildung als Wissenschaft. Bilanz und Perspektiven, Schwalbach/Ts. 2002“ und „Politische Bildung zwischen individualisiertem Lernen und Bildungsstandards, Schwalbach/Ts. 2004“.
[2] Gotthard Breit, „Sozialwissenschaften für Politische Bildung“ oder „Politik als Kern der Politischen Bildung“? Anmerkungen aus Anlass der Expertise „Fachgruppe Sozialwissenschaften: Kern-Curriculum in der gymnasialen Oberstufe“, in: Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung (Hg.), Politische Bildung zwischen individualisiertem Lernen und Bildungsstandards, Schwalbach/Ts. 2004. S. 37 u. 41.
[3] Behrmann, Günter C./Grammes, Tilman/Reinhardt, Sibylle, Politik: Kerncurriculum Sozialwissenschaften in der gymnasialen Oberstufe, in: Tenorth, Heinz Elmar (Hrsg., im Auftrag der Ständigen Konferenz der Kultusminister), Kerncurriculum Oberstufe – Biologie, Chemie, Physik, Geschichte, Politik, Weinheim/Basel 2004. S. 322 ff.
[4] Behrmann 2004, S. 365 u. 397.
[5] Hedtke, Reinhold, Wirtschaft und Politik. Über die fragwürdige Trennung von ökonomischer und politischer Bildung, Schwalbach/Ts. 2002. S. 51 u. S. 5.
[6] Hedtke 2002, S. 50.
[7]http://www.sowi-online.de/konzept.htm (15.10.2005).
[8]http://www.sowi-onlinejournal.de/lehrerbildung/edit.htm (15.10.2005).
[9]http://www.sowi-onlinejournal.de/lehrerbildung/edit.htm (15.10.2005).
[10] Reinhold Hedtke, Historisch-politische Bildung – ein Exempel für das überholte Selbstverständnis der Fachdidaktiken, in: Politisches Lernen 21 (1-2) 2003, S. 121.
[11] Hedtke 2003, S. 119f.
[12] Vgl. etwa Bodo von Borries, Kerncurriculum Geschichte in der gymnasialen Oberstufe, in: Tenorth, Heinz Elmar (Hrsg., im Auftrag der Ständigen Konferenz der Kultusminister), Kerncurriculum Oberstufe – Biologie, Chemie, Physik, Geschichte, Politik, Weinheim/Basel 2004. S. 275. Zur „Kluft“ zwischen den kategorial- normativ orientierten politikdidaktischen Modellen politischer Urteilsbildung und dem „alltäglichen Politikunterricht“ vgl. etwa Hans-Werner Kuhn, Urteilsbildung im Politikunterricht. Ein multimediales Projekt, Schwalbach/Ts. 2003. S. 149f.
[13] Behrmann 2004, S. 353. Einen exemplarischen Einblick in die konzeptionelle Bandbreite der neueren geschichts- und politikdidaktischen Forschungen sowie den damit einhergehenden empirischen Klärungsbedarf für die Fachdidaktiken des kultur- und sozialwissenschaftlichen Feldes liefert etwa eine vergleichende Gegenüberstellung der entwicklungspsychologischen Studie Carlos Kölbls´ („Geschichtsbewußtsein im Jugendalter. Grundzüge einer Entwicklungspsychologie historischer Sinnbildung. Bielefeld 2004“) mit den „kategorial“ ausgerichteten Studien Ingo Juchlers´ („Demokratie und politische Urteilskraft. Überlegungen zu einer normativen Grundlegung der Politikdidaktik, Schwalbach/Ts. 2005“) oder Volker Meierhenrichs’ („Wie können Schüler politisch urteilen? Kategorien politischer Urteilsbildung im Bewusstsein von Schülerinnen und Schülern, Schwalbach/Ts. 2003“).
[14] Hedtke 2003, S. 121.

Zitation
Uwe Barrelmeyer: Rezension zu: sowi-online - Onlinejournal für Sozialwissenschaften und ihre Didaktik, in: H-Soz-Kult, 28.10.2005, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-104>.
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Veröffentlicht am
28.10.2005
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