Titel
Filmportal.de - Internet-Portal zum Deutschen Film.


Hrsg. v.
Keiper, Jürgen [Projektleitung] <keiper@deutsches-filminstitut.de>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gereon Blaseio, Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft der Universität zu Köln,

Gerade dem Publikum und den Produzenten von Filmen bietet das Internet zuvor ungeahnte Möglichkeiten des Informationsaustausches und der Bewerbung: Zahlreiche Foren laden zur Diskussion über Spielfilme im Kino und auf DVD ein, und kostenlos zur Verfügung gestellte Filmtrailer gehören zu den beliebtesten (legalen) Downloads des World Wide Web. Aber auch die wissenschaftliche Recherche zu Filmthemen hat sich in der vergangenen Dekade durch elektronisch verfügbare Datenbanken grundlegend verändert. Zu den wichtigsten Anlaufstellen gehört die bereits 1990 begründete (und mittlerweile vom US-Unternehmen Amazon aufgekaufte) Internet Movie Database (IMDB).[1] Die dort vorliegenden internationalen Daten stammen allerdings von den überwiegend angloamerikanischen Benutzern der Datenbank und unterliegen daher insbesondere bei nicht diesem Sprachraum entstammenden Filmen einer hohen Fehlerquote. Wer sich bislang mit deutschsprachigen Filmen auseinander setzen wollte, war somit vorrangig auf den Datenbestand des Katholischen Instituts für Medieninformation (KIM) angewiesen, der gleich für mehrere Veröffentlichungen in gedruckter und elektronischer Form die Grundlage bildet.[2] Hierbei handelt es sich jedoch lediglich um eine Filmographie; es gibt keine zusätzlichen Daten zu Filmemachern und Schauspielern.

filmportal.de

Seit Februar 2005 entsteht unter der Adresse http://www.filmportal.de/ eine auf deutsche Filme spezialisierte Datenbank, die beide Aspekte eng miteinander verknüpft. Das Webportal bietet neben einer großen Datenbank zu deutschen Filmen und Filmemachern auch mit den einzelnen Datensätzen vernetzte, text- und bildbasierte ‚Themenwelten’ zu Einzelaspekten der deutschen Filmgeschichte; darüber hinaus finden sich Termine, Adressen sowie Nachrichten aus der Filmszene. Hauptverantwortliche Träger des gemeinsamen Projekts sind zwei der wichtigsten filmgeschichtlichen Forschungsinstitutionen in Deutschland, das Deutsche Filminstitut in Frankfurt (DIF) sowie Cinegraph e.V. Das zudem von politischen Institutionen und Großunternehmen mitfinanzierte Projekt verfolgt das Ziel einer offensiven Stärkung und Popularisierung des deutschen Films: „Den Nutzerinnen und Nutzern soll sich durch die Vermittlung von Fakten und Hintergründen die Vielfalt und Bedeutung des deutschen Films erschließen.“[3]

filmportal.de – (auch) ein Lexikon

Beim Aufruf präsentiert sich zunächst eine angesichts dieser Komplexität sehr übersichtlich aufgebaute Startseite: Über eine einheitlich gestaltete Navigationsstruktur erreicht man die jeweiligen Einstiegsseiten in die Bereiche „Filme“, „Personen“, „Themen“ und „Panorama“, aber auch eine erweiterte „Suche“ und eine (bislang nur in Teilen verfügbare) englische Übersetzung. Auch wenn die Selbstdarstellung betont: „filmportal.de ist nicht allein ein Lexikon“,[4] so ist es doch insbesondere dieser Aspekt, der für die wissenschaftliche Nutzung der Website von besonderem Interesse ist. Obwohl das Webportal sich weiterhin im Aufbau befindet – eine erste Erweiterungsphase soll im Januar 2007 abgeschlossen sein –, sind nach eigenen Angaben bislang filmographische Angaben zu über 38000 Filmtiteln erfasst. Mit der Erfassung von Kurzfilmen sowie von vor 1945 in den Kinos erstaufgeführten Spiel- und Dokumentarfilmen schließt filmportal.de zwei zentrale Lücken der KIM-Datenbank.

Verständlicherweise sind die Stabangaben gerade in diesen Fällen notgedrungen eher kurz, während fehlende Angaben in einigen anderen Fällen auch auf den Work-in-Progress-Status der Datenbank zurück zu führen sind.[5] Als hilfreich erweist sich die Verfügbarkeitsanzeige: Der Standort im Umlauf befindlicher Filmkopien ist verzeichnet; ist die DVD eines Films erhältlich, wird sogleich zu einem Preisvergleich bei verschiedenen Händlern weiterverlinkt.

Zu rund 3000 Filmen finden sich weitere Detailinformationen, darunter Inhaltsangaben, aber auch historisches Hintergrundmaterial wie zeitgenössische Besprechungen, Fotos oder Plakate. Die Auswahl dieser umfangreicher dokumentierten Filme ist dabei stark von tradierten normativen Einschätzungen geprägt; so zeichnen sich etwa all jene 123 Titel durch besonders umfangreiche Dokumentation aus, die in dem im Februar 2006 angelaufenen Projekt „Die wichtigsten deutschen Filme“[6] berücksichtigt worden sind.

Deutscher Film – Kinofilm?

Erfreulich ist, dass sich trotz des Hinweises, man wolle sich auf Kinofilme konzentrieren,[7] dennoch zahlreiche Fernsehproduktionen nachweisen lassen. Dies lässt sich angesichts einer nationalen Produktionssituation, in der das Fernsehen zum wichtigsten Koproduzenten der Kinofilmlandschaft geworden ist, auch gar nicht vermeiden. Gerade diese Untrennbarkeit führt dann aber in der Filmauswahl zu mancher Inkonsequenz: So lässt sich kaum begründen, warum Fernsehmehrteiler wie Eberhard Fechners TADELLÖSER & WOLFF oder Heinrich Breloers SPEER UND ER aufgenommen werden, auf der anderen Seite aber Breloers DIE MANNS. EIN JAHRHUNDERTROMAN unberücksichtigt bleibt. Hier wäre in Zukunft als Konsequenz eine verstärkte Aufnahme von TV-Produktionen zu empfehlen.

Ein weiteres potentielles Konfliktfeld ergibt sich unmittelbar aus der programmatischen Konzentration auf deutsche Filme: Zum einen sind deutschsprachige Filme aus Österreich und der Schweiz bislang nur in Ausnahmen aufgenommen worden.[8] Zum anderen ist es in Zeiten zunehmend global produzierter Filme, in denen zahlreiche vermeintliche Hollywood-Filme schon längst nicht mehr allein mit US-amerikanischen Geldern gedreht werden,[9] aber auch notwendig, die Definition eines ‚deutschen’ Films mehr als zuvor einer genauen Prüfung zu unterziehen. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist die Berücksichtigung internationaler Koproduktionen wie DER NAME DER ROSE oder ALONE IN THE DARK in der Datenbank. Interessant ist in diesem Zusammenhang ebenfalls die Frage, ob in Deutschland hergestellte Sprachversionen für ausländische Märkte erfasst werden: Die Aufnahme der englischsprachigen Fassung von F.P. 1 ANTWORTET NICHT verweist auf derartige Bemühungen.[10]

Unmittelbar verknüpft sind die Stabangaben mit dem Personenlexikon, das über 100.000 Filmschaffende verzeichnet. Eines der Kernstücke der gesamten Datenbank ist dabei die Aufnahme von über 550 ungekürzten Biographien aus der seit 1984 herausgegebenen Loseblattsammlung Cinegraph, die hiermit in großen Teilen frei abrufbar vorliegt. Allerdings lassen sich auch bei den zugeordneten Filmographien einige der obigen Beobachtungen wiederholen: So sind zwar in Bernhard Wickis biographischem Eintrag zahlreiche Fernsehproduktionen enthalten, es fehlt aber der 1965 in Hollywood entstandene Kriegsfilm KENNWORT: MORITURI. Sinnvoll erschiene es, in solchen Fällen zugunsten der Vollständigkeit ebenfalls die ausländischen Filme eines Regisseurs oder Schauspielers (notfalls ohne weiterführende Vernetzung) aufzuführen.

Weitere Recherchemöglichkeiten

Von den Film- und Personeneinträgen führt unter dem Stichwort „Literatur“ ein Recherchelink in eine Suchmaschine des KOBV, die einige wichtige filmbezogene Bibliotheken vereint. Für die wissenschaftliche Recherche ist allerdings die Arbeit mit einem Gesamtkatalog wie dem KVK (Karlsruher Virtueller Katalog), der nicht auf Film spezialisierte Bibliotheken mit einbezieht, sowie der Einbezug verschiedener Fachbibliographien angesichts der versprengten Bestände unabdingbar.

Je nach Zuordnungsmöglichkeit weisen die Einträge auch Verknüpfungen zu einzelnen der bereits erwähnten „Themenwelten“ auf. Folgt man diesen Links (oder wählt man in der Navigationsleiste den Unterpunkt „Themen“), so gelangt man zu mittlerweile elf umfangreichen Text- und Bildabteilungen, die recht unterschiedlich angelegt sind. So findet sich etwa unter „Chronik des deutschen Films“ eine Übernahme aus der „Geschichte des deutschen Films“ von Jacobsen/Kaes/Prinzler.[11] Neben weiteren historischen Darstellungen wie „Film in der DDR“ und „Film im NS-Staat“ gibt es aber auch auf das aktuelle Kinogeschehen gerichtete Beiträge, beispielsweise über die Produktionsfirma X-Filme. Als besonders gelungen empfand der Rezensent die Themenwelt „Das Kino als Erfahrungsraum“, die neben historischen Fakten auch persönliche Erinnerungen von Kinobetreibern berücksichtigt und die darüber hinaus den Leser dazu auffordert, selbst Stellung zu beziehen.

Die Qualität einer Datenbank ist allerdings nicht nur vom Datenbestand, sondern auch von den angebotenen Suchfunktionen abhängig. Das auf jeder Seite vorhandene Suchfeld (leider nicht als solches markiert) erlaubt die automatische Suche von Filmtiteln und Personennamen. Die eigentliche Suchseite bietet zudem neben einer Volltextsuche die gezielte Suche nach Filmtiteln, Personen, Rollennamen, Daten sowie nach Wörtern innerhalb der Inhaltsangaben. Die Suchroutine legt Wert auf die korrekte Schreibweise, erfolgt dafür aber ausgesprochen schnell. Einen großen Gewinn stellt dabei die bislang auf der Website nicht dokumentierte Unterstützung der Boolschen Suchoperanden dar: Es können AND, OR, NOT, die Suche mit Klammern, aber auch der Platzhalter „*“ verwendet werden. Mit diesen Funktionen (die dringend auch auf der Seite beschrieben werden sollten!) lassen sich auch komplizierte Suchoperationen im Datenbestand durchführen.

Etwas unverbunden zum restlichen Portal steht die Kategorie „Panorama“, die Pressemitteilungen zur deutschen Kinolandschaft, eine Kino- und DVD-Vorschau, einen Terminkalender sowie eine Adressliste wichtiger filmbezogener Institutionen vereint. Der Menüpunkt „Extras“ macht besonders deutlich, dass sich die Website noch im Aufbau befindet; insbesondere die bislang hier aufgeführten Links lassen die ansonsten hohe Qualität des Portals vermissen. Hier wäre zudem der richtige Ort, auf verwandte Datenbankprojekte wie die IMDB oder die deutsche Online-Filmdatenbank (OFDB)[12] hinzuweisen, auch wenn diese hinsichtlich der verwendeten Daten nicht den eigenen Standards entsprechen.

Fazit

Insgesamt bietet filmportal.de eine hochaktuelle Webpräsenz, die sehr benutzerfreundlich angelegt ist. Hinsichtlich der Webgestaltung sind nur wenige Symbole nicht unmittelbar einsichtig.[13] Das noch geringe Angebot zur Interaktion zwischen Nutzer und Betreiber kann und sollte weiter ausgebaut werden, etwa durch das Einrichten eines (moderierten) Forums. Diese als Anregung für den weiteren Ausbau gedachten Anmerkungen ändern nichts daran, dass sich filmportal.de in kürzester Zeit zu einem nicht mehr wegzudenkenden Arbeitsmittel für Filmwissenschaftler entwickelt hat. Durch die Suchmöglichkeiten und die umfangreichen Zusatzmaterialien bietet sich aber auch weiteren Forschungsrichtungen die Möglichkeit, den Datenbestand gezielt nach bestimmten Stichwörtern auszuwerten.

Anmerkungen:
[1]http://www.imdb.com/
[2] Zuletzt in Buchform als Lexikon des internationalen Films. Frankfurt/M. 2002. Der Datenbestand steht als Kabel1-Filmlexikon http://www.kabeleins.de/film_dvd/filmlexikon/ kostenlos im Netz zur Verfügung; zudem baut auch die kostenpflichtige Website http://www.filmevonabisz.de/ darauf auf.
[3] Anonym: Die Ziele von filmportal.de. Unter http://www.filmportal.de/df/52/Artikel,,,,,,,,E9B411E1380126E2E03053D50B377DCD,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html (letzte Abfrage: 23.02.06).
[4] ebd.
[5] So sind nicht alle Filmlängen in Minuten angegeben, obwohl die Meterangaben vorhanden sind Während dies bei Stummfilmen aufgrund der differierenden Abspielgeschwindigkeiten nachvollziehbar ist, sollte zumindest bei Tonfilmen wie KAUF DIR EINEN BUNTEN LUFTBALLON, die mit standardisierten 24 Bildern pro Sekunden aufgeführt wurden, eine solche Umrechnung unproblematisch sein. Hier könnte auch eine Umrechungstabelle angeboten werden.
[6] Innerhalb dieses Projekts will der Sponsor T-Online 123 kanonische Filme als kostenpflichtiges Video-on-Demand online zur Verfügung stellen, siehe http://www.filmportal.de/df/c0/Artikel,,,,,,,,0BBFB3CEBC0AC651E04053D50B372871,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html (letzte Abfrage: 23.02.06)
[7] Anonym: FAQs – Frequently asked questions. Unter http://www.filmportal.de/df/e9/Artikel,,,,,,,,E9945BA13E3713DBE03053D50B3739B5,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html (letzte Abfrage: 23.02.06).
[8] Aufgenommen sind bislang beispielsweise die Filme von Michael Haneke, aber nicht österreichische Publikumserfolge wie INDIEN oder KOMM, SÜSSER TOD (dessen Fortsetzung SILENTIUM wiederum enthalten ist).
[9] Beispiele wären die unter deutscher Beteiligung gedrehten, aufwändigen Produktionen TOMB RAIDER sowie FANTASTIC FOUR.
[10] Neben der englischen Sprachfassung existiert allerdings auch eine – ebenfalls in Deutschland vom gleichen Regisseur gedrehte – französische Fassung.
[11] Jacobsen, Wolfgang/Kaes, Anton/Prinzler, Hans H. (Hg.), Geschichte des deutschen Films, Stuttgart 2003.
[12]http://www.ofdb.de/
[13] Insbesondere die Icons zur Vollanzeige bzw. zum Wechseln des Textes leuchten nicht unmittelbar ein und können leicht verwechselt werden. Sie sollten durch schriftliche Hinweise ersetzt werden.

Zitation
Gereon Blaseio: Rezension zu: Filmportal.de - Internet-Portal zum Deutschen Film, in: H-Soz-Kult, 25.02.2006, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-109>.
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Veröffentlicht am
25.02.2006
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