United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) - Photo-Archives

Titel
United States Holocaust Memorial Museum - Photo Archives.


Hrsg. v.
Kontakt: Read, Maren <mread@ushmm.org>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Elisabeth Angermair, Stadtarchiv München

Das Online-Archiv, das es hier anzuzeigen gilt, ist Teil der Sammlungsbestände des United States Holocaust Memorial Museum in Washington, das der Erinnerung an den Holocaust gewidmet ist und die Verbreitung des Wissens über alle mit dem Holocaust zusammenhängenden Themen zur Aufgabe hat.

Unter der Adresse http://www.ushmm.org erscheint eine übersichtlich gestaltete Eingangsseite, wo sich unter den Rubriken „The Museum“ oder „Research“ die Begriffe „Archival Collections“, dann „Photo Archives“ zum Anklicken finden. Eine ausführliche und für alle Nutzer unbedingt lesenswerte Einleitung erläutert Inhalt und Konzept der Sammlung und stellt in einem Überblick deren Themengebiete vor. Der Hauptbestand umfasst derzeit etwa 80.000 historische Fotos, angefangen von Aufnahmen, die jüdisches Leben in Europa vor 1933 zeigen, bis zu Aufnahmen aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, die sich mit dem Leben der Displaced Persons (DP), also der überlebenden Opfer, und mit der gerichtlichen Aufarbeitung der Verbrechen des Holocaust beschäftigen. Aus diesem Bestand sind 14.000 Fotos, also rund ein Sechstel, im Online-Katalog einsehbar. Eine weitere Bestandsgruppe erschließt Fotos vom Museum und seinem Programm (insgesamt 15.000, davon 700 online). Darüber hinaus stellt eine kleine Gruppe von Fotos in einer dritten Kategorie einzelne Sammlungsgegenstände vor.

Die Suche nach Bildern kann durch die Eingabe von einem oder mehreren Namen und Begriffen über einfache Volltextrecherche erfolgen. Erhält der Nutzer dabei eine zu große Ergebnismenge, kann er sich für eine spezialisierte und zielorientierte Recherche einer Reihe von Operatoren bedienen, die unter dem Icon „Help“ vorgestellt und erläutert werden. Diese Operatoren stellen für erfahrene Nutzer von Datenbanken eine wertvolle Hilfe dar, weniger erfahrene Nutzer werden Zeit investieren müssen, um sich zurecht zu finden. Die Suchergebnisse, bei denen es sich im Übrigen nicht nur um Fotos, sondern auch um Abbildungen von einschlägigen Dokumenten handelt, erscheinen im Listenformat (jeweils maximal 25 in einer Liste) als Thumbnails mit kurzen Bildtiteln. Klickt man einen der Bildtitel an, so erscheint das entsprechende Bild groß und in allen Details gut erkennbar auf dem Bildschirm, dazu weitergehende Informationen mit Datierung und Ortsangabe, Namen des Bildautors – soweit bekannt – und des Leihgebers oder Schenkers sowie biographische Angaben zu den abgebildeten Personen, gegebenenfalls ergänzt durch Literaturhinweise. Ob es sich bei den jeweiligen Fotos in der Sammlung um Originale oder Reproduktionen handelt, erfährt man wohl erst durch konkrete Anfragen bei den zuständigen Museumsfachleuten. Bei großen Ergebnismengen erscheinen die Bilder leider unsortiert, d.h. Bildserien, die von einem Autor oder Schenker stammen und bei einem Anlass aufgenommen wurden, sind auf den Listen mit vielleicht 300 Ergebnissen weit auseinander gerissen.

Trotz dieses technischen Mankos: Der online verfügbare Teil der Sammlung erweist sich als wichtiger, zu einer Reihe von Aspekten durchaus einzigartiger Bestand für alle diejenigen, die über den Holocaust und die damit zusammenhängenden Themen forschen. Dies ist in erster Linie auf die Provenienz der Fotos zurückzuführen. Das USHMM erschließt mit seiner Sammlung Fotos und Dokumente aus dem Privatbesitz von Menschen, die über viele Jahre auf grausame Weise verfolgt und entwurzelt wurden, von denen viele Opfer einer beispiellosen Mordkampagne wurden, während die wenigen Überlebenden sich auf zahlreiche Länder und unterschiedliche Kontinente verteilt wieder fanden. Als Aufbewahrungsort und als Institution, die diese Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich macht, übernimmt das USHMM dabei eine verdienstvolle Rolle und hat sich offensichtlich einen Namen gemacht, wie der reichhaltige Fundus aus den verschiedensten Herkunftsorten deutlich werden lässt. Selbst als leidliche Kennerin der Bildüberlieferung zu den einschlägigen Themen in einem regional begrenzten Raum fand die Autorin dieser Rezension viele ihr bislang unbekannte Bildmotive und damit weitere wichtige Quellen zu jüdischem Leben vor und nach 1933, zum Holocaust und dem Leben der DPs nach 1945.

Die Vorgehensweise des USHMM, das auf seiner Homepage nach wie vor um Schenkungen und Leihgaben zur Ergänzung der Sammlung bittet, birgt allerdings eine Gefahr: Die Fotos waren zuvor meist jahrelang in Privatbesitz, die Angaben zu Ort und Zeitpunkt der Aufnahme sowie zum Bildmotiv sind unter Umständen nur mündlich tradiert worden. Sie unterliegen damit den aus der Oral History allgemein bekannten Vor- und Nachteilen. Nun mag es bei Bildbeispielen aus dem privaten Umfeld nicht von großer Relevanz sein, ob eine Geburtstagsfeier oder ein erster Schulbesuch 1936 oder 1938 stattfanden bzw. welcher der Freunde oder Verwandten neben der Hauptperson zu sehen ist. In den privaten Nachlässen oder unter den Schenkungen finden sich aber auch Fotos von öffentlichen Anlässen und Veranstaltungen – und hierbei fallen ungenaue Angaben, die durch die große Zeitspanne zwischen Entstehung des Fotos und dem Festschreiben der Bildlegende für den Online-Katalog entstehen, stärker ins Gewicht. So kam es auch zu dem Fehler in der 2002 erschienenen deutschsprachigen Ausgabe der Publikation „Die katholische Kirche und der Holocaust – Eine Untersuchung über Schuld und Sühne“ von dem amerikanischen Erfolgsautors Daniel Jonah Goldhagen. Das dort veröffentlichte Foto mit der Bildlegende „Auf einer NS-Kundgebung in München marschiert Michael Kardinal Faulhaber durch ein Spalier von SA-Leuten“ zeigt weder den genannten Münchner Kardinal noch ist es in München aufgenommen. Die richtige Bildlegende muss lauten: „Nuntius Cesare Orsenigo in Begleitung seines Sekretärs Pater Eduard Gehrmann beim großen Festakt zum 1. Mai 1934 auf dem Tempelhofer Feld in Berlin.“ Das Ordinariat des Erzbistums München und Freising erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen die weitere Vertreibung des Buches mit der falschen Bildlegende[1] Auf eine Anfrage beim Leihgeber des Bildes (USHMM) erhielt die Autorin der Rezension damals zur Antwort[2], dass sich das Museum bis zum Aufkommen der Kontroverse an die handschriftlichen Angaben auf der Rückseite der Aufnahme gehalten hatte. Das Foto gehört zu einer Sammlung eines namentlich bekannten Schenkers, der 1990 angegeben hatte, es von der Ehefrau eines ungenannten SS-Mannes erhalten zu haben. Aus diesem Vorfall wird zweierlei deutlich: einerseits werden im USHMM die Aufzeichnungen zu den einzelnen Abgaben und Schenkungen offensichtlich sehr gewissenhaft geführt; andererseits bedürfen Angaben aus einer Überlieferungsgeschichte mit so vielfältigen Umwegen immer einer genaueren Überprüfung unter Hinzuziehung orts- und sachkundiger Fachleute, die nicht gleichermaßen für alle Regionen und Themen im Washingtoner Museum sitzen können. Einzelne weitere Bildbeispiele mit ungenauen Angaben aus dem Kenntnisbereich der Rezensentin könnten angeführt werden.

Das USHMM bietet die Bilder in geringer Auflösung zum Herunterladen an. Die Bedingungen für eine weiter gehende Nutzung der Fotos sind auf Anfrage erhältlich und hängen sicherlich davon ab, ob das USHMM selbst die Rechte an den Fotografien besitzt; über die Reproduktionskosten informiert eine Gebührenübersicht. Die Fotos sind durch fünfstellige Nummern klar gekennzeichnet. Die E-Mail-Adressen der zuständigen Ansprechpartner für Rückfragen oder Bestellungen findet der Nutzer problemlos auf der Homepage. Die bisher betrachteten Bildbeispiele machen durchaus neugierig auf den noch nicht online verfügbaren Teil der Sammlung.

Anmerkungen:
[1] Pressemitteilung vom 10. Oktober 2002 unter der URL: http://www.erzbistum-muenchen.de/EMF009/EMF000828.asp?NewsID=5708 (27.10.2005).
[2] E-Mail vom 10.10.2002 von Sharon Muller, Lead Photo Archivist, Collections.

Zitation
Elisabeth Angermair: Rezension zu: United States Holocaust Memorial Museum - Photo Archives, in: H-Soz-Kult, 04.11.2005, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-105>.
Redaktion
Veröffentlicht am
04.11.2005